Das Portal zu Leben und Werk von Ernest Hemingway

Schlagwort: Kollegen

Ist Ernest Hemingway unmodern?

Ernest Hemingway
Der alte Seebär Ernest Hemingway in Cabo Blanco/Peru. Im April 1956. Foto: Mario Saavedra-Pinon.

Angriffsfläche bietet der Bärtige genug. Hauptvorwurf, vor allem von Kollegen: Er sei unmodern. Ein oller Seebär, der schreibt. Einer, der in T-Shirt und Shorts herumläuft. Jemand, der sich an wilde Bullen herantraut und sich an riesigen Marline am Haken ergötzt. Ein durch und durch merkwürdiger Kerl. Ohne Zweifel, so ganz anders als der normale Schriftsteller. Jedenfalls passe er nicht in die moderne Zeit. Seine Inhalte und sein Stil – schrecklich altbacken. Aktuelle Themen, die unter den Nägeln brennen, seien bei ihm nicht zu finden.

Die Linken kritisieren, soziale Kämpfe kenne er nicht. Nur Kämpfe mit Stieren. Probleme der Arbeiterklasse, wie bei Der Dschungel von Upton Sinclair, scheinen ihm fremd. Darüber schreibt er nicht. Feine Psychogramme menschlicher Niederung in der Art von Die Katze auf dem heißen Blechdach wie beim Kollegen Tennessee Williams? Fehlanzeige. Berufsprobleme à la Willy Loman? Ist alles nicht seine Welt.

Mit den Schattenseiten des Kapitalismus hat Ernest Hemingway in der Tat nichts am Hut. Sorgen und Nöte im Beruf, Ehezwist, Emanzipation, der Moloch der Metropole, prekäres Dasein, Rassendiskriminierung, gesellschaftliche Benachteiligung. Gibt es, mehr als genug. Doch dies sind nicht seine Themen. Im Gegenteil, Ernest Hemingway verachtet die literarische Selbstbemitleidung der Großstadt-Neurotiker. Deshalb hat er sich auf Kuba verkrochen, in seine tropische Finca, weit weg von der Tretmühle seiner Landsleute. 

Auch sein Schreibstil ist anders. Komplizierte Sätze und eierköpfige Ausschweifungen finden wir nicht in seiner Prosa. Ernesto mag vielmehr die ungekünstelte und unverstellte Erzählung. Alles selbst gesehen und schmerzlich erlebt. Das ist sein Kosmos. Die Welt, wie sie wirklich daher kommt. Fischer, Kneipiers und Malocher gehören zu seinen Freunden. Intellektuelle und Geschäftsleute, Menschen, die man gemeinhin so als Elite betitelt, eher nicht.

Und so schlagen die Gegner kräftig auf ihn ein. Man reibt sich in der Öffentlichkeit an ihm. Einerseits. Andererseits kopiert man ihn, Kolleginnen und Kollegen folgen seiner Marschroute. Sein schnörkelloser Stil, die detailversessene Darstellung der Natur und die kraftvolle Sprache werden typisch für viele Schriftsteller, weltweit. Ernest Hemingway wird ein Stilbildner, bis heute hat er ganze Autorengenerationen beeinflusst.

Die Aufzählung seiner Eleven gerät lang: Truman Capote, Nelson Algren, Malcolm Lowry, Bruce Chatwin, Tom Wolfe. Alles Top-Schreiber, alleine aus der angelsächsischen Sprachwelt. In Deutschland: Heinrich Böll, Arno Schmidt, Hans Fallada, Wolfgang Borchert, Alfred Andersch, Siegfried Lenz und Luise Rinser. Es ist nur eine Auswahl, zu viele stehen auf der Liste.

In ihrer Authentizität besitzen Hemingways Erzählungen etwas, das niemals aus der Zeit fallen kann: Nähe und Glaubwürdigkeit. Belanglosigkeit, dies wäre ein gewichtiger Vorwurf. Doch Ernests Themen bleiben zu sehr geerdet, als dass sie platt und oberflächlich wirken könnten. Der Nobelpreisträger von 1954 kommt aus der urwüchsigen Tradition eines Mark Twain. Es ist ihm gelungen, die englische Literatur von den salbungsvollen Manierismen der Charles Dickens-Schule zu befreien. 

Dieser Schriftsteller kann das Außenleben wie kein Zweiter messerscharf beobachten. Präzise wie ein Chirurg legt er seine Sätze und Dialoge an. Alles Unnütze muss weg, der Plauderton im Literarischen liegt ihm nicht. Ernest Hemingway kommt direkt zur Sache. Und erzählt dabei nicht das volle Programm. Eisberg, eben. Diese Mischung macht seine Einzigartigkeit aus.

Der Mann aus einem gutbürgerlichen Vorort von Chicago folgt keiner Mission. Er will nicht bekehren, nicht indoktrinieren, nicht belehren. Er will bloß zeigen, wie das Leben wirklich läuft. Seine Prosa zielt kraftvoll auf die Seele des Menschen. Denn es geht um ein Anliegen, das niemals altert: Es geht um den freien Willen und um innere Freiheit. Seine Erzählungen handeln von Sieg und Niederlage im Alltag. Die Botschaft lautet: Verlieren, ja – aber in Würde. Seit der Mensch denken kann, ist

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Wer ist das Kartoffelgesicht bei Ernest Hemingway?

Ernest Hemingway: Schnee auf dem Kilimandscharo, 1936.

In The Snows of Kilimanjaro – zu Deutsch: Schnee auf dem Kilimandscharo – finden wir einen heiteren Abschnitt. Ernest Hemingway, der sieben Jahre in Paris gelebt hat, von 1921 bis 1928, taucht ein in das savoir vivre der französischen Hauptstadt. Besonders die Café-Kultur eröffnet ihm eine neue Welt, er schreibt in den Cafés seine Erzählungen und belauert dort die Menschen um ihn herum.

Der junge Kerl aus Chicago besitzt einen festen Blick auf die mutigen Neuerungen, die in Malerei, Literatur, Architektur und Musik den Denkrhythmus vorgeben. In den 1920er Jahren passieren just in Paris, wie unter dem Brennglas, spannende Dinge. Das Althergebrachte wird in Frage gestellt und wälzt sich um, es wird gewagt und experimentiert in der Metropole an der Seine. Dadaismus, Surrealismus, Kubismus – irritierende Sichtweisen werden ausprobiert, die kopfgetriebene Revolution wirkt als Motivator.

Doch Hemingway, der aus dem beschaulichen Mittleren Westen der USA kommt, schaut genau hin. Es ist eine neue Welt, die so nichts zu tun mit Oak Park, wo das Sonntagskonzert den Höhepunkt der Woche bildete. Ernest staunt, erspürt, lernt und ist dankbar, wie Paris seinen Horizont erweitert. Mit vielen Neuerern – von Pablo Picasso über Juan Gris bis James Joyce – ist er befreundet. Die Veränderungen inspirieren ihn, aber er bleibt ruhig im Blut, letztlich geht er seinen eigenen Weg.

Für manches, was er sieht und hört, hat der bodenständige Bursche aus der Vorstadt dann nur noch Sarkasmus und Spöttelei übrig.

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Welch wunderbare Stelle! Ein amerikanischer Dichter mit einem dummen Ausdruck in seinem Kartoffelgesicht. Genau so steht es im Original: a stupid look on his potato face. Doch wer ist das Kartoffelgesicht?

In einer ersten Fassung hat Hemingway noch Roß und Reiter genannt. Und dann kam er einmal an einem Café vorbei, wo Malcolm Cowley vor einem Stapel Unterteller saß und mit einem dummen Ausdruck in seinem Kartoffelgesicht und sprach über die Dada-Bewegung mit einem Rumänen, der sagte, sein Name wäre Tristan Tzara.

Der dumme Ausdruck inklusive Kartoffelgesicht gehört also Malcolm Cowley. Der Mann vom Jahrgang 1898 ist ein US-Historiker und Autor. So wie Hemingway gehört Cowley zum amerikanischen Expat-Zirkel in Paris. John Dos Passos, Ezra Pound, F. Scott Fitzgerald und Gertrude Stein, alles Ikonen der Moderne, man kennt sich und neckt sich.

Bevor Ernest die Story beim Esquire einreicht – das Magazin druckt die Kurzgeschichte im August 1936 – tilgt er schlauerweise Cowleys Namen und schreibt neutral dieser amerikanische Dichter. That American poet. Besser

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