
Im Herbst 1944 tritt der Zweite Weltkrieg in die blutige Phase seiner Entscheidung ein. Anfang Oktober rückt die US-Armee auf Aachen vor. Die deutschen Truppen leisten erbitterten Widerstand, es kommt zu heftigen Kämpfen im Stadtgebiet. Die Kapitulation der Wehrmacht unter Oberst Wilck am 21. Oktober markiert das Ende der NS-Herrschaft in Aachen. Die alte Kaiserstadt ist damit die erste Großstadt, die von den Alliierten erobert wird.
Ende Oktober erreichen die US-Bodentruppen den Hürtgenwald zwischen Aachen und Düren, wo der Vormarsch der Amerikaner zum Stehen kommt. Militärisch ist das unebene Gelände mit den dichten Wäldern und den zahlreichen Hügeln und Tälern schwer zu nehmen. Nur langsam kann die US-Army Dorf für Dorf vorrücken. Der Widerstand der Wehrmacht ist heftig, die Kämpfe in der Südeifel münden an vielen Abschnitten in brutale Stellungskämpfe.
Am 9. November 1944 bricht Hemingway vom Pariser Hotel Ritz Richtung Nordeifel auf. In Begleitung seines Fahrers und Bodyguards Jean Décan sowie des TIME-Korrespondenten William Walton erreicht er sechs Tage später das Quartier des 22. Infanterieregiments. Wo er sich in der Zwischenzeit herumgetrieben hat, behält er für sich. Dank seines Prominentenstatus genießt der Starreporter narrenfreie Privilegien – den Rest nimmt er sich einfach. Völlig ungebunden bewegt er sich hinter den Linien und pendelt bis Ende 1944 regelmäßig zwischen der Front und dem Luxus von Paris.
Die Gefechte im Hürtgenwald – Mann gegen Mann – haben sich verstärkt und sind an Grausamkeit kaum zu überbieten. Death Factory nennen die amerikanischen Soldaten die Gegend um die Kleinstadt Hürtgen, die Toten-Fabrik. Ernest Hemingway kann nichts Gutes berichten in die Heimat. Der Schriftsteller veröffentlicht seine Front-Impressionen in dem Artikel Krieg an der Siegfried-Linie für Collier’s am 18. November 1944.
Auf dem ersten Hügel hatten die Deutschen eine Aussichtsplattform gebaut für hohe Offiziere. Diese diente zur Beobachtung der Manöver, die belegen sollten, dass der Westwall undurchdringbar war. Wir hatten genau jene Barrikadenlinie zertrümmert, mit der die Deutschen in Probeschlachten die Uneinnehmbarkeit des Walls beweisen wollten.
Das Gedröhne der Gewehrsalven hört man bis in das Quartier der Pressevertreter. I’m right back where I was in 1918, schreibt er in Hochstimmung am 18. November 1944 in einem Brief an seine neue Geliebte Mary Welsh. Er sei wieder da, wo er sich zu Ende des Ersten Weltkriegs befunden habe. Damals, als der junge Ambulanz-Fahrer in den letzten Kriegsmonaten an der Piave-Front schwer verwundet wurde.
Doch Ernest irrt. Die Gefechte im Hürtgenwald werden barbarischer ausfallen als die eh schon grausamen Grabenkämpfe in Italien. Der Hürtgenwald war eine Gegend, in der es äußerst schwierig war, am Leben zu bleiben, selbst wenn man nichts weiter tat, als dort zu sein. Die heranrückenden US-Amerikaner sind den deutschen Truppen zwar materiell und personell überlegen. Das zerklüftete Gelände lässt den Einsatz von Panzertruppen jedoch nicht zu. Ebenso sinnlos ist es, die US-Luftwaffe über den dichten Wäldern einzusetzen.
Das 22. Regiment, das sein Freund Colonel Charles Buck Lanham kommandiert, versucht die winzigen Orte wie Großhau, Gey und Rabenheck unter seine Kontrolle zu bringen. Der Widerstand der Wehrmacht ist enorm. Kurz vor Großhau liegt eine kleine Senke mit einer Erhebung, die Hemingway als arschnackten Hügel beschreibt. Aus den verdeckten Stellungen im Wald feuert die deutsche Artillerie unablässig auf alles, was sich bewegt.
Die Wehrmacht hat sich in ihren Bunkern verbarrikadiert. Von wo aus, wie Hemingway schreibt, sie mit ihren Mörsern alles zu Klump hämmerte. Die Front verschiebt sich mit jedem Tag, in alle Richtungen. Nach drei Wochen sind für wenige Quadratkilometer Geländegewinn Tausende Soldaten und Offiziere der Kampfkompanien getötet oder verwundet worden. Die Ersatzsoldaten, die als Notbehelf in die Schlacht geschickt werden, sind meist unerfahrene Dienstgrade.
Es ist das nackte Grauen, das Hemingway im Hürtgenwald zu Gesicht bekommt.
![]()

Schreibe einen Kommentar