Ernest Hemingway
Orson Welles
Ernest Hemingway und Orson Welles schenken sich nichts. Auch wenn es davon kein Foto gibt. Nur eine KI-Montage. Foto: AI-ChatGPT.

Als sich Ernest Hemingway und Orson Welles zum ersten Mal begegnen, prallen zwei Naturgewalten aufeinander. Der eine: ein Großwildjäger, Kriegsreporter, Meister der knappen Sätze. Der andere: ein Wunderkind des Kinos, Stimmenmagier, Egomane mit Shakespeare-Komplex. Beide lieben den Alkohol, den großen Auftritt und die eigene Legende. Dass diese Begegnung irgendwann in einer handfesten Prügelei endet, scheint beinahe zwangsläufig.

Es klingt wie das Drehbuch eines billigen Hollywood-Streifens, doch es hat sich tatsächlich so zugetragen. Im Juli 1937 treffen in einem verdunkelten New Yorker Vorführraum zwei der größten Egos des 20. Jahrhunderts aufeinander. Der literarische Macho Ernest Hemingway und das 22-jährige Wunderkind von Radio und Theater, Orson Welles. Das Ergebnis? Ein handfester Boxkampf, der beinahe die Kinogeschichte verändert hat.

Ernest Hemingway hat das Drehbuch für die antifaschistische Dokumentation The Spanish Earth geschrieben. Da seine eigene Stimme auf den Aufnahmen jedoch zu monoton klingt, engagieren die Produzenten den jungen Orson Welles als Sprecher – ein aufstrebendes Genie, das für seine markante, resonante Stimme bekannt ist.

Mit der Arroganz der Jugend gesegnet, hält Welles den Text von Hemingway für stellenweise zu pompös. Er beschließt, das Skript eigenmächtig zu ändern. Als Hemingway den Raum betritt, um sich das Ergebnis anzusehen, ist die Stimmung bereits geladen. Der Autor, der seinen Status als kerniger Naturbursche und Boxer pflegt, verträgt Kritik nur in homöopathischer Dosierung – erst recht nicht von einem Kino-Schnösel.

Während Orson Welles eine Passage vorliest, ruft der berühmte Schriftsteller aus dem Dunkeln: „Ein linker Intellektueller will mir erzählen, wie man über Krieg schreibt!“ Orson Welles kontert mit einem spöttischen Kommentar über Hemingways aufgeblasene Männlichkeit. Das ist zu viel für den Kriegsreporter.

Hemingway springt auf, baut sich vor Welles auf und verpasst ihm einen Stoß. Was folgt, ist kein eleganter Boxkampf, sondern eine chaotische Kneipenschlägerei mitten im Vorführraum. Stühle fliegen, Scheinwerfer wackeln, und auf der Leinwand laufen währenddessen ungerührt die Bilder des Spanischen Bürgerkriegs weiter. Welles beschreibt die Szene später so:  „Wir prügelten uns auf dem Boden, umgeben von Bildern sterbender Soldaten. Es war surreal.“

Wie so oft bei Männern dieses Kalibers endet der Sturm so schnell, wie er aufgezogen ist. Nachdem beide Männer ihren Dampf abgelassen haben und sichtlich erschöpft sind, betrachten sie das Chaos. Hemingway, beeindruckt davon, dass der junge Welles nicht einfach das Weite gesucht hat, holt eine Flasche Whiskey hervor. Sie trinken gemeinsam, lesen den Text und schliessen Frieden. Welles darf einige Änderungen beibehalten, doch am Ende spricht Hemingway den Kommentar doch selbst ein – angeblich, weil seine raue Stimme besser zum Dreck des Krieges passt.

Welles erzählt die Geschichte später mit sichtlichem Vergnügen. Hemingway sei „wie ein wilder Stier“ gewesen, meint er in einem Interview. Er selbst habe kaum eine Chance gehabt: Hemingway ist nicht nur Schriftsteller, sondern ehemaliger Boxer, passionierter Jäger und ein Mann, der Konflikte körperlich austrägt. Dennoch endet der Kampf nicht in Feindschaft. Im Gegenteil: Zwischen beiden entwickelt sich eine seltsame Mischung aus Rivalität und Respekt.

Das überrascht kaum. Hemingway und Welles erkennen im jeweils anderen einen Bruder im Geiste. Beide inszenieren sich selbst mit derselben Konsequenz, mit der sie ihre Kunst betreiben. Hemingway stilisiert sich zum kernigen Abenteurer, obwohl hinter der Fassade ein hochsensibler Autor steckt. Welles gibt den allwissenden Theaterfürsten, obwohl er ständig gegen Geldsorgen und Selbstzweifel kämpft. Sie sind Männer, die größer erscheinen wollen als das Leben selbst.

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