Das Portal zu Leben und Werk von Ernest Hemingway

Schlagwort: Kuba Seite 1 von 7

José Luis Herrera Sotolongo war Ernest Hemingways persönlicher Arzt

Ernest Hemingway
José Luis Herrera Sotolongo
Freunde und Vertraute auf Kuba: Dr. José Luis Herrera Sotolongo, Juan Duñabeitia und Ernest Hemingway.

Man stelle sich vor, du hättest deine erste Schreibaufgabe in der Highschool darüber geschrieben, mit den Hemingways auf Kuba zu Abend gegessen zu haben. Niemand hätte dir geglaubt. Und noch schlimmer: Deine Englischlehrerin – ausgerechnet eine Barmherzige Schwester! – hätte dich vor deinen neuen Mitschülern als Lügnerin bezeichnet. Auch zu Hause hättest du kein Mitgefühl erfahren. „Das hättest du niemals schreiben dürfen“, spottete deine Mutter. „Dein Vater hat uns vergessen. Die Vergangenheit ist vorbei.“

Du fühlst dich, als hättest du alles verloren – deine Muttersprache, deine Kindheitsfreunde. Vor allem aber die Liebe eines einst so fürsorglichen Vaters, nachdem deine Mutter aus persönlichen und politischen Gründen beschlossen hatte, mit ihren beiden Kindern nach New York City auszuwandern. Margarita musste nun auf die englische Version ihres Namens hören: Margaret.

Statt in einer Wohnung mit Meerblick in Miramar lebte Margaret nun als eine der ärmsten Schülerinnen in ihrer Klasse in der Bronx. Ständig geriet sie in Schwierigkeiten, weil sie kein Barett, keine Handschuhe, keinen Rosenkranz oder keine Bibel besaß. Nicht, weil sie rebellisch oder vergesslich gewesen wäre (oh nein, das war sie nicht!). Ihre Mutter konnte sich diese Dinge einfach nicht leisten.

Ist es da verwunderlich, dass sie die bittersüßen Erinnerungen an ihre privilegierte Kindheit für sich behielt – so sehr, dass sie sie Jahrzehnte später sogar vor ihren eigenen Kindern verbarg? Doch die Vergangenheit ist niemals wirklich vorbei. Sie ist eine Reihe aufeinanderfolgender Ausgangspunkte, von denen aus wir uns in die eine oder andere Richtung wenden.

Eines Tages, als ich durch Fotos von Hemingways Schreibrefugium in Kuba, der Finca Vigía – heute ein Museum – scrollte, bemerkte ich, dass dessen Hausmeister eine verblüffende familiäre Ähnlichkeit hatte – mit meiner Highschool-Freundin Margaret! Sofort schickte ich ihr den Artikel per E-Mail. Könnten sie möglicherweise verwandt sein? „Ach klar“, antwortete sie ganz beiläufig. „Das ist mein Cousin Armandito.“

Ihre Bemerkung löste eine kleine Kampagne aus, um die Ehre meiner Freundin wiederherzustellen. Unsere Englischlehrerin hatte die Klosterschule längst verlassen – was auch gut so war. Aber ich wollte, dass unsere ehemaligen Mitschüler erfuhren, dass Margaret keineswegs gelogen hatte, sondern ihre Beziehung zu Papa Hemingway sogar untertrieben hatte.

Margaritas Vater – Dr. José Luis Herrera Sotolongo – war Ernest Hemingways persönlicher Arzt und enger Vertrauter. Viele der ikonischen Fotos von Papa und seiner damaligen Frau Mary wurden von ihrem Onkel Roberto aufgenommen. Ein weiterer Onkel – Armando – vervollständigte das Trio der Brüder im Freundeskreis der Hemingways.

Ernest und die Brüder Herrera Sotolongo lernten sich in Spanien während des Spanischen Bürgerkriegs kennen. Hemingway war als Kriegsberichterstatter tätig und eng mit der 15. Internationalen Brigade (der „Lincoln-Brigade“) verbunden. Margarets zukünftiger Vater diente zu dieser Zeit als Chefarzt der 12. Internationalen Brigade (der „Garibaldi-Brigade“). Diese republikanischen Brigaden wurden von der Sowjetunion unterstützt und kämpften gegen die Truppen von General Francisco Franco, die vom faschistischen Deutschland und von Italien unterstützt wurden.

Ernest Hemingways Arzt auf Kuba: Dr. José Luis Herrera Sotolongo (Madrid 1913 – Havanna 1995).

Wie in vielen Bürgerkriegen waren auch spanische Familien gespalten. Es heißt, dass aristokratische Mitglieder von Margarets Familie gemeinsam mit dem ehemaligen König Spaniens, Alfonso XIII., ins Exil nach Frankreich und Italien gingen. Solch eine Familienbande sollte sich als lebenswichtig erweisen, nachdem der General Franco den Bürgerkrieg gewann. Obwohl man argumentieren könnte, dass die Rolle eines Arztes humanitär angelegt sei, wurde Dr. Herrera Sotolongo zum Tod durch ein Erschießungskommando verurteilt. Dank seiner familiären Verbindungen wurde das Urteil zunächst in lebenslange Haft und schließlich in dauerhaftes Exil auf Kuba umgewandelt. Seine Brüder sollten ihm bald dorthin folgen.

In ihrem Highschool-Aufsatz beschrieb Margaret auf charmante Weise, wie sie ihren Vater samstags begleitete, um Papa zu besuchen. Wie sie auf einem abgenutzten Korbstuhl saß, der ihre Beine zerkratzte, und ihm beim Schreiben zusah. Wie sie Ernests Ehefrau Mary im Garten half oder sich mit ihrer Mutter verschwörte, um das servierte Schildkröten-Steak heimlich zu entsorgen, während die Männer am anderen Ende des Tisches saßen und endlos den Spanischen Bürgerkrieg wieder aufleben ließen.

Als sich die Gäste später an diesem Abend auf der Finca Vigía versammelten, um einen Meteoriten-Schauer zu beobachten, ahnte niemand, dass in jenen Tagen das Ende einer Ära eingeläutet wurde. Wie Margaret eindringlich kommentiert: „Kurz darauf übernahm Fidel Castro die Macht, und das Leben, wie wir es kannten, war für Millionen von uns vorbei.“

Margarita Herrera
Margarita Herrera bei Gartenarbeiten. Ein Hobby, das sie damals mit Mary Hemingway teilte.

Ernests körperliche und geistige Verfassung begann sich zu verschlechtern, und Mary brachte ihn in die Vereinigten Staaten, wo er Schocktherapien unterzogen wurde, um ihn von der alkoholbedingten „Wahnvorstellung“ zu heilen, er werde überwacht. Doch freigegebene FBI-Akten legen nahe, dass dies keine Einbildung war. Die US-Regierung hatte ihn seit seiner Zeit als Journalist im Spanischen Bürgerkrieg als möglichen kommunistischen Sympathisanten überwacht.

Hemingways enge Beziehung zu den spanischen Exilanten in Kuba sowie eine viel fotografierte – jedoch einmalige – Begegnung mit Fidel Castro bei einem Angelturnier befeuerte die Verdächtigungen der US-Regierung noch mehr. Dr. Herrera erklärte, dass Fidel Castro wiederholt um ein Treffen mit Hemingway gebeten hatte, der Schriftsteller jedoch zögerte, darauf einzugehen.

Doktor José Luis Herrera Sotolongo wurde später Kubas erster Gesundheitsminister unter Fidel Castro. Margarita und ihr Bruder sollten ihren Vater nie wiedersehen. Er starb 1995 auf Kuba im Alter von 82 Jahren. In einem seltenen Interview sagte Margarets Vater über den Selbstmord des berühmten Schriftstellers knapp: „Er hätte auf Kuba sterben sollen.“

Englische Version: José Luis Herrera Sotolongo was Ernest Hemingway’s personal physician

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José Luis Herrera Sotolongo was Ernest Hemingway’s personal physician

Ernest Hemingway
Cuban friends and close confidants: Dr José Luis Herrera Sotolongo, Juan Duñabeitia and Ernest Hemingway.

What if for your first writing assignment in high school, you wrote about having dinner with the Hemingways in Cuba, and no one believed you? And worse, your English teacher – a Sister of Charity, no less! – called you a liar in front of your new classmates. Nor would there be any empathy at home. „You should never have written that.“ Your mother scoffed. „Your father has forgotten us. The past is past.“

You feel as though you lost everything – your native language, your childhood friends, but most of all, the love of a once doting father, when your mom decided, for personal and political reasons, to emigrate to New York City, with her two children. Margarita now had to answer to its English translation, Margaret. From an apartment overlooking the sea in Miramar, Margaret was now among the poorest students in her Bronx classroom. She was always getting into trouble, for not having her beret, gloves, rosary or Bible. Not because she was rebellious or forgetful (oh no, she wasn’t that)! Her mother simply could not afford those items.

Is it any wonder that she would keep the bittersweet memories of her privileged childhood to herself – to the point of shielding them from her own children decades later? But the past is never past. It is a series of successive points of departure, from which we turn in one direction or the other.

One day, scrolling through photographs of Hemingway’s writing haven in Cuba, Finca Vigía, now a museum, I noticed that its caretaker bore an uncanny family resemblance – to my high school friend, Margaret! I immediately emailed the article to her. Could they possibly be related? „Oh sure,“ she replied casually. „That’s my cousin Armandito.“ 

That sparked a campaign to vindicate my friend’s honor. Our English teacher had long left the convent, as well she should have. But I wanted our classmates to know that far from lying, Margaret had modestly understated her relationship to Papa Hemingway. Her father, Dr José Luis Herrera Sotolongo was Ernest Hemingway’s personal physician, and close confidant, and many of the iconic photos of Papa and his then wife Mary were taken by her Uncle, Roberto. Another uncle, Armando, completed the trio of brothers in Hemingway’s orbit.

Dr José Luis Herrera Sotolongo
Ernest Hemingways physician: Dr José Luis Herrera Sotolongo (Madrid 1913 – Havana 1995).

Ernest and the Herrera Sotolongo Brothers met in Spain during the Spanish Civil War, when Hemingway was a war correspondent, working closely with the 15th („Lincoln“) International Brigade. Margaret’s future father, meanwhile, was serving as Chief Surgeon in the 12th („Garibaldi“) International Brigade. Their Brigades were backed by the Soviet Union (Republicans), and fought against the forces of General Francisco Franco, who had the support of Germany and Italy (Fascists).

As in many Civil Wars, Spanish families were divided. It is said that aristocratic members of Margaret’s family went into exile in France and Italy with the former King of Spain, Alfonso XIII. Such relationships would prove vital when General Franco won the war. Although it might be argued that a doctor’s role is humanitarian, Dr Herrera Sotolongo was sentenced to death by firing squad. Thanks to his family connections, his sentence was commuted, first to life imprisonment, and finally to permanent exile in Cuba. His brothers would soon join him there. 

In her high school composition, Margaret charmingly described accompanying her father on Saturdays to see Papa. Of sitting in a worn wicket chair that scratched her legs, and watching him write. Of helping Mary in the garden, or conspiring with her mother to ditch the turtle steak placed before them, while the men sat at the other end of the table, endlessly reliving the Spanish Civil War. 

As the dinner guests gathered later that night to watch a meteor shower from Finca Vigía, no one imagined that it was the end of an era. As Margaret poignantly states, „Shortly after, Fidel Castro took over, and life as we knew it ended for millions of us.“

Margarita Herrera
Margarita Herrera in her garden, a pastime she shared in Cuba with Hemingway’s wife, Mary.

Ernest’s physical and mental heath began to decline, and Mary took him to the United States, where he was subjected to shock treatments to cure him of the alcoholic „obsession“ that he was being watched. Declassified FBI files suggest that it was no delusion. The U.S. government had had him under surveillance as a possible Communist sympathizer, since his time as a journalist during the Spanish Civil War. 

Hemingway’s close relationship with the Spanish exiles in Cuba, as well as a much photographed – but single – encounter with Fidel Castro at a fishing tournament, did not allay the government’s suspicions. Doctor Herrera stated that Fidel Castro repeatedly asked to meet Hemingway, but the writer expressed his reluctance to do so.

José Luis Herrera Sotolongo would become Cuba’s first

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Der Mann, der die Sonne umarmen will

Ernest Hemingway
Ernest Hemingway im römischen Colosseum von Nimes, Frankreich, im Dezember 1949. (colorized). Credit Line: Ernest Hemingway Collection. John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

Sein Meisterwerk Der alte Mann und das Meer ist ein kurzer Roman. Was schätzen Sie, wie oft kommt der Begriff „Sonne“ auf den gut 100 Seiten vor? Wie oft schreibt Ernest Hemingway von der Sonne und über die Sonne? Geben Sie Ihre Schätzung ab! Viermal? Achtmal? Zehnmal? Weit gefehlt! Ich will es Ihnen verraten: 51 Mal erwähnt der bärtige Nobelpreisträger die Sonne. Statistisch gesehen auf jeder zweiten Seite. Dies muss etwas bedeuten.

Auch in seinen anderen Werken kommt die Sonne häufig vor, selbst in seinen Reportagen und den journalistischen Stücken. Sein Erstling The Sun Also Rises – auf Deutsch: Fiesta – führt die Sonne gar im Buchtitel. Die Sonne tummelt sich als zentraler Topos in seinem Werk und ebenso in seinem Leben. Ernest ist ein Anbeter der Sonne, wie man so schön sagt. Wir kommen dem Sachverhalt langsam näher.

Als Refugium hat er sich der US-Amerikaner die Sonnenregionen dieser Welt ausgesucht. Er liebt die Wärme und die Behaglichkeit. Andalusien, Italien, Florida, Kuba – Landstriche, deren Sonnenstrahlen das Herz enthusiasmieren. In der Hitze erwacht in dem Schriftsteller eine verborgene Energie, ebenso wie das Verlangen, sein Innerstes zu erspüren. Er benötigt die Sonne, die Schwüle der Tropen, um überhaupt schreiben zu können. 

Sein Lebenselixier ist die Sonne. Aus diesem Grund hat ihn die Lebenslust für 30 Jahre nach Key West und Kuba gezogen. Die Sonne und die Hitze bilden für ihn der Gegenentwurf zum kalten Tod. Zudem kitzelt die Glut manch verschüttetes Begehren hervor. Ernest Hemingway verliert sich in jene so selbstverständliche tropikale Anmut, sobald die Natur den wärmenden Lebensregulator aufdreht. 

„Der Fisch ist auch mein Freund“, sagte er laut. „So ein Fisch ist mir noch nie untergekommen. Aber ich muss ihn töten. Ich bin froh, dass wir nicht versuchen müssen, die Sterne zu töten.“
Stell dir vor, ein Mann müsste jeden Tag versuchen, den Mond zu töten, dachte er. Der Mond läuft weg. Aber stell dir vor, ein Mann sollte jeden Tag die Sonne zu töten versuchen? 

Dieser Kerl aus dem kühlen Mittelwesten der USA könnte sich – trotz des abträglichen Lebenswandels – als Apostel der Sonne anbieten. Es entspräche seinem Naturell: Denn die Sonne bildet den Gegenentwurf zum Kopfbestimmten, den Gegenspieler der kalten Räson. Die Tropenhitze steht über Ratio und Intellekt. „Ich verstehe von diesen Dingen nichts, dachte er. Aber es ist gut, dass wir nicht versuchen müssen, die Sonne, den Mond oder die Sterne zu töten. Es reicht, dass wir vom Meer leben und unsere wahren Brüder töten.“

Die Sonne und das Übernatürliche – so nenne ich es mal – gehören zusammen. Der Naturbursche Ernest sieht und spürt dies sogleich. Dort vor ihnen, so weit er sehen konnte, so weit wie die ganze Welt, groß, hoch und unvorstellbar weiß in der Sonne war der flache Gipfel des Kilimandscharo. Und dann wußte er, dorthin war es, wohin er ging. Weiß und unschuldig in der Sonne. Die Sonne zieht ihn magisch an. Rätselhaft und unerklärlich.

Im Vorzitat zu The Sun Also Rises wird der Rabauke vom Michigan See deutlich. Die Sonne geht auf und geht unter und läuft an ihren Ort, dass sie wieder daselbst aufgehe. So steht es in Prediger Salomo. Das ist die Bibel, bekanntlich die Pflichtlektüre eines jeden Atheisten. Etwas später finden wir: Als ich mich aber umsah nach all meinen Werken, die meine Hände gemacht hatten, und nach der Mühe, die ich mir gegeben hatte, um sie zu vollbringen, siehe, da war alles nichtig und ein Haschen nach Wind, und nichts Bleibendes unter der Sonne!

Nichts Bleibendes unter der Sonne. Nur die Sonne wird bleiben, was immer mit der Sonne gemeint sein mag. Ernest Hemingway betet die Natur an – welch eine Metapher! – und hat sich die Sonne als kraftvollstes Teil der Natur ausgesucht. Kein Götzenbild wie Geld oder Schönheit, stattdessen verehrt er die Natur. Der Nobelpreisträger von 1954 gefällt sich im Leben als Lästerzunge, er kommt

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Acht Botschaften aus Ernest Hemingways ‚Der alte Mann und das Meer‘

Der alte Mann und das Meer
Ernest Hemingway: Der alte Mann und das Meer. Ein Kurzroman aus dem Jahr 1952.
  1. A man can be destroyed but not defeated. Man kann einen Menschen vernichten, aber nicht besiegen. Ein Mann oder eine Frau können äußerlich zerstört werden, aber innerlich trotzdem stark bleiben. Man kann bis auf die Knochen auseinandergenommen werden, doch man darf nicht aufgeben.

  2. Das Aufstehen nach einer Niederlage ist entscheidend. Resilienz, im modernen Sprachgebrauch. Die Widerstandskraft und die Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen ohne Beeinträchtigung zu überstehen. Nicht das Zu-Boden-Gehen umschreibt den Misserfolg. Das Liegenbleiben ist die eigentliche Niederlage.

  3. Niederlagen gehören zum Leben. Die Niederlage ist nicht schlimm. Im Gegenteil: Sie kann eine Schönheit in sich tragen. So hat die Geburt eines Menschen einen Zauber in sich, ebenso wie sein Verlöschen.

  4. Alter, Herkunft und Status spielen keine Rolle. Jeder Mensch kann kämpfen. Einerlei, ob alt oder jung. Ob von Süden oder von Norden. Ob einfacher Fischer oder belesener Professor. Jeder Mann und jede Frau fechten einen Kampf aus.

  5. Im Zusammentreffen gilt es, die Natur zu respektieren. Sie setzt den Rahmen unseres Handelns. Die Natur bestimmt die Regeln. Von Geburt bis Tod handeln wir als Teil dieser Natur. Nicht als ihr Gebieter.

  6. Irgendeine Kraft ist stärker als der Mensch. Dem Erdenbürger sind Grenzen gesetzt. Die letzten Entscheidungen hat der Mensch nicht zu treffen. Dies gebietet jemand anderes. Nennen wir es Schicksal oder Evolution. Oder, wenn man will, nennen wir es Gott.

  7. Stolz zeigen trotz einer Niederlage. Jeder Misserfolg hilft, besser zu werden. Dieser Erkenntnisgewinn kann mit einem höheren Selbstwertgefühl einher gehen.

  8. Die Würde des Menschen ist das allerwichtigste. Wer seine Dignität abgibt, vergisst oder überträgt, der hat zugleich sein Leben abgegeben. Egal, wie der Kampf ausgehen mag: Jeder Mensch entscheidet selbst über Sieg oder Niederlage. Ob er seine Würde behält. A man can be destroyed but not defeated.

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Ernest Hemingway – die Liebe des Macho

Ernest Hemingway
Ariana Ivancich
Kuba
Wenn Liebe und Tod eng beieinander liegen. Ernest Hemingway und seine platonische Geliebte Adriana beim Tontaubenschießen im Oktober 1950 auf Kuba. Credit Line: Ernest Hemingway Collection. John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

Ernest Hemingway hält harte Kost bereit für den Leser. The world breaks every one and afterward many are strong at the broken places. But those that will not break it kills. It kills the very good and the very gentle and the very brave impartially. So mag seine Sicht auf die Dinge des Lebens sein. Der Mensch im andauernden Kampf ums Überleben, Ausgang ungewiss. Die Welt zerbricht jeden, und nachher sind viele stark an den zerbrochenen Orten. Doch diejenigen, die nicht zerbrechen wollen, die werden getötet. Und es trifft immer die Besten und die Sanftmütigsten und die Tapfersten, ohne Unterschied.

Betont maskulin kommen seine Prosa und die Plots daher. Toreros werden aufgespießt, Unsicherheiten im Alkohol ertränkt, Schlachten werden geschlagen, Tote sind zu beweinen. Dennoch wirkt Ernestos Kosmos zart und zerbrechlich. Seine Macho-Welt scheint nicht so gefestigt, dass sie all den Herausforderungen eines Lebensweges trotzen würde. Stier und Torero sind beide todgeweiht. Diese Todesweihe wird zum Wesensmerkmal in seinem Leben und zugleich zu einer krankhaften Manie.

Kein Kraut, das dagegen gewachsen ist. Vielleicht nur die Liebe. Um diesem Mysterium auf den Grund zu gehen, ist er Schriftsteller geworden. Deshalb schreibt Ernest Hemingway über den Tod und über die Liebe und über das Leben. Hinter all den Verletzungen und Niederlagen keimt ein zarter Blütenkelch. Selbst wenn er scheitert. Diese zwiespältigen Gefühle von Hemingways Helden sind dem Leser nicht fremd, denn es sind ebenso seine Gefühle.

Der Mann vom Michigan See beschreibt das Leben, wie es ist: Die anstrengende Suche nach Liebe und Anerkennung. Versuch, Irrtum und dann der Misserfolg. Oft genug hat er es in seinem Privatleben probiert und hat Schiffbruch erlitten. Und siehe da, trotz aller Pleiten hat er einen neuen Versuch gewagt. Und ist abermals gescheitert. Was treibt ihn an und lässt ihn hoffen?

Als Vision leuchtet die Liebe, die Liebe in allen Facetten. Auch das Herumtollen in fernen Gegenden gehört zu seinem Universum der Leidenschaft. Bei Hemingway umfasst die Liebe ebenso die Liebe nach fremden Ländern. Er liebt das Reisen und den Besuch unbekannter Gefilde. Machen Sie sich einen Spaß und ersetzen den geografischen Begriff Paris in seinen Roman durch das Wort Liebe. Die Liebe ist ein Fest fürs Leben.

So wird Italien für ihn immer nach Hingabe riechen und schmecken. Nach Agnes und Adriana. Die Leichtigkeit des italienischen Alltags wird Ernest Hemingway allzeit mit einer tiefen Herzenswärme in Verbindung bringen. Mit einer Wärme, die er in seiner kalten Heimat schrecklich vermisst. Italien wird für den Mann aus Chicago zeitlebens für jene Sehnsucht stehen, die hilft, all die Verletzungen zu vergessen.

Die Liebe hebt den Druck auf das Individuum auf, denn die echte Liebe kennt keine Erwartung und stellt keine Anforderung. Sie ersetzt Einsamkeit durch Innigkeit. Einsam will er nicht sein. Sein Trauma. Ernest Hemingway hasst die Einsamkeit, denn seine Einsamkeit endet in Verlorenheit. Seine Romane können gleicherweise als Schreie gegen die Verlassenheit gelesen werden. Als Hilferufe eines Mannes, der sich tief innen einsam fühlt.

Große Literatur sei ein einsames Geschäft, hat er gesagt, und vielleicht meint er nicht nur die Literatur, sondern zugleich das Leben. Wenn zwei Menschen sich wirklich lieben, dann ist dies ein starkes Gefühl, stärker als jede Einsamkeit und Verletzung. Deshalb sucht er – wo auch immer – nach Zuneigung und nach Hingabe. Nach der unsterblichen Liebe. Nach der Liebe, die über den Tod hinaus besteht.

Die richtige Liebe unterscheidet nicht mehr zwischen Körper und Geist und Seele. Die Liebe ist mehr als Trieb, Herz und Leidenschaft. Die wahre Liebe umarmt alles: das Verlangen, alle Gefühle, die Naturverbundenheit, das Ideal. Als Romantiker hört Ernest nicht auf, an das

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Ernest Hemingway: Zum Meer gehen – vom Meer zurückkehren

Modeste von Unruh
Ernest Hemingway auf dem Meer. Vor Cabo Blanco in Peru, April 1956. Foto: Modeste von Unruh/Colorized. Archiv Dr. Stock.

Er gilt als Rabauke und Raufbold der Weltliteratur. Möglicherweise ist Ernest Hemingway dies zu Beginn seines Werdegangs auch gewesen. Doch dieser flegelhaft auftretende Kerl, er ist vom Jahrgang 1899, hat eine Entwicklung durchlaufen. Von der Kriegsfront im Ersten Weltkrieg über die Stierkämpfe in Pamplona und den Safaris in Ostafrika bis hin zum alten Mann ist es ein weiter Weg. Ebenso wie der von einem scheinfrommen Vorort von Chicago bis hin ins tiefgläubige katholische Kuba.

Möglicherweise erlebt er die Reifung vom selbstgewissen Rebellen hin zum aufrichtig Suchenden. In seinem Spätwerk – vor allem in Der alte Mann und das Meer aus dem Jahr 1952 – hat Hemingway uns Erzählungen hinterlassen, die vor religiösen Chiffren und gottesfürchtigen Metaphern nur so übersprudeln. Man muss indes sorgfältig lesen, denn der Entwicklungsprozess hin zu einem spirituellen Autor weiß der Amerikaner aus Oak Park gekonnt zu verstecken.

Da ist Santiago, der alte Mann aus Cojímar. Der schlichte Fischer kehrt zurück in das Heimatdorf, er hat seinen prächtigen Fang an die Haie verloren. Die Mühsal vieler Tage und Wochen ist umsonst gewesen. Der alte Fischer ist geschlagen, doch nicht gebrochen. Am nächsten Tag wird es ihn mit seinem schlichten Holzboot wieder auf das weite Meer ziehen. Zum Meer hin. Vom Meer heimkommen. Eine starke Metapher.

Das Meer nimmt den Menschen auf, an den meisten Tagen wirft es ihn zurück ins Leben. Niemand weiß, was der folgende Tag auf dem Meer bringen wird. Zumal selbst ein freudiger Abschluss einer Täuschung unterliegt. Über das große Ganze entscheiden andere, Fang und Rückkehr liegt nicht in den Händen des Menschen. Das Meer, was immer und wer immer auch damit gemeint sein mag, ist mächtiger.

La Mar. Umgangssprachlich nennen die meisten Fischer in Lateinamerika das Meer la Mar. Obwohl das Meer im Spanischen offiziell maskulin ist. El Mar. Auch der alte Fischer Santiago, so schreibt Ernest Hemingway in seinem Werk, dachte an die See immer an „la mar“, so nennt man sie auf Spanisch, wenn man sie liebt. Der alte Mann dachte immer an sie als etwas Weibliches, als etwas, was große Gunst gewährt oder vorenthalten kann.

Wie der Ausgangspunkt des Lebens erscheint das Meer, ebenso wie sein Endpunkt. Die Göttin der Liebe und der Schönheit – Aphrodite bei den Griechen und Venus bei den Römern – entsteigt traumhaft den Fluten. Das mit Blut und Samen vermischte Meereswasser schäumt auf und gebiert ein Lebewesen. Die schaumgeborene Göttin, die Herrscherin über Sexualität und Begierde, sichert die Fortpflanzung des Menschen.

Womit ein Pol des Lebens beschrieben wäre. Der andere Pol ist im Spanischen erstaunlicherweise feminin. La Muerte. Der Tod. Im Deutschen maskulin. Eigentlich verrät diese Konnotation die dahinter stehende Geisteshaltung. Das Mindset, wie es im modernen Sprachgebrauch heißt, verrät die Gesinnung der Hispanos. Viva la muerte, brüllen die Revolutionäre in allen Farben. Es lebe der Tod.

Am Meer geht es im Spanischen auch zu Ende. Volver al mar, klagen die Iberer altüberliefert, zum Meer zurückgehen. Und meinen damit, jetzt läuft es auf den Schlusspunkt zu. Die Philosophen sehen im Meer, das sich von den zufließenden Flüssen speist, aber nie überläuft, das Sinnbild für den Kreislauf des menschlichen Seins. Das Meer gibt und nimmt das Leben.

Das Meer ist mit einer Naturkraft ausgestattet, ohne die sich die Erde nicht drehen könnte. Es ist mächtiger als der Mensch. Und deshalb hat Hemingway zu Ende seines Lebens eine Erzählung zu Papier gebracht, in der kein

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Ernest Hemingway: Tiere töten

Ernest Hemingway
Modeste von Unruh
Lebewesen töten, die größer sind als man selbst. Angelfreund Elicio Argüelles, ein Marlin von 730 Pfund und Ernest Hemingway. Cabo Blanco, am 27. April 1956. (colorized) Photo: Modeste von Unruh.

Im Alltag ist Ernesto ganz vernarrt in seine Tiere. Auf seinem riesigen Anwesen Finca Vigía nahe bei Havanna hält der Schriftsteller ein halbes Dutzend Hunde und noch mehr Katzen. Mit Hingabe betreut der Autor sie, schützt sie, er streichelt und drückt sie ans Herz. Wie mit einem Sohn oder einer Tochter spricht er mit ihnen. Der Nobelpreisträger umsorgt die Kreaturen, als seien es Familienmitglieder. Er liebt die Tiere mit ehrlichem Gefühl. Das ist die eine Seite. Die andere Seite seiner Wirklichkeit ist barbarisch.

Ernest Hemingway jagt die Lebewesen – die Marline und Schwertfische, die Tauben und Fasane, die Antilopen, die Büffel und die Löwen, die Elefanten – er verletzt sie und er tötet sie. Es machte mir nichts aus, zu töten, ein Tier, es sollte nur sauber geschehen. Sie mussten alle sterben, und mein Beitrag in das nächtliche und saisonale Töten, das die ganze Zeit geschah, war bedeutungslos und ich hatte überhaupt kein schlechtes Gefühl dabei. Er hat sein kaltes Credo festgehalten, er macht kein Geheimnis daraus, er schreibt es in Die grünen Hügel Afrikas.

Es fasziniert den Amerikaner, wie beim Stierkampf in Spanien mit dem Tod gespielt wird, wie der bunte Torero den schwarzen Bullen neckt und vorführt, um ihn dann unter dem Gejohle der Zuschauer blutig abzuschlachten. Ernest Hemingway mag das Schauspiel, bei dem der Mensch als Todesbote auftritt, die Kollegen Dramatiker haben es allegorisch viele Jahrhunderte auf der Theaterbühne aufführen lassen. Doch Hemingways Tod tritt ohne dunkles Gewand und ohne Maske auf. Der richtige und blutige Tod ersetzt die Allegorie.

You killed him for pride and because you are a fisherman. Du tötest aus Stolz und weil du ein Fischer bist. Ernest Hemingways Romanfigur Santiago aus Der alte Mann und das Meer angelt aus Tradition. Doch Ernest Hemingway tötet nur aus pride. Wobei pride in der deutschen Übersetzung sowohl Stolz als auch Hochmut meinen kann. In der Persönlichkeit dieses Burschen vom Michigan See liegt beides nahe beieinander.

Dass er mit dem Abknallen und Abstechen der Lebewesen einen gewaltigen Fehler begeht, er spürt es schon. Das Töten stellt einen schrecklichen Frevel dar, der Mensch darf sich nicht über die Tiere erheben. Die Schöpfung besitzt ihre eigene Würde und ihre eigene Ordnung. Und der Mensch ist lediglich ein Teilstück dieser Schöpfung, nicht ihr Gebieter. Ein Mensch darf die Schöpfung nicht mutwillig antasten, über dieses Privileg verfügt nur ihr Erschaffer. 

Der Tabubruch indes lockt ihn. Lebewesen zu töten, die größer und stärker sind als man selbst. Sich als Herrscher und Gebieter aufzuspielen. Wenn ein Mensch gegen den Tod rebelliert, so wie ich gegen den Tod rebelliere, macht es ihm Freude, ein Sonderrecht der Götter für sich in Anspruch zu nehmen: die Macht, den Tod zu geben. Man muss den Satz zweimal lesen und den Sinn dahinter begreifen: Ein Mensch, der Gott sein will? Schlimmer geht es nicht.

Dieser Mann hat Grauenhaftes gesehen und erlebt. Granaten-Einschläge, einen grausamen Bürgerkrieg, Meere aus Blut und Hunderte Leichen. Den geliebten Vater hat er zu früh verloren, Clarence bringt sich selber ums Leben, im elterlichen Schlafzimmer. Möglicherweise ist dieses Trauma zu viel gewesen für Ernest. Kann es sein, dass er sich mit dem Töten der Tiere gegen Gott auflehnen will, weil er sich ungerecht behandelt fühlt? Er vermisst den Vater so sehr.

Irgendwann muss Ernesto seinen größten Löwen schießen. Der Tod des Jägers ist die Folgerichtigkeit seiner immerwährenden Gotteslästerung. Dabei gäbe es den Zauber der Evolution zu bewundern. Dem Werden des Menschen wohnt eine Faszination inne, ebenso wie seinem Verlöschen. Es läuft auf eine krankhafte Selbstüberhöhung hinaus, dieses natürliche Regelwerk von Blühen und Verblühen außer Kraft zu setzen. Es ist abscheulich und es ist enthemmend. Denn wo

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Ist Ernest Hemingway ein Blender und Aufschneider?

Ernest Hemingway
Cabo Blanco
Ernest Hemingway im April 1956 in Cabo Blanco, Peru. Foto: Modeste von Unruh. Archiv Dr. Stock.

Ernest Hemingway läuft man über den Weg in Pamplona und Ronda, in Venedig und in Fossalta, hoch in den Alpen oder im tiefen Schwarzwald, in Paris natürlich, auch in der deutschen Schnee-Eifel, in der Karibik, auf Kuba, am Fuße der Rocky Mountains oder in Afrika. Auch wenn die Verehrung oft nur an der Oberfläche kratzt, die Bewunderung für diesen Mann ist echt, sie kommt von unten, von den Menschen.

Keiner hat hier etwas befohlen oder angeordnet, nichts läuft top down, die Hochachtung erfolgt bottom up. Es sind die Leute, die wollen, dass dieser Tote lebendig bleibt. Dieser Schriftsteller hat ein ziemlich buntes Leben vorzuweisen, das macht den Unterschied zu anderen aus, mit seiner Lebensgeschichte kann uns dieser Erzähler ebenfalls packen. Seine Person und sein Tun sollte man deshalb nicht von seinem Werk trennen. 

Eigentlich lebt er wie eine seiner Romanfiguren. Auf den einen oder anderen Beobachter mag Ernest Hemingway mit seinem Riesen-Ego aufgeblasen wirken. Wie ein Aufschneider und Großkotz. Aber Obacht, der Mann mit dem grauen Bart ist kein Blender oder Sprücheklopfer. Er liebt die Rolle eines Zampano. Doch in Wirklichkeit ist er ein bienenfleißiger und pingeliger Schreiber. Seine Passion nimmt er ernst und legt eine bemerkenswerte schreiberische Emsigkeit an den Tag.

Diesem Autor ist sein Erfolg nicht in den Schoß gefallen. Aber Ernest Hemingway ist immer eine Kämpfernatur gewesen. Unzählige Male hat er Courage und Draufgängertum bewiesen, schon als Grünschnabel im Veneto, im ersten großen Krieg, wo sein Leben am seidenen Faden hing. Und er war auch später überall dabei, wo es krachte und schepperte, im Hürtgenwald zu Ende des Zweiten Weltkriegs, in Spanien, wo sich Brüder und Freunde massakrierten.

Für das Geplapper der Großstadt ist dieser Kerl nicht gemacht. New York, Chicago, Boston – zu viel heiße Luft und zu wenig Bodenhaftung. Er muss die Tür zur freien Natur aufstoßen. Am Golf von Mexiko, vor Key West, auf den Bahamas, am Pazifik wirkt dieser kernige Bursche ausgeglichen und lebt auf. Er zieht die Gesellschaft von einfachen Fischern, zünftigen Schankwirten und bodenständigen Kleinhändlern vor.

Professoren und Intellektuelle findet man in seinem engen Freundeskreis so gut wie nicht. Er will keinen kopflastigen Glorienschein, Ernest Hemingway selbst tut einiges für sein schlechtes Image. Er säuft bis zum Umfallen, jagt jedem Rock nach, plustert sich auf, gibt allerlei Räuberpistolen zum Besten. So stellt man sich einen Nobelpreisträger der Literatur nicht gerade vor. Viele rümpfen die Nase, andere finden es großartig.

Hemingway ist nicht unbedingt ein Schreiber für die gebildete Schickeria. Dies ist außergewöhnlich in der Weltliteratur, Ernesto wird gerade auch von einfachen Menschen mit großer Passion gelesen. Er selbst hat nie studiert, seine Universität sind die Plätze und Kneipen auf allen Kontinenten. In den letzten Jahren und Jahrzehnten bin ich sechs, sieben Frauen und Männern begegnet, die ihn gut gekannt haben. Und allesamt berichten das Gleiche: Dieser Literat ist nahbar, ohne Allüren, ein Kerl wie du und ich. 

Diese Nähe zum normalen Menschen mag erklären, warum dieser Nobelpreisträger solch tiefe Spuren hinterlassen hat. Und weshalb die Leute ihre Verehrung ohne Anweisung ins Werk setzen. Dieser Autor holt den Leser ab in seiner Welt, es ist auch die Sphäre dieses Schriftstellers. Die Hommage der Menschen gilt einem Freund. Es ist das Leben, unser aller Leben über das hier geschrieben wird.

Seine Themen köcheln im tiefsten Inneren. Die ewige

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Was Fidel Castro über Ernest Hemingway sagt

Ernest Hemingway und Fidel Castro haben sich einmal gesehen. An Land, bei einem Angel-Wettbewerb im Mai 1960. So einträchtig auf dem Meer – das kann allerdings nur die Künstliche Intelligenz unserer Tage. Foto: AI Grok.

In der Nacht vom 6. Februar 1984 führt der kubanische Journalist Norberto Fuentes im Palast der Revolution von Havanna ein ausführliches Interview mit Fidel Castro. Das einzige Thema: Ernest Hemingway. Was der Revolutionsführer über den US-amerikanischen Schriftsteller ausplaudert, ist hochinteressant. Man merkt, die Anmerkungen bleiben nicht bloß dahin gesagt, sondern hier kennt sich einer aus. 

Hemingways Werke waren für mich stets gute Begleiter. Es ist doch so, dass man sich in bestimmten Büchern wiederkennen kann. Bei mir war es so, dass ich mich auf der Stelle mit Hemingways Erzählungen identifizieren konnte.

Der berühmte US-Autor, in Chicago geboren, lebte 21 Jahre auf Kuba. So lange hat seine Heimat ihn nie gesehen. Dabei fühlte er nahezu wie ein Kubaner, er fügte sich wie selbstverständlich ein in die fremde Welt. Aus Überzeugung. Mit Freude. Er lernte die Sprache. Die Finca Vigía, im Süden von Havanna. war sein Rückzugsort gewesen. Unter tropischen Palmen regierte hier das schiere Glück. Kuba und Ernest Hemingway, es passte wie Yin und Yang. Die Wertschätzung erfolgte aus beiden Richtungen.

Ich muss „Wem die Stunde schlägt“ mehr als drei Mal gelesen haben. Und ich kenne den Film. Ich habe auch „In einem andern Land“ und „Der alte Mann und das Meer“ mehrfach gelesen. Dazu seine Erlebnisse in Afrika – ich beziehe mich auf seine Erzählungen und Artikel. Alles habe ich verschlungen. Und natürlich die Stücke über seine Abenteuer in der Karibik.

Der Jurist und Rechtsanwalt Fidel Castro ist ein Mann mit hohem Scharfsinn. Studiert, belesen, charismatisch. Man übertreibt wohl nicht, wenn man den Yankee Ernest Hemingway als seinen Lieblingsautor bezeichnet. Dies überrascht, denn Kuba selbst hat viele erstklassige Schriftsteller hervorgebracht. Man sollte dieser wunderlichen Zuneigung also auf den Grund gehen.

Der erste Grund, warum er mich anzieht, ist sein Realismus. Weil Hemingway mich alles mit großer Sauberkeit und Klarheit sehen lässt. Es gibt keine Schwachstellen in seinen Texten. Alles ist überzeugend und alles ist so wirklichkeitsnah. Er hat das Talent, dich in die afrikanische Tiefebene oder in eine Stierkampfarena zu entführen, und es fällt dir schwer, das Gelesene zu vergessen. Weil es so geschrieben ist, als hättest du es selbst erlebt.

Ernest Hemingway ist bekanntlich ein Mann des Meeres. Er liebt das große Wasser über alles. Am liebsten hält er sich nahe dem Ozean auf. Für ihn ist das Meer ein Symbol von Freiheit und Unabhängigkeit. Dazu die Quelle der Evolution. Das Meer gebiert das Leben und am Ende nimmt es das Leben. Es ist unsterblich, da hat es dem Menschen etwas voraus. Diese wundersame Kraft des Meeres ist gleichsam das Thema des Ernest Hemingway.

Ich will etwas verraten. Ein anderer Grund meiner Bewunderung: Hemingway schreibt über das Meer. Ich verbringe viel Zeit auf dem Wasser. Wenn es irgendwie geht, versuche auch ich, ans Meer zu kommen. Ich kenne ihn und ich bewundere ihn. Ich glaube, ich verstehe Hemingways Gefühle, wenn er auf unseren Gewässern segelt.

Er ist ein Weltenbummler, dieser Hemingway. Ein Abenteurer, ohne Frage. Ernesto, ein Mann mit Cojones. Ein kerniger Kerl, der unbeirrt seinen Weg geht. Mit Rückgrat. Und einer, der sich einen Dreck darum schert, was am Wegesrand getuschelt wird. 

Ein anderer Grund meiner Bewunderung ist, dass Hemingway ein Abenteurer war. Ein Abenteurer im wahrsten Sinne des Wortes. Ein Gefühl, das meiner Meinung nach schön ist. Ein Abenteurer ist ein Mensch, der mit der Welt um sich herum unzufrieden ist und es als seine Aufgabe sieht, sie zu verändern. Er muss mit Konventionen brechen. Um dies zu tun, stürzt er sich ins Abenteuer. Dabei lernt er, dass die Welt auch ihn verändern wird. Er wird nicht unversehrt aus diesen Kämpfen kommen. Verletzungen sind unvermeidlich.

Nun ist Ernest Hemingway kein Revolutionär im strengen Sinn gewesen. Ein Marxist schon gar nicht. Auch wenn Fidel Castro ihn ein wenig für seine Ziele einvernehmen möchte. Doch für kollektivistische Ideen ist der Nobelpreisträger eigentlich nicht zu haben. Dazu ist er viel zu sehr Individualist. Kann ein Individualist zugleich Revolutionär sein? Nach innen vielleicht?

Der andere Grund, warum ich Hemingway schätze, hat mit dem zu tun, was ich seine Kühnheit nennen würde. Aber diese Eigenschaft ist etwas, das ich nicht nur an Hemingway, sondern an allen Schriftstellern bewundere.

Möglicherweise hat der Comandante etwas gelernt aus den Romanen und Erzählungen des Amerikaners. Bei dieser Frage kommt der Revolutionsführer ins Schwärmen. Mit Abstand betrachtet, wirkt er in diesem Punkt allerdings ein wenig unglaubwürdig.

„Wem die Stunde schlägt“ erzählt von einer Guerilla und davon, wie sie als Nachhut in einem vom Feind kontrollierten Gebiet völlig frei agieren kann. Ich bin fasziniert von der lebhaften Beschreibungen in diesem Roman. Als ich das Werk zum ersten Mal las, als Student, kam mir vor Augen, wie eine subversive Rebellion aus politischer und militärischer Sicht bei uns auf Kuba aussehen könnte. Als wir dann selber kämpften, wuchs mir das Buch noch mehr an Herz.

Wie steht es um sein berühmtestes Werk? Der alte Mann und das Meer – abgesehen davon, dass diese Erzählung ein nahezu perfekter Roman ist – scheint mir ein höchst merkwürdiges Buch. Diese Novelle handelt von dem kubanischen Fischer Santiago, von dem Jungen Manolín als seinem Helfer, die Handlung spielt sich ab in einem kargen kubanischen Fischerdorf und vor allem auf dem Golfstrom vor Kuba. Alles an dem Roman ist kubanisch – nur sein Autor nicht.

Ich halte „Der alte Mann und das Meer“ für ein Meisterwerk. Es ist außergewöhnlich, dass ein Autor in der Lage ist, so einen fesselnden Roman zu schreiben mit einer einzigen Figur, die sich tagelang in einem Boot auf dem Meer befindet. Mit einen Mann, der zu sich selbst spricht. Ich sage Ihnen, was ich an Hemingway am meisten mag, es sind die Monologe. Ich kenne keinen anderen Autor, der dazu in der Lage ist.

In der Tat spielt sich die Handlung in der kleinen Schaluppe auf dem Golf von Mexiko ab. Wobei der Begriff ‚Handlung‘ ein wenig übertrieben scheint. Zwar kämpft der alte Mann Santiago gegen die gefräßigen Haie, der eigentliche Gegner jedoch scheint ein anderer. Und so kommt es, dass der einfache Fischer andauernd mit sich selber spricht, aber möglicherweise sind seine Monologe, sie kommen dem Leser vor wie Gebete und Fürbitten, an jemand anders gerichtet.

Als ich den Roman zum ersten Mal las, hätte ich mir vielleicht etwas mehr Action gewünscht. Ich habe den Wert dieses Werkes damals nicht in seiner Ganzheit schätzen können. Aber je öfter ich „Der alte Mann und das Meer“ gelesen habe, desto mehr bewundere ich die Erzählung. Wie Hemingway die Aufmerksamkeit des Lesers fesseln kann, allein durch den Dialog eines Mannes mit sich selbst. Und dann kommt die letzte Frustration.

Hemingways Novelle geht tief, sehr tief. Dies hat Doktor Fidel Castro treffsicher erkannt. Ein Mann kämpft, gegen wen und was auch immer. Die 84 Tage des Fischers Santiago auf dem Meer mögen das Abstrampeln des Menschen auf seinem Lebensweg symbolisieren. Die Botschaft wird schnell klar, gekämpft werden muss immer. Um das kleine Glück des kleinen Menschen festzuhalten.

Der Mensch kann sich der widrigen Umgebung stellen, er muss es sogar tun. Der Ausgang des Kampfes ist offen, der Triumph wird nicht immer erreicht werden. Aber die Aufforderung ist, es zu versuchen, den Kampf aufzunehmen. Und dies ist die Botschaft Hemingways, die wir hier, in Kuba, inmitten einer Revolution, im Kopf behalten haben.

Die Haltung des US-Amerikaners zum kubanischen Umsturz des Fidel Castro und des Che Guevara ist zwiespältig. Eigentlich hat er sich nicht mehr vereinnahmen wollen, wie damals im Spanischen Bürgerkrieg. Er hat Freunde auf beiden Seiten. Jedoch mit dem Bauch und den Gefühlen neigt er den bärtigen Revolutionären zu. Der Kopf sendet ihm das eine oder andere widersprüchliche Signal. Doch El Comandante will den berühmten Schriftsteller – nachträglich – ganz auf seine Seite ziehen.

Hemingway war in den entscheidenden und sehr schwierigen Momenten ein wirklicher Gefährte. Auch wir sind seit Jahrzehnten verwundbar und der Zerstörung ausgesetzt. Aber die revolutionäre Losung ist immer wieder und fest: „Den Rückschlag in einen Sieg verwandeln“. Oder: „Sie können uns tausendmal vernichten, aber niemals besiegen“. Das sind revolutionäre Schlachtrufe bei Kundgebungen und Paraden in den letzten 20 Jahren. Hemingway hatte absolut Recht: Ein Mensch kann zerstört werden, aber niemals besiegt. 

Ernest Hemingway und Fidel Castro sind sich auf Kuba ein einziges Mal über den Weg gelaufen. Am 15. Mai 1960 beim Torneo Anual de Pesca in Marina Barlovento nahe bei Havanna. Der Revolutionsführer macht beim Angel-Wettbewerb mit und – wie sollte es anders sein – gewinnt das Turnier. Ernest Hemingway ist anwesend, sie treffen sich bei der Pokalübergabe. Es bleibt keine Zeit zum gründlichen Gespräch. Nur ein wenig Small Talk. Dabei wäre der Meinungsaustausch zwischen beiden Bärtigen wohl

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Wie Ernest Hemingway den Duke of Windsor locker machte

Ernest Hemingway Peru
Oje, die Krawatte mal wieder viel zu kurz gebunden. Ernest Hemingway auf Reisen. In Talara, in Nordperu, am 16. April 1956. Foto: Mario Saavedra-Pinón.

In einer famosen Reportage für die Zeitschrift HOLIDAY lässt Ernest Hemingway im Juli 1949 tief in sein Inneres blicken. Seit zehn Jahren lebt der amerikanische Starautor auf einem tropischen Anwesen in der Nähe von Havanna. Die Menschen fragen mich, warum ich auf Kuba lebe, und ich sage, weil ich es mag. So weit, so gut. Doch jetzt wird es spannend. Ich kann natürlich auch sagen, ich lebe gerne auf Kuba, weil ich Schuhe nur anziehen muss, wenn ich in die Stadt fahre. Schuhe, immer wieder die Schuhe.

Kein Zweifel, der US-Amerikaner passt wunderbar zu Kuba. Zu dem anarchischen Alltag, zu dem beschaulichen Ehrgeiz, zur entspannten Lebenslust. Er kann sich nicht vorstellen, in New York oder Boston zu leben, seine Heimat ist ihm über die Jahre irgendwie fremd geworden. Und so lässt er sich auf der Insel am liebsten mit Ernesto ansprechen, als einer der ihren. Ernest Hemingway ist ein altmodischer Mann in einem altmodischen Land.

Der Schriftsteller hasst diese aufgesetzte Theatralik anderenorts. Das Geschnatter in der Großstadt, die sozialen Verwicklungen der urbanen Mittelschicht. Alles Oberfläche für ihn, im besten Falle Zerstreuung und Ablenkung vom Alltag. Darum sollen sich andere Autoren kümmern, sein Kosmos ist bodenständig und heißt Italien, Andalusien und Ostafrika. Es sind die Berge und Wälder, die ihn faszinieren, die wilden Stiere, die weite Steppe, das blaue Meer.

Als sein Nachbar Frank Steinhart in San Francisco de Paula April 1948 den Besuch des feinen Duke of Windsor anzeigt und zu einer eleganten Party lädt, da muss er mehrmals überredet werden. Eigentlich will er dort nicht hin, es ist nicht seine Welt. Lieber bleibt er auf seiner Finca Vigía. Doch Steinhart lässt nicht locker, drängt wiederholt am Telefon, Ehefrau Miss Mary pocht ebenfalls auf Teilnahme ihres Gatten.

Schließlich lässt der prominente Schriftsteller sich breitschlagen und geht widerwillig hin. Allerdings nicht in feinem Zwirn und langer Hose, sondern wie im Alltag, in Shorts und Sandalen. Ganz so, als komme er geradewegs vom Swimming-pool im Garten. Unter all den Anzugsträgern wird der Autor zum Tuschel-Thema des Abends. Doch der ehemalige König Eduard VIII. nähert sich ihm, man unterhält sich zwanglos. Schließlich legt der englische Aristokrat sein Jackett ab und lockert seine Krawatte.

Schuhe, Schlips, Sakko. Ein Graus für Ernesto. Wenn er auf Reisen ist, zieht er im Hotelzimmer als erstes das dicke Jackett und sein langärmeliges Hemd aus. Er entledigt sich der langen Hose, schießt die steifen Schuhe in die Ecke, rupft die Socken und feuert die blöde Krawatte in den Koffer. Dann kramt er die weißen Shorts hervor, streift ein kurzärmeliges Polo aus Baumwolle über und schlüpft in offene Sandalen.

Freunden und Besuchern fällt auf, dass er wenig Wert auf Kleidung legt. Die Farbe des Jacketts, in der Regel grünlich, ist, nun ja, von unbegrenzt modischem Zauber. Man sieht, der prominente Autor hat es nicht so mit dem Äußeren. Die Hose oft zu knapp geraten, die Krawatte meist zu kurz gebunden, die Fußbekleidung ungeputzt. Gerade in lateinamerikanischen Gefilden ist dies ein No-Go, denn in jenen Breiten gilt gutes und sauberes Schuhwerk als Ausweis von Vornehmheit.

Doch vornehm will er nicht sein. Allüren und Blasiertheit sind ihm fremd. Die Optik ist ihm einerlei. Und Schuhe hasst er wie die Pest. Am liebsten läuft er barfuß rum wie ein armer Schlucker. Bestenfalls schlüpft er in Sandalen oder Mokassins. Den feinen Anzug und dunkles Schuhwerk braucht er nicht, da kann der Kaiser von China kommen. 

Trotzdem wird die Party beim Nachbarn Steinhart dann doch noch zum Erfolg. Denn der Duke of Windsor ist eine verdammt

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