Das Portal zu Leben und Werk von Ernest Hemingway

Kategorie: Spanien Seite 5 von 8

Ernest Hemingway besucht Conil de la Frontera – den schönsten Ort Spaniens

Conil de la Frontera
Der Fischfang prägt das Bild der weißen Stadt Conil de la Frontera in Andalusien. Foto: W. Stock, April 2023.

Am 5. August 1959 verfasst Ernest Hemingway auf dem pompösen Landgut La Cónsula in Málaga einen langen handschriftlichen Brief an seinen Sohn Patrick in Übersee. Dieses Schreiben sprüht nur so vor Heiterkeit, der Nobelpreisträger lebt auf in seinem Traumland Spanien. Mit den Freunden Antonio Ordóñez und Bill Davis ist der Amerikaner häufig unterwegs und erkundet den Süden der iberischen Halbinsel.

Der bärtige Schriftsteller schwärmt von Andalusien, besonders die Region um Cádiz hat es ihm angetan. Das ist eine Gegend, die ich noch nicht gekannt habe, und sie würde Dir sehr gefallen. In diesem Landstrich werden wir uns in einem Küstenort namens Conil etwas Land kaufen. Das ist noch alles so wie in den alten Tagen, bevor alles kaputtgemacht wurde. Ein prächtiger Strand, nette Leute, eine echt arabische Stadt und gute Fischer wie in Cojímar.

Mit dem Torero Antonio Ordóñez ist Ernest Hemingway im Juni 1959 in Conil gewesen. Der Stierkämpfer besitzt eine Farm in Medina-Sidonia, 40 Kilometer im Landesinneren, von dort sind es 40 Autominuten bis ans Meer. Conil de la Frontera, das Städtchen an der Küste, hat es dem Amerikaner, der auf Kuba lebt, besonders angetan. Es erinnert ihn an Cojímar, Ernesto liebt den genügsamen und geerdeten Alltag am großen Wasser.

In Conil de la Frontera am spanischen Atlantik leben heute 23.000 Personen, im Sommer steigt die Zahl an auf über 100.000. Es ist ein pittoreskes Fleckchen südlich von Cádiz, mit engen Gassen und bunten Patios. An der Costa de la Luz endend dieses Pueblo Blanco, eines jener weißen Städtchen, die so typisch sind für Andalusiens. Die Menschen in Conil, sie leben überwiegend vom Tourismus und dem Fischfang, haben sich eine unprätentiöse Gangart bewahrt.

Von den Phöniziern gegründet, erobern im Laufe der Jahrhunderte die Tartessos, die Römer, schließlich die Muslime den Ort am Meer. Jede Kultur hinterlässt in Conil de la Frontera ihre Spuren in der Form von Brunnen, Türmen und Gebetshäusern, manche sind noch heute zu bewundern. Architektonisch merkt man dem Dorf besonders seine arabische Tradition an. Der Stil der Mauren, der sich durch einfache Materialien und eine an die widrige Natur angepasste Bauweise auszeichnet, ist weiterhin präsent.

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Conil de la Frontera – ein zu entdeckendes Juwel. Foto: W. Stock, April 2023.

Die Mauren gründen Schulen und fördern die Wissenschaft. In der Landwirtschaft führen die Araber Bewässerungssysteme ein, um das trockene Land fruchtbar zu machen. Ab dem 9. Jahrhundert entwickelt sich der Islam für 600 Jahre zur einflussreichen Religion in Spanien, doch Juden als auch Katholiken können in der convivencia ihrem Glauben nachgehen. In dieser Zeit des friedlichen Zusammenlebens bereichern sich die Religionen gegenseitig mit Ideen und Neuerungen.

Nach der Reconquista verschreibt sich Andalusien einem

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Ernest Hemingway: Wem die Stunde schlägt

Ernest Hemingway: Wem die Stunde schlägt. Erstmals 1940 veröffentlicht.

Im Herbst 1937 trifft Ernest Hemingway in Madrid den jungen ungarischen Fotografen Robert Capa. Der Schriftsteller und Capa werden zu Brüdern im Geiste, der eine an der Schreibmaschine, der andere an der Fotokamera. Robert Capa verrät dem Amerikaner das Geheimnis eines guten Reportagefotos: Wenn deine Bilder nicht gut genug sind, warst du nicht nah genug dran.

So hält es auch Ernest Hemingway mit seinen Texten. Er muss immer nah genug herangehen, damit er zufrieden ist. Wiedersehen werden sich der Autor und der Fotograf im Dezember, in Teruel, einer kleinen Stadt zwischen Saragossa und Valencia. In Teruel verläuft nun die Front, hier wird gestorben, ganz grässlich gestorben. Zunächst ist Ernest Hemingway angewidert von der Brutalität der Schlacht, gleichzeitig scheint da auch immer etwas zu sein, was auch immer, das ihn fasziniert.

Der Schriftsteller aus Key West geht im Spanischen Bürgerkrieg von Anfang an nahe dran. Ernest Hemingway zieht es von Madrid an die Frontabschnitte, der berühmte Autor wird von den republikanischen Behörden mit einem Auto, genügend Benzin und einem Chauffeur ausgestattet, alles knappe Güter in diesem Krieg. Der Amerikaner soll den Kampf um die gerechte Sache in aller Welt publik machen.

Dieser Spanische Bürgerkrieg ist so etwas wie der erste Medienkrieg überhaupt, der weltweit renommierte Ernest Hemingway wird hofiert wie ein Fürst. Die Schilderungen des Schriftstellers aus Madrid und von den Frontkämpfen wirken realistisch wie eine Wochenschau. Alles in Ernest Hemingways knappem und sprödem Stil, gepaart mit einer messerscharfen Beobachtungsgabe.

Der Leser merkt schnell, Ernest Hemingway ist mit dem Herzen dabei. Gibt es eine sympathischere Ansprache, als jene zum Abschluss einer Reportage über seinen pfiffigen Chauffeur Hipolito, der den Autor wohlbehalten durch das Madrider Granatengewitter steuert? Sie können natürlich Ihr Geld auf Franco setzen, wenn Sie wollen, oder auf Mussolini oder Hitler. Ich setze auf Hipolito.

Als Ernest und seine Geliebte Martha Gellhorn im November 1938 ein letztes Mal in das Spanien des Bürgerkrieges zurückkehren, sind die meisten republikanischen Frontabschnitte zusammengebrochen und in die Hand der Nationalisten gefallen. Der Sieg der Putschisten um den General Franco bleibt nur eine Frage der Zeit, ein desillusionierter Schriftsteller kehrt in die USA zurück. Ende Januar 1939 fällt Barcelona, im März Madrid, und auch Ernest Hemingway persönlich hat nun diese grausame Schlacht in Spanien verloren.

Noch im März geht der Amerikaner nach Havanna und mietet im Hotel Ambos Mundos ein kleines Zimmer mit drei Fenstern im fünften Stockwerk. In dem einfachen Zimmer, das heute die Nummer 511 trägt, beginnt Ernest Hemingway mit der

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Hemingway y el Mar – ein Aufbruch in Conil de la Frontera

Conil de la Frontera 
Hemingway
Hemingway y el Mar. Im April 2023 in Conil de la Frontera.

In diesem Jahr feiert Spanien das 100. Jubiläum. Im Mai 1923 besucht der 23-jährige Korrespondent des Toronto Star zum ersten Mal das iberische Land. Madrid, Aranjuez, Sevilla, Ronda und Granada sind damals seine Ziele. Um daran zu erinnern findet ab 19. April 2023 an fünf Tagen in Conil de la Frontera, an der Südspitze Spaniens, eine in  mehrfacher Hinsicht aufschlussreiche Konferenz über Ernest Hemingway statt. 

Die Halbinsel im Südwesten Europas ist in jenen Tagen nicht wie heute ein allseits bekannter Touristenmagnet, für den Rest der Welt eher eine Terra incognita. Jenseits der Pyrenäen gingen damals die Uhren anders, der Sprung in die Moderne ließ auf sich warten. Bei Corridas oder während der Semana Santa wurden Bräuche gepflegt, die sich seit dem Mittelalter nicht groß verändert hatten.

Den Mann aus Chicago faszinierte diese retardierte Welt. In seiner Heimat schlug die Industrialisierung voll an, doch Spanien blieb ein Landstrich von Latifundistas und mittellosen Bauern, von klerikalen Bräuchen und sozialen Kämpfen. Neugierig nähert sich der junge Amerikaner dem Land und seiner eigenwilligen Kultur. Besonders die Fiestas mit ihrer überschäumenden Lebensfreude haben es ihm angetan.

Spanien wird zur Insel seines Herzens und seiner Seele. Es wird auch das letzte Land sein, an das er sich klammert, im Spätsommer 1960, einige Monate vor seinem Tod. Ein Jahr zuvor hat er die Costa de la Luz bereist, die Küste nördlich von Cádiz. Dort wird er im Juni 1959 bezaubert von der Kleinstadt Conil de la Frontera, die als letzte der weißen Städte Andalusiens am Meer endet.

Diesem Besuch zu Ehren veranstaltet die Gemeindeverwaltung von Conil diese Hemingway-Tagung, und feiert

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Der schönste Hemingway-Satz: Alte Gesichter

Die einst jungen Gesichter waren jetzt alt wie meins, aber keiner hatte vergessen, wie wir einmal waren. Die Augen hatten sich nicht verändert und keiner war fett geworden. Kein Mund war verbittert, ganz gleich, was die Augen inzwischen alles gesehen hatten.“ Ernest Hemingway

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Ernest Hemingways Doppelgänger

Der falsche Ernest Hemingway bei einer Corrida. Kenneth H. Vanderford schaut sich einen Stierkampf in Murcia an. Credit Line: Archivo General Región de Murcia.

Im Sommer 1960 kommt ein gesundheitlich schwer angeschlagener Ernest Hemingway nach Spanien. Der Schriftsteller kann nicht mehr, wie in den Jahren zuvor, wochenlang von Stadt zu Stadt zu ziehen, von einer Corrida zur nächsten. Und prompt wird Kenneth H. Vanderford, ein amerikanischer Aficionado mit grauem Bart, der eine gewisse Ähnlichkeit mit Hemingway aufweist, mit dem Nobelpreisträger verwechselt. Es ist nicht das erste und auch nicht das letzte Mal.

Kenneth Hale Vanderford, 1908 im Norden Indianas geboren, wird nach seinem Studium Lehrer für Spanisch und Französisch in Texas und Florida. Im Jahr 1940 erhält der Amerikaner einen Doktortitel von der University of Chicago. Während des Zweiten Weltkriegs arbeitet er für den Geheimdienst seines Landes, danach reist er durch Lateinamerika, arbeitet in Venezuela, Argentinien und Bolivien. Er hat genug Geld verdient und wählt 1959 Madrid zu seinem Altersruhesitz.

Zwei Sachen hat Kenneth H. Vanderford mit Ernest Hemingway gemeinsam. Eine gewisse Ähnlichkeit in der Physiognomie und im Auftreten, sowie die Vorliebe für den Stierkampf. Im Juli 1959 hat er am Encierro der Sanfermines teilgenommen, dem Bullenlauf in Pamplona. Da ist es zum ersten Mal geschehen: Vanderford sitzt in einem Café als drei nordamerikanische Touristen vorbeikommen und Mister Hemingway um ein Autogramm bitten. Vanderford kann dem Schabernack nicht widerstehen. Er unterschreibt.

Und der richtige Hemingway sitzt nur ein paar Ecken weiter. Fortan halten ihn die Leute etliche Male für den berühmten Schriftsteller. „Wann erscheint Ihr nächsten Buch“, bekommt er als Frage zu hören. Mit Kappe und in kurzem Hemd findet man ihn auf der Plaza de Toros und – so schreibt Sports Illustrated in einem Portrait – er sieht mehr nach Hemingway aus als Hemingway selbst.

Van, wie Vanderford von seinen Freunden genannt wird, macht sich einen Spass daraus, Spanier und Landsleute zu foppen. Er treibt den Jokus auf die Spitze, indem er sich

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Teo Davis und Ernest Hemingway

Teo Davis und Ernest Hemingway am Pool in La Cónsula, Málaga im Sommer 1959. Credit Line: Creative Commons.

Mary und Ernest Hemingway, von New York kommend, erreichen Anfang Mai 1959 mit dem Atlantikkreuzer Constitution die Küste Südspaniens. Von der andalusischen Hafenstadt Algeciras geht es dann zwei Stunden mit dem Auto Richtung Costa del Sol zur La Cónsula in den Hügeln über Málaga. Die beeindruckende Finca gehört seinem Freund William Nathan Davis, den alle Welt Bill ruft und der vom Hemingway Negro genannt wird, er und Negro haben sich vor langer Zeit Mexiko kennengelernt.

Auf La Cónsula fühlen sich die Hemingways pudelwohl. Die zwölf Hektar weite Grünanlage, akkurat gepflegt wie ein mittelalterlicher Klostergarten, mit ihren Pinien, den Akazienbäumen, grünen Palmen, all dies erinnert das prominente Ehepaar an die Finca Vigia, ihr eigenes Zuhause auf Kuba. Der Schriftsteller ist nach Spanien gekommen, um die Erinnerung aufzufrischen und um alte Freunde zu treffen. Die einstmals jungen Gesichter waren jetzt alt wie meins, aber keiner hatte vergessen, wie wir einmal waren. Viel Zeit wird ihm wohl nicht mehr bleiben, der grau gewordene Autor ahnt es. 

Bill Davis und seine Frau Anne sind großzügige Gastgeber. Das imposante Landgut der US-Amerikaner, südwestlich von Málaga im Stadtteil Churriana, Richtung Alhaurin de la Torre, ist immer voller Freunde und Gäste. Die Familie Davis lebt mit zahlreichen Bediensteten in dem langgestreckten Herrenhaus aus dem 19. Jahrhundert, das früher eine diplomatische Vertretung gewesen ist. Das Ehepaar hat zwei Kinder, die Tochter Nena und den Sohn Timothy, genannt Teo.

Oft unterhält sich Hemingway sich mit dem jungen Teo, morgens am Pool, er erzählt von Kuba und von seinen Reisen. Der Nobelpreisträger hat rapide abgebaut in den letzten Monaten, seit geraumer Zeit quält ihn eine Sehnsucht nach den glücklichen Jahren. Sonst hat er es nicht so mit Kindern, aber zu dem achtjährigen Teo findet er einen guten Draht. Die eigene Vergänglichkeit im Blick, sieht er in dem Kind, wie er selbst einmal gewesen ist, vor ewiger Zeit, damals an den Seen und in den Wäldern im Norden Michigans.

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Auf der Terrasse vor diesem Pool – heute außer Betrieb – albern Teo Davis und Ernest Hemingway. La Cónsula, Málaga 2019; Foto: Wolfgang Stock

Timothy Davis wird am 18. April 1951 geboren, in Paris, er wächst in Südspanien auf. Er besucht das feine Eton College in England, geht dann mit 21 Jahren in die USA. Beim Houston Chronicle findet er einen ersten Job, zieht weiter nach Los Angeles. Er schreibt Drehbücher, versucht sich als Produzent, sein beruflicher Weg erweist sich als stolperig. Jedoch besitzt er

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Una vida con la muerte al hombro

Der 60. Geburtstag unter dem Kreuz. Mary Welsh schießt diesen Schnappschuss, zwei Jahre vor seinem Tod, auf dem andalusischen Landgut ‚La Cónsula‘. Málaga/Spanien, im Juli 1959. Credit Line: Ernest Hemingway Collection. John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

Ernest Hemingway liegt nachts am Pazifik in seiner stickigen Kammer im Bett, mutterseelenalleine im Dunklen, und kann nicht einschlafen. Denn er muss immerzu nachdenken. Er grübelt über das Leben, über den Tod, über sich. Er liebt das Leben, doch genau genommen kann er nicht begreifen, was das Leben eigentlich ist. So viele Fragen treiben ihn um. Warum kommen wir auf diese Welt? Wieso kann ich denken und fühlen? Welche Kraft treibt uns an? Manchmal kommt ihm das Leben vor wie eine Illusion, wie ein tiefer Traum, aus dem man plötzlich erwacht. Für all seine Fragen kennt er keinen Empfänger und auch keine Antworten. Was bleibt, ist ein unergründliches Rätsel.

So wie er sich als Schriftsteller ebenfalls ein Rätsel bleibt. Wie schafft es ein Mensch, so gut zu schreiben wie er? Und wieso verblasst diese Fertigkeit mit der Zeit, warum entfliegen alle Gedanken und Erinnerungen, so als habe jemand den Dimmer einer Lampe nach unten gezogen? Und wie kann es sein, dass irgendwann das Licht ganz ausgeknipst wird? Ein Mensch, der tot umfällt, ist ja immer noch da, aber wo ist sein Leben hingegangen? Spielt sich die menschliche Existenz etwa nur im Kopf ab? Vielleicht, so denkt er, werden wir das Rätsel des Lebens niemals lösen, vielleicht ist der Mensch zu klein dazu.

Er vermag dem antiken Philosophen Epikur nicht zu folgen, der darauf hinweist, solange wir leben, sei der Tod ja abwesend. Und unseren eigenen Tod werden wir nicht überleben. Epikurs frohe Botschaft: So lange wir leben, ist unser Tod nicht da. Für Ernest Hemingway jedoch ist der Tod zu jeder Zeit und an jedem Ort gegenwärtig, er vermag den Gedanken an ihn nicht abzuschütteln. Der bärtige Amerikaner begreift nicht, was vor der Geburt war, und vor allem, was nach dem Ableben kommt. Der Tod gehört immer irgendwie dazu, wenn er nachdenkt, alles läuft auf ihn hinaus, der Tod steht als rot blinkendes Warnschild ständig an seinem Wegesrand.

Die Natur mündet im Tod, es gilt von Kindesbeinen an. We are all bitched from the start. Das Sterben beginnt mit der Stunde der Geburt. Ernest Hemingway weiß um die Zerbrechlichkeit der menschlichen Existenz, von dem Tag an, an dem wir auf die Welt kommen, klebt uns allen die Scheiße an den Hacken. Ihm schwant, wie schwer das Sterben für einen Mann wird, der voll im Leben steht. Man braucht viel

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Ernest Hemingway trifft auf Martha Gellhorn

Martha Gellhorn mit Ernest Hemingway 1937 im Spanischen Bürgerkrieg. Credit Line: Ernest Hemingway Collection. John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston

Der Schriftsteller lebt von 1931 bis 1939 mit seiner zweiten Ehefrau Pauline Pfeiffer und den beiden gemeinsamen Kindern Patrick und Gregory in dem herrschaftlichen Haus an der Whitehead Street von Key West. Eigentlich könnte Ernest Hemingway sein Leben genießen, er hat beruflich Erfolg, die Familie ist gesund und munter, er selbst befindet sich körperlich in einer guten Verfassung. Alles in allem sind es vergnügte Tage, Wochen und Monate in Südflorida.

We have a fine house here, and the kids are all well, schreibt er in einem Brief, das Haus sei schön und die Kinder wohlauf. Gleichwohl brodelt es in seinem Innersten: Er verhält sich zunehmend reizbar und wirkt angespannt, denn er fühlt sich nicht am Ziel. Freunde bemerken an ihm eine innere Getriebenheit und eine emotionale Ruhelosigkeit. Und auch die Ehe mit der bedrückten Pauline köchelt nur lau vor sich hin.

Ernest Hemingway, auf seinem luxuriösen Anwesen in Key West, will zur Jagd nach Wyoming aufbrechen. Doch zwei Begebenheiten werden die tropische Behaglichkeit ins Wanken bringen. Zum einen erreicht ihn die Nachricht, dass in seinem geliebten Spanien mit dem Putsch reaktionärer Offiziere der Bürgerkrieg ausgebrochen ist. Und zum anderen prallt er auf eine neue Frau, ach was, ein blonder Marschflugkörper auf zwei Beinen donnert auf ihn zu.

Eine wunderschöne 28-jährige Amerikanerin aus Missouri tritt zu Weihnachten 1936 in sein Leben. Martha Gellhorn, auf Urlaubsreise mit Mutter und dem Bruder Alfred in Miami, macht einen Abstecher mit dem Bus nach Key West. Am späten Nachmittag betritt die junge Frau das Sloppy Joe’s in einem schwarzen Kleid, das ihre langen goldblonden Haare noch mehr strahlen lässt. Martha, schlank, mit einem ebenmäßigen jugendlichen Gesicht, zieht sogleich die Blicke aller Männer in der Kneipe auf sich. 

Der Schriftsteller springt aus seinem Hocker an der Theke, nähert sich dem Tisch der Gellhorns, schnappt sich ungefragt einen Stuhl und setzt sich zu der Familie. Ernest Hemingway, stellt er sich vor, Sie müssen den doppelten Daiquirí probieren. Mutter Gellhorn nickt kurz. Vier Papa Dobles, ruft der Autor dem schwarzen Barkeeper Al Skinner zu. Zwischen Martha und Ernest knistert es, von der ersten Sekunde an.

Ein ungewöhnliches Pärchen hat sich da im Sloppy Joe’s gefunden. Hier die blassgesichtige und chic gekleidete Intellektuelle, dort der groß gewachsene sonnengebräunte Hallodri, dem das ungekämmte Haar wild über die Stirn ins Gesicht fällt und der seine Fischershorts mit einem einfachen Hanfstrick gebunden hat. Auf den ersten Blick sieht der wohlhabende Schriftsteller in seiner Kluft aus wie

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Ist Ernest Hemingway ein katholischer Autor?

Ernest Hemingway, zwei Jahre vor seinem Tod, in La Cónsula bei Málaga. Spanien, im Juli 1959. Credit Line: Ernest Hemingway Collection. John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

Er ist kein gläubiger Mensch, dieses Friede, Freude, Eierkuchen gehört nicht in die Welt dieses kernigen Mannes. Sein Verhältnis zur offiziellen Religion bleibt zwiegespalten. Religion ist Aberglaube, tönt er groß und relativiert dann, und ich glaube an Aberglaube. Häufig macht er sich über den herkömmlichen Gottesglauben lustig. Doch vieles, was Ernest Hemingway schätzt, überschüttet er gerne mit Spott und Hohn.

Ernest Hemingway, er hat es oft genug gesagt, glaubt nicht an Gott. Er hat Freunde in der Priesterschaft, doch für einen tiefen Gottesglaube fehlt ihm die Demut. Allerdings fällt auf, für einen Atheisten redet dieser Mann verdammt oft über Gott. Und für einen Ungläubigen kann der Amerikaner erstaunlich viel mit dem Glauben und seinen Ritualen anfangen.

Auch wenn er eine andere Begrifflichkeit verwendet, katholische Riten und Kategorien wie Sünde, Buße, Selbstkasteiung, Vergebung, Sakrament oder Pilgertum bleiben ihm nicht fremd, besonders in Andalusien. Die Rituale der Religion dienen als Anker für die Seele in Not. Auch er sucht in der Bedrängnis den Zuspruch, auf seine Weise.

Manche seiner Texte lesen sich wie Gebete, die Inhalte erinnern bisweilen an eine Beichte. So verwundert es nicht, dass Ernest Hemingway mit der Novelle über einen alten Mann und den Fisch eine Erzählung von alttestamentarischer Vehemenz verfasst hat. Der alte Mann und das Meer, mit Dutzenden von Anspielungen an religiöse Topoi, kann auch gelesen werden als eine biblische Parabel. Die stilistischen Ähnlichkeiten zwischen dem Alten Testament und Hemingways Werk sind erstaunlich.

Er war ein alter Mann, der allein in einem kleinen Boot im Golfstrom fischte, und er war jetzt vierundachtzig Tage hintereinander hinausgefahren, ohne einen Fisch zu fangen. Das ist der Anfang von Der alte Mann und das Meer. „Als er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, bekam er Hunger. Da trat der Versucher an ihn heran und sagte: Wenn du Gottes Sohn bist, so befiehl, dass aus diesen Steinen Brot wird“, heißt es in Matthäus 4,2 Die Versuchung Jesu. Und bei Hiob 1,1 Ijobs Rechtlichkeit steht: „Im Lande Uz lebte ein Mann mit Namen Ijob. Dieser Mann war untadelig und rechtschaffen; er fürchtete Gott und mied das Böse.“

Es ist nicht nur der Stil, der überrascht, sondern auch die Hauptfigur. Kann es sein, dass Ernest Hemingway im Fischer Santiago eine Menschwerdung Jesus Christus andeuten will? Dieser einfache Fischer mit seinen zerschundenen Händen, der am Ende der Erzählung den Mast seines Bootes, wie Christus das Kreuz, über der Schulter mühevoll hinauf in sein Dorf zieht.

Manchmal setzt Hemingway seine Wörter – fast ist man geneigt zu sagen, seine Worte – wie

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Ernest Hemingways Vorwort zu Gustav Reglers ‚The Great Crusade‘

The Great Crusade wurde zuerst in den USA veröffentlicht, in der Übersetzung von Whittaker Chambers und Barrows Mussey.

Gustav Reglers beeindruckender Roman über den Spanischen Bürgerkrieg erscheint im Jahr 1940 im New Yorker Verlag Longmans, Green and Company. Der damals überzeugte Kommunist nennt seine Erzählung The Great Crusade. Der große Kreuzzug. Das Buch erhält einen Ritterschlag: Sein Freund Ernest Hemingway wird das Vorwort zu Das große Beispiel, so heißt das Original schließlich auf Deutsch, schreiben.

Im August 1939 bekommt Ernest Hemingway das dicke Manuskript von The Great Crusade auf seine Farm Finca Vigía bei Havanna übersandt. Der bärtige Amerikaner muss 4,32 Dollar Einfuhrgebühr bei der kubanischen Zollbehörde für die Sendung aus New York zahlen. Sogleich macht sich der prominente Autor in seiner tropischen Wahlheimat an die Lektüre des Textes.

Alsdann schreibt der damals schon weltbekannte Schriftsteller in aller Ausführlichkeit sein Vorwort. Es lohnt, diesen launigen Prolog ein wenig unter die Lupe zu nehmen. Denn er zeigt einerseits die Haltung Ernest Hemingways zu diesem grausamen Bürgerkrieg auf, und er verrät andererseits auch einiges über den Charakter und über die Persönlichkeit des späteren Nobelpreisträgers.

In einem Krieg sollte man aber die Niederlage nicht zugeben – nicht einmal vor sich selbst, schreibt Ernest Hemingway zu Beginn seines fünfseitigen Vorwortes. Wer sie eingesteht, ist endgültig geschlagen. Das ist nicht weit von seinem Lebensmotto A man can be destroyed, but not defeated. Ein Mensch kann zerstört werden, aber nicht besiegt. Er wird sein Credo von Tapferkeit und Resilienz in seinen Veröffentlichungen noch häufig in den verschiedensten Tonarten durchkomponieren.

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Eine vorbildlich editierte Ausgabe von Gustav Reglers Das große Beispiel auf Deutsch ist bei der Büchergilde Gutenberg erschienen.

In seinem Geleitwort erzählt der US-Amerikaner jene Begebenheiten über die Spanienkämpfer, die auch für seine Zeitungsreportagen aus dem Bürgerkrieg so typisch sind. Es gab keinen Mann unter ihnen, der nicht trotz der ständigen Todesgefahr Witze gerissen und zur Bekräftigung darauf gespuckt hätte. Wir hatten den Spucktest eingeführt, als ich mich einer Kindheitserfahrung erinnerte: Wenn man wirklich Angst hat, kann man nicht spucken. In Spanien fehlte mir sehr oft die Spucke, und war der Witz auch noch so gut.

Ernest Hemingway zeigt sich von The Great Crusade angetan. Vor allem lobt er die literarische Aufrichtigkeit des deutschen Autors. Es gibt Ereignisse, die so  groß sind, dass ein Schriftsteller, der sie miterlebt hat, moralisch verpflichtet ist, sie so wahrheitsgetreu wie möglich zu berichten, ohne sich anzumaßen, sie durch Erfindungen zu verändern. Diese Redlichkeit zeichne Gustav Reglers Buch aus. Es kommt selten vor, dass Hemingway einen Maßstab, den er an das eigene Werk anlegt, auch bei einem Kollegen als erfüllt ansieht.

Das Vorwort zu Das große Beispiel spart einen heiklen Punkt nicht aus: das

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