Cat in the Rain
Ernest Hemingway: Cat in the Rain. Im Jahr 1923 verfasst und 1925 in Buchform veröffentlicht.

Idealtypisch für seinen Eisberg-Stil ist die Kurzgeschichte Cat in the Rain. Für mich ist Katze im Regen mit die beste Short Story von Ernest Hemingways. In mancher Hinsicht ist es die schönste überhaupt.

Viel passiert nicht in diesem Frühwerk des Mannes aus Oak Park. Ein amerikanisches Ehepaar, auf Urlaub in Europa, weilt in einem italienischen Hotel. Im Hotelzimmer öffnet die Frau das Fenster und sieht draußen eine kleine Katze im Regen. Der Mann liegt auf dem Bett. Die Ehefrau geht hinaus und will das Kätzchen vor dem Regenschauer schützen. Mehr passiert im Grunde genommen nicht.

Ein eigentlich unspektakulärer Plot. Es ereignet sich so gut wie nichts. Und doch wird man das Gefühl nicht los, hier stimmt etwas nicht. Irgendetwas liegt in der Luft. Wird die Ehefrau von ihrem Mann nicht geliebt? Kriselt es in der Ehe? Sehnt die Frau sich nach Kindern? Das sind so Fragen, die einem durch den Kopf schießen. 

Alles passiert jedoch unterschwellig. Nichts wird von Hemingway verraten, kein Fünkchen wird angesprochen. Der Autor lässt sich nicht aus der Reserve locken und macht keinerlei Andeutung. Nada. Lediglich mit dem tristen Regenwetter in Italien gibt er eine düstere Stimmung vor. Mehr legt Ernest nicht offen. Der ganze Text ist nüchtern und schlank. Alles Weitere spielt sich im Kopf von Leser und Leserin ab. Besser kann man den Eisberg-Stil nicht umsetzen. 

Hemingways Prosa erfordert eine aktive Form des Lesens. Man muss sich auf den Text einlassen, ihn sorgsam dekodieren, eigene Schlüsse ziehen. Sich passiv auf einen allwissenden Erzähler zu verlassen, ist bei diesem Schriftsteller nicht drin. Die minimalistische Erzählform schafft somit Platz für Mehrdeutigkeit. Eine solche Vieldeutigkeit liegt auch über diesem Text. Wofür steht die Sehnsucht der Frau nach dem Kätzchen? Braucht sie Geborgenheit und Wärme?

Manchmal habe ich den Eindruck, die Story ist autobiografisch angehaucht. Es würde zum Lebensweg passen. Ist die Frau, die sich nach Nähe sehnt, seine Ehefrau Hadley? Und der gleichgültige Mann, der auf dem Bett liegend ein Buch schmökert, gar er selbst? Die Dialoge zwischen dem Ehepaar sind kühl und oberflächlich. Der Ehemann zeigt sich distanziert und desinteressiert, während die Frau um Aufmerksamkeit bettelt. Es könnte die Gemütslage des Ehepaars zu diesem Zeitpunkt widerspiegeln.

Ernest Hemingway ist ein komplizierter Autor, kniffliger jedenfalls als es die Einfachheit seiner Prosa vermuten lässt. Dieser Umstand birgt in vielerlei Hinsicht die größte Herausforderung bei der Lektüre seiner Erzählungen. Er ist sowohl besonders leicht, als auch außerordentlich schwierig zu lesen. Der Kontrast liegt zwischen seiner klaren Prosa und seiner unausgesprochenen aber stets mitschwingenden Unterschwelligkeit. 

Bei vielen Literaturkennern führt dies zu dem Eindruck, sie seien durch den simplen Stil und den kargen Inhalt unterfordert. Das Gegenteil ist der Fall. Hemingway überfordert sie, weil der Leser sich nicht auf die Meta-Ebene einlassen will. Wir sind einfach zu sehr in die Eindeutigkeit verliebt, Zweifel und Zweideutigkeit mögen viele nicht. Doch Ungewissheiten gehören nun mal zum Leben. 

Diese Rätselhaftigkeit ist ein Bestandteil von Eisberg. Dieser Autor lässt uns mit vielen Fragezeichen über das Entscheidende alleine. Und das ist gut so. Cat in the Rain beschäftigt uns noch nach Tagen, diese Short Story geht uns nicht aus dem Kopf. Wir können nicht anders. Zweideutigkeit und Unklarheit regen uns auf und an. 

Als kleine Fußnote zu Katze im Regen. Für einen Schriftsteller, der ein ständiger Ehebrecher und arger Hallodri gewesen ist, schreibt er überaus einfühlsam und warmherzig über Frauen. Und bisweilen kommen die Männer nicht gut weg. Man kommt aus dem Staunen nicht heraus.

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