
Viele Leser sehen in der Der alte Mann und das Meer eine Art Abenteuergeschichte. Oder eine Parabel auf die Beschwerlichkeit im Alltag eines Fischers. Dabei ist dieser Kurzroman von Ernest Hemingway sehr viel mehr. Er ist genau betrachtet eine Erzählung von biblischer Tragweite. In dem Werk wimmelt es nur so von christlichen Symbolen. Die Übereinstimmung des Leidens von Santiago und der Passion von Jesus Christ fallen mehrfach ins Auge.
Während des Kampfes mit dem Marlin schneiden die Angelschnüre tief in Santiagos Hände. Diese Symbolik erinnert an die Wundmale der Kreuzigung von Jesus Christ. Santiago schleppt des Abends den Mast seines Bootes über der Schulter durch das Dorf den Hügel hinauf zu seiner Hütte. Dies ähnelt sehr dem Moment, in dem Gottes Sohn das Kreuz nach Golgatha trägt.
Am Ende des Romans schläft Santiago in seiner Hütte auf dem Bett. Mit ausgebreiteten Armen und dem Gesicht nach unten. Auch das ist kein Zufall, uns kommt die Kreuzigungsposition in den Sinn. Insgesamt dauert der Kampf mit dem Marlin in Hemingways Roman drei Tage. Dies mag man als Zeitgleichheit zu den drei Tagen zwischen Tod und Auferstehung von Jesus Christus sehen.
Direkt im ersten Satz der Novelle stößt uns Ernest mit der Nase auf den tieferen Sinn der Erzählung. Er war ein alter Mann und fischte allein in einem Boot im Golfstrom, und seit vierundachtzig Tagen hatte er keinen Fisch gefangen. Unglaubliche 84 Tage schippert Santiago bereits auf dem Meer, ohne etwas gefischt zu haben. Auch diese Zahl ist mit Absicht gewählt. Sie entspricht in Jahren der Lebensspanne eines Menschen.
Im Kampf mit den Haien stößt der Fischer wiederholt Gebete aus. Er versucht, Kraft und Halt zu finden in seinen Glauben. Er fleht an um Beistand in einer Extremsituation. Santiago wird von Hemingway als frommer Mann angelegt. Die religiösen Porträts in seiner bescheidenen Hütte zeugen davon. Die Bilder von Jesus Christus und der Heiligen Jungfrau Maria erinnern zudem an den erzkatholischen Hintergrund Kubas.
Die religiöse Symbolik in dem Roman steht für Opferbereitschaft, für Durchhaltevermögen und Erlösung. Es sind typisch christliche Themen. Nicht zuletzt die einfache und kräftige Sprache von Hemingways Buch erinnert an den Erzählstil der Bibel. Der naturnahe Fischer Santiago ist von Ernest als Christus-ähnliche Figur angelegt. Er müht sich ab, er leidet, er kämpft, nur auf sich gestellt, er trägt sein Kreuz. Und zum Schluss muss er sich opfern.
Doch anders als Jesus Christus bleibt Santiago ein gewöhnlicher vom Misserfolg gezeichneter Mensch. Aber trotz allen Scheiterns strahlt der alte Fischer Würde und Stärke aus. Rückschläge gehören zum Leben, sie sind nicht schlimm. Es kommt auf etwas anderes an, bei Hemingway und in der Bibel: Stolz zeigen trotz Niederlage. Die Würde des Menschen bleibt das größte Geschenk.
Santiagos Misserfolg im Kampf gegen die Haie symbolisiert nicht das Scheitern, sondern den inneren Sieg. Selbstachtung, Beharrlichkeit und Hoffnung wiegen schwerer als das Debakel. Diesen einfachen Helden nennt Ernest mit voller Absicht Santiago. Der spanische Vorname geht zurück auf den Apostel Jakobus den Älteren, einen der erstberufenen Jünger Jesu.
Santiago ist zugleich der Nationalheilige Spaniens. Der heilige Jakobus soll nach der Überlieferung auf der iberischen Halbinsel missioniert haben, seine Gebeine sind in der Kathedrale von Santiago de Compostela in Galicien aufbewahrt, der Endstation des berühmten Jakobswegs, des Camino de Santiago.
Mit seiner Erzählung von dem alten Fischer hat der Atheist Hemingway einen Baustein der Bibel modernisiert und mit dem Handwerk der Eisberg-Prosa verdichtet. In seiner Hütte oben an der Straße schlief der alte Mann wieder. Er schlief immer noch mit dem Gesicht nach unten, und der Junge saß bei ihm und beobachtete ihn. Der alte Mann träumte von den Löwen.
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