Das Portal zu Leben und Werk von Ernest Hemingway

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José Luis Herrera Sotolongo war Ernest Hemingways persönlicher Arzt

Ernest Hemingway
José Luis Herrera Sotolongo
Freunde und Vertraute auf Kuba: Dr. José Luis Herrera Sotolongo, Juan Duñabeitia und Ernest Hemingway.

Man stelle sich vor, du hättest deine erste Schreibaufgabe in der Highschool darüber geschrieben, mit den Hemingways auf Kuba zu Abend gegessen zu haben. Niemand hätte dir geglaubt. Und noch schlimmer: Deine Englischlehrerin – ausgerechnet eine Barmherzige Schwester! – hätte dich vor deinen neuen Mitschülern als Lügnerin bezeichnet. Auch zu Hause hättest du kein Mitgefühl erfahren. „Das hättest du niemals schreiben dürfen“, spottete deine Mutter. „Dein Vater hat uns vergessen. Die Vergangenheit ist vorbei.“

Du fühlst dich, als hättest du alles verloren – deine Muttersprache, deine Kindheitsfreunde. Vor allem aber die Liebe eines einst so fürsorglichen Vaters, nachdem deine Mutter aus persönlichen und politischen Gründen beschlossen hatte, mit ihren beiden Kindern nach New York City auszuwandern. Margarita musste nun auf die englische Version ihres Namens hören: Margaret.

Statt in einer Wohnung mit Meerblick in Miramar lebte Margaret nun als eine der ärmsten Schülerinnen in ihrer Klasse in der Bronx. Ständig geriet sie in Schwierigkeiten, weil sie kein Barett, keine Handschuhe, keinen Rosenkranz oder keine Bibel besaß. Nicht, weil sie rebellisch oder vergesslich gewesen wäre (oh nein, das war sie nicht!). Ihre Mutter konnte sich diese Dinge einfach nicht leisten.

Ist es da verwunderlich, dass sie die bittersüßen Erinnerungen an ihre privilegierte Kindheit für sich behielt – so sehr, dass sie sie Jahrzehnte später sogar vor ihren eigenen Kindern verbarg? Doch die Vergangenheit ist niemals wirklich vorbei. Sie ist eine Reihe aufeinanderfolgender Ausgangspunkte, von denen aus wir uns in die eine oder andere Richtung wenden.

Eines Tages, als ich durch Fotos von Hemingways Schreibrefugium in Kuba, der Finca Vigía – heute ein Museum – scrollte, bemerkte ich, dass dessen Hausmeister eine verblüffende familiäre Ähnlichkeit hatte – mit meiner Highschool-Freundin Margaret! Sofort schickte ich ihr den Artikel per E-Mail. Könnten sie möglicherweise verwandt sein? „Ach klar“, antwortete sie ganz beiläufig. „Das ist mein Cousin Armandito.“

Ihre Bemerkung löste eine kleine Kampagne aus, um die Ehre meiner Freundin wiederherzustellen. Unsere Englischlehrerin hatte die Klosterschule längst verlassen – was auch gut so war. Aber ich wollte, dass unsere ehemaligen Mitschüler erfuhren, dass Margaret keineswegs gelogen hatte, sondern ihre Beziehung zu Papa Hemingway sogar untertrieben hatte.

Margaritas Vater – Dr. José Luis Herrera Sotolongo – war Ernest Hemingways persönlicher Arzt und enger Vertrauter. Viele der ikonischen Fotos von Papa und seiner damaligen Frau Mary wurden von ihrem Onkel Roberto aufgenommen. Ein weiterer Onkel – Armando – vervollständigte das Trio der Brüder im Freundeskreis der Hemingways.

Ernest und die Brüder Herrera Sotolongo lernten sich in Spanien während des Spanischen Bürgerkriegs kennen. Hemingway war als Kriegsberichterstatter tätig und eng mit der 15. Internationalen Brigade (der „Lincoln-Brigade“) verbunden. Margarets zukünftiger Vater diente zu dieser Zeit als Chefarzt der 12. Internationalen Brigade (der „Garibaldi-Brigade“). Diese republikanischen Brigaden wurden von der Sowjetunion unterstützt und kämpften gegen die Truppen von General Francisco Franco, die vom faschistischen Deutschland und von Italien unterstützt wurden.

Ernest Hemingways Arzt auf Kuba: Dr. José Luis Herrera Sotolongo (Madrid 1913 – Havanna 1995).

Wie in vielen Bürgerkriegen waren auch spanische Familien gespalten. Es heißt, dass aristokratische Mitglieder von Margarets Familie gemeinsam mit dem ehemaligen König Spaniens, Alfonso XIII., ins Exil nach Frankreich und Italien gingen. Solch eine Familienbande sollte sich als lebenswichtig erweisen, nachdem der General Franco den Bürgerkrieg gewann. Obwohl man argumentieren könnte, dass die Rolle eines Arztes humanitär angelegt sei, wurde Dr. Herrera Sotolongo zum Tod durch ein Erschießungskommando verurteilt. Dank seiner familiären Verbindungen wurde das Urteil zunächst in lebenslange Haft und schließlich in dauerhaftes Exil auf Kuba umgewandelt. Seine Brüder sollten ihm bald dorthin folgen.

In ihrem Highschool-Aufsatz beschrieb Margaret auf charmante Weise, wie sie ihren Vater samstags begleitete, um Papa zu besuchen. Wie sie auf einem abgenutzten Korbstuhl saß, der ihre Beine zerkratzte, und ihm beim Schreiben zusah. Wie sie Ernests Ehefrau Mary im Garten half oder sich mit ihrer Mutter verschwörte, um das servierte Schildkröten-Steak heimlich zu entsorgen, während die Männer am anderen Ende des Tisches saßen und endlos den Spanischen Bürgerkrieg wieder aufleben ließen.

Als sich die Gäste später an diesem Abend auf der Finca Vigía versammelten, um einen Meteoriten-Schauer zu beobachten, ahnte niemand, dass in jenen Tagen das Ende einer Ära eingeläutet wurde. Wie Margaret eindringlich kommentiert: „Kurz darauf übernahm Fidel Castro die Macht, und das Leben, wie wir es kannten, war für Millionen von uns vorbei.“

Margarita Herrera
Margarita Herrera bei Gartenarbeiten. Ein Hobby, das sie damals mit Mary Hemingway teilte.

Ernests körperliche und geistige Verfassung begann sich zu verschlechtern, und Mary brachte ihn in die Vereinigten Staaten, wo er Schocktherapien unterzogen wurde, um ihn von der alkoholbedingten „Wahnvorstellung“ zu heilen, er werde überwacht. Doch freigegebene FBI-Akten legen nahe, dass dies keine Einbildung war. Die US-Regierung hatte ihn seit seiner Zeit als Journalist im Spanischen Bürgerkrieg als möglichen kommunistischen Sympathisanten überwacht.

Hemingways enge Beziehung zu den spanischen Exilanten in Kuba sowie eine viel fotografierte – jedoch einmalige – Begegnung mit Fidel Castro bei einem Angelturnier befeuerte die Verdächtigungen der US-Regierung noch mehr. Dr. Herrera erklärte, dass Fidel Castro wiederholt um ein Treffen mit Hemingway gebeten hatte, der Schriftsteller jedoch zögerte, darauf einzugehen.

Doktor José Luis Herrera Sotolongo wurde später Kubas erster Gesundheitsminister unter Fidel Castro. Margarita und ihr Bruder sollten ihren Vater nie wiedersehen. Er starb 1995 auf Kuba im Alter von 82 Jahren. In einem seltenen Interview sagte Margarets Vater über den Selbstmord des berühmten Schriftstellers knapp: „Er hätte auf Kuba sterben sollen.“

Englische Version: José Luis Herrera Sotolongo was Ernest Hemingway’s personal physician

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José Luis Herrera Sotolongo was Ernest Hemingway’s personal physician

Ernest Hemingway
Cuban friends and close confidants: Dr José Luis Herrera Sotolongo, Juan Duñabeitia and Ernest Hemingway.

What if for your first writing assignment in high school, you wrote about having dinner with the Hemingways in Cuba, and no one believed you? And worse, your English teacher – a Sister of Charity, no less! – called you a liar in front of your new classmates. Nor would there be any empathy at home. „You should never have written that.“ Your mother scoffed. „Your father has forgotten us. The past is past.“

You feel as though you lost everything – your native language, your childhood friends, but most of all, the love of a once doting father, when your mom decided, for personal and political reasons, to emigrate to New York City, with her two children. Margarita now had to answer to its English translation, Margaret. From an apartment overlooking the sea in Miramar, Margaret was now among the poorest students in her Bronx classroom. She was always getting into trouble, for not having her beret, gloves, rosary or Bible. Not because she was rebellious or forgetful (oh no, she wasn’t that)! Her mother simply could not afford those items.

Is it any wonder that she would keep the bittersweet memories of her privileged childhood to herself – to the point of shielding them from her own children decades later? But the past is never past. It is a series of successive points of departure, from which we turn in one direction or the other.

One day, scrolling through photographs of Hemingway’s writing haven in Cuba, Finca Vigía, now a museum, I noticed that its caretaker bore an uncanny family resemblance – to my high school friend, Margaret! I immediately emailed the article to her. Could they possibly be related? „Oh sure,“ she replied casually. „That’s my cousin Armandito.“ 

That sparked a campaign to vindicate my friend’s honor. Our English teacher had long left the convent, as well she should have. But I wanted our classmates to know that far from lying, Margaret had modestly understated her relationship to Papa Hemingway. Her father, Dr José Luis Herrera Sotolongo was Ernest Hemingway’s personal physician, and close confidant, and many of the iconic photos of Papa and his then wife Mary were taken by her Uncle, Roberto. Another uncle, Armando, completed the trio of brothers in Hemingway’s orbit.

Dr José Luis Herrera Sotolongo
Ernest Hemingways physician: Dr José Luis Herrera Sotolongo (Madrid 1913 – Havana 1995).

Ernest and the Herrera Sotolongo Brothers met in Spain during the Spanish Civil War, when Hemingway was a war correspondent, working closely with the 15th („Lincoln“) International Brigade. Margaret’s future father, meanwhile, was serving as Chief Surgeon in the 12th („Garibaldi“) International Brigade. Their Brigades were backed by the Soviet Union (Republicans), and fought against the forces of General Francisco Franco, who had the support of Germany and Italy (Fascists).

As in many Civil Wars, Spanish families were divided. It is said that aristocratic members of Margaret’s family went into exile in France and Italy with the former King of Spain, Alfonso XIII. Such relationships would prove vital when General Franco won the war. Although it might be argued that a doctor’s role is humanitarian, Dr Herrera Sotolongo was sentenced to death by firing squad. Thanks to his family connections, his sentence was commuted, first to life imprisonment, and finally to permanent exile in Cuba. His brothers would soon join him there. 

In her high school composition, Margaret charmingly described accompanying her father on Saturdays to see Papa. Of sitting in a worn wicket chair that scratched her legs, and watching him write. Of helping Mary in the garden, or conspiring with her mother to ditch the turtle steak placed before them, while the men sat at the other end of the table, endlessly reliving the Spanish Civil War. 

As the dinner guests gathered later that night to watch a meteor shower from Finca Vigía, no one imagined that it was the end of an era. As Margaret poignantly states, „Shortly after, Fidel Castro took over, and life as we knew it ended for millions of us.“

Margarita Herrera
Margarita Herrera in her garden, a pastime she shared in Cuba with Hemingway’s wife, Mary.

Ernest’s physical and mental heath began to decline, and Mary took him to the United States, where he was subjected to shock treatments to cure him of the alcoholic „obsession“ that he was being watched. Declassified FBI files suggest that it was no delusion. The U.S. government had had him under surveillance as a possible Communist sympathizer, since his time as a journalist during the Spanish Civil War. 

Hemingway’s close relationship with the Spanish exiles in Cuba, as well as a much photographed – but single – encounter with Fidel Castro at a fishing tournament, did not allay the government’s suspicions. Doctor Herrera stated that Fidel Castro repeatedly asked to meet Hemingway, but the writer expressed his reluctance to do so.

José Luis Herrera Sotolongo would become Cuba’s first

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Ernest Hemingways Arzt auf Kuba

JoseLuisHerrera

Armando Herrera Sotolongo auf Finca Vigía. Zusammen mit seinen beiden Brüdern, José Luis und Roberto, gehört er zum inneren Freundeskreis des Ernest Hemingway.

Ernest Hemingway ist ein Mann, der das Leben zu genießen weiß. Er feiert gerne, isst anständig und trinkt viel. Der Schriftsteller bewegt sich allerdings zu wenig, Sport bleibt in seinem Wortschatz ein Fremdwort. Man kann all dies nicht gerade als einen gesunden Lebenswandel bezeichnen, das sonnige Leben auf Kuba fördert den Müßiggang zudem auf seine Weise.

Doktor José Luis Herrera Sotolongo ist Ernest Hemingways Hausarzt auf Kuba. José Luis Herrera kümmert sich von 1940 bis zu dem Zeitpunkt als die Hemingways die Insel verlassen zwei Jahrzehnte um die Gesundheit des Schriftstellers. Dr. Herrera kommt meist mittwochs auf die Finca Vigía und schaut nach Hemingways Befinden. Der hohe Blutdruck, das Übergewicht, sein Lebenswandel. Und überhaupt.

Ernest Hemingway wiegt mit über 100 Kilo zu viel für seine Größe und wenn er nicht auf Diät gesetzt ist, nimmt sein Bauchumfang schnell mehr und mehr zu. An der Wand im Bad notiert der bärtige Schriftsteller jeden Morgen sein aktuelles Gewicht. Da Ernest ein wenig eitel ist, sorgt er jedoch dafür, dass sein Gewicht nicht ganz nach oben schießt.

Doch beim Saufen kennt Ernest Hemingway keine Kompromisse. Das exzessive Trinken machen dem Arzt am meisten Sorge. „Wenn Du weiterhin so viel trinkst, wirst Du nicht einmal Deinen Namen mehr schreiben können“, redet Dr. Herrera dem Autor ins Gewissen. Aber der Nobelpreisträger will davon nichts hören.

Neben dem Arzt wacht auch Ehefrau Mary über die Gesundheit des Schriftstellers. Er möge doch weniger trinken, Zucker sei tabu und vor allem solle er doch regelmäßig seine Runden im Swimmingpool drehen. Mary führt ein strenges Regiment, doch ihr Ehemann stellt die Ohren auf Durchzug. Auch auf seinen Arzt hört Ernest Hemingway nicht gerade.

Der Schriftsteller und José Luis haben sich 1937 im Spanischen Bürgerkrieg kennen gelernt, wo Dr. Herrera Sotolongo einer der Leiter des medizinischen Corps der XII. Internationalen Brigade unter dem ungarischen General Lukacz gewesen ist. Freundschaften, die man im Krieg schließt, so meint Ernest, sind die tiefsten Freundschaften.

José Luis jüngerer Bruder Roberto Herrera gehört als Mayordomus ebenfalls zum engsten Kreis weniger Vertrauter. Wie auch der dritte Bruder mit Namen Armando. Das Trio geht

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