Am liebsten barfuß: Ernest Hemingway an Bord der Miss Texas, Cabo Blanco, im Mai 1956.
Photo by Modeste von Unruh. Collection WJS.

Auf seinen Ausfahrten in Cojímar oder Cabo Blanco zieht der prominente Schriftsteller stets legere Kleidung an. Oft trägt er eine helle Safari-Jacke aus Baumwolle, die ein Stoffgürtel über dem sichtbaren Bauchansatz zusammen hält. Dazu eine bis zu den Oberschenkel reichende Khaki-Hose und Halbschuhe aus leichtem Leder. An Bord jedoch zieht er die Oberteile meist aus und lässt Sonne und Wind seinen Oberkörper umschmeicheln. Zusätzlich läuft Ernest Hemingway an Bord am liebsten barfuß herum.

Nicht nur auf seinem Boot, sondern auch auf seiner Farm Finca Vigía im Süden von Havanna zieht der US-Amerikaner es vor, ohne Schuhe zu laufen. Im vierten Stock eines neben das Haupthaus angebauten Turms hat der Nobelpreisträger sich ein Schreibstudio einrichten lassen, von dort hat er einen wunderbaren Blick bis nach Havanna und auf den Golfstrom. Beim Schreiben steht er barfuß vor einem Pult auf dem abgeschabten Fell einer von ihm erlegten Kudu-Antilope. Der gefeierte Autor hat das Gefühl, kreativer zu sein, wenn er barfüßig schreibt.

Auf seinem gesamten Anwesen läuft der Schriftsteller gerne mit nackten Füßen umher, wie ein buddhistischer Mönch, nichts stört zwischen ihm und der Erde. Instinkt und Intuition des Menschen, von Natur angetragen, wird abermals freigelegt und nicht künstlich isoliert. Fest mit blanken Füssen auf dem Boden stehend, lebt Ernest Hemingway das Leben, welches man in jenen Jahren als das eines Beachcombers bezeichnet hat. Ein neugieriger Mensch am Meer, der die Natur und das Leben ohne jeden überflüssigen zivilisatorischen Schnickschnack zu genießen weiß.

Meist trifft man auf Finca Vigía einen genügsamen Ernest Hemingway an, einen stinknormalen Kerl in Shorts und ohne steifen Kragen, einen Burschen, der halbnackt und barfuß herum läuft und die sonnige Natur an sich heran lässt. Der Kleidungsstil des Mannes aus Chicago steht in den Tropen für Entspannung und Befreiung vom großstädtischen Alltagstrott. Wenn Ernest Hemingway eine lange Hose anzieht, dann weiß man, er hat einen Termin in Havanna.

Anfang der 1980er Jahre habe ich in Acapulco mehrfach den nach Mexiko emigrierten Schweizer Teddy Stauffer getroffen. Teddy ist während der Weimarer Republik mit seinen Original Teddies in Deutschland der populärste Swing-Musiker gewesen, bis es die braune Herrschaft nicht mehr zuließ. In Acapulco am Pazifik hat dieser gut aussehende Playboy und Hotelbesitzer dann ohne großen Ballast das sonnige Leben genießen dürfen. Einmal habe ich ihn gefragt, ob er kein Heimweh nach dem beschaulichen Bern habe. Wissen Sie, hat er geantwortet, ich laufe hier in Acapulco immer barfuß herum und glaube, ich kann mich an festes Schuhwerk nicht mehr gewöhnen. 

Vor allem an den Füßen merkt der Mensch, ob er das Gefühl für den eigenen Körper verloren hat. Barfuß in den Tropen spürt man wieder das eigene Ich und eine neue, wilde Lust aufs Leben. Die Gluthitze des Tages öffnet

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