Das Portal zu Leben und Werk von Ernest Hemingway

Schlagwort: Thomas Mann

Nicht nur Ernest Hemingway. Kein Tag an einer Universität – trotzdem Literatur-Nobelpreis

Stanford University
Palo Alto
Die Spitze. Campus der Stanford University in Palo Alto/California. Foto: W. Stock, 2005.

Es ist eine interessante Tatsache, dass einige der bedeutendsten Schriftsteller der Literaturgeschichte nie eine Universität besucht haben. Oder ihr Studium frühzeitig abgebrochen haben. Auch wenn es wenige sind, es gibt sie. Kein Akademiker, trotzdem Literatur-Nobelpreis. 

Die meisten Preisträger hatten zumindest irgendeine Form von Hochschulbildung (auch wenn sie abbrachen oder nie abschlossen). Bei anderen jedoch steht kein einziger Tag an einer Universität zu Buche. Diese Schriftsteller bildeten sich meist als Autodidakten in Bibliotheken, auf Reisen oder durch handwerkliche Berufe weiter.

Hier eine Auswahl bekannter Literatur-Nobelpreisträger, die ohne akademischen Grad blieben:

Rudyard Kipling (Nobelpreis 1907) besuchte nur Schulen, ein Stipendium für eine Universität wurde ihm nicht zugeteilt. Der in Bombay geborene Brite fing als Journalist in Indien an.

Knut Hamsun (Nobelpreis 1920): Der Norweger wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf und arbeitete als Gemeindeschreiber und Straßenbahnschaffner, bevor er als Schriftsteller bekannt wurde.

George Bernard Shaw (Nobelpreis 1925) hasste das formale Ausbildungssystem und verließ die Schule mit 15 Jahren. Der aus Dublin stammende Brite bildete sich selbst in der British Museum Library weiter und bezeichnete Schulen später als „Gefängnisse“.

Grazia Deledda (Nobelpreis 1926): In ihrer Heimat Sardinien war für Mädchen damals nach der Grundschule Schluss. Sie bildete sich privat weiter und wurde als erste Italienerin mit einem Nobelpreis ausgezeichnet.

Harry Martinson (Nobelpreis 1974): Der Schwede wuchs als Waisenkind auf, das mit 16 Jahren zur See fuhr und jahrelang als Heizer und Matrose arbeitete. Seine Universität war der Ozean.

Joseph Brodsky (Nobelpreis 1987) verließ die Schule mit 15 Jahren in der Sowjetunion und arbeitete in verschiedensten Berufen (u. a. im Leichenschauhaus und in Fabriken), während er sich selbst Literatur und Sprachen beibrachte.

José Saramago (Nobelpreis 1998): Aufgrund der Armut seiner Familie konnte er kein Gymnasium besuchen und machte stattdessen eine Ausbildung zum Schlosser. Der Portugiese war ein klassischer Autodidakt.

Doris Lessing (Nobelpreis 2007) verließ mit 14 Jahren die Schule. Nach harter und schwieriger Jugend ergab sich für die Britin kein Studium.

Ernest Hemingway (Nobelpreis 1954): Der Sohn eines Arztes und einer Opernsängerin ging direkt nach der High School als Lokalreporter zur Zeitung Kansas City Star. Ein Studium war nicht sein Ding, der im Mittelwesten der USA aufgewachsene Naturbursche suchte die Ausbildung im „echten Leben“.

Jetzt gibt es doch noch eine Überraschung. Der mit akademischer Aura auftretende Kaufmannssohn Thomas Mann (Nobelpreis 1929) galt als mäßiger Schüler. Der Lübecker verließ das Gymnasium vorzeitig ohne Abitur und besuchte später lediglich als Gasthörer einige Vorlesungen an der TH München, ohne ein ordentliches Studium abzuschließen.

Diese Beispiele – die Liste ist nicht vollständig – zeigen, dass akademische Bildung nicht selbstverständlich ist. Selbst für Nobelpreisträger. Für die höchste literarische Auszeichnung bleiben

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Duell der Giganten: Ernest Hemingway vs. Thomas Mann

Ernest Hemingway
Thomas Mann
Wahrscheinlich hätten sie sich gut verstanden. Doch getroffen haben sie sich nie. Thomas Mann und Ernest Hemingway. Foto ChatGPT. (Huch: So perfekt ist AI dann doch nicht. Wem gehört die Hand auf Ernests Schulter?)

Ernest Hemingway ist ein Meister der kurzen Sätze. Prägnant legt er seine Sprache an, überdies kahl und kühl, auf jedes unnütze Beiwerk verzichtend. Die Prosa des Nobelpreisträgers von 1954 kommt sparsam, lakonisch und zugeknöpft daher. Aber meist zielgerichtet auf den Punkt gebracht. Eine Schreibkunst, ähnlich wie die millimetergenauen Skizzenrollen eines Architekten. Akkurat und ohne jede Kapriole.

Thomas Manns Erzählkunst entspricht dem schieren Gegenteil. Lange Schachtelsätze, Girlanden aus Adverbien und Adjektiven und als Zugabe noch ein Nebensatz. Blümchen-Prosa. Die Sprache des Lübeckers ist, nun ja, überaus mitteilsam, geradezu redselig, der Herr des Hauses befindet sich in Plauderlaune. Am Ende der Lektüre weiß man bei Thomas Mann nicht so recht, um was es zu Anfang eigentlich ging.

Hemingways Stil hingegen ist sorgsam darauf bedacht, nicht allzuviel zu verraten. Gehalt und Dynamik sollen – wie im Kopfkino – der Phantasie der Leser überlassen bleiben. Thomas Manns Stil dagegen schwurbelt und schnattert bis der Arzt kommt. Der Autor von Der Zauberberg umkreist das Objekt mehrmals, weitläufig und ausschweifend. Er redet nicht nur mehr als nötig, seine Sätze gleichen einem Wasserfall. 

Nehmen wir den wunderbaren Roman Fiesta aus dem Jahr 1926, der Roman ist Ernest Hemingways Durchbruch als Schriftsteller. Es geht um US-Intellektuelle, die das Baskenland während des San Fermín-Festes besuchen und verzweifelt sind auf der Suche nach der Sinnhaftigkeit im Lebens. Große Klasse wie Ernest die Pamplona-Sequenz anfängt:

Sonntagmittag, 6. Juli, explodierte die Fiesta.

Packend, auf den Punkt, atmosphärisch dicht. Besser kann man das nicht machen. 

Wie hätte Thomas Mann die Eröffnung der Sanfermines beschrieben? Ich vermute in etwa so:

„Sonntag, unter fiebernder Mittagssonne, am sechsten Tage des Juli, entlud sich die Fiesta in einer Detonation, in einem Gewirr plötzlicher, von Hitze, Stimmen und einem fast feierlich zu nennenden Übermaß an Lebensäußerung getragenen Ausweitung des Ereignisses, bei der Zeit, Ordnung und Zurückhaltung im Land der Basken für einen Augenblick ihre Geltung einzubüßen schienen, sodass jenes bis dahin noch überschaubare Beisammensein sich, von einer eigentümlich schicksalhaften Heiterkeit ergriffen, in einen Zustand rauschhafter Unübersichtlichkeit verwandelte, den man, bei nüchterner Rückschau, wohl mit Recht als Explosion bezeichnet werden konnte.“

Viele geraten bei solchem Satz-Gepluster in Verzückung, in Wirklichkeit ist diese Dichtung ein nerviges Geplapper. Prägnant zu schreiben, ist eine Kunst. Ausschweifend zu formulieren, eine Schwäche. Die gleiche Beobachtung können wir zu Ende der Sanfermines ausmachen. Ernest Hemingway wirft uns mit vier einfachen Wörtern aus dem Geschehen:

Die Fiesta war vorbei.

Wow! Das muss man sich trauen. Die Fiesta war vorbei. Mehr muss man nicht sagen. Sprache wie unter einem Brennglas, pointierter geht es nicht. Unser Thomas Mann hätte wohl eher folgendes zu Papier gebracht:

„Die Fiesta neigte sich dem Schlussakkord zu, und was eben noch, von flackernder Musik, dem süßlich schweren Duft verschütteten Weins und der unerquicklich heiteren Unordnung menschlicher Nähe durchtränkt, die Plaza mit einem beinahe übermütigen Anspruch auf Dauer erfüllt hatte, zog sich nun, gleichsam errötend über die eigene Vergänglichkeit, in ein müdes Nachklingen zurück, sodass in Pamplona jene stille, leicht beschämte Leere eintrat, in der man erkennt, dass jenes Zwischenspiel, welches eben noch als Ereignis gegolten hatte, bereits zur Erinnerung herabgesunken war.“

Oh mein Gott! Ernest Hemingway vs. Thomas Mann. Wenn Ernest Hemingway der Chirurg ist, der präzise seine Instrumente setzen muss, dann kultiviert Thomas Mann den Habitus eines

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Ernest Hemingway sitzt zwischen allen Stühlen

Ernest Hemingway – Painting by Raúl Villarreal, Gainesville

Viel Feind, viel Ehr. Ernest Hemingway bekommt von vielen Seiten Prügel. Von den Frauen, den Männern, den Alten und den Jungen. Von links, von rechts, von oben, von der Seite. Die Aversion gegen diesen Mann ist bei vielen mit den Händen zu greifen.

Bei subjektiver Betrachtung gibt es eine Menge Gründe, Ernest Hemingway nicht zu mögen: Die Schulmeister rümpfen die Nase, weil er nicht so soigniert schreiben kann wie ein Thomas Mann oder Franz Kafka. Die 68er-Revoluzzer verachten ihn, weil er ein Bourgeois ist und auch so auftritt. Die orthodoxe Linke lehnt ihn ab, weil er nicht sozial engagiert schreibt. Die Grüne Bewegung mag ihn, den Großwildjäger, schon mal gar nicht. Für die Pazifisten ist er zu bellizistisch und für die Kriegstreiber zu romantisch.

Die Feministinnen können mit so einem Muster-Macho wie Hemingway nun überhaupt nichts anfangen, allenfalls als abschreckendes Beispiel. Die Politisch Korrekten bekämpfen ihn, weil er Klartext redet. Für die America First-Amerikaner kommt er zu weltoffen daher, für die Benachteiligten der Dritten Welt ist er zu amerikanisch. Für die Armen zu reich und für die Reichen zu proletenhaft.

So sitzt der arme Ernest Hemingway zwischen allen Stühlen. Eigentlich dürfte er gar keine Leser haben, weil er es sich mit allen verscherzt. Und irgendwie haben sie ja recht. Das Geschwurbel der Klassiker liegt dem Mann aus Chicago nicht. Ein Linker, wie viele der Kollegen, ist er auch nicht. Als sanftes Lamm gegenüber den Frauen ist dieser Pascha wenig aufgefallen und politically correct verhält sich dieser Hitzkopf noch nicht einmal im Schlaf.

Und deshalb erhält Ernest Hemingway von allen Seiten Dresche. Aber Obacht. Wer

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