
Spanien ist sein Land. Klima, Bräuche, die manchmal etwas aus der Zeit gefallenen, aber ehrlichen Traditionen, der Wein, die Gastronomie. Spanien ist damals ein Staat von erzkatholischer Prägung. Regiert von einem faschistischen Diktator, der sich an die Macht geputscht hat. Wo keine Meinungsfreiheit herrscht, wo seine Werke verboten sind, wo die Frauen kein Bankkonto eröffnen und sich nicht scheiden lassen dürfen und wo politische Gegner im Gefängnis laden. Trotzdem fühlt er sich wohl in Spanien.
Ernest Hemingway sieht über diese schrecklichen Zustände hinweg. So groß ist die Liebe. Der feiste Diktator und dessen Sippschaft fechten ihn wenig an. Er hält Abstand und blendet aus. Die freudigen Gefühle erweisen sich als stärker: Seine Seele wird froh in Spanien. Vor allem mag er hier die Menschen. Männer und Frauen mit unverstellter Neugier, mit ausgelassener Lust am Leben und mit einem geerdeten Umgang in den Dörfern und auf den Plätzen. Spanien ist – von Herz und Seele – sein Land. Denn Spanien ist so wie er.
Der Sommer 1959 wird zu einem Höhepunkt seines Lebens. Ein letzter. Da kann Ernest Hemingway noch Dutzende Stierkämpfe genießen, es macht ihm wenig aus, wochenlang von Stadt zu Stadt zu ziehen, er genießt seine Clique um sich, er poussiert mit Frauen, die vierzig Jahre jünger sind als er. Der 60-Jährige ist entzückt von dem üppigen Essen, von den herrlichen Fischgerichte und von dem guten Rotwein. Spanien ist, eigentlich wie immer, sein Herzensland.
Ein Jahr später sieht es ganz anders aus. Wenn man kurz vor dem Ende steht, kann man sich nichts mehr vormachen. Anfang August 1960 fasst Ernest Hemingway einen Entschluss, der in seiner Umgebung auf Unverständnis stößt. Der Schriftsteller will so schnell wie möglich weg aus den USA. Seine seelische Leere muss er auffüllen, wenn es überhaupt weitergehen soll. Kurzentschlossen nimmt der gebrechliche Autor, gegen den Rat seines Arztes und seiner Ehefrau Mary, von New York aus den TWA-Nachtflug nach Madrid.
Diesmal fliegt er ganz alleine, Miss Mary bleibt in ihrer neuen Appartementwohnung in Manhattan. Normalerweise reist der Nobelpreisträger immer in Begleitung, meist sind Freunde oder seine Frau dabei. Am 5. August 1960 kommt der Schriftsteller in Spanien an und wird direkt zur Finca La Cónsula in Churriana im Norden von Málaga gefahren. Ernest bekommt wie im Vorjahr sein Eckzimmer auf der oberen Etage über dem Schwimmbad.
Seine Rückkehr nach Spanien wird zu einem letzten Aufbäumen. Zwischen Bilbao und Cádiz findet ein ausgebrannter Ernest Hemingway seine heile Welt, sein andernorts versinkendes Paradies, mit der sinnenfreudigen Lebensart, mit dem Stierkampf, dem guten Essen. España es el último buen país, diktiert Hemingway einem einheimischen Journalisten ins Notizbuch. Spanien sei das letzte gute Land.
Ernesto freut sich, die vertrauten Freunde auf La Cónsula wiederzusehen. Am liebsten möchte er für immer in Andalusien bleiben und die Zeit zurückdrehen, er sehnt sich danach, nochmals solch ein wilder und zäher Bursche wie früher zu sein. Der alte Ernest Hemingway trauert in Spanien seiner verlorenen Jugend nach. Möglicherweise sucht er auch nach jenem inneren Frieden, den es für einen Abgang braucht.
Die Erinnerung an die guten Tage bleibt ein letzter Strohhalm. Der von aller Welt gefeierte Schriftsteller ist offensichtlich am Ende. Jeder sieht und merkt es. In wenigen Monaten ist er stark gealtert. Seine Körper besteht nur noch aus Haut und Knochen. Mit den alten Freunden spricht er wenig, wenn es eben geht, vermeidet er jeden tiefergehenden Kontakt. Der sonst so lebensfrohe Ernest Hemingway reagiert durchweg mit Verweigerung, sobald seine Umgebung versucht, ihn aufzumuntern.
Auch das Reisen fällt ihm schwer. In Madrid schließt er sich ein in sein Zimmer des Hotel Suecia und verlässt es tagelang nicht. Der Schriftsteller verfällt in eine manische Antriebslosigkeit. Er weilt nun schon seit zwei Monaten in dem Land und wird zunehmend apathisch und verwahrlost immer mehr. Er fühlt, das Ende ist nicht weit. Tief im Herzen spürt er, wenn er Spanien Adiós sagen muss, dann auch dem Leben.
In Wirklichkeit weiß der bärtige Autor, mit dieser Reise im Spätsommer 1960 nimmt er endgültig Abschied von seinem geliebten Spanien. Von jenem Land, das er so liebt wie kein anderes. Von Spanien, das zeit seines Lebens seine Heimat gewesen ist, jedenfalls wenn die
![]()













