
Große Geheimnisse um diesen bärtigen Nobelautor gibt es eigentlich keine mehr. Jeder Winkel seines Lebens ist ausgeleuchtet, jeder Nerv gekitzelt. Doch nach Hinweis von Michael Kleeberg stolpert man in einem seiner Romane plötzlich über eine scheinbar harmlose Aussage: Am liebsten mochte ich Ernest Udet. Dieser kleine Satz hat sich in Hemingways Venedig-Werk Über den Fluss und in die Wälder eingeschlichen. Man liest schnell darüber hinweg, es sieht nach der üblichen Theken-Aufplusterei von Ernest aus. Oder doch nicht?
Kannte Ernest Hemingway den deutschen Jagdflieger des Ersten Weltkriegs? Jenes Flieger-Ass, das Carl Zuckmayer als General Harras im Theaterstück Des Teufels General nachempfunden hat. Waren Ernest Hemingway und der im Nazi-Sumpf versinkende Ernst Udet wirklich Freunde und tranken Bruderschaft? Kleeberg sucht akribisch nach Belegen für diese steile These. Und tatsächlich findet er allerlei Indizien in den lichten Sphären von Name-Drops und in Gestalt von Zeitzeugen. Wahr oder geflunkert?
Die Udet-Geschichte ist natürlich nur Vorwand. Vielmehr gilt es einem Mythos auf den Grund zu gehen. „Dem Geheimnis, dem Magischen, dem Unerklärlichen auf die Spur zu kommen, das den Normalmenschen von all denen unterscheidet, mit denen das Schicksal es besonders gemeint hat“, wie Michael Kleeberg treffend schreibt. Achilles in Taormina heißt sein neues Buch. Ein Leben auf der Suche nach Hemingways letztem Geheimnis. Auf 320 Seiten nimmt er uns mit zu einer wahnwitzigen Achterbahnfahrt durch die von Hemingway beeinflussten Schauplätze.
In bester Laune schlüpft der 66-jährige Berliner Autor dazu in die fiktionale Rolle des Hemingway-Forschers Dr. Kleeberg, Redakteur beim US-Magazin Atlantic Monthly, mit eigener – durchaus hemingway’esken – Biografie. Er geht in die Revolution nach Nicaragua, verliebt sich, er trifft später auf Agnes, die nun greise erste Liebe des jungen Hemingway. Er besucht Heinz Rühmann am Starnberger See, spricht mit der Tochter von Carl Zuckmayer in der Schweiz, er begibt sich zu Hemingways dritter Ehefrau Martha Gellhorn nach London und unterhält sich im Sun Valley mit Gregory, dem jüngsten Hemingway-Spross.
Michael Kleeberg, einer der interessantesten Schriftsteller seiner Generation, recherchiert gründlich, kann im Detail überzeugen und spannt mit Erfahrung den großen Bogen. Er ist ein Autor, der über den Tellerrand blickt, jemand, der mit bodenständiger Schwungkraft wandelt zwischen Tradition und Moderne. Kleeberg – auch so ein Unangepasster, den man in keine Schublade stecken möchte – legt seine Prosa kurzweilig und zielsicher an und ist frei von Gefallsucht in Bezug auf irgendwelche Communitys.
Die Frage bleibt: Warum hallt der „Hemingway-Sound“ über die Jahrzehnte hinweg so kräftig nach? „Es gelang Hemingway da etwas, was nur wenigen Autoren gelingt, nämlich eine Epoche zu prägen und zu definieren“, betont Kleeberg gleich zu Beginn seines Buches und hier liegt das eigentliche Geheimnis, das es zu entschlüsseln gilt. Wie schafft es ein Mensch, so einfach und dennoch mit Tiefgang zu schreiben? Wie kann jemand mit so vielen Narben auf der Seele eine solche Herzenswärme zu Paris und Pamplona auf Papier ausbreiten?
Munter mixt Michael Kleeberg die verbürgten Fakten und seine erfundenen Begebenheiten zu einem vielfältigen Kaleidoskop aus Realität und Fiktion. Raffiniert robbt sich Kleeberg an das literarische Mysterium heran, jenseits aller Klischees von Großwild-Jagd und Schnapsgedrossel. Beim Lesen bemerken wir, die Themen des Nobelpreisträgers von 1954 – die Lust am Leben, die Sehnsucht nach Liebe und der Kampf um Würde – sind längst nicht aus der Zeit gefallen.
Mit Imagination steuert Kleebergs Roman in Taormina auf einen homoerotischen Höhepunkt zu, inklusive der Entdeckung einer diesbezüglichen Kurzgeschichte des Jungen Nick. „Ein Mann, der sich in Männergesellschaft so pudelwohl fühlt und alle bannt, obwohl er mit Abstand der jüngste ist, und dabei permanent von Frauen redet – was will der?“ Der Drang zur Männlichkeit im männlichen Verbund enge ihn ein, meint Kleeberg. Doch für die Befreiung aus dieser Bedrängnis fehle ihm Kraft und Hoffnung. Auch hier bleibt die Zerrissenheit.
Tief greift Michael Kleeberg in die stilistische Trickkiste: Authentizität, Täuschung und Imitation nutzt er als Brückenschlag zum großen Vorbild. Voller Rasanz heftet sich der Protagonist an die Fersen von Ernesto, mit jedem Kapitel mehr schwärmt sich der gebürtige Stuttgarter in einen Rausch. Weil Tatsächliches und Fabuliertes von ihm so virtuos verschachtelt wird, weiß man am Ende nicht mehr, wo oben und unten ist. Ist vielleicht auch unwichtig. Dies kennen wir seit Hemingways Lebzeiten. Wahr und erfunden – es sind nicht Kategorien, die so richtig zu einem bunten Leben passen.
Wer diesen Rabauken aus Oak Park bei Chicago in seiner vollen Bedeutung begreifen will, der muss den Mythos in die heutige Zeit hieven. Letztlich muss sich jede kluge Annäherung an Hemingway vor allem mit dem Hemingway in uns befassen. Diesen emotionalen Stellenwert für die Gegenwart zu enthüllen, kann ohne einen Schuss Phantasie wohl nicht gelingen. In seinem literarischen Übermut hat Michael Kleeberg etwas geschafft, was nur wenigen gelungen ist: Wir bemerken eine neue Verletzlichkeit an Ernest Hemingway. Eigenart und Gemütslage dieses grandiosen Schriftstellers rücken uns näher. Und siehe da: Auf einmal bewegt sich das Denkmal.
Michael Kleeberg
Achilles in Taormina
Hardcover, 320 Seiten, 28 Euro
ISBN: 978-3-328-60276-7
Penguin Verlag München
erscheint am 27.05.2026
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