Miguel Martín
Ronda
Ernest Hemingway in Ronda mit Antonio Ordóñez vor einem capote, einem Stierkämpfer-Umhang. Foto: Miguel Martín. By courtesy of L. Loro Martín. Foto KI verbessert.

In Spanien ebenso wie in Lateinamerika leisten sich viele Zeitungen während der großen Jahre der Tauromaquia eigene Stierkampf-Reporter. Selbst kleinere Provinzblätter beschäftigen Redakteure, die ausschließlich für die Berichterstattung rund um die Corrida zuständig sind. Diese Positionen gelten in den Redaktionen als prestigeträchtig und begehrt. Ähnlich angesehen ist die Arbeit der Stierkampf-Fotografen, der sogenannten fotógrafos taurinos.

Besonders in Spanien entwickelt sich daraus eine eigene journalistische Tradition: Fast jede größere Stadt verfügt über ihre spezialisierten Chronisten – einen Schreiber und einen Fotografen des taurinen Geschehens. Die Arbeit dieser Fotografen geht weit über die reine Dokumentation eines Kampfes zwischen Mensch und Tier hinaus. Ihre Bilder halten Emotionen, Rituale, gesellschaftliche Spannungen, Kleidung, Publikum und die besondere Atmosphäre der Arena fest.

Jede Region Spaniens besitzt dabei ihren eigenen fotografischen Stil und ihre eigene Beziehung zur Tauromaquia. In Madrid entstehen andere Bildwelten als in Sevilla, Pamplona oder Valencia. Die Stierkampf-Fotografie bewegt sich zwischen Reportage, Kunst und Dokumentation. Entscheidend ist das Spiel aus Licht und Schatten, das spanische Prinzip von Sol y Sombra.

Fotografiert werden Sekundenbruchteile zwischen Gefahr und Kontrolle: die Anspannung im Gesicht des Toreros, die Kraft des Stiers, das Aufwirbeln des Albero-Sandes oder die schwere Stickerei des Traje de Luces, des traditionellen Anzugs der Lichter. Viele Fotografen arbeiten direkt aus dem Callejón, dem schmalen Bereich zwischen Arena und Zuschauerreihen. Von dort aus entstehen Aufnahmen auf Augenhöhe mit dem Geschehen – Bilder, die dem bloßen Blick oft verborgen bleiben.

Die Arbeit am Rand der Arena verlangt höchste Konzentration und schnelle Reflexe. Oft entscheidet ein einziger Augenblick darüber, ob ein Bild ikonisch wird oder der entscheidende Moment verloren geht. Auch Ernest Hemingway schätzte diese unmittelbare Nähe zur Corrida. Bei Stierkämpfen sitzt er bevorzugt in den ersten Reihen hinter dem Callejón. Dies erklärt auch seine enge Verbindung zu vielen fotógrafos taurinos, mit denen ihn teilweise langjährige Freundschaften verbinden.

Jede Arena Spaniens besitzt ihre eigene Architektur, ihr eigenes Licht und damit auch ihre eigene fotografische Identität. Die Plaza de Toros de Las Ventas in Madrid gilt als die anspruchsvollste Arena der Welt. Fotografen müssen hier mit dem harten und kontrastreichen Licht der kastilischen Sonne umgehen können. Gerade in der spanischen Hauptstadt zeugen die Fotografien nicht nur von den Kämpfen in der Arena, sondern auch von dem gesellschaftlichen Wandel auf den Tribünen.

Im Herzen Andalusiens wird die Tradition des Stierkampfes noch gelebt. In Sevilla wirkt die Bildsprache weicher und melancholischer als anderswo. Die berühmte Real Maestranza de Caballería direkt am Fluss Guadalquivir ist bekannt für ihr warmes andalusisches Licht und ihre elegante Architektur.  Der helle Sand reflektiert die Sonne auf besondere Weise und verleiht vielen Fotografien einen fast malerischen Charakter.

Eine zentrale Figur der spanischen Stierkampf-Fotografie ist Francisco Cano Lorenza gewesen. Geboren 1912 in Alicante, hat er sein Handwerk in Madrid gelernt. Weltberühmt wurde er 1947 in Linares. Als einziger Fotograf dokumentiert er den tödlichen Angriff eines Stieres auf den legendären Torero Manolete. Die entstandenen Bilder gehen um die Welt und machen Cano schlagartig bekannt.

Seine Arbeiten erscheinen unter anderem in Zeitungen und Magazinen wie ABC, Marca, El Ruedo oder Aplausos. Als freier Fotograf bleibt er unabhängig und reist von Arena zu Arena, stets auf der Suche nach dem perfekten Augenblick. Vor seine Kamera treten nahezu alle bedeutenden Toreros seiner Zeit, darunter Domingo Ortega, Pepe Luis Vázquez und Luis Miguel Dominguín.

Besonders bekannt wird Cano durch seine Fotografien von Ernest Hemingway. Seine Bilder zeigen den Schriftsteller in den verschiedenen Städten, in den Bars, auf Straßenfesten oder rund um die Plaza de Toros in den 1950er Jahren. Cano erzählt gerne von gemeinsamen Feiern und ausgedehnten Besäufnissen mit Hemingway in Pamplona und Málaga. Im Juli 2016 stirbt Canito im Alter von 103 Jahren.

Eine besondere Situation herrscht während der San-Fermín-Feierlichkeiten in Pamplona. Dort konzentrieren sich viele Fotografen nicht nur auf die Corridas in der Arena, sondern vor allem auf den berühmten Encierro, den morgendlichen Stierlauf durch die engen Gassen der Altstadt. Die Arbeit ist gefährlich: Fotografen bewegen sich oft unmittelbar vor den Stieren, arbeiten mit Weitwinkelobjektiven in dichten Menschenmengen und müssen innerhalb von Sekunden reagieren. 

Viele Fotografien der fotógrafos taurinos besitzen eine fast poetische Wirkung. Manche erinnern an Werke von Künstlern wie Francisco de Goya oder Pablo Picasso. Andere Bilder besitzen eine beinahe religiöse und spirituelle Ausstrahlung. Sie erinnern an die symbolische Bildsprache der Prozessionen während der Semana Santa in Südspanien. Gerade bei dieser Mischung aus Volksfest, religiöser Tradition und Stierkampf entstehen einige der eindrucksvollsten Bilder.

Da der Stierkampf in der modernen spanischen Gesellschaft zurecht hinterfragt wird, verändert sich auch die Rolle der fotógrafos taurinos. Heute sind sie nicht mehr nur Reporter des Augenblicks, sondern zugleich Archivare eines kulturellen Wandels. Ihre Arbeit bleibt ein kraftvolles Zeugnis spanischer Kulturgeschichte. Zugleich sind sie die letzten Botschafter einer versunkenen Welt.

Loading