Auf den Fersen von Ernest Hemingway

Autor: Wolfgang Stock Seite 1 von 47

Welche Frau war die beste Mrs. Hemingway?

3. Pauline Pfeiffer - der kleine Irrtum
Pauline Pfeiffer. Der burschikose Typ. Steinreich. Die Mutter zwei seiner Söhne. Er fühlt sich ausgehalten und eingeengt.
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Vor genau 100 Jahren: Ernest Hemingway fährt mit dem Orient-Express in die Türkei

Irgendwie erscheint Ernest Hemingway verloren in dieser ihm unbekannten Welt. Istanbul, das damals Konstantinopel hieß. Foto: W. Stock, Februar 2020

Im Gare de Lyon besteigt Ernest Hemingway am Abend des 25. September 1922 den Orient-Express, einen Luxus-Zug aus Schlaf- und Speisewagen, der seit 1883 Paris mit Konstantinopel verbindet. In Europa wird mehr gereist, komfortable Verbindungen ohne lästiges Umsteigen werden von der anspruchsvollen Kundschaft verlangt. Gerade der Orient-Express steht für diesen hochwertigen Fortschritt in der abendländischen Zivilisation.

Nach dem Ersten Weltkrieg fährt der Simplon-Orient-Express täglich die neue südliche Route über Lausanne, durch den Simplon-Tunnel von der Schweiz nach Italien, dann Mailand, Venedig, Triest nach Zagreb, Belgrad, Sofia bis nach Konstantinopel. Die türkische Metropole am Goldenen Horn ist das Tor zum Orient, das nach der Revolution des Kemal Atatürk bis heute Istanbul heißt. 

Als Reporter des Toronto Daily Star soll Ernest Hemingway für seine Zeitung Artikel über die Friedensverhandlungen zwischen Türken und Griechen schreiben. Mit den Friedensverhandlungen läuft es gut, mit dem Schreiben weniger. Der US-Autor bleibt lange in seinem Hotelzimmer, er ist erkrankt, und er nimmt nur wenige Pressetermine wahr. Er vermisst seine Ehefrau Hadley, die in Paris geblieben ist.

Der amerikanische Korrespondent für den Toronto Daily Star schreibt in der Metropole am Bosporus wenig. Zwei Artikel in den ersten zehn Tagen, das ist erstaunlich schwach für Ernest Hemingway. Die Artikel für die kanadische Tageszeitung bilden eigentlich keine große Herausforderung für ihn, er speist sie überwiegend aus den westlichen Quellen vor Ort.

Doch die Widrigkeiten in der Grenzlage zwischen Morgen- und Abendland werden zu einer unerwarteten Herausforderung für den Amerikaner. Gesundheitlich geht es ihm von Tag zu Tag schlechter. Mit hohem Fieber lässt er sich

Das Paradies liegt in Trümmern

Der einst legendäre ‚Cabo Blanco Fishing Club‘ verfällt immer mehr zum Geisterhaus am blauen Pazifik Perus. Cabo Blanco, im März 2016.

Im Oktober 1968 ist Schluss mit lustig. Auf einen Schlag findet die Existenz des Cabo Blanco Fishing Clubs ihr Ende, das exklusive Anwesen am Pazifik muss seine Pforten für die Sportangler schließen. Im März 1954 haben die Mitglieder die Eröffnung ihres edlen Klubs voller Zuversicht gefeiert, doch mehr als 14 Jahre sind dem Fishing Club an der Nordküste Perus nicht vergönnt. Die politische Großwetterlage in dem Andenstaat lässt das extravagante Freizeitvergnügen nicht mehr zu. 

Im Morgengrauen des 3. Oktober 1968 klingeln putschende Offiziere im Präsidentenpalast an der Plaza de Armas in Lima den gewählten Präsidenten Fernando Belaúnde Terry, einen rechtschaffenen bürgerlichen Herrn, aus dem Bett. Sie nehmen den im Volk beliebten Mittfünfziger in seinem Morgenmantel in Gewahrsam und zwingen den liberalen Politiker ins Exil nach Argentinien. Mit dem Putsch der linken Generäle wird in Peru nicht nur der Demokratie, sondern zugleich dem Cabo Blanco Fishing Club der Garaus bereitet. 

Auf den Sturz des Präsidenten Belaúnde Terry folgen zwölf dunkle Jahre. Für protzige Späße wie jene, die im Fishing Club veranstaltet werden, ist in den revolutionären Phantasiegebilden der Obristen kein Platz vorgesehen. Die Militärherren des Generals Juan Velasco Alvarado verstaatlichen die US-amerikanische International Petroleum Company und die englische Lobitos Oil, die Gegend am Pazifik rund um die Bohrtürme erklärt man kurzerhand zu militärischem Sperrgebiet. Die Zufahrt nach Cabo Blanco wird von der Armee bereits hinter El Alto gesperrt, der Fishing Club ist von der Außenwelt abgeschnitten.

Im Putschmonat Oktober stellt der Cabo Blanco Fishing Club die Aktivitäten für seine Mitglieder offiziell ein. In Anbetracht der aufgewühlten Stimmung im Lande würde die Fortführung eines solch elitären Klubs, der zudem von ausländischen Gesellschaftern geprägt ist, mit der Gefahr für Leib und Leben einhergehen. Zwar versucht der Klubpräsident Enrique Pardo Heeren ein halbes Jahr später, im April 1969, andere Teilhaber, Einheimische und Peruaner mit Verbindungen, für das Unternehmen zu gewinnen. Mit dem Ziel, den Fishing Club als Tourismus-Dienstleister neu zu positionieren. Enrique Pardo kämpft um den Klub, doch gegen die revolutionär aufgeheizte Agitation im Land ist nicht anzukommen. 

Die Militärjunta in Lima verfolgt eigene Pläne. Der neue Präsident Juan Velasco Alvarado stammt aus dem nahen Piura, der Vater hat in Talara als Lehrer gearbeitet, der linksgerichtete General kennt sich in der Gegend bestens aus. Sein Obristenregime will den Cabo Blanco Fishing Club zu einem Treffpunkt für die politischen und militärischen Funktionärskader des Landes umgestalten. Doch aus dem schönen Plan wird nichts, niemand kümmert sich so richtig um das Anwesen. 

Nach den Militärs kommen die Ratten. Das Interieur des Klubhauses wird geplündert, die Boote im Hafen verlottern, die ganze Anlage verfällt. Im Jahr 1970 lässt Klubpräsident Enrique Pardo Heeren den Cabo Blanco Fishing Club schließlich aus dem öffentlichen Register streichen. Zermürbt von zahlreichen Anfeindungen, er selbst hat die im Familienbesitz befindlichen Zuckerrohrfarmen in Tumán durch Enteignung verloren, gibt der

Die Rettung eines Neulings namens Ernest Hemingway

Ein aufstrebender Autor, zunächst ohne Fortüne. Ernest Hemingway, auf einem Passfoto aus dem Jahr 1923.

Seit Dezember 1921 lebt der 22-jährige Ernest Hemingway in Paris, es sind mühevolle Lehrjahre. Die Stadt an der Seine ist in jener Zeit eine Metropole im Aufbruch. Autoren, Maler und Komponisten auf der Suche nach neuen Ideen zieht es in die Quartiers der Intellektuellen, zudem inspiriert die Lebenslust der Franzosen einen mit den puritanischen Werten des Mittleren Westens aufgewachsenen Amerikaner.

Materiell reiht sich der junge Mann aus einem Vorort von Chicago ein in das Heer mittelloser Schriftsteller aus aller Welt, oft verkrachte Existenzen, die nicht wissen, woher sie das Geld für die nächste Miete nehmen sollen. Erst vor kurzem hat der freie Korrespondent des Toronto Star in Michigan seine Liebe Hadley Richardson geheiratet, mit einer kleinen Erbschaft von ihr kommt das junge Ehepaar mehr schlecht als recht über die Runden. Ernest und Hadley wohnen in einer bescheidenen Unterkunft an der Rue du Cardinal-Lemoine, am Place de Contrescarpe in Montparnasse. Es ist ein graues Appartement im dritten Stock, ohne warmes Wasser und mit Abort im Treppenhaus.

Zwar hat der Autor mit dem frischen Stil, Eisberg wird man seine lakonische Art zu schreiben nennen, bereits in zwei Pariser Kleinstverlagen veröffentlicht. Doch diese Schriften sind wenig mehr als Privatdrucke seiner Expat-Freunde Robert McAlmon und Bill Bird. Von seinem Erstling Three Stories and Ten Poems befinden sich im Jahr 1923 gerade einmal 300 Exemplare in Umlauf. Der Reporter, der von einer Zukunft als Schriftsteller träumt, schaut sich um nach einem zahlungskräftigen Verlag. Doch der bleibt weit und breit nicht auszumachen.

Der junge Familienvater, Sohn John wird im Oktober 1923 geboren, erhält von Verlagshäusern aus den USA eine Absage nach der anderen. Damit hat er nicht gerechnet, den Kerl mit dem riesigen Ego übermannen in Paris Selbstzweifel und Depressionsschübe. Seine Frau versucht, ihn wieder aufzurichten. Hadley glaubt an mich und das ist mehr als genug, um den Schmerz der Absagen zu überbrücken. Das Schreiben der Stories ist schon schwer genug gewesen, aber noch schwerer war, dass sie abgelehnt wurden. Voller Unsicherheit beginnt er, sich als Autor in Frage zu stellen.

Noch Monaten später hat Ernest Hemingway in seinem Heimatland kein Periodikum gefunden, das seine Kurzgeschichten und die ungewöhnlichen Stories über Spanien drucken will. Jede angesehene Zeitschrift und auch die verrufenen Magazine haben die Stierkampf-Story abgelehnt. Es sei eine großartige Geschichte, aber sie können sie nicht veröffentlichen, erklärt der Newcomer resigniert in einem Brief an seinen Kollegen Ernest Walsh. Die Story sei zu hart für die Leser.

Seine Entscheidung, den freien Korrespondentenvertrag mit der kanadischen Tageszeitung aus Toronto zu kündigen, um sich ganz und gar als Buchautor zu versuchen, bringt die dreiköpfige Familie mehr und mehr in Bedrängnis. Seit ich mit dem Journalismus Schluss gemacht habe, kommt kein Geld mehr rein.

Doch die Rettung naht, wenn auch von unerwarteter Seite. Ein

Jack Kerouac: Ernest Hemingway holt vor Schmerz Luft

Jack Kerouac, Desolation Angels, 1964

Manchmal sah ich nachts meine arme Mutter im Schlaf an, die dort in der amerikanischen Nacht grausam ans Kreuz genagelt war, weil es kein Geld gab, keine Hoffnung auf Geld, keine Familie, kein nichts, nur ich selbst, der dumme Sohn mit Hoffnungen, alles zusammengepresst zu einer schlussendlichen Düsterwelt. Mein Gott, wie recht Hemingway doch hatte, als er sagte, es gebe kein Heilmittel für das Leben – und daran zu denken, dass kleine Zettel-Spießer herablassende Nachrufe über einen Mann schreiben würden, der die Wahrheit sagte, nein, der vor Schmerzen Luft holte, um solch eine Geschichte zu erzählen! 

Hundert Möglichkeiten, Ernest Hemingway falsch zu schreiben

Ernesto Hemingway auf seiner Farm Finca Vigia, San Francisco de Paula, Kuba.
Credit Line: Ernest Hemingway Collection. John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

Wenn man in den Datenbanken und auf den Online-Flohmärkten nach alten Fotos und Material von und über Ernest Hemingway fahndet, dann kennt man das Phänomen. Nicht selten wird der Name des US-Amerikaners aus Chicago falsch geschrieben. Deshalb sollte man als Fahnder auch diese Falschschreibungen in der Google-Suchanfrage berücksichtigen. 

Bei einem Blick auf die aktuellen SEO-Daten von Hemingwayswelt.de bin ich dem Problem vor kurzem erneut begegnet. Wenn man die korrekte Schreibung Ernest Hemingway eingibt, wird man leicht auf dieses Portal gestossen. Doch selbst wenn man falsch schreibt, dann reagiert die dumme Maschine klug. Früher oder später wird der Algorithmus auf dieses Blog verweisen.

Hier nun aus den letzten Tagen ein paar typische Falschreibungen aus der Google-Suche, die dann auf meinem Portal gelandet sind: 

  • Ernest Hemmingway
  • Ernst Hemingway
  • Earnest Hemingway
  • Ernest Hemmungway
  • Ernest Hemmingeay
  • Ernest Hamingway
  • Ernest Henningway
  • Ernest Hemongway


Sicherlich gibt es Hunderte Möglichkeiten, Ernest Hemingways Namen orthographisch falsch zu schreiben.

Irgendwie beschleicht mich das Gefühl, man könnte gar Ernest Ham eingeben, die Maschine würde erkennen, wer gemeint ist. Und tatsächlich ist es so, wie die Probe aufs Exempel beweist.

Die Berühmtheit dieses Autor ist allmächtiger als jeder Lapsus bei der Eingabe ins Suchfeld. Allerdings finde ich auch Falschreibungen, die so falsch dann wiederum

Ein Wegbereiter der Moderne: Die Hemingway-Rebellion

Ernest Hemingway in Spanien, in der Nähe von San Ildefonso, im Jahr 1959.
Credit Line: Ernest Hemingway Collection. John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

Die Pionierleistung des Ernest Hemingway für die Weltliteratur darf nicht unterschätzt werden. Sein Wirken kommt einer Revolution gleich, sein Erzählstil hallt als mächtige Neuerung bis heute nach. Im Management-Deutsch würde man sagen: Seine Art zu schreiben ist eine Sprunginnovation. Dieser Ernest Hemingway hat, zu Anfang der 20. Jahrhunderts, einen neuen Ton in die Sprache der Weltliteratur gebracht. Eine neue Melodie und einen neuen Rhythmus.

Dieser sehr geerdete Mann wird das Kommando übernehmen als ein Avantgardist im besten Sinne des Wortes. Er verhilft in vorderster Linie der Moderne zum Durchbruch. Bis zur Jahrhundertwende schwang das Charles Dickens-Geschwurbel in all seinen Spielarten nach. Lange Sätze, mit viel Flitterkram und plüschigen Schäfchenwolken. Wörter, Sätze und ein Ambiente, die das Gebildetsein seines Autors und damit auch des Lesers unterstreichen sollten. In einem Begriff: Aristokraten-Literatur.

Doch dann tritt Mitte der 1920er Jahre ein Autor mit genug Ecken und Kanten auf. Den letzten Schliff holt sich Ernest Hemingway im putzmunteren Paris. Dieser suchende Mann wird hernach zum literarischen Vorkämpfer einer ganzen Generation, die man nach dem Ersten Weltkrieg schon als lost generation abgeschrieben hat. Doch mit dem Journalisten aus Chicago kommt ein neuartiger Touch in die erzählerische Prosa.

Dieser Bursche, der rund um den Michigan-See im Mittleren Westen der USA aufgewachsen ist, wird keiner für den Elfenbeinturm. Sondern ein unangepasster Abenteurer, den es mit wachen Augen hinaus in die Natur und die Welt zieht. Er entwickelt von Anfang an eine neue Art zu schreiben, und sein schnörkelloser Stil wird einer neuen Epoche die Bahn brechen.

Zwischen Dickens Tod und Hemingways Geburt liegen 29 Jahre, eine ganze Generation. Die Zeit drängt. Dieser eigenwillige Autor macht Schluß mit der Affektiertheit und dem Gekünstelten der viktorianischen Welt. Dieser richtungsweisende Neuerer beschränkt sich in seinen Werken auf eine einfache Syntax. Hauptsatz, dann nächster Hauptsatz. Die Sätze: kurz, einfach und geradeaus.

So erzeugt Ernest Hemingway einen klaren Rhythmus mit großer Wiedererkennung. Durch diesen kurzen Rhythmus erhalten Hemingways Sätze Tempo. Der Leser wird nicht wie bei der Plauderei der Dickens-Epigonen in einer Blase eingelullt, eher im Gegenteil. Der Leser kriegt kaum Zeit zum Luftholen. Er wird von der Rasanz der Satzmelodie in den Bann gezogen.

Lakonik und Zurückhaltung kann allerdings nur bei Exaktheit und Authentizität funktionieren. Sonst rutscht die Sprache ab ins Lapidare und der Text ins Unglaubwürdige. Davor jedoch bleibt dieser Nobelpreisträger in seinen guten Jahren gefeit. Weil er sich seine Themen von der Straße holt oder von seinen Reisen. Und weil er treffsicher zu beobachten weiß. Der Sohn eines Arztes setzt seine Sprache präzise wie ein Chirurg.

Ernest Hemingway kämpft beim Schreiben um jedes Wort. Manchmal überlegt er einen ganzen Vormittag auf seiner kubanischen Farm Finca Vigía, weil ihm das richtige Wort nicht einfallen will. Le mot juste, er hat diese Präzision von den großen französischen Poeten in Paris abgeschaut, keine schlechte Schule. Jedes Wort muss sitzen. Ein falsches Wort – und die Melodie und der Rhythmus des Satzes werden zerstört.

Ernest Hemingway hat – überspitzt gesprochen – die Literatur der Oberschicht entrissen und der Mittelschicht übergeben. Ein Rebell, der Ballast abwirft, in der Tradition der Boston Tea Party, literarisch natürlich. Es ist kein Zufall, dass ein US-Amerikaner den

Revolution: Charles Dickens vs. Ernest Hemingway

So froh begann ein herzerfrischender Frühwintertag, einer von denen, die die erschlaffenden Sommertage – so nennt man sie, wenn man sie nicht hat – zuschanden machen und den Frühling beschämen, weil sie bisweilen nur halb so kalt sind. Die Schafglöckchen klangen so klar durch die kräftige Luft, als fühlten sie deren wohltuenden Einfluss wie lebende Wesen; die Bäume ließen statt der Blätter oder Blüten funkelnden Reif niederfallen, der unserem Tom wie Diamantenstaub vorkam. Von den Schornsteinen stieg der Rauch hoch, hoch in die Luft, als hätte die Erde vor lauter Schönheit ihre Schwere verloren und brauche sich nicht mehr durch dumpfe Dünste bedrücken zu lassen. Die Eiskruste auf dem sonst plätschernden Bach war so dünn und durchsichtig, dass er aussah, als hätten die lebhaften Wellen aus freien Stücken halt gemacht – Toms froher Geist deutete es so –, um den lieblichen Morgen zu betrachten. 
Charles Dickens, Martin Chuzzlewit, 1843.

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Im Spätsommer dieses Jahres waren wir in einem Haus in einem Dorf mit Blick über den Fluss und die Ebene zu den Bergen. Im Flussbett lagen Kiesel und Felsen, trocken und weiß in der Sonne, und das Wasser war klar und strömte schnell und blau in den Rinnen. Soldaten gingen am Haus vorbei die Straße hinunter, und der Staub, den sie aufwirbelten, senkte sich auf das Laub der Bäume. Auch die Stämme der Bäume waren staubig, und das Laub fiel früh in diesem Jahr, und wir sahen die Soldaten die Straße entlang marschieren und den Staub aufsteigen und die vom Wind bewegten Blätter fallen und die Soldaten marschieren und hinterher die Straße kahl und weiß bis auf die Blätter. Auf der Ebene wogten die Felder; es gab viele Obstbäume, und die Berge dahinter waren braun und kahl. In den Bergen fanden Gefechte statt, und nachts sahen wir die Artillerie aufblitzen. Im Dunkeln wirkte es wie ein Sommergewitter, aber die Nächte waren kühl und ließen nicht an ein aufziehendes Gewitter denken.
Ernest Hemingway, In einem anderen Land, 1929

Ernest Hemingway und Dashiell Hammett: Kämpfer ohne Sieg

Der Malteser Falken von Dashiell Hammett, im Jahr 1930 veröffentlicht.

Ein Zeitsprung in die späten 1920er Jahre. Wir kommen in eine unschöne Dekade für the Greatest Country on the Face of the Earth. Die Wirtschaft stottert gewaltig, an der Wall Street vernichten der Black Thursday und der Black Friday Milliarden von Dollars und Millionen von Hoffnungen.

Soziale Konflikte legen die Brüchigkeit der amerikanischen Gesellschaft und jedes Aufstiegsversprechen offen. Die Mafia übernimmt in New York und Chicago das Kommando über Nachtleben, Drogen und Gewerkschaften. Die Prohibition verbietet den Verkauf von Alkohol und drängt brave Familienväter in Speakeasies, in dunkle Flüsterkneipen und Kaschemmen, alles unter dem Radar von Justiz und Polizei.

Wie will die Literatur auf solch eine Trostlosigkeit reagieren? Ernest Hemingway tut es auf seine Weise, ebenso Dashiell Hammett: mit wortkargen Sätzen, lakonischen Dialogen, mit einem Eisberg-Stil, bei dessen Subtext die Mäuse tanzen. Die Prosa ist maskulin von der Haarspitze bis in die Zehen, die Themen ebenso. Der eine schreibt über Stierkämpfer und Soldaten, der andere über Mord und Totschlag in San Francisco.

Hardboiled, nennt man diesen Schreibstil in Amerika. Hartgesotten. Die Hauptrollen fallen zynischen und gebrochenen Charakteren zu. Männer, ohne Fortune und Illusionen. Dies ist keine nette Gegend, um es milde auszudrücken. Nicht so schlimm wie die South Bronx in New York, aber in San Francisco ist sie eine der übelsten. Das war sie schon damals: Wenn die Detektivagentur hinter einem kleinen Ganoven her war, dann suchte sie ihn im Tenderloin oder drüber am North Beach.

So wie die Welt mies ist, so einsam sind ihre Protagonisten. Ihre Träume sind entzaubert, es sind Einzelgänger, ohne Familie, alles den Lebensumständen geschuldet. Im Grunde sind Hammetts Protagonisten wie jene von Hemingway, nur werden diese aus Spanien oder Italien in das Dickicht der Großstadt verpflanzt. Nach dem Detektiven Sam Spade von Dashiell Hammett erscheint ab 1940 Philip Marlowe von Raymond Chandler. Schwarze Serie, so wird die Gattung genannt, alles düster und unerquicklich. Wir erleben die Geburtsstunde des modernen Kriminalromans.

Die Anfangsjahre von Ernest Hemingway und Dashiell Hammett ähneln sich. Der Krimi-Autor schreibt ab 1922 für das Magazin Black Mask. Der Durchbruch dann 1930: Alfred A. Knopf veröffentlicht The Maltese Falcon. Der Roman ist ein literarischer Donnerschlag, ebenso wie Ernests Erstling The Sun Also Rises. In einer Welt voller Korruption und ohne Moral verwischt der Zynismus die Grenzlinie von gut und böse. Der Privatdetektiv Sam Spade wird im Malteser Falken hin und her geschleudert zwischen bösartigen Ordnungskräften und treuherzigen Schurken. Am Ende steht Sam Spade mit leeren Händen da.

Wie bei Ernest Hemingway. Auch seine Protagonisten scheitern. Die Zeiten sind nicht gemacht für Helden. Höchstens für Anti-Helden. Männer, die kämpfen und zum Schluss doch nur in ihre Niederlagen hineinstolpern können. Hemingways und Hammetts Helden treffen den Nerv der Zeit, es sind Kämpfer ohne Sieg, wie so viele

Die 10 besten Bücher von Ernest Hemingway

1923
Platz 10: Der Erstling. 300 Exemplare wurden im Jahr 1923 gedruckt. Ein Romancier oder ein Poet? Keine Frage!
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