
Das stürmische Wirtschaftswachstum der 1950er Jahre zieht einen Eskapismus mit sich. Man will aussteigen aus dem Hamsterrad und hinaus in die Welt. Zu neuen Ufern aufbrechen. JFK verkörpert diesen Anspruch, ebenso die Musik jener Zeit, nicht zuletzt Woodstock. Die Deutschen schauen über die Alpen in Richtung Italien, die Amerikaner gen Süden, nach Havanna, Acapulco und Rio. Das nötige Kleingeld ist nun da, ebenso wie die Bereitschaft über den eigenen Tellerrand zu blicken.
Glücklicherweise wird die Sehnsucht nach einem selbstbestimmten Leben auch auf diesen bärtigen Schriftsteller verdichtet. Reisen, Frauen, Saufen, den Alltag genießen. Der Mann aus Oak Park wird zum Helden, nicht zuletzt weil er die Defizite aufzeigt und die neuen Wünsche verkörpert. Ernest Hemingway, der Rabauke und Großkotz. Der Macho und eben auch der Weltenbummler. Globetrotter und Beachcomber – neue Begriffe kommen rasch in Umlaufen. Sie bezeichnen alle das Gleiche: die Lust barfuss hinaus in die Welt zu gehen.
Der kernige Bursche aus Oak Park verkörpert diesen Mythos, den die biederen Schlipsträger tief in der Seele tragen. Warum auch nicht? Das Wirtschaftswunder ist vollbracht, Mann und Frau werden nun offen für das Leben abseits von Werkbank und Schreibtisch. Der allgemeine Wohlstand verstärkt die Projektion unserer Wünsche und Sehnsüchte. Ernest braucht bloß ein wenig nachzulegen und die Lautstärke des Spektakels voll aufzudrehen.
Doch seine Trips sind immer mehr als nur flüchtiges Sightseeing oder ein hastiges Weltenbummeln. Hinter seinen Reisen verbergen sich tiefer Respekt und eine enorme Zuneigung. Ja, man kann die ausgedehnten Besuche fremder Länder bei einem Menschen mit solcher Neugier und derlei Tiefgang als Liebe bezeichnen. Genauso: Als Gefühl und Leidenschaft. Kuba, Spanien, Italien. Es werden Regionen seines Herzens.
Es ist ein merkwürdiger Umstand der Literaturgeschichte, dass bedeutende Schriftsteller aller Epochen nie eine Hochschule besucht haben. Ihre Universität wird die Straße, in Dunkeln wie im Hellen. Diese Autoren bilden sich als Autodidakten in Bibliotheken, im Beruf oder eben auf Reisen weiter. Ihre Weltanschauung rührt daher, dass sie sich die Welt angeschaut haben. On the Road, wie ein Kollege sein Buch im Jahr 1957 wunderbar überschrieben hat.
Die zahlreichen Auslandsreisen beflügeln Ernest Hemingway mental wie thematisch. Sie weiten seinen Horizont, regen ihn an zu neuen Erzählungen und bereichern den Fundus seiner Themen. Nach der Rückkehr vermag er im tropischen Ambiente von Key West oder auf Finca Vigía, die Eindrücke und Empfindungen der Reisen in packende Artikel und Manuskripte umzusetzen.
Ernests Reisen zeigen Wirkung auf sein Schreiben. Seine Erzählungen sind durch Recherche und Zeitzeugen vor Ort verbrieft. Er ist kein Autor, der vom Pferd erzählt. Erwartungsgemäß das Ganze, nun ja, ein wenig Aufplustern und Aufblasen. Große Reden schwingen und auf den Putz hauen, es entspricht schon seinem Naturell. Allerdings weniger in den Büchern. Den dicken Maxe gibt er an der Theke, nicht zwischen den Buchdeckeln.
Jedoch, es ist nicht nur das Reisen. Eine innere Haltung muss dazukommen. Die Entschlossenheit zum lernwilligen Beobachten. Neugierde auf das Unbekannte. Nicht zu urteilen, dafür um so genauer und schärfer beobachten, die Objekte ohne Vorurteil in Augenschein zu nehmen. Doch bei einem wie Hemingway ist da noch lange nicht Schluss. Manchmal erfordert das Schreiben zudem ein aktives Zutun. Es ist bisweilen nicht zu verhindern, wenn man nahe genug heran will.
Zahlreiche Destinationen hat dieser Titan der Erzählung weltbekannt gemacht. Pamplona im Baskenland als Beispiel. Eine Provinzstadt mit dem mittelalterlichen Spektakel der Sanfermines jedes Jahr im Juli. Es zieht ihn merkwürdigerweise hin zu erzkatholischen Ländern und zu scheinbar retardierten Kulturen. Besonders an Kuba, Spanien und Italien hat er sein Herz verloren. Hier möchte Ernesto leben und möglicherweise möchte er hier sterben. Mehr Weltenbummeln geht nicht.
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