Auf den Fersen von Ernest Hemingway

Autor: Wolfgang Stock Seite 3 von 58

Ein Sexprotz? Die Wahrheit über Ernest Hemingway wird viele überraschen

Ernest Hemingway
Martha Gellhorn
Sex
Martha Gellhorn, die dritte Mrs. Hemingway, und ihr Gatte Ernest 1940 im Sun Valley, Idaho. Credit Line: Ernest Hemingway Collection. John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

Zu Weihnachten 1936 donnert eine hinreißende 28-jährige Amerikanerin aus Missouri in das Leben von Ernest Hemingway. Am späten Nachmittag betritt Martha Gellhorn in Begleitung ihrer Mutter und des Bruders das Sloppy Joe’s in Key West. Die junge Frau trägt ein schwarzes Kleid, das ihre langen goldblonden Haare noch goldener strahlen lässt. Die Schönheit, mit der Figur eines Models und mit einem mädchenhaften Gesicht, zieht die Blicke aller Männer in der Kneipe auf sich. 

An der Theke schnellt ein schnauzbärtiger Mittdreißiger, ohne zu überlegen, aus seinem Barhocker und nähert sich dem Tisch der Gellhorns. Ernest Hemingway, stellt er sich vor, Sie müssen den doppelten Daiquirí probieren. Mutter Gellhorn nickt flüchtig. Vier Papa Dobles, ruft der Autor dem schwarzen Barkeeper Al Skinner zu. 

Ein ungewöhnliches Pärchen hat sich da im Sloppy Joe’s gefunden. Hier die bildhübsche, ein wenig blassgesichtige und chic gekleidete Intellektuelle, dort der groß gewachsene sonnengebräunte Hallodri, dem das ungekämmte Haar wild über die Stirn ins Gesicht fällt und der seine Fischershorts mit einem Hanfstrick gebunden hat. Aus dem ungleichen Paar wird ein Liebespaar, im November 1940 heiraten beiden, es ist die dritte Ehe des prominenten Autors. Die Ehe hält nicht lange, die Scheidung erfolgt fünf Jahre später im Dezember 1945. 

Das Eheleben besteht aus vielen Hochs und noch mehr Tiefs. Denn Martha Gellhorn ist nicht bereit, für Ernest  ihre Eigenständigkeit aufzugeben. Sie ist eine famose Kriegsreporterin, sie hat ihren eigenen Kopf. Die erfolgreiche Journalistin ist so ganz anders als die mütterliche Hadley und die fürsorgliche Pauline. Sie mag ihre Freiheit, sie ist ehrgeizig und von einem eisernen Willen geprägt. Sie hat den Anspruch, es in ihrem Beruf zu etwas zu bringen, ohne sich selbst zu verbiegen. Martha ist eine kluge und zupackende Frau.

Auf der anderen Seite ihr Gatte. Bekanntlich ein Schürzenjäger und Womanizer. Denkt man. Wie der Sex mit Ernest gewesen sei, selbst darauf gibt Martha offenherzig Antwort. Such a ghastly lover — wham bam thank you ma’am, or maybe just wham bam. Ihr Urteil ist ein Tiefschlag für den allseits angehimmelten Hemingway. So ein grässlicher Liebhaber – ruck zuck, und vielen Dank, Madam, oder vielleicht nur ruck zuck.

Und Martha liefert die Begründung zu dem Desaster. Keine Erfahrung. Zwei jungfräuliche Ehefrauen vor mir, und ich habe meine Stimme nicht erhoben, ich habe mich nicht beschwert, weil ich glaubte, es sei meine Schuld, dass ich nicht komme. Der große Sex-Erzähler und Schriftsteller muss in der Tat Angst vor Frauen gehabt haben. Bemerkenswert…

In der Öffentlichkeit leuchtet das Renommee des Schriftstellers in hellsten Farben. Ein Mannskerl, der nichts anbrennen lässt. So sein Image. Sein Image. Er baut es auf von sich. Der Mann vom Michigan See hegt und pflegt sein kerniges Ansehen, wo er nur kann. Ernest Hemingway – die Verkörperung von Männlichkeit und Virilität. Doch wie

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General Franco vs. Ernest Hemingway – Das Wort gegen die Kriegswaffe

Ernest Hemingway und der Kameramann Joris Ivens 1937 im Spanischen Bürgerkrieg während der Aufnahmen zu The Spanish Earth. Credit Line: Ernest Hemingway Collection. John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

Dem Spanischen Bürgerkrieg steht Ernest Hemingway anfangs zwiegespalten gegenüber. Er mag zunächst weder für die Putschisten noch für die Regierungstreuen Partei ergreifen, denn er besitzt Freunde in beiden Lagern. Doch dann vermeldet ihm sein Instinkt, wo in dem Konflikt seine politische Heimat zu finden ist: auf der Seite der einfachen Menschen, bei den liberalen und linken Bürgern und an der Seite all jener, die sich gegen den Umsturz durch das Militär stellen.

In seinen Depeschen berichtet der Kriegsreporter hautnah von den Kämpfen in Spanien. Seine Anteilnahme im Süden Europas sieht Ernest nicht nur politisch, sondern in erster Linie als Verneigung vor der spanischen Seele. Seine Zeit auf der iberischen Halbinsel bezeichnet er zärtlich als meine spanischen Jahre. Trotzig lässt Hemingway seinen Protagonisten Robert Jordan in Wem die Stunde schlägt ausrufen: Die Welt ist ein schöner Ort und wert, dass man um sie kämpft.

Selbst in seiner Heimat lässt ihn der Krieg im fernen Europa nicht los. In Key West will er den Kommentar zu dem Film The Spanish Earth fertigstellen, einem Propaganda-Streifen, den der niederländische Filmemacher Joris Ivens erstellt hat. Im Juni 1937 reist der Schriftsteller dann nach New York zum Schriftstellerkongress der League of American Writers. In der Carnegie Hall werden am 4. Juni vor 3.500 Besuchern erste Ausschnitte von The Spanish Earth gezeigt, ohne Tonspur.

Und Ernest Hemingway ersteigt das Podium und hält einen siebenminütigen flammenden Appell. Es gibt nur eine Regierungsform, die keine guten Schriftsteller hervorbringen kann, ruft er unter dem tosenden Beifall der Kollegen in den Saal, und dieses System ist der Faschismus. Dem Amerikaner ist klar: Ob Schurken wie dieser Franco durchkommen, ob es einen riesigen Knall gibt, nicht nur in Spanien, dafür wird auf der iberischen Halbinsel das Vorspiel gegeben.  

Doch der General Francisco Franco y Bahamonde wird nicht besiegt. Als Ernest Hemingway und Martha Gellhorn im November 1938 ein letztes Mal in den Bürgerkrieg zurückkehren, sind die meisten republikanischen Frontabschnitte zusammengebrochen und in die Hand der Nationalisten gefallen. Der Sieg der Putschisten ist nur eine Frage von Tagen. Die Loyalisten verlieren diesen Krieg und ein desillusionierter Schriftsteller kehrt in die USA zurück. Ende Januar 1939 fällt Barcelona, im März Madrid, und auch Ernest Hemingway persönlich hat nun diese grausame Schlacht verloren. 

Jahrelang darf Ernest Hemingway nicht einreisen nach Spanien. Er verspürt dazu auch keine Lust, viele seiner Freunde sitzen im Gefängnis. Im Jahr 1953 wird der Bann aufgehoben, der berühmte Schriftsteller versucht

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Ernest Hemingway: Schnee auf dem Kilimandscharo. Drei Übersetzungen

Ernest Hemingway: The Snows of Kilimanjaro (Schnee auf dem Kilimandscharo).

Wohl die schönste Prosa aus der Feder von Ernest Hemingway. The Snows of Kilimanjaro. Zu Deutsch: Schnee auf dem Kilimandscharo. Eine eher lange Kurzgeschichte von etwa 40 Seiten.

Im August 1936 wird diese Short Story in der Zeitschrift Esquire erstveröffentlicht und im Jahr 1938 in die Sammlung The Fifth Column and the First Forty-nine Stories aufgenommen. 
Der Schriftsteller Harry, auf Safari in Ostafrika, liegt im Sterben, der schneebedeckte Gipfel des Kilimandscharo in Sichtweite. Nachstehend eine meiner Lieblingsstellen.

All he could see, as wide as all the world, great, high, and unbelievably white in the sun, was the square top of Kilimanjaro. And he knew that there was where he was going.
Ernest Hemingway, 1936

  • Dort vor ihnen, so weit er sehen konnte, so weit wie die ganze Welt, groß, hoch und unvorstellbar weiß in der Sonne war der flache Gipfel des Kilimandscharo. Und dann wußte er, dorthin war es, wohin er ging. 
    Annemarie Horschitz-Horst, 1961
  • Und er sah, weit wie die ganze Welt, riesenhaft und hoch und unglaublich weiß in der Sonne, den breiten Gipfel des Kilimandscharo. Und dann wusste er, das war der Ort, an den er ging.
    Werner Schmitz, 2015
  • Dort vor ihnen, so weit das Auge reichte, so fern wie die ganze Welt, großartig, gewaltig und unvorstellbar weiß in der Sonne war der kantige Gipfel des Kilimandscharo. Und dann wusste er, dorthin war es, wohin er ging. 
    Wolfgang Stock, 2023

Man kann die Prosa des Ernest Hemingway verschieden übersetzen. Man muss sich nur tief einfühlen in seine Welt. Übersetzungen von Hemingway sind fast

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Der schönste Hemingway-Satz: große Angst im Krieg

Ich wusste, dass mich etwas getroffen hatte, und beugte mich vor und legte eine Hand auf mein Knie. Mein Knie war nicht da. Meine Hand tastete weiter und fand das Knie unten an meinem Schienbein. Ich wischte die Hand an meinem Hemd ab, und beim Schein eines gemächlich nieder schwebenden Leuchtgeschosses besah ich mein Bein und bekam große Angst. Oh Gott, sagte ich, hol mich hier raus.

Ernest Hemingway, 1929: In einem anderen Land

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Ernest Hemingway: Ein Ende in Würde?

Ernest Hemingway unterm Kreuz. In La Cónsula bei Málaga, im Sommer 1959. Zwei Jahre sollten ihm noch bleiben. Photo Credits: Ernest Hemingway Photograph Collection, John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

Erschwernisse und Verwehrungen pflastern des Menschen Lebensweg. Und am Horizont wartet auf jeden Einzelnen ohne sein Zutun der endgültige Niedergang. Ein Mann kann zerstört werden, aber nicht besiegt. Allgemein verständlich umschreibt Ernest Hemingway in der Der alte Mann und das Meer die Kraft, die man zum Leben braucht. A man can be destroyed but not defeated. Ein Mensch kann äußerlich zerstört werden und innerlich trotzdem stark bleiben.

Jeder von uns hat solch eine Situation schon erlebt. Ein Mensch kann eine Niederlage erleiden, er muss jedoch kämpfen bis zum Schluss. Beated but not defeated, man kann geschlagen werden, aber nicht besiegt. Solange ein Mann – der Nobelpreisträger von 1954 meint natürlich ein Mensch – sich nicht selber aufgibt, einerlei wie viele Tiefschläge er erlitten hat, solange kann er nicht besiegt werden.

Ein Mensch kann zerstört werden, aber nicht besiegt. Auf solche Weise würdigt dieser oft ungehobelte Wüterich aus Chicago den freien Willen von uns Männern und Frauen. Er möchte die Willenskraft des Einzelnen stärken, indem er der Eigenverantwortlichkeit des Menschen ein literarisches Denkmal setzt. Dieser merkwürdige Trunkenbold und Weiberheld vom Michigan See singt das wunderbare Loblied auf das wundersame Individuum.

Besiegt werde ich nur, wenn ich es zulasse. In Würde verlieren. Vor allem darum geht es Ernest Hemingway. Doch wie verliert man in Würde? Indem man sich mit einem Jagdgewehr das halbe Hirn wegpustet? Oder wie der alte Mann, der geschlagen und mit leeren Händen in sein Dorf zurückkommt? Jedoch nicht besiegt ist. Santiago strahlt trotz seiner Niederlage eine menschliche Größe aus, auch weil er sich nicht besiegt gibt.

Der kubanische Fischer wird am nächsten Tag mit seinem einfachen Boot wieder herausfahren. Vielleicht wird er wieder verlieren. Es liegt nicht in seiner Hand. Mehr als den Versuch kann er nicht lenken. Aber der alte Fischer lässt sich seine Würde nicht nehmen. Und jeder Mensch, genau dies will uns Ernest Hemingway mitteilen, kann seine Würde wahren. Selbst wenn die Niederlage grenzenlos erscheint. 

Ein schlichter und braver Mensch – also eigentlich wir – muss sich in der Welt behaupten. Er kämpft um seine Würde. Dieser Schreiber hat sein Gleichnis vom würdevollen Scheitern des einfachen Fischers so beeindruckend erzählt, dass wir alle fasziniert sind. Die arme Seele Ernest Miller Hemingway selbst jedoch bringt die Kraft nicht auf, dem Vorbild seiner Romanfigur zu folgen. 

Don Ernesto hat sich anders entschieden. Es bleibt zu respektieren. Doch kann man in Würde aus eigenem Entschluss abtreten? Im christlichen wie im humanistischen Dogma folgt die Menschwerdung höheren Prinzipien. Kein Mensch kann sich selbst ins Leben setzen, jeder Mensch wird ohne sein Zutun in die Welt geworfen. Und so wie diesem Werden eines Menschen eine Magie innewohnt, so besitzt

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So hoffnungslos ist die ‚verlorene Generation‘ in Ernest Hemingways ‚Fiesta‘

Ernest Hemingway
Fiesta
Fiesta von Ernest Hemingway. So heißt der Roman in Europa. The Sun Also Rises lautet der Titel im amerikanischen Original aus dem Jahr 1926.

„Alle benehmen sich schlecht“, sagte ich. „Wenn man ihnen die Möglichkeit gibt.“ Und Gelegenheit gibt es reichlich nach dem schrecklichen Ersten Weltkrieg. Eigentlich sollten Zuversicht und Aufbruch herrschen. Die zerstörten Länder müssen wieder aufgebaut werden und das Zusammenleben neu auf den Weg gebracht werden. Stattdessen Zerfall, Defätismus und allerorts eine wabernde Untergangsstimmung. Der Erste Weltkrieg führt zum Einschnitt in der Menschheitsgeschichte.

Die guten traditionellen Werte sind weg. Übrig bleibt eine bedrückte, gottverlassene und verlorene Generation. Du bist heimatlos. Du hast die Bodenhaftung verloren. Du bist unecht. Falsche europäische Vorbilder haben dich kaputtgemacht. Du säufst dich zu Tode. Du bist vom Sex besessen. Statt zu arbeiten, redest du immer nur. Du bist heimatlos.

Als Verlorene Generation wird literaturhistorisch eine Gruppe US-amerikanischer Schriftsteller bezeichnet, die während des Ersten Weltkriegs aufwächst, und in den 1920er Jahren in Paris als Auslands-Amerikaner leben. Die Aussage You are a lost generation geht zurück auf Gertrude Stein. Die einflussreiche Mäzenin aus Pittsburgh subsumiert darunter all die Orientierungslosigkeit und all den Zynismus ihrer Zeitgenossen, hervorgerufen durch den Zivilisationsbruch in den Jahren von 1914 bis 1918.

Ein Jahrhundert der Katastrophen mit zwei Weltkriegen, Bürgerkriegen und Wirtschaftsdepressionen ist eingeläutet. Die Aufgabe der Verlorenen Generation wäre eigentlich gewesen, nach vorne zu blicken und ein neues Wertesystem aufzubauen. Doch fehlt dieser kleinmütigen Generation die Kraft dazu. In seinem grandiosen Roman The Sun Also Rises fängt Ernest Hemingway 1926 die gallige Stimmung der Verlorenen Generation – am Beispiel von Expats in Paris und Pamplona – treffend ein.

– Ist das nicht schrecklich? Es hat überhaupt keinen Sinn, dir zu sagen,            dass ich dich liebe.
– Du weißt, dass ich dich liebe.
– Lassen wir das. Reden bringt nichts.

Ernest Hemingway, der selber sieben Jahre in Europa gelebt hat und sich innerhalb dieser Kreise getummelt hat, vermag messerscharf zu beobachten und in seinen Dialogen die ätzende Stimmung jener Tage auf den Punkt wiederzugeben.

Fiesta kommt leicht daher als grandioses Epochen-Porträt zwischen zwei schlimmen Kriegen, als Blick auf eine Verlorenheit, die mit Alkohol, Sex und Oberflächlichkeiten weggetrunken werden möchte. Ein offener Türspalt ins Fegefeuer, in die Vorstufe zur Hölle. Immer dicht an der Apokalypse vorbei schrammend.

– Was bedeutet das für deine Werte?
– Auch das hat seinen Platz in meinen Werten.
– Du hast gar keine Werte. Du bist tot, sonst gar nichts.

Genau hier liegt das Problem. Alle Werte sind perdu. Vor allem durch diesen schlimmen Krieg. Alle Kriege sind schlimm, aber dieser war besonders schlimm, weil er so nutzlos gewesen ist. Beim Spanischen Bürgerkrieg oder dem Zweiten Weltkrieg ist klar, worum es geht. Doch in dem Ersten Weltkrieg sind die Rollen fließend verteilt, ein Stück weit ist man in ihn hineingeschlittert. Ein Krieg der Schlafwandler, wie ein britischer Historiker treffend umschrieben hat.

Am Ende des Krieges stehen alle als Verlierer da. Deutschland mit Elend, Hyperinflation und einer noch größeren Katastrophe vor Augen. Aber auch der Gewinner, die USA, mit einem freudlosen Jahrzehnt, das 1929 in der Weltwirtschaftskrise münden wird.

Das Schöne an The Sun Also Rises ist, dass Ernest Hemingway nicht

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Im Zweiten Weltkrieg fehlen Ernest Hemingway die Worte


Im US-amerikanischen Magazin Collier’s vom 18. November 1944 veröffentlicht Ernest Hemingway über vier großformatige Seiten eine Reportage aus dem Krieg.

Anfang September 1944 sitzt der Schriftsteller in Paris auf gepackten Koffern. Er kann es nicht mehr erwarten, denn zum ersten Mal geht es für Ernest Hemingway an die Front des Zweiten Weltkriegs. Von der französischen Hauptstadt steuert er über Belgien in Richtung deutsche Westgrenze. Ziel der Alliierten ist es dort, die Siegfried-Linie aufzubrechen, jenen Wall von Holland bis zur Schweiz mit seinen Bunkern, Stollen und Panzersperren. Erst dann können die Amerikaner bis zur strategisch wichtigen Rheingrenze vorstoßen.

Die Infanterie durchbrach die Siegfried-Linie. Sie knackte sie an einem kalten, regnerischen Morgen, als nicht einmal die Krähen flogen, geschweige denn die Luftwaffe. Zwei Tage zuvor, am letzten Tag vor dem Einbruch des Schlechtwetters, waren wir am Ziel des Rattenrennens angelangt. Es war eine schöne Rattenjagd von Paris bis nach Le Cateau, mit erbitterten Kämpfen bei Landrecies, die nur wenige gesehen haben und an die sich noch weniger erinnern können. Dann waren die Pässe des Ardennenwaldes bezwungen worden, in einer Landschaft, die den Illustrationen zu Grimms Märchen glich, nur viel grimmiger.

Ernest Hemingway schlägt sein Quartier zunächst nicht hinter der Frontlinie im Hürtgenwald auf, sondern weiter südlich, mitten in der Schnee-Eifel, in kleinen Ortschaften wie Schweiler und Buchet. Die vorrückende US-Army nimmt Dorf für Dorf ein, sie ist den deutschen Truppen materiell und personell überlegen, doch aufgrund des unebenen Geländes geht es nur langsam voran. Der Widerstand der Wehrmacht ist in der ländlichen Eifel heftig, der Diktator hat ein Halten der Linien bis zum letzten Mann befohlen.

Als Kriegsberichterstatter für das Wochenmagazin Collier’s begleitet Hemingway den Vormarsch der Fourth Infantry Division’s 22nd Regiment im Gebiet der belgisch-deutschen Grenze. Der Autor bewegt sich hinter der Kampflinie, auf  luxemburgischem Territorium, in der Schnee-Eifel und schließlich weiter nördlich in der Nähe von Aachen. Der prominente Schriftsteller schließt sich meist den Truppen von Colonel Charles Lanham an, den alle Freunde Buck nennen. Bis Ende 1944 sollte Hemingway mehrmals zwischen Paris und den Frontabschnitten pendeln, im November und Dezember kommt er auf insgesamt 18 Einsatztage.

Ernest Hemingway Collier's

WAR IN THE SIEGFRIED LINE heißt Ernest Hemingways Reportage von der Front des Zweiten Weltkriegs in Collier’s. BY RADIO VIA PARIS.

Im Winter 1944 gelangen die amerikanischen Bodentruppen an den Hürtgenwald im Süden zwischen Aachen und Düren, wo ihr Vormarsch zum Stehen kommt. Das zerklüftete Gebiet erlebt von Oktober 1944 bis Februar 1945 blutige Gemetzel mit hohen Verlusten auf beiden Seiten. Das unebene Gelände mit den dichten Waldungen ist militärisch schwer zu nehmen, die Kämpfe, Mann gegen Mann, sind an Grausamkeit kaum zu überbieten. Ernest Hemingway hätte also einiges zu berichten in die Heimat.

Die Ansätze sind da, wie eine mehrseitige Reportage für die Collier’s-Ausgabe vom 18. November 1944 unter Beweis stellt. Zunächst skizziert Ernest Hemingways Prosa – wie so häufig – ein Landschafts-Panorama aus Bergen, Wäldern und Bächen. Der kleine Mensch in der großen Natur. Das Naturreich begrenzt als Rahmen das gewaltige Gemälde, der winzige Mensch irrt kopflos in der Pracht der Schöpfung umher. Das kann Ernest sehr gut, wie immer, es ist gekonnt.

Wir befanden uns auf einer Anhöhe, außerhalb des Waldes, und all die sanften Hügel und Wälder, die wir vor uns sahen, waren Deutschland. Aus dem Tal eines Baches unter uns ertönte ein schweres, vertrautes Dröhnen, als die Brücke gesprengt wurde. Und hinter der schwarzen Rauch- und Trümmerwolke, die aufstieg, sah man zwei feindliche Halbkettenfahrzeuge, die die weiße Straße hinauffuhren, die in die deutschen Berge führte.

Doch urplötzlich fällt seine Reportage in ein Loch. Ernest Hemingway hört auf,

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Wenn das Schicksal es gut meint: Gregorio Fuentes trifft auf Ernest Hemingway

Über zwei Jahrzehnte der Kapitän von Hemingways Boot Pilar und ein guter Freund: Gregorio Fuentes, in Cojímar auf Kuba. Foto: W. Stock, im April 1983.

Gregorio Fuentes wird am 11. Juli 1897 in Arrecife auf Lanzarote geboren, auf den Kanarischen Inseln. Er wächst in der kanarischen Gemeinde von Casablanca auf, sein Berufsweg als Seemann ist vorherbestimmt. Es ist der Broterwerb seines Vaters, die Familie ist nicht gerade begütert. In der Mehrzahl mittellose Seeleute, hält man sich mehr schlecht als recht über Wasser. Die Eltern denken ans Auswandern, man hofft auf die Güte des Schicksals.

Die Familie spart für ein Ticket nach Kuba. Die Eintrittskarte in das Glück, so glaubt man ringsherum. Als Gregorio Fuentes 1903, im Alter von fünf Jahren, mit seinem Vater ein Schiff besteigt, auf dem sein Vater arbeitet, kann er nicht ahnen, dass er als Waise von Bord gehen wird. Ein kleiner Bursche von sechs Jahren erreicht Havanna, ohne den Vater. Gregorio ist alleine in einer fremden Welt.  

Doch Kuba meint es gut mit dem jungen Einwanderer. Verwandte nehmen sich seiner an, er besucht die Grundschule und ergreift den Beruf eines Fischers. Von Anfang an arbeitet Gregorio hart für sein kleines Glück. Nach einigen Jahren hat er so viel angespart, dass er seine Familie in Spanien besuchen kann. Bei diesem Aufenthalt in der Heimat lernt er seine Cousine Dolores kennen, die er heiratet und die sieben Jahrzehnte die Frau an seiner Seite bleiben wird.

Seinen Glückstag erlebt er im April 1939. Er lernt einen hochgewachsenen Schriftsteller aus Key West näher kennen. Ernest Hemingway ist mit seinem Boot Pilar von Florida aus im Golfstrom fischen, Kapitän ist Carlos Gutiérrez, Gregorio und José sind seine Helfer. Schon 1931 ist der Kubaner dem US-Amerikaner kurz über den Weg gelaufen, bei den Ausfahrten zu den Dry Tortugas, man kennt sich in dem Gewerbe. Ernest ist angetan von dem hageren Skipper, von seinen Kenntnissen des Meeres und wie er das Boot ordentlich und sauber hält.

Später wird dann Gregorio der Kapitän der Pilar. Weit mehr, er wird zu einem Freund Hemingways und zum Weggefährten des Autors. Zugleich ist er der Experte für alles, was mit dem Meer zu tun hat. Papa, rufen die Bewohner von Cojímar den stattlichen Gringo, der nun auf der Finca Vigía, nahe von Havanna, wohnt. Schnell wird Ernesto zu einer Vaterfigur für den Fischer, obwohl der Kubaner zwei Jahre älter ist.

Es wird ein abenteuerliches Leben, der Alltag von Papa und Gregorio. Fischefangen im Golf von Mexiko, die Malin-Jagd am Pazifik von Peru, sich gegen die Wirbelstürme im Herbst behaupten, Ausschau halten nach U-Booten der Nazis in den Gewässern der Karibik während des Zweiten Weltkriegs. Ernest und Gregorio, sie bilden eine Einheit. Der arme Waisenjunge aus Lanzarote und der gefeierte Schriftsteller aus Chicago.

Und der Nobelpreisträger setzt seinem kubanischen Freund literarische Denkmale. Unsterblich wird Gregorio durch die Figur des Antonio in der Erzählung Inseln im Strom. Und in dem fabelhaften Zeitschriften-Artikel The Great Blue River lässt Ernest seinen Gregorio, als ein kapitaler Fisch an der Leine zappelt, in dessen breitem kubanischen Akzent brüllen: Feesh, Papa, feesh.

Es ist wie eine Blutsbrüderschaft, zwei ganz unterschiedliche Lebenswelten finden zueinander. Hier der

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Die Freundschaft von Ernest Hemingway mit Bola de Nieve

Bola de Nieve singt live Be Careful, It’s My Heart im Hotel Internacional de Varadero auf Kuba, im November 1970. Das Lied komponierte Irving Berlin 1942 für den Bing Crosby-Film Holiday Inn.

Die Freundschaft von Ernest Hemingway mit dem kubanischen Musiker Bola de Nieve verrät einiges über den Wertekanon des Schriftstellers aus Chicago. Bola de Nieve, der eigentlich Ignacio Jacinto Villa Fernández heißt, ist ein auf der Insel bekannter Komponist, Pianist und Sänger. Er wird 1911 in Guanabacoa, im Osten von Havanna geboren. Den Spitznamen Bola de Nieve (Schneeball) verdankt er der Sängerin Rita Montaner, in Anspielung auf seine Körperfülle und ironisierend auf sein pechschwarzes Aussehen.

Mit Rita Montaner feiert Bola de Nieve in den 1930er Jahren erste Erfolge in Mexiko. Auf Kuba arbeitet er mit den Großen seines Landes zusammen, so mit  Ernesto Lecuona. In den USA sieht man ihn an der Seite von Teddy Wilson, Nat King Cole und Lena Horne. Nach der Revolution Fidel Castros im Januar 1959 geht er nicht ins Ausland, wie so viele Kollegen, sondern bleibt im Land, er sympathisiert mit dem Umsturz der Bärtigen.

Als Künstler ist er eine Ausnahmeerscheinung. Sein Auftreten gleicht einem heiteren Schauspiel am Piano. Bola de Nieve ist ein Entertainer an den Tasten, er singt Boleros, aber auch Ohrwürmer aus aller Herren Länder. Von Lima bis Buenos Aires, Villa Fernández wird in ganz Lateinamerika bejubelt. Selbst in Europa tritt er auf. Neben Spanisch knödelt er sich auf Englisch, Französisch, Italienisch, Katalanisch und Portugiesisch durch die Songs. 

Der beleibte Kubaner verfügt über eine markante Stimme, einen kräftigen Anschlag der Tastatur, über ein sicheres Rhythmusgefühl und ein gutes Timing. Bola de Nieve hat sich mit der Musik verheiratet und lebt mit ihr in einer Innigkeit voller Klaviertöne und Glockenklang, indem er den Reichtum des Himmels über seinen Kopf ausschüttet, freut sich der chilenische Dichter Pablo Neruda.

Sicherlich zählt er zu den Großen der lateinamerikanischen Musik. Bola de Nieve ist ein Wegbereiter des Afro-Cuban Jazz, Jahre bevor kubanische Migranten wie Machito und Mario Bauzá in New York afrikanische, karibische und europäische Traditionen zusammenführen. Mit Haut und Haaren geht Bola auf in seiner Kunst. Yo soy la canción; yo no canto canciones, ni las interpreto. Yo soy. So sieht er sich und sein Handwerk. Ich bin das Lied. Ich singe nicht, ich interpretiere nichts. Ich bin es

Ernest Hemingway besitzt viele kubanische Freunde auf der Insel, auf der er 21 Jahre gewohnt hat. Bola de Nieve gehört dazu. Der Schriftsteller aus den USA macht keinen Hehl daraus, wie sehr ihn die tropische Lebensweise prägt. Das Klima, die Küche, die Seelenruhe, die Musik. Im August 1956 feiert er im Biergarten der Cervecería Modelo in Cotorro, einem Vorort von Havanna, seine Verleihung des Nobelpreises. Es erscheinen zweihundert Gäste. Der Journalist Fernando Campoamor, der Bildhauer Juan José Sicre,  der Boxer Kid Tunero. Und Bola de Nieve. Man lässt den Nobelautor am laufenden Band hochleben, und es wird feuchtfröhlich einen draufgemacht.

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Ernest Hemingway feiert 1956 ausgelassen mit kubanischen Freunden. Rechts stehend im Foto: Bola de Nieve.

Seine Freundschaften pflegt der Schriftsteller, sie sind Ernest Hemingway wichtig. Meist sind es Kubaner oder Exil-Spanier, die zu seinem engen Bekanntenkreis zählen. Zu den eigenen Landsleuten hält er lieber Abstand. Bola de Nieve gehört nicht zum harten Freundeskern, doch man sieht sich und mag sich. Einmal besucht Bola de Nieve den berühmten Erzähler auf seiner Farm Finca Vigía in San Francisco de Paula, die für den US-Autor ein Ausweis tropischer Lebensfreude ist.

Die 1950er und 1960er Jahre sind keine einfache Zeit für

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Eine Million ist schnell ausgegeben – wie Ernest Hemingway die Hyperinflation in Deutschland erlebt

Für sieben Dollar ins Luxus-Hotel: Ernest Hemingway lässt es sich gutgehen im Frankfurter Hof, im Frühjahr 1923. Photo: Andreas Praefcke, Creative Commons.

Zu Anfang seines Besuches in Deutschland lässt Ernest Hemingway es richtig krachen. Er schreibt sich in das beste Haus am Platz ein, in den Frankfurter Hof. Das Einzelzimmer in dem Luxus-Hotel kostet 51.000 Mark pro Nacht. Doch dies ist nicht der Endpreis. Auf dem Zimmer hängt eine Übersicht mit den zusätzlichen Gebühren. Zunächst einmal 40 Prozent Kommunalsteuern, dann 20 Prozent für den Service, dann 8.000 Mark für Heizung. (..) Ich blieb diese eine Nacht und den halben folgenden Tag. Die Rechnung betrug 145.000 Mark.

Als Reporter des Toronto Star ist der Amerikaner Ende März 1923 für zehn Tage nach Deutschland gekommen. Über seine Reise wird der junge Journalist in seiner Zeitung zehn launige Depeschen veröffentlichen. Das Land, das fünf Jahre zuvor einen furchtbaren Krieg verloren hat, leidet unter Reparationsforderungen, Wirtschaftskrisen und einer Hyperinflation. Eine Million Mark ist schnell ausgegeben, so lautet Hemingways Artikel, der am 5. Mai 1923 in der kanadischen Tageszeitung abgedruckt wird.

In Hemingways Artikel erfährt man, dass die Entlohnung eines Gymnasiallehrers bei 200.000 Mark im Monat liegt, damit gehört er zu den Glücklichen in der Weimarer Republik. Scheinbar ein gutes Gehalt. Doch was kriegt man für das Geld? Ein Ei kostet 4.000 Mark. Ein Hemd kostet 85.000 Mark. Weit kommt der Schulmeister mit seinem Salär nicht, es entspricht gerade einmal 10 Dollar. Anderen geht es richtig dreckig. 

Der Korrespondent berichtet von einem Hotelbesitzer, der eine gute Saison hinter sich hat. Sämtliche Zimmer sind ausgebucht gewesen, es ist das beste Jahr seiner Geschichte. Doch dann nimmt das Unglück seinen Lauf. Im Oktober begann die Mark zu fallen, und im Dezember reichte das Geld, das wir im Sommer eingenommen hatten, nicht einmal mehr aus, um für die nächste Saison Marmelade und Gelee einzukaufen.

So wie es Verlierer gibt, so gibt es auch Gewinner. Der 23-jährige Journalist aus Chicago zählt sie auf. Exporteure von Rohstoffen zum Beispiel, die ihre Ware für Dollars ins Ausland verkaufen und ihre Arbeiter in Mark bezahlen. Oder Bauern, eh schon Selbstversorger, die darüber hinaus hohe Preise für die Nahrungsmittel verlangen können. Auch Menschen, die Kapital in der Schweiz gebunkert haben, sind fein raus. Und die Banken. Banken sind immer reich. Die Banken sind wie die Regierung. Sie bekommen gutes Geld für schlechtes und sitzen auf dem guten Geld.

Der alleinige Verursacher von Hyperinflation jedoch ist der Staat. Mit dem dauerhaften Anwerfen der Notenpresse vermehrt er den ungedeckten Geldumlauf. Jede Inflation führt zum Ausweichen in Sachwerte und zur Kapitalflucht. Durch die Unsicherheit und wegen des Vertrauensverlustes bleiben

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