
Am Meer fühlt Ernest Hemingway sich der Natur so nahe wie nirgends. Herausforderung und Erlösung zugleich findet er am blauen Ozean. Er war ein alter Mann, der allein in einem kleinen Boot im Golfstrom fischte, und er war jetzt vierundachtzig Tage hintereinander hinausgefahren, ohne einen Fisch zu fangen. Mit solch einer Präzision hat eine Parabel auf das Leben anzufangen. Kein Wort zu viel, kein Wort zu wenig. Hier hat jemand etwas begriffen.
Dieser rabaukenhaft auftretende Romantiker verneigt sich mit ganz persönlicher Dankbarkeit vor dem Meer. Und mit viel Demut. Eigentlich ist Demut nicht gerade seine Stärke, doch nahe dem weiten Wasser kann er solche Gefühle zulassen. Das Leben dieses Schriftstellers erschließt sich über das Meer, es bleibt im Denken des Ernest Hemingway der Dreh- und Angelpunkt.
Zeit seines Lebens zieht es ihn an Orte, die dem Meer nahe sind. Nach Cojímar und dem Golfstrom, nach Venedig, wo sich sein Zimmer im Gritti gleichsam mitten im adriatischen Meer befindet, nach La Cónsula bei Málaga, nach Conil ins sonnige Andalusien, nach Barcelona am Mittelmeer, nach Cabo Blanco am Pazifik Perus, nach Key West. Alles Orte, die eingerahmt werden vom Wasser.
In vielen seiner Werke singt er seine Lobeshymne auf das große Meer. Auf den ersten Blick mag es erstaunen, wie liebevoll und wie zärtlich dieser Rüpel und Trunkenbold über das Meer und über die Menschen am Meer schreiben kann. Wen wundert es, dass dieser Amerikaner aus Chicago eine der anmutigsten Liebeserklärungen an das Meer verfasst hat, die jemals zu Papier gebracht worden ist.
Der alte Mann und das Meer, mit dem Nobelpreis ausgezeichnet, ist eine kurze Erzählung über die Niederlage trotz Sieg. Ein Gleichnis auf das Leben, in der ein einfacher Fischer uns aufzeigt, was Würde ausmacht. Und da sind wir wieder bei den typischen Hemingway-Helden. Bei den Kriegern, die ihren Kampf ganz alleine ausfechten.
Auch der alte Fischer Santiago ist so ein einsamer Kämpfer, der sich tagein, tagaus schindet. Obwohl ihm bewusst ist, dass seine Anstrengung im Misserfolg enden wird. Die Unergründlichkeit der Natur, so lieblich sie an manchen Tagen erscheinen mag, deutet allen Lebewesen zugleich eine klare Grenzziehung an. Der Mensch kann diesen Kampf gegen die Schöpfung nicht gewinnen.
Dennoch bietet das Meer dem Menschen Trost. Es ist wie eine gute Mutter, zu der man immer zurückkommen kann, einerlei wohin es einen gezogen hat und was man so getrieben hat. Früher oder später muss man eh zum Meer. Ir al mar, sagen die Spanier, zum Meer gehen. Auf den Endpunkt zulaufen. Das Meer ist mächtiger als der Mensch, ohne sein Zutun speit es ihn aus und verschluckt ihn später.
Welche Religion man auch fragt, das Meer bleibt ein Mysterium von Werden und Vergehen, ein Mythos, der sich unserem trockenen Denken entzieht. Menschliches Leben entstammt dem Meeresgrund, aber im Meer findet sich auch der Tod. Diese grandiose Ambivalenz hat der Amerikaner Ernest Hemingway in einfachen Sätzen beschrieben. Und möglicherweise hat er so meisterlich über den Menschen schreiben können, weil er das Meer verstanden hat.
Der Mensch in seinem mickrigen Boot müht sich ab tagein, tagaus auf dem großen Meer, das wir Leben nennen. Letztendlich vergebens. Die endlosen Wassermassen liegen so monumental vor dem Menschen, wie eine Macht, die über alle Ordnung des Blühens und Verblühens steht. Neben dieser Energie der Natur kommt einem der Mensch vor wie ein armseliger Zwerg.
Bis zu seinem letzten Atemzug wird das Raubein Ernest Hemingway das Meer über alles verehren, mehr respektieren als so manches Lebewesen. Am Meer wird dieser sonderbare Zeitgenosse ein anderer Mensch. Ein besserer Mensch vielleicht, denn er kommt nun ganz nahe an sich. Nur zum Sterben, da bewegt er sich weg von seinem geliebten Meer.
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