Bill Fleck
Bill Flecks Neuerscheinung zeigt, wie Ernest Hemingway den Weg zum Katholizismus fand. Foto: Archiv Dr. Stock, 2026.

Das Bild des Schriftstellers Ernest Hemingway in der Öffentlichkeit ist klar umrissen: ein Abenteurer, ein Genießer, ein Frauenheld und ein Mann der Tat. Ein wilder Haudrauf – im Krieg, auf Safari und am Tresen einer Kneipe. Doch diese oberflächliche Sichtweise greift zu kurz und blendet das Innere aus – den nachdenklichen und spirituellen Hemingway.

Bill Flecks Buch Stronger at the Broken Places: Hemingway’s Conversion to Catholicism schließt genau diese Lücke. Die Arbeit, die ursprünglich als Masterarbeit bei dem renommierten Hemingway-Forscher H. R. Stoneback entstand, wirft dankenswerterweise ein helles Licht auf das Glaubensleben des Nobelpreisträgers.

Ernest Hemingway – geboren 1899 in Oak Park bei Chicago – wächst in einem von den Kongregationalisten geprägten Elternhaus auf. Diese Glaubensgemeinschaft entstammt der puritanischen Bewegung Englands und ist tief in der calvinistischen Tradition verwurzelt, die von einem strengen Gottesglauben, Ehrgeiz und Fleiß geprägt ist. Die starren Prinzipien seiner protestantischen Vorstadt-Familie empfindet der junge Hemingway mit den Jahren als einengend. Kaum aus dem Elternhaus heraus, wendet er sich von dieser Moralwelt ab.

Eine schwere Verwundung an der Veneto-Front des Ersten Weltkriegs bringt ihn schließlich dem Katholizismus näher: Im Lazarett in Italien  empfängt er im Juli 1918 die Krankensalbung und wird bei dieser Gelegenheit katholisch getauft. Die Hochzeit im Mai 1917 mit seiner zweiten Ehefrau Pauline Pfeiffer, die aus einer erzkatholischen Familie stammt, festigt zunächst die Glaubensbindung.

Während des Spanischen Bürgerkriegs geht Ernest dann auf Distanz zum Glauben – besonders wegen der Unterstützung der katholischen Kirche Spaniens für den Putschisten General Franco. Im Zweiten Weltkrieg, nach der brutalen Schlacht im Hürtgenwald, sucht Hemingway erneut Trost im Glauben. Die Gräuel des Krieges im Winter 1944/45 an der deutschen Westfront bei Aachen führen ihn schließlich zurück zur katholischen Glaubenswelt.

Nach 1945 prägt ein leichter Katholizismus Hemingways Alltag – nicht demonstrativ, sondern still und nach innen gekehrt. Auf seinem kubanischen Anwesen Finca Vigía wird freitags traditionell Fisch gegessen. Es bleibt nicht nur bei Äußerlichkeiten: Der baskische Exilpriester Pater Andrés Untzaín wird ihm zum engen Freund, Beichtvater und spirituellen Begleiter auf Kuba. Bei seinen vielen Reisen besucht Hemingway regelmäßig Kathedralen, nicht zuletzt um Kerzen für verstorbene Freunde und Angehörige anzuzünden.

Ernest hängt seinen Katholizismus nicht an die große Glocke, sondern pflegt lieber sein Image eines Rabauken. Doch Briefe mit Kollegen und Priestern legen Zeugnis ab, wie es um die spirituelle Verfassung Hemingways in Wirklichkeit aussieht. So bleibt es kein Zufall, dass der US-Amerikaner sich in erzkatholischen Länder wie Italien, Spanien und Kuba am wohlsten fühlt.

Bill Flecks Verdienst ist es, diese biografischen Spuren gesichtet und zusammengetragen zu haben. Im letzten Drittel seines Buchs widmet sich der US-Pädagoge den Auswirkungen des christlichen Glaubens auf Hemingways Werk, insbesondere bei der Novelle Der alte Mann und das Meer, die reich an katholischer Symbolik ist.

Als das Meisterwerk im September 1952 erscheint, bemerkt Schriftstellerkollege William Faulkner treffend, dass die Zeit zeigen werde, dies sei das Beste, was von ihnen allen geschrieben worden sei. Faulkners Zusatz, Hemingway habe nun „Gott gefunden“, greift jedoch kräftig daneben: Gott wurde nicht erst mit dem Alten Mann entdeckt – er war bei Hemingway schon immer da.

Bill Fleck
Stronger At the Broken Places
Hemingway’s Conversion to Catholicism
September 2026, 107 Seiten 
ISBN:‎ 979-8185807552

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