Das Portal zu Leben und Werk von Ernest Hemingway

Schlagwort: Deutschland Seite 4 von 5

Ernest Hemingway kommt viermal nach Berlin

Ernest Hemingway steigt im Eden Hotel an der Budapester Straße 35 ab. Das Eden, im Zweiten Weltkrieg vollständig zerstört, ist eines der großen Luxushotels der deutschen Hauptstadt gewesen.

Dieses Berlin macht keinen guten Eindruck auf Ernest Hemingway. Kein Wunder, wenn man im quirligen Paris lebt. Zudem durchlebt Deutschland in den 1920er Jahren eine schwierige Zeit, die eine Katastrophe hat man hinter sich, die nächste wartet schon. Der verlorene Erste Weltkrieg wirft immer noch seine Schatten, die Deutschen sind verarmt und haben ihr Vermögen in den Kriegsanleihen des Kaisers verpulvert. Der Alltag bleibt beschwerlich, Geldverfall und Reparationsleistungen drücken auf die Nation.

Soziale Konflikte entladen sich, politische Kämpfe verlagern sich gewaltsam auf die Straße – es sind grauenvolle Jahre. Für Journalisten wiederum ist es eine interessante Zeit und Berlin eine interessante Stadt. Insgesamt reist Ernest Hemingway viermal in die deutsche Hauptstadt. Der Mann aus Chicago wird allerdings nicht warm mit der Metropole an der Spree, kein Vergleich zu Paris jedenfalls, zu düster alles, zu unerfreulich.

Erster Hemingway-Besuch
Am 30. März 1923 schickt der Toronto Star seinen Paris-Korrespondenten Ernest Hemingway für zehn Tage auf Deutschland-Reise. Über Offenburg, Frankfurt am Main, Mainz, Köln, Düsseldorf nach Berlin. Berlin ist eine vulgäre, häßliche, mürrisch verfallende Stadt. Nach dem Krieg stürzte sie sich in eine Orgie, die von den Deutschen als Totentanz betitelt wird. So wird Ernest Hemingway am 15. Dezember 1923 in einem Artikel für den Toronto Star schreiben. Nichts Ansprechendes oder Vergnügtes lässt sich im Nachtleben Berlins finden. Alles ist ganz und gar abscheulich.

Während in Paris der Champagner dazu dient, den beschwingten Alltag zu krönen, wird in Berlin Kokain genommen, um das ganze Elend zu verdrängen. In manchen Lokalitäten würden die Kellner das Koks bis an den Tisch liefern. Die Fröhlichkeit im Berliner Nachtleben sei aufgesetzt, anders als in der Metropole an der Seine. Wenn es eines Nachweises bedürfe, dass Deutschland den Krieg verloren hat, in Berlin kriege man es vor Augen gehalten. Nach wenigen Tagen ist der 23-Jährige wieder in seinem Paradies mit Namen Paris.

Zweiter Hemingway-Besuch
Im November 1927 reist Ernest mit seiner zweiten Ehefrau Pauline Pfeiffer für neun Tage nach Berlin, sie werden vom 3. bis 12. November in der deutschen Hauptstadt bleiben. Das Ehepaar übernachtet im Luxushotel Eden in der Budapester Straße. Ernest und Pauline besuchen das Sechstagerennen, er mag dieses Spektakel des Radsports, und sie treffen sich mit den Kollegen Sinclair Lewis und Ramon Guthrie. 

Ernest lernt den Galeristen Alfred Flechtheim kennen und die beiden werden Freunde. Die Zeitschrift Der Querschnitt, die von Flechtheim gegründet wurde, druckt seit 1925 Erzählungen und Gedichte des US-Amerikaners. In der Hauptstadt kauft der Kunstliebhaber Hemingway bei dem Kunsthändler eine Skulptur der Bildhauerin Renée Sintenis für 500 Mark, das Werk trägt den Titel Der Fußballspieler. 

Dritter Hemingway-Besuch
Am 10. November 1929 befindet sich Ernest Hemingway erneut in Berlin, er kommt mit dem Zug aus Paris. Im Schlepptau der Kollege Guy Hickok, er ist Paris-Korrespondent des Daily Eagle aus Brooklyn, und Gus Pfeiffer, Paulines steinreicher Onkel. Und wiederum sieht man den nun schon berühmten Schriftsteller beim Sechstagerennen im Berliner Sportpalast.

Hauptgrund der Reise sind diesmal Verhandlungen mit dem Verleger Ernest Rowohlt über die deutschen Rechte zu A Farewell to Arms, das auf Deutsch In einem andern Land heißen wird. Ein Hauen und Stechen entwickelt sich beim Aushandeln der Tantiemen. Rowohlt bietet einen Vorschuss von 200 Dollar, Ernest Hemingway möchte 400 Dollar.

Den Vorschuss zahlt er schließlich bei der Galerie Flechtheim an und erwirbt ein avantgardistisches Gemälde von Paul Klee. Monument in Arbeit. Am 17. November fährt das Trio zurück nach Paris.

Vierter Hemingway-Besuch
Ernest Hemingway, inzwischen in Key West ansässig und auf Stippvisite in Paris, weilt am 1. September 1931 in Berlin. Die Uraufführung von KAT, der Theaterfassung seines Bestsellers In einem andern Land, möchte er mit seiner Anwesenheit beehren. Carl Zuckmayer und Heinz Hilpert haben den Roman für die Bühne adaptiert.

Wiederum wohnt der Schriftsteller im Eden Hotel. Carl Zuckmayer schreibt in seinen Memoiren Als wär’s ein Stück von mir über Hemingway: „Er war schon bei der Ankunft betrunken, trug eine flache Whiskyflasche in der Rocktasche.“ Von der Aufführung kriegt er

Loading

Ernest Hemingway und München

Der Fischbrunnen auf dem Marienplatz. München, im April 2022.
Foto: W. Stock

Zum wiederholten Male stolpere ich über einen Ausspruch aus der gewaltigen Zitatentruhe des Ernest Hemingway: Fahren Sie gar nicht erst woanders hin, ich sag‘ es Ihnen, es geht nichts über München. Alles andere in Deutschland ist Zeitverschwendung. Schriftsteller Ernest Hemingway (1899-1961).

So lauten berühmte Sätze, die seit Jahren durch die Gazetten und die Zitatenwelt rauschen. Ernest Hemingway und seine fabelhafte Lobpreisung Münchens. Der spätere Literaturnobelpreisträger sei gefragt worden, so lese ich woanders, welche deutsche Stadt am schönsten sei. München, so die Antwort, es gehe nichts über München. Wow!

Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist HemMUC-1024x360.jpg

Sogar? Ernest Hemingways berühmtes Zitat über München – leider mit einem kleinen Schönheitsfehler.

Im englischen Original lautet die Textstelle: Let me tell you. Do not go anywhere else. Anywhere else in Germany is a waste of time. There is only Munich. Diese honigsüßen Streicheleinheiten besitzen leider einen kleinen Schönheitsfehler. Die Worte gehen zwar auf Ernest Hemingway zurück, jedoch kommen sie nicht aus seinem Mund.

Am 2. Mai 1923 veröffentlicht Hemingway im Toronto Daily Star unter der Überschrift Getting into Germany einen langen Artikel aus Offenburg über seine Reise ins von Inflation und Wirtschaftskrisen geplagte Nachkriegs-Deutschland. Das ganze Land sehe nicht gerade fröhlich aus, so der Eindruck des Europa-Korrespondenten, Germany did not look very cheerful.

Als der junge Journalist im Bahnhof von Kehl auf seinen Zug nach Offenburg wartet, hilft er einer Frau beim Tragen von Paketen mit Hüten. Wörtlich schreibt Ernest Hemingway dann in seinem Artikel:
– Geht es auch nach München?, fragte die Dame und puderte sich die Nase.
– Nein. Nur Offenburg.
– Oh, wie schade. München ist einzigartig. Sind Sie nie da gewesen?
– Nein, bisher nicht.
– Fahren Sie gar nicht erst woanders hin, ich sag‘ es Ihnen. Alles andere in Deutschland ist Zeitverschwendung. Es geht nichts über München.

Im Dialog mit dem 23-jährigen US-Amerikaner kommt die Würdigung Münchens aus dem Mund der Frau mit den Hut-Paketen. Insofern fällt das Zitat dieser namentlich unbekannten Dame zu, nicht Ernest Hemingway.

München kommt im Leben des späteren Nobelpreisträgers des öfteren vor, obwohl er, so wie es aussieht, niemals dort gewesen ist. In einem Brief an Howell G. Jenkins verrät Ernest Hemingway am 2. Februar 1925, dass er aus der Bergwelt im österreichischen Schruns ohne Visa mit den Ski nach Bayern herunterfahren könne. I’m going up to Munich to do some work, blickt er voraus.

Am 14. Dezember 1925 schreibt er aus dem Hotel Taube in Schruns an seine Mutter Grace in Chicago, man werde sich nach München aufmachen, dort einen Privatflieger mieten, und sich über die Alpen zum Hochplateau der Silvretta fliegen lassen. Das Flugzeug werde von einem berühmten deutschen Jagdflieger geflogen, der Spaß koste 75 Mark. Von oben gehe es dann auf Skiern ins Tal.

Schon als junger Kerl zeigt sich Ernest als ein Meister im Aufplustern und im geografischen Namedropping. Obwohl, wo er recht hat, da hat er recht. München ist die beste deutsche Großstadt. Ein Zugereister, der viel von der Welt gesehen hat, mag es beurteilen können. Und Ernest Hemingway, gerade er, besitzt ein feines Gespür für interessante Orte. Paris, Venedig, Pamplona, Ronda, Key West, Havanna. Willkommen in Hemingways Welt! 

Und schließlich München. Ziemlich viel München jedenfalls bei einem, der niemals dort gewesen ist. Seine Faszination zur bayerischen Metropole bleibt lebendig, vielleicht hat die Zeit gefehlt. Möglicherweise lag die bayerische Metropole ein wenig abseits seiner üblichen Routen.

Ein letzter Versuch, Hemingway und München zusammenzubringen. Wenn er in die großen Städte kommt, so

Loading

Ernest Hemingway – am Nullpunkt in Paris

Ernest Hemingway lebte sieben Jahre in Paris. Die Stadt hat den Autor aus Chicago nicht vergessen.

Ab Dezember 1921 lebt Ernest Hemingway in der Stadt an der Seine, es sind mühevolle Lehrjahre. Paris ist in jenen Jahren eine Stadt im Aufbruch. Autoren, Maler und Komponisten begeben sich auf die Suche nach neuen Ideen. Es ist eine aufregende Zeitepoche für Künstler, voller Unsicherheit: Eine verlorene Generation muss nach einem schrecklichen Weltkrieg ihren Weg finden, Neues wie Surrealismus, Kubismus oder Dadaismus werden ausprobiert.

Doch materiell reiht sich der Mann aus einem Vorort von Chicago ein in das Heer mittelloser Schriftsteller aus aller Welt, meist verkrachte Existenzen, die nicht wissen, woher sie das Geld für die nächste Miete nehmen sollen. Auch Ernest Hemingway muss das knappe Geld gut einteilen, besonders seit er den Vertrag mit einer kanadischen Tageszeitung gekündigt hat und als Schriftsteller reüssieren will.

Doch der frisch gebackene Familienvater, Sohn John wird 1923 geboren, erhält von Verlagshäusern aus den USA eine Absage nach der anderen. Seine Themen seien schwer vermittelbar, kriegt Hemingway als Kritik zu hören. Mit solch schroffer Ablehnung hat er nicht gerechnet, den Kerl mit dem riesigen Ego übermannen in Paris die Selbstzweifel und Depressionsschübe. Der junge Autor fällt in ein tiefes Loch.

Nach zahlreichen Tiefschlägen erreicht ihn endlich eine Zusage, überraschenderweise aus Deutschland. Der Herausgeber einer Berliner Zeitschrift mit dem Titel Der Querschnitt will ihn veröffentlichen. Wedderkop schreibt, meine Stierkampf-Story sei wunderbar, verkündet er stolz. Man wolle ihn drucken, ein gutes Honorar gebe es obendrein.

Am 9. Oktober 1924 treffen sich Querschnitt-Chef und der junge Amerikaner in Paris, im Apartment von Ezra Pound, der schon öfter für das Berliner Magazin geschrieben hat. Man findet Gefallen aneinander. Ernest Hemingway ist angetan von den Ideen des avantgardistischen Chefredakteurs und Hermann von Wedderkop erspürt das Talent des unbekannten US-Autors.

Seit 1924 verantwortet Hermann von Wedderkop als Chefredakteur und Herausgeber die redaktionelle Linie, er fördert innovative Autoren mit wirklichkeitsnahen Themen und realistischem Stil. Der Querschnitt druckt zunächst einige schlüpfrige Gedichte Hemingways. Wedderkop veröffentlicht meine ganzen obszönen Arbeiten schneller als ich sie schreiben kann.

Im Sommerheft des Jahres 1925 druckt Der Querschnitt Hemingways Stierkampf-Story. Im folgenden Heft 7, vom Juli 1925, findet sich der zweite Teil der Erzählung über den abgehalfterten Torero Manuel Garcia. Gekonnt improvisiert schon diese Kurzgeschichte von gut 30 Seiten über die Grundmelodie des Hemingway’schen Werkes: den heroischen Willen, gegen die menschlichen Grenzen zu kämpfen und niemals aufzugeben. 

Die Story überzeugt die Leser durch die Kürze und Klarheit ihres Stils, besonders gelungen ist schon hier die unterkühlte Kargheit in den Dialogen. Während andere zeitgenössische Autoren

Loading

Wedderkop ist verrückt, schreibt Ernest Hemingway

Ernest Hemingway
Hermann von Wedderkop
Ernest Hemingway vor seiner Wohnung in der Rue Notre-Dame-des-Champs, Nummer 13; Paris, ca. 1924. Credit Line: Ernest Hemingway Collection. John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

Dieses Land zu hassen, dafür gäbe es in Ernest Hemingway Biografie genug Anlässe. In Fossalta di Piave, zu Ende des Ersten Weltkriegs, wird der junge US-Amerikaner von einer Mörsergranate fast ums Leben gebracht. Ein halbes Jahr muss er im Lazarett in Mailand zusammengeflickt werden. Im Spanischen Bürgerkrieg erlebt er das brutale Bombardement der Legion Condor gegen die Republik. Und im Zweiten Weltkrieg kauert er nur weniger Kilometer hinter der Frontlinie im Hürtgenwald, einer der blutigsten Schlachten des Zweiten Weltkriegs.

Kaiser Wilhelm, Hitler, die Nazis – Deutschland zu hassen, müsste ihm leicht fallen. Doch der US-Amerikaner hasst Deutschland und die Deutschen nicht. Vor allem aus einem Grund, ein Mann ist da vor. Sein Name: Hermann von Wedderkop. Heute fast vergessen. Wedderkop ist wunderbar, schreibt Ernest Hemingway. Sie zahlen mir 550 Francs, jubelt er im Januar 1925, der junge Amerikaner hat es in jenen Jahren nicht dicke.

Der unbekannte Ernest Hemingway bietet seine Geschichten wie sauer Bier an. Im seinem Heimatland findet sich kein Periodikum, das die Stories des Newcomer drucken will. Jede angesehene Zeitschrift und auch die verrufenen Magazine haben die Stierkampf-Story abgelehnt. Es sei eine großartige Geschichte, aber wir können sie nicht veröffentlichen, zeigt er sich resigniert in einem Brief an seinen Kollegen Ernest Walsh. Die Story sei für die Leser zu hart.

Ganz anders das Urteil des Hermann von Wedderkop. Wedderkop schreibt, meine Stierkampf-Story sei wunderbar, verkündet er im Januar 1924 stolz seinem Freund Harold Loeb. All mein Zeug wird demnächst erscheinen, sagt er. Am 9. Oktober 1924 treffen sich Wedderkop und der junge Amerikaner in Paris, im Apartment von Ezra Pound, der schon öfter für das Berliner Magazin geschrieben hat. Hemingway und Wedderkop finden einen guten Draht zueinander.

Der Chefredakteur stellt die redaktionelle Linie des Querschnitt vor. Ernest Hemingway fasst Wedderkop Credo zusammen: Zum Teufel mit all der Vornehmtuerei und den Kirmesbuden der Eitelkeit. Gebt dem Leser die volle Dröhnung. Er veröffentlicht großartige Boxfotos und Fotos von all den schicken Frauenzimmern in Europa. Der Kerl ist zu gut, um sich lange halten zu können.

Von Wedderkop ist Chefredakteur der Monatszeitschrift Der Querschnitt, die Gedichte und eine zweiteilige Stierkampf-Story im Sommer 1925 von im abdruckt. Sie behaupten, sie würden alles kaufen, egal, was ich schreibe. Ich fürchte, Von Wedderkop ist verrückt, aber er ist ein wunderbarer Kerl. Und solange Von Wedderkop nicht gefeuert wird, bin ich im Geschäft, schwärmt Ernest Hemingway in einem Brief aus Schruns am 9. Januar 1925 an William Smith.

Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist QuerschnittJan1925.jpg

Ernest Hemingway ist begeistert von der Januar-Ausgabe des Querschnitt im Jahr 1925.

Der Amerikaner in Paris ist ganz vernarrt in Der Querschnitt aus Berlin. Seine Mentorin Gertrude Stein fragt Ernest Hemingway am 20. Januar 1925 aus dem österreichischen Schruns, wo er mit seiner Frau Hadley und dem einjährigen Sohn John die Winterferien verbringt: Habt Ihr die Januar-Ausgabe vom Querschnitt gesehen? Mit der berühmten Rede von Juan Gris und vielen Abdrucken von Gris. Ich habe die Ausgabe heute erhalten. Sie sieht sehr seriös aus, aber immer noch lebhaft. Wunderschön umgesetzt. Was habt Ihr von Wedderkop gehört? 

Der aufstrebende Schriftsteller begeistert sich immer mehr an dem Monatsmagazin. An Jane Heap schreibt er am 5. April 1925: Wedderkop veröffentlicht meine ganzen obszönen Arbeiten schneller als ich sie schreiben kann. In Deutschland bin ich als der junge amerikanische Heine bekannt. Kaum ein Verleger, den Hemingway so ins Herz geschlossen wie den Deutschen. Der Amerikaner macht sich lustig über ihn, es ist ein gutes Zeichen. Wedderschnitt, persifliert Ernest seinen Verleger, den Wedderschnitt vom Querkopf.

Hermann von Wedderkop wird im November 1875 in Eutin

Loading

Ernest Hemingway und die Nürnberger Prozesse

Ernest Hemingway 1944 im Zweiten Weltkrieg als Korrespondent mit der US-Army. Er bauscht gerne auf: Gibt sich wie ein General, ist jedoch nur Presseberichterstatter. Credit Line: Ernest Hemingway Collection at the John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

Wir besitzen es schwarz auf weiß. „Schriftsteller und Journalisten aus aller Welt wurden während der Nürnberger Prozesse auf Schloss Stein untergebracht. Ernest Hemingway und John Steinbeck lebten auf dem Sitz der Faber-Castells monatelang mit Kollegen aus aller Welt zusammen.“ So steht es im SPIEGEL. Und auch DIE ZEIT lässt Ernest Hemingway nach Nürnberg anreisen: „Ernest Hemingway, John Steinbeck und John Dos Passos reisten an. Sie wohnten etwas außerhalb auf Schloss Stein, dem Sitz der Faber-Castells.“

Egal, wo man hinschaut, Ernest Hemingway war Kriegsberichterstatter als den verantwortlichen Nazi-Verbrechern in Nürnberg der Prozeß gemacht wurde. Und munter werden ziemlich bunte Geschichten erzählt. Die Süddeutsche Zeitung schreibt gar, Hemingway habe sich über die mangelnde Qualität der fränkische Weine ausgelassen. Dabei sei der berühmte Amerikaner, nur mit einem Frottiertuch um die Hüften, im Hotelzimmer, das mit Kollegen geteilt wurde, herumgelaufen.

Wikipedia, Radio, Bücher – für alle war Ernest Hemingway in Nürnberg. Dort, wo zwischen dem 20. November 1945 und dem 1. Oktober 1946, als die Urteile verkündete wurden, die Nazis-Oberen vor dem Gericht der freien Welt zur Verantwortung gezogen wurden. Angeklagt wurden insgesamt 24 Personen als Hauptkriegsverbrecher, unter anderen Hermann Göring, der Chef der Luftwaffe, Rudolf Hess, Hitlers Stellvertreter, die Generäle Jodl und Keitel.

Und Ernest Hemingway sitzt auf der Pressebank und berichtet. Das Ganze hat nur einen kleinen Schönheitsfehler. Es stimmt nicht. Während den Nazis in Nürnberg der Prozess gemacht wurde, befindet sich Ernest Hemingway auf

Loading

Ernest Hemingway in Köln

Die Reiterstatue von Kaiser Wilhelm I an der südlichen rechtsrheinischen Rampe zur Hohenzollernbrücke in Köln.
Foto: © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons).

Ernest Hemingway ist gut unterwegs in Europa. In einem Brief an William D. Horne vom 17. Juli 1923 blickt er zurück: Und wir flogen (von Paris, W.S.) nach Straßburg, und wir wanderten durch den gesamten Schwarzwald und fischten Forellen, wir fingen viele, und wohnten in kleinen Gasthäusern, und wir machten miteinander Liebe, und wir fuhren dann den Rhein entlang von Frankfurt nach Köln und besuchten Chink.

Nach ihrem Schwarzwaldurlaub unternehmen Ernest und Hadley Ende August 1922 von Mainz aus eine lange Schiffsfahrt durch das Rheintal. Und im Frühjahr kann man am Rhein sehr gut Enten jagen. Als wir im vorigen Frühjahr auf dem Rhein von Mainz hinunter nach Köln reisten, begegneten wir Enten in rauen Mengen, schreibt Ernest Hemingway in seinem Artikel Game-Shooting in Europe für den Toronto Star am 3. November 1923. Hemingways Reise fand zwar nicht im Frühjahr statt, sondern tatsächlich im Spätsommer, wir wollen jedoch nicht kleinlich sein, kreative Freiheit.

Die Hemingways passieren den Abschnitt, den die Bewohner als Romantischen Rhein bezeichnen, Rüdesheim, die Burg Katz, den Loreley-Felsen, schließlich erreicht das Ehepaar Koblenz. Von dort geht es weiter, vorbei an den kleinen malerischen Dörfern des Mittelrheins wie Linz und Unkel, bis die beiden Amerikaner schließlich in Köln eintreffen.

Wegen seiner zentralen Lage ist Köln ein Drehkreuz zwischen West und Ost, zwischen Nord und Süd. Über das Rheinland sind die Soldaten an die Westfront marschiert, hierher kommt die geschlagene Armee nach der Niederlage 1918 wieder zurück. Köln wird zur Lazarettstadt, Zerstörung, Not und Hunger beherrschen die Stadt. Der Journalist, der für eine kanadische Tageszeitung schreibt, wäre am liebsten im Grandhotel Excelsior Ernst direkt am Bahnhof untergekommen, dort allerdings haben die britischen Besatzungstruppen ihr Quartier aufgeschlagen. 

Oberflächlich betrachtet erscheint die Rheinmetropole in einem guten Licht. Köln selbst macht einen wohlhabenden Eindruck, schreibt er in einem Artikel für den Toronto Daily Star vom 9. Mai 1923. Die Schaufenster glänzen. Die Straßen sind sauber. Doch wirtschaftlich und moralisch liegt das Rheinland am Boden. Land und Region befinden sich in Unruhe, auf die Hohenzollern entlädt sich die Wut der Bevölkerung. Wilhelm I und II haben unsägliches Elend über Deutschland gebracht. Das Vermögen der Deutschen ist in den Kriegsanleihen des Kaisers verpulvert, das Land liegt in Trümmern, man hat sie in eine Schlacht geschickt, die noch sinnloser war als die meisten Kriege.

Der 23-jährige Hemingway kann als Vertreter der Siegermacht die angenehmen Seiten des Währungsverfalls ausleben. An die Familie in Chicago schreibt er am 25. August 1922 einen enthusiastischen Brief: Mit 62 Mark kann man sechs Bier im Krug kaufen. Zehn Tageszeitungen. Fünf Pfund Speiseäpfel, oder eine Eintrittskarte fürs Theater. Ich versuche, Euch das nächste Mal etwas von dem schmucken Geld zu schicken. Die Deutschen haben einige Geldscheine, die sehr schön sind. Ich habe ein paar für Euch zurückgehalten, musste sie dann aber doch ausgeben. Ernie.

Die Rampen der Dombrücke werden von Monumenten preußischer Könige und deutscher Kaiser flankiert. Die rechtsrheinische Reiterstatue von Kaiser Wilhelm I. und das linksrheinische Reiterstandbild von Wilhelm II. symbolisieren das Zeitalter der verhassten Hohenzollern-Herrscher in der Rheinprovinz. Ernest Hemingway informiert darüber im Toronto Star Weekly am 30. September 1922 aus der Domstadt. Riots are Frequent Throughout Germany lautet die Überschrift seines Artikels.

Ein paar Tage vor Hemingways Ankunft haben die Kölner ihren ehemaligen Kaiser vom Sockel stürzen wollen. Die riesige Reiterstatue von Kaiser Wilhelm, die auf der Kölner Seite der schönen Hohenzollernbrücke über den Rhein steht, weist alle Spuren eines kürzlichen Vorfalls auf, als Deutsche zeigten, was noch in ihnen steckte. Die beiden Mauervorsprünge an Wilhelms mächtigen Eisenstiefeln waren abgebrochen und die Klinge seines Schwertes ist verschwunden. All das wurde zerschlagen, als einige Kölner versuchten, die gewaltige Statue umzustürzen. Es war ein Handgemenge, das als Revolution angelegt war und als kleiner Tumult endete.

Ein Polizist, der versucht die Verwüstung des Denkmals zu stoppen, wird von der Menge ohne lange zu fackeln in

Loading

Ein deutscher Chefredakteur entdeckt den unbekannten Ernest Hemingway

Der Querschnitt
Der Querschnitt berichtet weniger über das turbulente Zeitgeschehen und die althergebrachte Kultur, sondern über avantgardistische Kunst. Jazz und Zeitgeist, Boxsport und Metropolenklatsch, Dadaismus und künstlerische Aktfotos – das sind die Schwerpunkte der Zeitschrift.

Im Berlin der Weimarer Republik erscheint seit 1921 eine kleinformatige Kulturzeitschrift mit dem merkwürdigen Namen Der Querschnitt. Gegründet hat sie der Kunsthändler Alfred Flechtheim, zunächst als Mitteilungsblatt seiner Galerie. Mitte der 1920er Jahre übernimmt der renommierte Verleger Hermann Ullstein mit seinem etablierten Propyläen Verlag das Magazin, die Erscheinungsweise wird auf Monatsrhythmus erhöht, die Auflage steigt auf 10.000 Exemplare.

Chefredakteur und Herausgeber wird ab 1924 der Schriftsteller und Übersetzer Hermann von Wedderkop, der einen scharfen Blick besitzt auf die künstlerische Avantgarde. Wedderkop fördert frische Talente mit lebensnahen Themen und realistischem Stil. Aus Paris angeboten wird das Manuskript eines gänzlich unbekannten 25-jährigen US-Amerikaners veröffentlicht. In Heft 6, dem Sommerheft des Jahres 1925, schreibt ein Ernest Hemingway über Stierkampf. Im darauf folgenden Heft 7, vom Juli 1925, findet sich der zweite Teil der Erzählung.

Die Kurzgeschichte mit gut 30 Seiten, von B. Bessmertny übersetzt, handelt von dem abgehalfterten Torero Manuel Garcia. Der ehemals berühmte Matador erhält das Angebot, gegen ein Gnadenbrot einen letzten Stierkampf zu bestreiten. Im Verlauf der Corrida wird Garcia von dem Stier mehrfach verwundet, kann dem Bullen aber letztendlich den Todesstoß versetzen. Schwer verletzt wird Manuel Garcia von den Helfern aus der Arena getragen und in ein Krankenhaus gebracht.

Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist QuerInhalt.jpg

Jeden Monat überrascht Der Querschnitt als Wundertüte mit einem wilden Mix an Themen, von innovativen Autoren geschrieben. Heft 6 des Jahres 1925 druckt eine Kurzgeschichte des unbekannten Ernest Hemingway.

Nach dem Abdruck in Der Querschnitt tritt Hemingways Short Story über den Torero Manuel Garcia unter dem Titel The Undefeated (zu Deutsch Der Unbesiegte) ihren Siegeszug um den Globus an. Diese typische Hemingway-Erzählung wird in der Winter-Ausgabe 1925/1926 des Pariser Literaturmagazins This Quarter veröffentlicht und schließlich 1927 als Buch in der Sammlung Men Without Women (Männer ohne Frauen) in New York herausgegeben. Der Name Ernest Hemingway beginnt zu leuchten.

Gerade in den Jahren 1924 und 1925, es sind Ernest Hemingways mühevolle Lehrjahre in Paris, taucht der Amerikaner aus Chicago wiederholt in den Spalten der Berliner Kulturzeitschrift auf. Zwar hat er in den Monaten zuvor in zwei Pariser Kleinstverlagen veröffentlicht, sie gehören Expat-Freunden von ihm, in einem großen Haus wie Ullstein ist allerdings noch nichts gedruckt worden. Auch in seiner Heimat

Loading

Im Hürtgenwald verzweifelt Ernest Hemingway am Krieg

Mit der Kriegsverherrlichung des Ernest Hemingway hat es ein Ende nach dem Abschlachten im Hürtgenwald bei Aachen.

Für das amerikanische Wochenmagazin Collier’s hat Ernest Hemingway von der Landung in der Normandie berichtet und über die Befreiung von Paris geschrieben. Nun steht der berühmte Kriegskorrespondent an der deutschen Westfront, wo die US-Truppen vom heftigen Widerstand der Wehrmacht überrascht werden. Die Siegfried-Linie ist überwunden, doch der Hürtgenwald zwischen Aachen und Düren wird im Winter 1944/1945 eine der blutigsten Schlachten des Zweiten Weltkriegs erleben.

Die Verluste auf beiden Seiten sind erschreckend, in dem unübersichtlichen Waldgebiet fallen die Soldaten zu Tausenden. Wir bekamen Ersatz, aber ich kann mich erinnern, dass ich dachte, es wäre einfacher und zweckdienlicher, sie direkt in der Gegend zu erschießen, wo man sie auslud, anstatt den Versuch zu machen, sie von dort, wo sie getötet werden würden, zurückzuschaffen und zu begraben. Die Kriegsverherrlichung des Ernest Hemingway weicht im Hürtgenwald zunächst einem kalten Zynismus.

Nach achtzehn Tagen an der Front des Hürtgenwaldes kehrt der Schriftsteller Anfang Dezember 1944 zurück nach Paris, desillusioniert und krank, eine Lungenentzündung plagt ihn, er macht sich schnell auf in die USA, von dort zu seinem Wohnort Finca Vigía. In Kuba angekommen, fällt Ernest Hemingway in eine tiefe Depression. Der Hürtgenwald ist das nackte Grauen gewesen, weit jenseits der Grenze dessen, was der Mensch dem Menschen antun darf. Wenn für die Brutalität, weil sie jede menschliche Vorstellungskraft sprengt, auch die Worte fehlen, dann braucht es einen literarischen Großmeister, um das Geschehen für die Nachwelt in Sätze zu fassen. 

Und so erwartet nun alle Welt von Ernest Hemingway den großen Anti-Kriegsroman, einen Roman, in dem er abrechnet mit all dem Terror und Völkermord. Doch von Ernest Hemingway kommt nichts. Im Jahr 1950 erscheint eine nette Erzählung, Across the River and into the Trees, in dessen Mittelpunkt der amerikanische Kriegsveteran Richard Cantwell steht. Colonel Cantwell, der beide Weltkriege mitgemacht hat, trifft im Gritti seine junge Geliebte, die wunderschöne Venezianerin Contessa Renata. Der Colonel ist krank, verbittert und kriegsmüde. 

Als Über den Fluss und in die Wälder erscheint, da halten nur wenige Literaturkritiker das Werk für gelungen. John Dos Passos, der Freund, schreibt ernüchtert über das Werk: „Wie kann ein einfühlsamer Mann wie er nur solch einen Scheißdreck zu Papier bringen?“ Dos ist nicht der einzige, der mit dem Roman über Venedig und die Lagune wenig anfangen kann. Der Geschichte um den Oberst Cantwell und die Contessa Renata wird bei Kritik und Lesern als zu geschwätzig und zu gekünstelt abgetan. Seine Leser nehmen die Erzählung als Enttäuschung wahr, Ernest zeigt sich gekränkt.

Trotz einiger Schwächen besitzt

Loading

Ernest Hemingways Bücher werden verbrannt

Ernest Hemingways Anti-Kriegsroman In einem andern Land wird von den Nazis im Jahr 1933 öffentlich verbrannt.

Die Bücherverbrennung in Deutschland am 10. Mai 1933 ist eines der ganz dunklen Kapitel deutschen Kulturlebens. Es sind deutsche Studenten gewesen, die nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im März 1933 in einer genau geplanten und emotional inszenierten Darbietung die Werke von kritischen Schriftstellern ins lodernde Feuer werfen.

Die Bücher von pazifistischen, linken und jüdischen Autorinnen und Autoren werden auf dem ehemaligen Berliner Opernplatz und in 21 weiteren deutschen Universitätsstädten unter dem Gejohle der Zuschauer verbrannt. In München findet das abscheuliche Spektakel gleich zweimal statt, am 6. und 10. Mai, jedes Mal auf dem riesigen Königsplatz.

Die Bücher von Joseph Roth, von Anna Seghers, von Carl von Ossietzky, von Ernst Toller, von Erich Maria Remarque, von Oskar Maria Graf, von Bert Brecht, von Joachim Ringelnatz, von B. Traven, von Lion Feuchtwanger, von Alfred Döblin, von Klaus Mann und von vielen anderen werden den Flammen übergeben. Auch die Bücher von Erich Kästner werden verbrannt.

Erich Kästner ist der einzige, der die Verbrennung der eigenen Bücher beobachtet: „Im Jahre 1933 wurden meine Bücher in Berlin auf dem großen Platz neben der Staatsoper von einem gewissen Herrn Goebbels mit düster-feierlichem Pomp verbrannt. Vierundzwanzig deutsche Schriftsteller, die symbolisch für immer ausgetilgt werden sollten, rief er triumphierend bei Namen. Ich war der einzige der vierundzwanzig, der persönlich erschienen war, um dieser theatralischen Frechheit beizuwohnen. Ich stand vor der Universität, eingekeilt zwischen Studenten in SA-Uniform, den Blüten der Nation, sah unsere Bücher in die zuckenden Flammen fliegen und hörte die schmalzigen Tiraden des kleinen abgefeimten Lügners. Begräbniswetter hing über der Stadt.“

Die Bücherverbrennung beschränkt sich nicht auf deutschsprachige Autoren. Auch die Werke von modernen französischen, russischen und amerikanischen Schriftstellern wie André Gide, Maxim Gorki, Jack London und John Dos Passos werden auf den Scheiterhaufen geworfen. Und ebenso die Bücher des Ernest Hemingway.

Die Nazi haben damals sein Buch In einem andern Land verbrannt. Im Jahr 1929 als A Farewell to Arms in den USA erschienen, verarbeitet Ernest Hemingway seine Erlebnisse an der italienischen Front während des Ersten Weltkriegs. Neben dem Kriegsschauspiel erzählt

Loading

Ernest Hemingway und seine deutsche Übersetzerin

Annemarie Horschitz-Horst war über Jahrzehnte Ernest Hemingways Echo in die deutschsprachige Welt

Die Übersetzerin Annemarie Horschitz-Horst, die Ernest Hemingways Prosa über Jahrzehnte ins Deutsche übertragen hat, ist unter Kennern der Materie umstritten. Die Vorwürfe an sie sind nicht ohne: Ihre Übersetzung sei oft falsch und oberflächlich, sie treffe diesen lakonischen Tonfall von Ernest Hemingways Prosa nicht immer.

Handwerklich würde es hapern, so habe die Übersetzerin die hemingway’schen Adjektive beautiful, fine, lovely und wonderful allesamt mit wunderbar übersetzt. Den gossensprachlichen Fluch Son of a bitch schwächt sie verharmlosend zu einer verdammten Person ab. Und wo bei Ernest Hemingway ein Liebespärchen kurz und knackig make love machen, da geben sie sich bei Frau Horschitz-Horst etwas gewunden der Liebe hin.

Der Marlin aus Der alte Mann und das Meer, eigentlich ein Blaumarlin, wird in einer deutschen Übersetzung gar zum Schwertfisch, wo doch in Wirklichkeit ein Marlin als Raubfisch der Familie der Speerfische zugehörig ist. Wenn man sich als Übersetzer an Ernest Hemingway herantraut, dann muss man mit der Fauna, speziell den Fischen und Stieren, den Angler-Begriffen, dem Fischer-, Ganoven- und Säufer-Slang, und dazu am besten noch mit dem Spanischen und mit dem kubanischen Spanisch auf Du und Du stehen.

Ich sehe die Vorwürfe nicht gar so kritisch. In meinen Augen hat Annemarie Hulda Julie Horschitz-Horst, so ihr vollständiger Name, den Ernest Hemingway fundiert, in manchen Passagen sogar großartig in die deutsche Sprache übertragen. Frau Horschitz-Horst hat ihre Sache gewiss recht ordentlich gemacht, zumal vor 70 Jahren. Man darf nicht vergessen, wie schwierig es ist, die knappe Prosa vom Amerikanischen ins wortlängere Deutsche zu übersetzen. Und besonders diese einfache Prosa Ernest Hemingways ist irrsinnig schwer zu übersetzen.

Seinen berühmten Ausspruch aus Der alte Mann und das Meer, jene Botschaft, dass ein Mensch nicht aufgeben darf, ‚But a man is not made for defeat‘, he said. ‚A man can be destroyed but not defeated‘ übersetzt Frau Horschitz-Horst mit ‚Aber der Mensch darf nicht aufgeben‘, sagte er. ‚Man kann zerstört werden, aber man darf nicht aufgeben‘. In einer neuen überaus gelungenen Übersetzung von Werner Schmitz heißt die Passage nun: ‚Aber der Mensch ist nicht dafür gemacht, sich besiegen zu lassen‘, sagte er. ‚Man kann einen Mann vernichten, aber nicht besiegen‘. Dieter E. Zimmer übersetzt im Jahr 1979 den Ausspruch auf den Punkt als ‚Ein Mann kann zerstört werden, aber nicht besiegt‘.

Man sieht, es kommt bei Ernest Hemingways knapper Prosa auf feinste Nuancen an, eine sorgsame Übersetzung dreht sich schon in Richtung

Loading

Seite 4 von 5

Präsentiert von WordPress & Theme erstellt von Anders Norén

Neuerscheinung:
364 Seiten, BoD-Verlag
12,99 € (Paperback),
8,99 € (E-Book)
ISBN: 9783751972567
zu beziehen über jede Buchhandlung
oder online bei
amazon (hier klicken)