Auf den Fersen von Ernest Hemingway

Autor: Wolfgang Stock Seite 5 von 58

‚The Sun Also Rises‘ und ‚Fiesta‘. Ein Buch. Zwei verschiedene Titel. Weshalb?

The Sun Also Rises gilt als bahnbrechendes Werk für die literarische Moderne.

Es ist der vielbeachtete  Erstling von Ernest Hemingway. The Sun Also Rises. Im Oktober 1926 bei Scribner’s in New York erstverlegt. Das Thema des Romans: Lebenshungrige amerikanische Expats im Paris der 1920er Jahre begeben sich 1925 ins baskische Pamplona zu den damals nur lokal bekannten Sanfermines, zu dem Stadtfest im Norden Spaniens.

Die Fiesta de San Fermín – in Erinnerung an Firminus, den katholischen Märtyrer – werden seit 1591 alljährlich für eine Woche im Juli gefeiert. Die zahlreichen volkstraditionellen Riten sehen  als Höhepunkt den Encierro, die tägliche Hetzjagd der Bullen durch die Altstadt von Pamplona. Es wird Ernest Hemingway sein, der durch seinen Roman das Spektakel weltbekannt machen sollte.

Mit The Sun Also Rises setzt die Moderne in der angelsächsischen Literatur eine kräftige Duftnote. Neues Thema, neuer Stil, neuer Autor. Und – über allem – eine zeitgemäße Sichtweise der Dinge. Die verlorene Generation verfügt über einen neuen Wortführer. Dem Buch stellt der Autor Ernest Hemingway merkwürdigerweise ein Bibelzitat voran.

The Sun Also Rises hat Ernest Hemingway sein Werk genannt, auf eine Bibelstelle anspielend. Oritur sol et occidit et ad locum suum revertitur ibique renascens. Im Alten Testament wird Kohelet – in der Lutherbibel unter Der Prediger Salomo – beschieden: Die Sonne geht auf und geht unter und läuft an ihren Ort, dass sie wieder daselbst aufgehe, so Kapitel 1, Vers 5. The Sun Also Rises. Der Atheist hat seinen Buchtitel. Die Sonne geht neuerlich auf.

Neben dem Vers aus dem Prediger Salomo hat Hemingway dem Buch ein Zitat seiner Mentorin Gertrude Stein vorangestellt, das bald zum Modespruch des Zeitgeistes werden sollte: „Ihr alle seid eine verlorene Generation.“ Auch diese Umschreibung zieht sich wie ein Leitfaden durch das ganze Buch. Das Motto von Gertrude Stein skizziert treffend die Leere und die Sinnsuche dieser Generation nach dem Zivilisationsbruch durch den Ersten Weltkrieg.

Die Arbeit an dem Roman beginnt Ernest Hemingway Ende Juli 1925 in Valencia, er schreibt das Manuskript im August in Madrid weiter, später in San Sebastian und im französischen Hendaye. Im September schließt der junge Amerikaner dann den ersten Entwurf in seinem Wohnort Paris ab. Im folgenden Winter legt er im österreichischen Skiort Schruns letzte Hand an, bevor er die Endfassung im April 1926 an seinen Lektor Maxwell Perkins bei Charles Scribner’s Sons in New York schickt.

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Eine italienische Ausgabe von Fiesta bei Mondadori mit einer Illustration von Pablo Picasso.

Literarisch ist Hemingways Roman ein revolutionärer Aufschlag Mitte der 1920er Jahre. Während viele Kollegen noch dem betulichen Charles Dickens-Schnickschnack nachhängen, schildert der ehrgeizige Novize aus Chicago die innere und äußere Zerrissenheit der Menschen und ihrer Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Seine spröde Prosa wirkt lebensnah und trifft den Nerv der ratlosen jungen Männer und Frauen.

Ein Jahr später wird der Roman in Großbritannien verlegt, überraschenderweise unter einem anderen Titel. Denn der feine Verlag Jonathan Cape aus London kann mit dem aus der Bibelzeile entlehnten Titel wenig anfangen. Im Gegenteil, man fürchtet Proteste, wenn das Buch hinter einem Bibelzitat läuft. Wo es doch in Hemingways Erstling kräftig zur Sache geht.

Und so tauft ihn der englische Verlag prompt in Fiesta um. Die meisten anderen Verlage in Europa – Deutschland, Spanien und Italien vorneweg – entscheiden sich ebenfalls für Fiesta anstatt des sperrigen The Sun Also Rises. Fiesta, spanisch für Fest oder Feier. Heute würde man Party sagen. Der neue Titel, auch wenn ihm die philosophische Tiefe des Originals verloren geht, trifft den Inhalt des Buches nahezu perfekt.

Denn in The Sun Also Rises aka Fiesta wird nichts ausgelassen, was zwischen Menschen so Menschliches passieren kann. Liebeleien, Seitensprünge, Promiskuität, Obsessionen, Alkoholexzesse. Mit all diesem

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Ernest Hemingway: Es war alles nada, natürlich nada, nichts als nada

Ernest Hemingway Scribner's
Das New Yorker Scribner’s Magazine, Nummer 3/1933. Mit Ernest Hemingways Short Story A Clean, Well-Lighted Place

It all was nada y pues nada y nada y pues nada. Our nada who art in nada, nada be thy name thy kingdom nada thy will be nada in nada as it is in nada. Give us this nada our daily nada and nada us our nada as we nada our nadas and nada us not into nada but deliver us from nada; pues nada. Hail nothing full of nothing, nothing is with thee. 

Das ist starker Tobak. Eine verstörende Passage in der Erzählkunst des Ernest Hemingway. Aus der Kurzgeschichte Ein sauberes, gutbeleuchtetes Café (im Original: A Clean, Well-Lighted Place), einer vierseitigen Short Story, die erstmals im März 1933 im Scribner’s Magazine veröffentlicht worden ist, ebenso wie später in seiner Sammlung von Kurzgeschichten Winner Take Nothing aus dem Oktober desselben Jahres.

In einem kleinen spanischen Straßencafé sitzt, wie fast jeden Abend, weit nach Mitternacht nur noch ein einziger Gast, ein alter tauber Mann vor einem Glas Brandy. Er ist ein einsamer Mensch, den Tod vor Augen, und ohne jede Hoffnung. Ein junger und ein alter Kellner warten, dass der greise Mann das Café verlässt, um endlich Feierabend zu machen. Der alte Kellner hat, im Gegensatz zu seinem jüngeren Kollegen, Verständnis für den alten Mann, der sich letzte Woche gerade hat umbringen wollen.

Aber er wusste, es war alles nada y pues nada y pues nada. Nada unser, der du bist im nada, nada sei Dein Name, Dein Reich nada, Dein Wille nada, wie im nada also auch auf nada. Unser täglich nada gib uns nada, und nada uns unsere nada, wie wir nadan unsern nadan. Nada uns nicht in nada, sondern erlöse uns von dem nada; pues nada. Heil dem Nichts, voll von Nichts, Nichts ist mit dir. 

Nada, spanisch, nichts. Nichts. Alles ist nichts. Nada de nada. Überhaupt nichts. In dem Nada-Selbstgespräch des älteren Kellners wird deutlich, dass die Angst vor dem Nichts das menschliche Leben überschattet. Erlöse uns vor dem Nada.

Offenkundig parodiert Ernest Hemingway das Vater unser des Christentums. Dem Autor bietet die Religion wenig Trost, der Katholizismus endet auf dem Spottplatz. Das Vaterunser, das heilige Gebet als Fürbitte, reicht keinen Balsam. Der Versuch eines Gesprächs mit Gott, so Hemingway, dämlich und zwecklos. Es bringe nichts. Nada.

Philosophisch wird Hemingways Passage von Existenzialismus und Dadaismus geprägt. Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose. So lautet die Dada-Wortschöpfung seiner Mentorin Gertrude Stein. Seine Pariser Zeit schlägt durch. Die Absurdität des Daseins, die Existenzangst und die Vereinsamung des Menschen, Sartre und Camus haben es 30 Jahre später ähnlich erklärt wie Hemingway in seiner Kurzgeschichte.

Religion bietet keine Linderung, denn die Existenz Gottes wird verneint. Der Menschen definiert sich als biologisches Wesen, als Vernunftwesen, fast gottähnlich. Letztlich führt der Existentialismus zu einem übersteigerten Nihilismus, für den alles Bestehende null und nichtig erscheinen muss. Und das Schlimmste: Nirgends findet sich Hoffnung.

Nada ist Hemingways stilistischer Kniff. Er wusste, es war alles verfluchte Scheiße, schreibt Hemingway in anderem Zusammenhang in der Kurzgeschichte So, wie du niemals sein wirst. Dieser Begriff Scheiße würde in der Café-Haus-Szene nicht funktionieren. Nada ist besser. Existentialismus, Blasphemie, eine Abrechnung, eine Parodie – man kann alles hineinlegen in das Nada. Literarisch gesehen ist die Passage durch und durch

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Ernest Hemingway berührt einen sensiblen Kern in uns

Ernest Hemingways spanische Ausgabe von Across the River and into the Trees. Veröffentlicht 1950.

Dieser Ernest Hemingway aus Oak Park in Chicago erzählt in seinen Romanen und Kurzgeschichten von all den Schönheiten und all den Widrigkeiten eines menschlichen Lebens. Er tut dies auf seine eigene angenehme und zugleich verstörende Art und Weise. Dafür hat er 1954 den Nobelpreis erhalten. Trotz seiner Riesenerfolge ist dieser Kneipenkaiser ein umgänglicher und bodenständiger Kerl geblieben.

Irgendetwas zieht ihn aus der Heimat hinaus. Paris, Venedig, Andalusien. Die längste Zeit, 21 Jahre, hat Ernest Hemingway auf Kuba verbracht. Er hat Italien und Spanien von ganzem Herzen geliebt. Damals sind dies drei überaus traditionelle und katholische Länder gewesen. Auch er bleibt Traditionalist, mag nicht in der Großstadt leben. Und er mag nach Möglichkeit auch nicht in den USA leben.

Mehr als die Länder liebt Hemingway die Natur. Die Flüsse, die Bäume, die Hügel und die Berge. Und natürlich das Meer. El Mar. Oder La Mar. Er sagt immer: La Mar. So nennen es die Menschen, die es lieben – das Meer ist wie eine Frau. Die Natur ist für den Menschen erbaulich, zugleich aber auch bedrohlich. Er weiß, die Natur und das Meer sind viel mächtiger als jeder Mensch.

Die ewige Natur ist für ihn so etwas wie eine Allmacht, fast gottähnlich. Und Hemingway, darin sieht er seine Aufgabe als Schriftsteller, will das Geheimnis hinter der Macht der Natur verstehen. Der Mann aus Chicago träumt vom „Meer“, aber hinter diesem Bild sucht der Agnostiker die Unsterblichkeit oder zumindest seinen Seelenfrieden.

Wie kein anderer Autor hat Ernest Hemingway die Kunst des prägnanten Satzes beherrscht. Diese direkte Prosa, die sich kurz und bündig liest, aber hinter jeder Zeile mehr bedeutet als das, was im Text selbst gesagt wird. Diese zugeknöpfte Kühle der Sprache passt nicht nur zu Hemingways einsamem Helden, sondern drückt zugleich die Haltung vieler Menschen in ihrem täglichen Kampf ums Dasein aus, wo immer sie sich auf diesem Globus befinden.

In persönlichen Begegnungen mit Frauen und Männern hat Ernest Hemingway deshalb einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Wenn man Menschen trifft, die den Nobelpreisträger kannten und mit ihm zusammen waren, reden sie wie ein Wasserfall über den Autor, über seine Eigenheiten, über sein Werk. Sie hören nicht auf zu plaudern, sie sprechen über ihre innersten Gefühle, auch wenn sie es sonst mit dem Philosophieren nicht so haben.

Das macht den Unterschied zu anderen Autoren aus. Dieser Erzähler hat uns auch mit seiner Lebensgeschichte gefangen genommen. Deshalb hat nicht nur der Literaturprofessor, sondern auch Menschen, wie du und ich seine Botschaft verstanden. Das Stichwort Ernest Hemingway wirkt wie ein geistiger Türöffner, man kann sich stundenlang über diesen Mann unterhalten. Und am Ende weiß man nicht so recht, ob man über den bärtigen Literaten, über seine Verklärung oder gar über die eigenen Wünsche und Träume fabuliert hat.

Ein Leser, der sich auf Ernest Hemingway einlässt, erkennt nach einer Weile, dass sich

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Bukowskis Old Dogs: Und denkt an die alten Hunde…

Charles Bukowski, Love is a Dog from Hell, 1977.

And remember the old dogs
who fought so well:
Hemingway, Celine, Dostoevsky, Hamsun.
If you think they didn’t go crazy
in tiny rooms
just like you’re doing now
without women
without food
without hope
then you’re not ready.

Charles Bukowski,
(1920, Andernach/Germany
– 1994, San Pedro/Los Angeles),

Love Is a Dog from Hell

 

Und denkt an die alten Hunde
die so gut gekämpft haben:
Hemingway, Celine, Dostojewski, Hamsun.
Wenn du glaubst, dass sie nicht verrückt geworden sind
in winzigen Zimmern
so wie du es jetzt tust
ohne Frauen
ohne Essen
ohne Hoffnung
dann bist du nicht bereit.

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Y recuerda a los viejos perros
que lucharon tan bien:
Hemingway, Celine, Dostoievski, Hamsun.
Si crees que no se volvieron locos
en habitaciones diminutas
igual que tú ahora
sin mujeres
sin comida
sin esperanza
entonces no estás listo.

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Et souviens-toi des vieux chiens
qui se sont si bien battus :
Hemingway, Céline, Dostoïevski, Hamsun.
Si vous pensez qu’ils ne sont pas devenus fous
dans des pièces minuscules
tout comme vous le faites maintenant
sans femmes
sans nourriture
sans espoir
alors vous n’êtes pas prêts.

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E ricordate i vecchi cani
che hanno combattuto così bene:
Hemingway, Celine, Dostoevskij, Hamsun.
Se pensate che non siano impazziti
in stanze minuscole
proprio come state facendo voi ora
senza donne
senza cibo
senza speranza
allora non siete pronti.

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En denk aan de oude honden
die zo goed gevochten hebben:
Hemingway, Celine, Dostojevski, Hamsun.
Als je denkt dat ze niet gek werden
in kleine kamers
net zoals jij nu doet
zonder vrouwen
zonder eten
zonder hoop
dan ben je niet klaar.

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I pamiętaj o starych psach
które tak dobrze walczyły:
Hemingway, Celine, Dostojewski, Hamsun.
Jeśli myślisz, że nie zwariowały
w małych pokojach
tak jak ty to robisz teraz
bez kobiet
bez jedzenia
bez nadziei.
to nie jesteś gotowy.

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Vor genau 100 Jahren: Ernest Hemingways erster Encierro in Pamplona

Pamplona
Fiest de San Fermin
Ernest Hemingway
Der Besuch des Bullenrennens im Juli 1923 dient als Grundlage für Ernests Hemingways erste große Erzählung The Sun Also Rises.

Seit Ende 1921 lebt Ernest Hemingway mit seiner Frau Hadley in Paris. Privat reist das frisch vermählte Ehepaar viel und erkundet den Kontinent. Als junger Korrespondent in Europa entwickelt Ernest Hemingway ein genaues Sensorium für Menschen und Milieus. Der 22-jährige Amerikaner aus Chicago erweist sich als messerscharfer Beobachter von Personen und Geschehnissen.

Er hatte gesehen, wie die Welt sich veränderte; nicht nur die großen Ereignisse; obwohl er viele davon miterlebt und die Menschen beobachtet hatte, aber er hatte die feineren Veränderungen gesehen und konnte sich erinnern, wie die Menschen zu verschiedenen Zeiten gewesen waren. Er war dabei gewesen, und er hatte es beobachtet, und es war seine Pflicht, darüber zu schreiben.

Vor allem entdecken die beiden Amerikaner die iberische Halbinsel für sich. Von Gertrude Stein erhalten sie den Tip, den Encierro in Pamplona zu besuchen, die Schriftstellerin aus Pittsburgh und ihre Gefährtin Alice Toklas kennen das Spektakel seit 1915. Noch ist es ein Geheimtipp, ein lokales Ereignis im Baskenland. Erst Ernest Hemingway sollte es mit seinen Erzählungen in das Bewusstsein der Welt katapultieren.

Am 5. Juli 1923 besteigen Ernest und Hadley in Paris einen Zug nach San Sebastian. Von dort geht es weiter nach Pamplona. Am 7. Juli beginnt das Spektakel. Um acht Uhr morgens werden beim Encierro sechs kräftige Kampfstiere mit einem Gewicht von 600 Kilos frei laufend durch die abgeriegelten Straßen der Altstadt bis zur Plaza de Toros gejagt. Auf dieser Strecke von 826 Metern, für die die Stiere keine vier Minuten brauchen, laufen übermütige junge Männer vorweg.

Jeder Mozo, so werden die Läufer genannt, trägt ein weißes Hemd und eine weiße Hose sowie ein rotes Halstuch und eine rote Schärpe. Vor Beginn des Laufes bitten die Mozos an der Statue des Schutzpatrons San Fermín um Beistand „Viva San Fermín! Gora San Fermin!“ Es lebe San Fermín!, rufen die Läufer, auf Spanisch und auf Baskisch.

Im Sommer 1923 ist das Wetter fürchterlich im Baskenland, es regnet und am 10. Juli verzeichnet der iberische Nordosten ein mildes Erdbeben von 12 Sekunden. Der Encierro wird an diesem Tag ausgesetzt. Auch am nächsten Morgen, am 11. Juli, wird es nicht besser. Ein Erdbeben von drei Sekunden folgt und es schüttet unaufhörlich. Das Bullenrennen wird ein weiteres Mal aufgeschoben.

Erst am Nachmittag des 12. Juli 1923 hört es dann endlich auf zu regnen. Um 17,30 Uhr findet das verschobene Bullenrennen mit anschließender Corrida statt. Am nächsten Tag, dem 13. Juli, einem Freitag, haben die Toreros Pech. Zwei Matadores werden

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10 Restaurant-Tipps: Am Tisch mit Ernest Hemingway

Platz 10: El Pasaje, Conil de la Frontera
Sommer 1959. Conil de la Frontera in Andalusien. Ernest speist im volkstümlichen 'El Pasaje'. Meine Empfehlung: Der Atún Rojo, der rote Thunfisch, den es nur in der Gegend um Cádiz gibt. Eine Offenbarung für den Gaumen.
« von 10 »

Ernest Hemingway ist kein Literat für den Elfenbeinturm. Ohne Bodenhaftung fühlt sich dieser kernige Naturbursche nicht wohl, ebenso wenig beim Plausch innerhalb der intellektuellen Crème de la Crème. In der Ferne findet er den Balsam für seine Seele, mitten unter bescheidenen Fischern, zünftigen Schankwirten und bodenständigen Ladenbesitzern, in den Restaurants mit den vorzüglichen Speisen. Auf Kuba, vor den Keys, in Barcelona und Andalusien, in Venedig oder Paris. 

In den Restaurants schreibt Hemingway und hier findet er seine Themen. Er grübelt nach über die wichtigen Themen seiner Welt: Über die Lust am Leben und über die wahre Liebe. Hier macht er sich ebenso seine Gedanken über das Sterben. Die Liebe, das Leben und der Tod – es sind Herausforderungen, die jeden umtreiben. Und es sind die Themen seiner Bücher. Diese Vertrautheit zum Individuum und zu dessen Nöten mag erklären, warum dieser Nobelpreisträger solch enorme Spuren hinterlassen hat, während man sich an die Namen anderer Nobelkollegen jener Jahre kaum mehr erinnern kann. 

Ernest Hemingway, der sich von Freunden gerne Papa rufen lässt, ist nicht unbedingt ein Schreiber für die gebildete Hautevolee. Im Gegenteil. Er geht hinaus in die Welt und hinein in das Leben. Und so tut sich ein beschwingtes Panorama auf vor Ernest Hemingway. Gaumenfreude in allen Variationen, Bier und Wein, ein nie gekanntes Schlaraffenland. Kneipen, Cafés, Bistros, Brasserien, Restaurants. Dazu Pâtisserien und  Boulangerien. Speisen und Getränke – besser geht es nicht auf dieser Welt.

Insbesondere wenn man sich vor Augen hält, dass in seiner Heimat in jenen Jahren eine freudlose Prohibition herrscht. Zu zahlreich sind die kulinarischen Versuchungen, denen ein Amerikaner wo auch immer ausgesetzt wird. Doch er baut nicht nur die Lokalitäten auf als Szenerie, vielmehr fügt er sie in aller Selbstverständlichkeit ein in seinen Alltag. All die wunderbaren Orte und Plätze der Lebensfreude werden somit zu Akteuren seiner Erzählungen.

Beispielsweise entwickeln die Kellner in seinen Erzählungen ein Eigenleben, sie werden von diesem Schriftsteller behandelt wie antike Götterboten. In der Kurzgeschichte Ein sauberes, gutbeleuchtetes Café – die Geschichte spielt zwar etwas später in Spanien, ist von der Machart für Hemingway allerdings schlechthin stilbildend – rücken sie mit einem Mal zu Hauptakteuren auf.

Ernest entwickelt ein gutes Gespür für Menschen. Andernorts ein Job für Aushilfen, verfügt ein Garçon in den eleganten Pariser Restaurants und Brasserien über eine Stellung, die von Kultiviertheit und Tradition geprägt ist. Er kleidet sich auch nicht wie vom Flohmarkt, sondern umhegt den Gast in einem weißen Hemd mit Binder, einer Weste und einer Schürze. Diese Gepflogenheit mag

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Ernest Hemingway geht den mühsamen Weg

Ernest Hemingway – ein Kämpfer.

Dieser Riese ist ein Kämpfer. Ernest Hemingway hat bei unzähligen Gelegenheiten Mut und Tapferkeit bewiesen. Schon als junger Mann von 18 Jahren hat er das Idyll der Vorstadt verlassen und das Abenteuer gesucht. Am eigenen Leib hat er erforschen wollen, wo die Grenzen des Menschen liegen.  

Schon als junger Sanitätsfahrer im Ersten Weltkrieg, wo sein Leben an der Veneto-Front auf dem Spiel stand. Und später war er überall dort, wo es krachte und knallte. Im Hürtgenwald in Deutschland während des Zweiten Weltkriegs, in Spanien, wo sich Brüder und Freunde im Bürgerkrieg gegenseitig abschlachteten, und auf Kuba, wo Rebellen seit Jahren gegen korrupte Machthaber kämpften.

Ein unruhiger Charakter bummelt durch die Welt. Italien, Paris, Spanien, Afrika, Kuba. Sein Heimatland kriegt ihn nur sporadisch zu Gesicht. Auch schreibt er lieber über die Ferne. Er hätte Hausarzt in Oak Park werden können, so waren die Pläne der Eltern in Chicago. Doch er hatte andere Vorstellungen. Seine Suche gilt dem Kern der Evolution, er sucht tief und weit, draußen und drinnen.

Besonders am Wasser erhofft sich Ernest Hemingway Antworten auf seine Fragen. Am Meer und an den Flüssen denkt er über die wichtigen Themen seiner Welt nach: über die Freude am Leben und über die wahre Liebe. Und er denkt auch über den Tod nach. Liebe, Leben und Tod sind die Herausforderungen, die uns alle beschäftigen. Und sie sind die Themen seiner Bücher.

Die Nähe zum Menschen und seinen Fragen mag erklären, warum dieser Nobelpreisträger so große Spuren hinterlassen hat, während die Namen anderer Preisträger aus jenen Jahren kaum noch in Erinnerung geblieben sind. Und, auch das ist außergewöhnlich in der Weltliteratur, Ernest Hemingways Geschichten werden mit großer Hingabe verschlungen, vor allem von einfachen Menschen.

Selbst Männer und Frauen, die sonst keine begeisterten

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Ernest Hemingway: Der letzte Abend vor dem Selbstmord

Christiania 
Ketchum Idaho
Hemingway
Ein letztes Mahl in seinem Lieblingsrestaurant Christiania. Photo by Wolfgang Stock, Ketchum 2018.

Der große Ernest Hemingway, gefeiert von aller Welt, ist am Ende seiner Lebensreise ernüchtert und unglücklich.  Große Männer fallen tief. Und er, der beste Schriftsteller seiner Zeit, fällt tief, ganz tief. Seine italienische Übersetzerin Fernanda Pivano, die ihn aus den Büchern und vielen Begegnungen gut kennt, meint nach seinem Selbstmord: „Ernest schien nie wirklich glücklich. Er war unaufhörlich auf der Jagd nach seiner selbst. Nie fand er den Frieden mit sich.“

Die letzten Tage seines Lebens sind entsetzlich für ihn. Alles, was er liebt, wird unerreichbar. Der Schatten auf seiner Schulter ermächtigt sich seiner. Der Autor ist an den Zeitpunkt gelangt, an dem er abschließen möchte mit der Welt, er sieht keinen Sinn mehr und keinen Lichtblick in seinem Leben. Er möchte es zu einem Ende bringen, es soll jedoch ein Abschied sein nach seinen Regeln.

Am letzten Abend gehen die Mary und Ernest Hemingway mit ihrem Freund George Brown in das Christiania Restaurant an der Walnut Avenue im Zentrum von Ketchum. The Christy, wie das Haus bei den Einheimischen genannt wird, in ein rustikales, aber doch vornehm gehaltene Speiselokal aus Holz. Der Schriftsteller erhält seinen Stammtisch, Tisch Nummer 5, den Ecktisch hinten links, von dort aus vermag er den ganzen Speiseraum zu überblicken. Es ist Samstag, der 1. Juli 1961.

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Am Abend des 1. Juli 1961 besucht Ernest Hemingway zusammen mit Mary und einem Freund das Christiania. Stunden später wird der Nobelpreisträger tot sein. Photo by W. Stock, Ketchum 2018.

Ein kräftiges New York Steak, wie immer rare gebraten, dazu Idaho-Kartoffeln und ein einfacher grüner Salat, es ist sein Lieblingsgericht. Ernest trinkt dazu eine Flasche Châteauneuf-du-Pape, seinen roten Lieblingswein. Mary nimmt den Caesar Salad mit Parmesan und bleibt den ganzen Abend bei Martini. Doch die Paranoia lässt ihn auch im Christiania nicht los. Längere Zeit sitzt der bärtige Autor versunken und schweigend am Tisch.

Wer sind die beiden Männer dahinten, fragt Ernest Hemingway unvermittelt dann die Kellnerin June Maella, eine 20-jährige Einheimische, die den berühmten Schriftsteller im Christiania schon häufig bedient hat. Ich glaube, es sind zwei Vertreter aus Twin Falls, bekommt er zur Antwort. Nein, nein, sagt der Nobelpreisträger fahrig, nicht am Samstagabend, da müssten sie bei ihren Familien sein. Das sind

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Gemein! Wie Ernest Hemingway seiner Frau den Job wegnahm

Die gesammelten Kriegsreportagen von Martha Gellhorn erschienen als Buch unter dem Titel The Face of War.

Martha Gellhorn, die dritte Mrs. Hemingway, arbeitet nach Hochzeit mit Ernest im November 1940 weiterhin mit voller Energie an ihrer Karriere. Beruflich ist die renommierte Journalistin ständig auf Achse. Guam, die Philippinen, überall wird die neue Mrs. Hemingway hofiert wie eine Filmdiva aus Hollywood.

In der Branche und auch bei den Lesern festigt sie ihre Reputation als unerschrockene Berichterstatterin, es gibt nicht wenige Kenner, die in Martha Gellhorn die beste Kriegsreporterin aller Zeiten sehen. Die ehrgeizige Journalistin schreibt unentwegt, veröffentlicht ihre Artikel und publiziert Bücher, bis an ihr Karriereende sollten es insgesamt 20 an der Zahl werden.

„I followed the war wherever I could reach it“, verrät die couragierte Autorin ihr Motto, ein wenig mutet sie an wie die Variation eines Ernest Hemingway im Rock. Ich bin hin zu dem Krieg, wo immer es möglich war. Martha erweist sich als Reporterin jedoch hartnäckiger als Ernest, kenntnisreicher, sie bohrt sich in ihre Themen, geht dorthin, wo es wehtut. Hemingstein als Journalist hingegen schnüffelt und schnuppert zu oft nur an der Oberfläche, Marty indes beißt tief hinein. 

Die tropische  Finca Vigía in San Francisco de Paula auf Kuba bildet den Lebensmittelpunkt des Paares, ein durchweg kümmerlicher Punkt allerdings, denn Martha Gellhorn turnt ohne Unterlass in der Weltgeschichte herum, meist alleine. Die zielstrebige Journalistin nimmt ihre Akkreditierungen ernst und bleibt oft monatelang weg aus dem gemeinsamen Domizil im Süden von Havanna. 

Die blonde Amerikanerin aus  St. Louis ist eine Draufgängerin, eine Reporterin mit Haut und Haaren. Im Zweiten Weltkrieg versteckt Martha Gellhorn sich im Badezimmer eines zivilen Krankenhaus-Schiffes, um zu recherchieren, ein andermal verkleidet sie sich als Krankenpflegerin, schnappt sich eine Tragbahre und geht auf Erkundungstour.

Ernest Hemingway bleiben die journalistischen Erfolge seiner Ehefrau natürlich nicht verborgen, der Schriftsteller fühlt sich zurückgesetzt. Er reagiert zunehmend nörgelig und fängt auf Finca Vigía an, Martha zu schikanieren. Als die Journalistin im März 1944 erneut als Kriegskorrespondentin nach Europa reisen will, versucht ihr Ehemann, sie davon abzuhalten. Vergeblich. Daraufhin lässt Ernest sich zu einem perfiden Winkelzug hinreißen. 

Auch Hemingway beschießt, nach Europa zu gehen. Und heuert im April 1944 als Kriegskorrespondent bei Collier’s an, als Starschreiber kann er sich seinen Auftraggeber selber aussuchen. Collier’s allerdings ist genau jene Wochenzeitschrift, bei der Martha Gellhorn seit 1937 unter Vertrag steht. Die Akkreditierungs-Richtlinien der US Army erlauben jedoch nur einem Reporter pro Magazin, mit an die Front zu kommen.

„Ich war total blockiert“, meint eine frustrierte Martha, „indem er Collier’s gewählt hatte, ruinierte er automatisch meine Chancen, über das Kampfgeschehen zu berichten.“ Mit Ellenbogen hat sich Ernest auf Kosten seiner Ehefrau rücksichtslos nach vorne gedrückt. Man kann es auch so sehen, dass Hemingway seiner Partnerin den Job geklaut hat. Doch Martha ist kein Mensch, der sich entmutigen lässt. 

Auf eigene Faust fährt sie am 13. Mai 1944 als einziger ziviler Passagier auf einem Frachtschiff, das Dynamit geladen hat, von New York aus Richtung Europa. Ernest Hemingway nimmt vier Tage später den PanAm-Linienflug und kommt so noch vor seiner Ehefrau in London an.

Doch Martha Gellhorn schafft es auf ein

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Die 10 besten Kurzgeschichten von Ernest Hemingway

Platz 10 – Up in Michigan
Oben in Michigan. Ernest Hemingways erste Kurzgeschichte aus dem Jahr 1921. Der Schmied Jim Gilmore trifft auf seine Flamme Liz Coates – es fliegen die Funken. Und endet schlimm.
« von 10 »

Wie schreibt man eine gute Kurzgeschichte? Keinen Absatz mit mehr als 25 Wörtern, meint dieser Schriftsteller. Das sei der beste Tipp, den er in der Redaktion des Kansas City Star als Anfänger bekommen habe. Und Ernest Hemingway erzählt von seinen ersten Schritten als Journalist. Wie er direkt nach der Oak Park High School im Jahr 1917 als Achtzehnjähriger auf Vermittlung eines Onkels eine Laufbahn als Lokalreporter bei der Tageszeitung in Kansas City begonnen hat, wo er dann sechs Monate geblieben ist.

Kurze Sätze, Leute, kurze Sätze. Nur in der Genauigkeit liegt die Wahrheit. Geht achtsam mit der Sprache um, verkneift euch all die Schlenker und Abstecher. Beim Kansas City Star hat man den Novizen am ersten Arbeitstag ein Style Book in die Hand gedrückt. Dies sei kein Stil-Buch gewesen, sondern ein bedrucktes Blatt Papier, auf dem die eisernen Regeln gestanden haben, wie man bei der Tageszeitung die Texte zu formulieren hat.

Im ersten Abschnitt ist zu lesen: Schreibe ein kräftiges Englisch! Dann: Sei positiv, nicht negativ! Und: Lasse alles Überflüssige weg! Das war keine schlechte Schule für meine Geschichten, erklärt der Nobelpreisträger, es sei eine ausgezeichnete Anleitung gewesen, um sich einen guten Schreibstil anzueignen. Sprachliche Knappheit, das ist wie eine blutige Revolution, denn das Unnütze muss abgesäbelt werden. Die Wahrheit liegt genau dort. Kurze Sätze und auf den Punkt. 

Die einfachen Regeln, die dem unerfahrenen Reporter beim Kansas City Star eingebläut werden, dienen fortan als Grundierung von Hemingways Texten. Im Dezember 1921 siedelt Ernest mit Ehefrau Hadley nach Paris über, für sechs Jahre. Hier kommt der US-Amerikaner mit französischen Literaten in Berührung, die bei ihm einen tiefen Eindruck hinterlassen.

Vor allem fasziniert ihn Charles Baudelaires Les Fleurs du Mal und Marcel Prousts Großroman À la recherche du temps perdu. Die filigrane Kunstfertigkeit der französischen Prosa und Lyrik bestärkt ihn in der Wichtigkeit des le mot juste, des richtigen und treffenden Wortes. 

In dem literarischen Salon von Gertrude Stein in der Rue de Fleurus 27 perfektioniert der wissbegierige Kerl aus den Vereinigten Staaten seinen journalistischen Romanstil. Vor allen Dingen vervollkommnet er in Paris den hochraffinierten Effekt seiner Handwerkskunst: Ernest Hemingways Wörter und Sätze klingen eingängig und nahezu harmlos, die tiefere Bedeutung hinter dem Geschriebenen erweist sich jedoch als komplex und vielschichtig.

Ab Mitte der 1920er Jahre ist Ernest Hemingway nicht nur ein guter Autor mit eigenem Stil, sondern auch ein sprachlicher Erneuerer. Seine Art zu schreiben, ist unverbraucht. Seine Sätze klingen frisch, ebenso wie seine Themen nicht gedrechselt wirken. Ernest Hemingway besteigt die Bühne der Literatur wie ein sehnlichst herbeigewünschter Revolutionär, er wird zum Schrittmacher, der einer verunsicherten Generation eine neue Sprache und ein neues Selbstbewusstsein gibt.

Der Stil seiner Geschichten wird wegweisend: Kühl reiht der US-Amerikaner Beobachtung an Beobachtung und Dialog an Dialog. Bisweilen wirkt seine Beschreibung der Details arg

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