
Als im Oktober 1926 sein erster Roman erscheint, beginnt für den ehrgeizigen Neuling eine beispiellose Weltkarriere. Ist Ernest Hemingways Fiesta nach 100 Jahren angestaubt? Von wegen! In Wirklichkeit ist die Erzählung aus Pamplona verdammt aktuell.
Von Wolfgang Stock
Sonntagmittag, 6. Juli, explodierte die Fiesta. Anders kann man das nicht nennen. Ernest Hemingways Stadt heißt Pamplona. In der nordspanischen Kleinstadt lässt der junge US-Autor zu großen Teilen sein Erstlingswerk Fiesta spielen. Hinter den Pyrenäen werden seltsame Volkstraditionen gepflegt. Die Tage sind erfüllt mit gottesfürchtigen Prozessionen und die Nächte mit dem Gedröhne lauter Musikkapellen. Gigantes und Cabezudos, vier Meter hohe Riesenpuppen und heitere Großköpfe, streifen durch die Altstadt. Zwischendurch werden Stoßgebete in einer knorrigen Sprache gen Himmel gesandt, und ansonsten brave Frauen und Männer tanzen außer Rand und Band in Trommeltrance, mit Kränzen aus Knoblauch um den Hals.
Die Fiesta de San Fermín beginnt alljährlich am 6. Juli mit dem Chupinazo, zu dem am Mittag Feuerwerksraketen vom Rathausbalkon abgeschossen werden. Nach acht Tagen enden die Sanfermines stets am 14. Juli um Mitternacht mit dem vereinten Klagelied Pobre de mí. Ach, ich arme Seele. Um das katholische Fest herum entwirft der 27-jährige Besucher Ernest Hemingway, der damals in Paris lebt, ein Kaleidoskop menschlicher Irrungen und Wirrungen. Im amerikanischen Original heißt der Roman The Sun Also Rises, das Buch wird auf Anhieb ein Riesenerfolg.
Gefeiert wird in Pamplona zu Ehren des heiligen Fermín, des Schutzpatrons von Navarra. Firminus der Ältere ist der Sohn eines römischen Offiziers, er wird zum Priester geweiht und im 3. Jahrhundert zum Bischof von Amiens ernannt. Der fromme Fermín stirbt den Märtyrertod, ihm wird die Kehle durchschnitten. Seine Reliquien werden der Überlieferung nach aus Frankreich in die Heimatstadt überführt. Der Pañuelico – ein rotes Halstuch, das zum Fest getragen wird – erinnert an sein tragisches Schicksal.
Seit 1591 werden in Pamplona die Sanfermines gefeiert, noch älter ist der Lauf vor den Stieren. Ein übermütiges Ritual, das im Mittelalter aus dem Auftrieb des Viehs zum Markt durch Metzgerburschen entstanden ist. Jeden Morgen werden beim Encierro aus den Stallungen im Norden wilde Kampfstiere durch die engen Gassen zur Plaza de Toros gehetzt, wo sie am Abend von den Matadores im Kampf blutig abgeschlachtet werden. Dieses morbide Treiben – als berauschendes Volksfest zelebriert – passt irgendwie gut zu den hoffnungslosen Besuchern aus Paris und zu den dunklen Wolken, die über Europa hängen.
Zum ersten Mal kommt der junge Hemingway im Juli 1923 nach Pamplona. Der Autor aus einem verschlafenen Vorort von Chicago, er ist vom Jahrgang 1899, zeigt sich bei seinem Trip in die Hauptstadt Navarras elektrisiert von dem mittelalterlichen Schauspiel. Zwischen 1923 und 1959 hat er die Stadt zehnmal besucht, mit einer langen Pause von anderthalb Jahrzehnten nach dem verlorenen Bürgerkrieg. Ab 1953 ist der Schriftsteller dann wieder häufig in Nordspanien.
Der Lautsprecher einer verlorenen Generation
Die Veröffentlichung im Oktober 1926 wirkt wie ein Paukenschlag. Mit The Sun Also Rises erreicht die literarische Moderne einen neuen Markstein. Ein neuer Stoff, ein neuer Stil, ein neuer Autor. Ungeschminkt fängt ein vorlauter Kerl den Defätismus und die wabernde Untergangsstimmung nach dem Ersten Weltkrieg in einer forschen Erzählung ein. Stürmisch vergnügt man sich in den Roaring Twenties, doch vieles bleibt schöner Schein. Tief im Innern erblicken wir eine bedrückte und verlorene Generation.
Der Ausdruck You are a lost generation geht zurück auf Gertrude Stein, eine einflussreiche Mäzenin, die mit einem literarischen Salon in der Rue de Fleurus Hof hält. Die Schriftstellerin aus Pittsburgh umschreibt derart den Zynismus ihrer Zeitgenossen, hervorgerufen durch den Zivilisationsbruch in den Jahren von 1914 bis 1918. Von ihr, sie wird Hemingways Mentorin, hat Ernest den Tipp erhalten, den Encierro zu besuchen. Gertrude Stein und ihre Gefährtin Alice Toklas kennen das Spektakel seit 1915. In jenen Tagen ist das Fest in Nordspanien ein lokales Ereignis in der damals 35.000 Einwohner zählenden Provinzstadt.
Nach dem großen Krieg in Europa sind die zuversichtlichen Aufbruch-Werte der weitgehend friedfertigen Belle Époque mit einem Mal wie weggeblasen. Was zählen die Erfindungen wie Flugzeug, Automobil und Ozeandampfer angesichts des schrecklichen Krieges? Die Schlacht mit ihren Grabenkämpfen ist abscheulich gewesen. Und am Ende stehen alle als Verlierer da. Deutschland mit Hyperinflation, Reparationen und einer noch größeren Tragödie vor Augen. Auch der Gewinner, die USA, sehen einem düsteren Jahrzehnt entgegen, das 1929 in der Weltwirtschaftskrise detonieren wird.
Eigentlich wäre die Aufgabe von Politik und Gesellschaft, ein friedvolles Wertesystem aufzubauen. Jedoch fehlt dieser kleinmütigen Generation dazu die Kraft. Die labile Zeit braucht kulturelle Vorkämpfer und neue Blickwinkel, durchaus von Tradition gespeist, die Menschen dürstet es nach einem Neustart mit ehrlicher Inventur und mutigen Idealen. Ebenso wie das Themen-Panorama sich öffnen und weiten muss. Und so geht es vor exotischer Kulisse in Fiesta vor allem um die Sinnsuche in Zeiten der Orientierungslosigkeit.
Literarisch ist Hemingways Roman ein revolutionärer Aufschlag Mitte der 1920er Jahre. Während viele Kollegen noch der aufgesetzten Blümchen-Prosa der viktorianischen oder wilhelminischen Epoche nachhängen, schildert der ehrgeizige Arztsohn in seiner Erzählung knallhart die innere und äußere Zerrissenheit der Menschen nach dem Ersten Weltkrieg. Seine spröden Sätze wirken echt und treffen den Nerv der ratlosen jungen Männer und Frauen. Keiner fängt die gallige Atmosphäre so treffsicher ein wie der Amerikaner. Ein Draufgänger wie er ist sehnsüchtig erwartet worden.
Ein Jahr später wird der Roman in Großbritannien verlegt, überraschenderweise unter einem anderen Titel. Der Verlag Jonathan Cape aus London kann mit dem aus einer Bibelzeile entlehnten Buchtitel wenig anfangen. Im Gegenteil, man fürchtet einen Misserfolg, wenn das Buch hinter einem religiösen Zitat läuft. Und so tauft ihn das englische Verlagshaus dummerweise in Fiesta um. Die meisten anderen Verlage in Europa – Deutschland, Spanien und Italien vorneweg – entscheiden sich ebenfalls für Fiesta anstatt des poetischen The Sun Also Rises.
Ein Epochenporträt zwischen Krieg und Krisen
Vor dem Hintergrund des archaischen Bullen-Boheis lässt der Romandebütant allerlei freizügige Eskapaden ablaufen, es kommt eh nicht mehr drauf an. Die Protagonisten in Fiesta – der impotente Jake Barnes, ein erfolgloser Schriftsteller namens Robert Cohn und die liebestolle Lady Brett Ashley – lassen kein Laster aus in Pamplona: Prügeleien, sexuelle Ausschweifungen und vor allem Alkohol bis zum Abwinken. Dem biederen Publikum in der Heimat fährt der Schreck in die Glieder, es ist das Jahrzehnt der Prohibition in den USA.
Das Café Iruña in Pamplona spielt die heimliche Hauptrolle in Fiesta. Dieses Restaurant dient den Besuchern aus Übersee als Stützpunkt, von dort schwärmen sie aus in die bizarre Zügellosigkeit. Nach dem Essen gingen wir hinüber ins Iruña. Es war schon ziemlich voll, und als der Beginn des Stierkampfs nahte, wurde es noch voller, und die Tische wurden dichter zusammengeschoben. Ein dichtes Summen lag in der Luft, wie jeden Tag vor einem Stierkampf. Dieses Geräusch herrschte zu keiner anderen Zeit in dem Café, ganz gleich, wie voll es war. Das Summen hielt sich, und wir waren mittendrin und ein Teil davon.
Kein Fabulieren im Elfenbeinturm, sondern als Autor mittendrin im Geschehen und gar ein Teil davon. Die Leser sind beeindruckt, wie dieser Debütant aus dem Mittelwesten der USA mit Haut und Haaren hineinspringt in diesen fremden Kosmos. Der neuartige Stil der Erzählung gleicht einer Revolution: kühl, ohne Schnörkel, frei von jeder Wertung, alles weit weg von dem üblichen Erziehungs-Habitus. Das Geschehen wird zudem durch persönliches Erleben begründet, der Autor hat alles mit eigenen Augen gesehen. Hemingway, der in den 1920ern sieben Jahre in Europa gelebt hat, vermag messerscharf zu beobachten und in seinen Dialogen die ätzende Stimmung auf den Punkt abzubilden.
Bereits bei seinem Debüt legt Ernest Hemingway wenig Wert darauf, mit Glorienschein dazustehen, so wie mancher Kollege. Über seine Romanfiguren macht er kein Geheimnis daraus, ein Kerl mit Ecken und Kanten zu sein. Der Mann aus der bigotten Vorstadt gibt gerne den Rabauken und Stiertöter. In Wirklichkeit ist sein Macho-Gehabe reine Fassade, ein Panzer vor Selbstzweifeln und erlittenen Verletzungen. Diese Unvollkommenheit erweist sich für sein Schreiben als Stärke, denn sie ist ein Türöffner. Die Menschen öffnen sich ihm. Dieser Schriftsteller ist nahbar, ohne diese Nahbarkeit wären seine Erzählungen blutleere Kunstgebilde.
Dabei geht es nicht bloß ums Saufen und um Liebschaften. Beim Fest des Heiligen Firminus werden Tugenden sichtbar, die dem Schriftsteller wichtig sind: Mut, Stolz und Würde. Diese verrückte Mischung aus Lebenslust und Todestragik bleibt Hemingways Hochamt, in Pamplona wird sein Wertekanon im Sommer als Schauspiel unter freiem Himmel aufgeführt. Dieser von seiner Endlichkeit bedrückte Lebemann braucht den Trubel. Hinter allem Budenzauber erspürt Ernest den Kampf gegen den mächtigsten aller schwarzen Stiere. Gegen den Tod.
Der spätere Nobelpreisträger skizziert in Fiesta mit dickem Stift zwei, drei Wege zur Befriedigung. Das Hinauswagen auf unbekanntes Terrain, die arglose Entdeckerfreude und die Neugier auf eine fremde Kultur. Andere Menschen und ihre Gepflogenheiten zu verstehen und wertzuschätzen. Und über allem: Die Anmut der Schöpfung zu erkennen. So wird Pamplona im Juli zum heiligen Termin im Kalender des US-Amerikaners. Bis zuletzt. Im Frühsommer 1961, er ist seit Monaten depressiv und leidet an Verfolgungswahn, wird der Nobelpreisträger ein Telegramm nach Spanien senden. Er wird die Sanfermines für sich und Miss Mary stornieren, die Reservierung im Hotel, die guten Plätze an der Barrera in der Stierkampfarena.
Am 7. Juli 1961, morgens um acht Uhr, laufen in Pamplona nach Eröffnung der Sanfermines die ersten schwarzen Bullen durch die Gassen der Altstadt. Am anderen Ende der Welt, in Idaho am Rande der Rocky Mountains, wird auf dem Dorffriedhof von Ketchum an diesem Freitag ein wuchtiger Sarg in die Erde eingelassen. Mit jenem Mann, der für alle Zeiten die Sanfermines populär gemacht hat.
Ein Mensch sucht seinen Frieden
Der Blick von der Terrasse des Café Iruña schweift noch immer über die monumentale Plaza del Castillo. Von der Belle Époque bis heute scheint die Zeit in Pamplona wie gefroren. Marmortische, goldfarbene Säulen, Riesenspiegel, prächtige Kronleuchter im Modernisme. Auf der langen Theke erstrecken sich die Schalen mit Rollitos de Queso, den Patatas Bravas und dem Jamón Ibérico. Das Café Iruña bleibt der Ruhepol, der Tradition und Moderne zusammenbringt. Dieser Ort dient als Kraftquelle, an der man sich seiner selbst vergewissert, um den kleinen und großen Herausforderungen des Alltags zu trotzen. In diesem Sinne hat Ernest Hemingway seinen Roman Fiesta angelegt.
Das Iruña hat Terror und Tyrannei erlebt, und dennoch steht das Bauwerk am großen Platz majestätisch da, frohgemut und unversehrt, seit 140 Jahren, und um die gute Stube herum spielt sich das kleine Leben ab. Ernest Hemingway, fortwährend ein Suchender, nähert sich in Pamplona seiner Seele. Er findet jene kleine Glückseligkeit, die ein Mensch wie er so braucht. Gutes Essen, reichliche Prozente, Geselligkeit und ein wenig Krawall. Dieser Haudegen mag das Leben und er kostet es aus. Deshalb fällt es ihm so schwer, sterben zu müssen.
Aber da ist mehr. Die Sanfermines sind ein Trubel, der in die Knochen geht. Nach der Fiesta nimmt der Schriftsteller eine Auszeit und fährt hinein in die Stille der Pyrenäen. Am Rio Irati und Rio Urrobi, an den einsamen Bächen rund um das Kloster Roncesvalles gibt er sich der Angelleidenschaft hin. Im Kontrast zum Mordskrach unten in Pamplona geht der Blick nun nach oben. Zum ersten Mal bestaunt die Leserschaft in Fiesta den Zwiespalt, der für Hemingways Werk so typisch werden sollte. Auf der einen Seite das Karussell von Laster und Eitelkeit, das sich um Alkohol, Stierkampf, Krieg und Tod dreht. Auf der anderen Seite die Vergötterung der Natur, die hohen Berge und die grünen Wälder, wo es unverfälschte Erdverbundenheit zu entdecken gilt.
Der hochgewachsene Naturbursche vom Michigan-See braucht das laute Fest, um sich des Lebens zu vergewissern. Genauso wie er die Stille der Natur benötigt, um zur Gemütsruhe zu gelangen. Diese arme Seele sucht Halt in den Gebräuchen, am liebsten in Spanien. Die lebenszugewandte Tradition der Sanfermines, die seit dem Mittelalter tief bei den Bewohnern der Region verwurzelt ist, hilft dabei. Ebenso wie die Stille der Natur. Es bleibt ein steiniger Weg: Dieser Mensch muss seine Mitte finden.
Sieht er eine Hoffnung? Ernest Hemingway, eine Art katholischer Atheist, deutet sie im biblischen Vor-Zitat gleich zu Beginn seines Buches an. Ein Motto des Predigers Salomo wird zum Leitgedanken der Erzählung. Ein Geschlecht vergeht, das andere kommt; die Erde aber bleibt ewiglich. Der Sinnspruch zu Fiesta trifft mitten in sein Herz. Dieser Windbeutel, der nichts auslässt im Leben, vermag in den guten Stunden manch klaren Gedanken zu fassen: Eine Generation geht, eine andere kommt. Blühen und Vergehen sind kein Verhängnis, beidem wohnt vielmehr ein Zauber inne.
Ob Kriege, Despotie oder Verlorenheit, auch das Schlechte wird verblühen, so wie das Gute neu gedeiht. Manche müssen ins nordspanische Hinterland fahren, damit ihnen ein Licht aufgeht. Dabei kann man das Schauspiel jeden Tag erleben. Wie in The Sun Also Rises findet die laute Fiesta irgendwann ihr Ende. Das Blut des Spektakels ist noch nicht trocken, da geht die Sonne abermals auf, am nächsten Morgen, so wie sie seit Jahrtausenden jeden Morgen aufgegangen ist.
Dr. Wolfgang Stock, Journalist und Buchautor, lebt in Herrsching am Ammersee. Er betreibt das Portal Hemingways Welt (www.hemingwayswelt.de) und hat eine Biografie über den Nobelpreisträger geschrieben (Cabo Blanco – Mit Ernest Hemingway in Peru).
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