Man mag es kaum glauben, aber die Nachricht ist unmissverständlich: Ernest Hemingway folgt Dir jetzt auf Twitter!, steht da. Auf meinem Twitter. Einer von 223.
Wunderbar, denke ich. Das gefällt mir. Denn bisher war es doch umgekehrt. Ich folge Ernest Hemingway.
Ernest Hemingway und Freunde in Cabo Blanco, Peru 1956
Ernest Hemingway ist glücklich, wenn er seine Freunde um sich scharen kann. Für einen Mann, der sich für einsam hält, habe ich doch viele Freunde, sagt der Schriftsteller einmal. Ernest Hemingway liebt es, Menschen um sich zu haben.
Ernest Hemingway, und das mag bei einen Schriftsteller zunächst erstaunen, hasst die Einsamkeit. Er kann nicht alleine sein, er muss Leute und Trubel um sich spüren. Tief in ihm brodelt die Angst vor der Verlorenheit. Diese alltäglichen Vorboten der Verlassenheit kommen Ernest Hemingway wie ein kleiner Tod vor. Andersherum gesagt, wenn er sich in der Gemeinschaft von Menschen befindet, von Menschen, die er mag, dann lebt er. Er lebt und er lebt auf. Denn das braucht er.
Um in den inneren Freundeskreis des Ernest Hemingway vorzudringen, bedarf es mindestens drei Grundvoraussetzungen: man muss gut saufen können und der Jagd auf lebende Tiere etwas abgewinnen können. Und drittens, den Schriftsteller ein wenig anzuhimmeln, kann nun auch nicht gerade schaden.
Ein wenig anhimmeln, ein schönes Bild. Manchmal, wenn
In diesen Tagen nochmals in Frank Sinatras Album A Man Alone – The Words & Music of Rod McKuen hineingehört. Der Kalifornier McKuen, ein Poet der Noten, hat alle Titel dieser Platte eigens für Frank Sinatra komponiert.
Und Frank Sinatra singt die melancholischen Melodien von Rod McKuen in unnachahmlicher Art und Weise. Man kauft ihm die Einsamkeit des Wolfes ab, wie Leonard Feather im Begleittext schreibt. Das Werk, im März 1969 in Hollywood eingespielt, sei das Dutzend-Studium eines einsamen Mannes. Dieser könnte Frank Sinatra sein, oder Rod McKuen oder jeder männliche Hörer dieser Platte, schreibt Jazzkritiker Feather voller Bewunderung.
Vor ein paar Tagen ist Rod McKuen, mit 81 Jahren, in Beverly Hills gestorben und diese Einspielungen oder auch seine wunderbare Zusammenarbeit mit der Sängerin Greta Keller gehören zu seinem reichen Vermächtnis.
Nun konnte Ernest Hemingway den Sänger und auch die Person Frank Sinatra wenig leiden und der Autor gab dem Sänger, auf Besuch in Havanna, einmal eine deftige Abfuhr. Aber, wenn man Frank Sinatras Platte hört und auch genau hinschaut, dann erkennt man, wie klein die Welt ist und wie alles mit allem zusammenhängt.
Denn das Cover von Sinatras Platte A Man Alone hat
Ernest Hemingway und die Schauspielerin Martine Carol ballern auf Finca Vigía herum, Kuba 1956
Man muss lange suchen, um einen Schriftsteller zu finden, der so tief ins Leben gesprungen ist wie Ernest Hemingway. Alles übermässig und alles ungebremst. Ohne Rücksicht auf Verluste. Bei sich und anderen. An Körper und Seele.
Das Leben, die Liebe und das Sterben. Geburt und Tod. Dazwischen die Leidenschaft. Damit ist der Bogen des Lebens gezogen. Und auch der Bogen von Hemingways Leben. Und alles – das ist die Tragik des Menschen – scheint miteinander verwoben. Leben und Liebe, Leben und Tod, Liebe und Tod.
Der Tod gehört zum Leben. Und er gehört ins Leben. In einfachen Sätzen beschreibt Ernest Hemingway diese Tragik des menschlichen Daseins. Und das Motiv von Leben und Tod zieht sich in Abwandlungen durch das ganze Werk Hemingways fort.
Er trage seinen Tod auf der Schulter, hat José Luis Castillo-Puche, ein spanischer Kollege und Freund, in Madrid 1954 zu Ernest Hemingway gesagt. Dieses spanische Sprichwort trifft es besser als alles andere. Una vida con la muerte al hombro.
„Gemütliche Hütten, kitzlige Felsengrate, verwunschene Waldseen, Sitzbänke mit Wahnsinnsausblick, Loipen im Winterwunderland – Orte, die einen ganz besonderen Zauber ausüben und die eine ganz persönliche Geschichte erzählen“, preist Chefredakteur Siegfried Sammet seine Zeitschrift.
Und wer darf in diesem neuen Magazin für Hochgefühle nicht fehlen? Ein bärtiger Schriftsteller aus Chicago, der seit 54 Jahren unter der Erde liegt. In den Bergen, nebenbei bemerkt.
Montafon – Langlaufen auf Hemingways Spuren. So steht es prominent auf dem Cover. Diese Spuren werden vor beinahe 100 Jahren gelegt, als der amerikanische Autor in den Vorarlberg zum Skifahren kommt.
Dass man mit einer solchen Reportage im Jahre 2015
Warum lässt ein kerniger Mann, der mit Familie und Kindern nicht so viel am Hut hat, sich eigentlich Papa rufen? Auf Kuba, wo Ernest Hemingway über 20 Jahre gelebt hat, nennt ihn die halbe Insel so. Papa heißt er für gute Freunde, Mister Papa für jene, die ihm nicht so nahe stehen.
Mister Hemingway sagt so gut wie keiner. Eher Señor Hemingüey oder, ebenfalls kubanisch verballhornt, Mister Güey. Auch hört man gelegentlich Mister Way oder manchmal bloß Ernesto – es ist sehr engen Freunden vorbehalten. Jedoch Papa, dieses Papa, das bleibt sein klarer Favorit.
Im Spanischen bedeutet Papa allerlei. La papa, feminin, ist die Kartoffel. El Papa wiederum, maskulin, steht für Papst, jenen in Rom. Womit wir der Sachen schon ein wenig näher kommen. Papá, Betonung auf dem zweiten Vokal, umschreibt den Vater der Kinder.
Wenn man bei uns in Deutschland Bahnhof versteht, sagt man auf Kuba oft yo no entiendo ni papa. Ich versteh‘ nicht mal Kartoffel. Wenn man also rein gar nichts kapiert. Nichts, nada, Kartoffel.
In Lateinamerika kann man schon mal einen alten Kumpel mit einem hola Papa begrüßen. Also einem hey Alter, was dem Buddy oder Bro‘ im Neu-Englischen sehr ähnlich kommt.
Wie auch immer, das väterliche und päpstliche Papa besitzt schon vom Klang her etwas Patriarchalisches. Das Oberhaupt der Familie oder der Glaubensgemeinschaft, das trifft es am besten. So mag sich Ernest Hemingway sehen, jedenfalls wenn er Kleidung anhat.
Dieser Mann mit dem himmlischen Bart inszeniert sich für
Nicht nur Ernest Hemingway besucht das kleine kubanische Fischerdorf Cojímar, das nicht weit im Osten von Havanna liegt. In seinem Schlepptau bringt er – jedenfalls für einige Wochen des Jahres 1956 – auch halb Hollywood mit.
Viele Sequenzen des Spielfilms The Old Man and the Sea mit Spencer Tracy sind hier in Cojímar gedreht worden, erklärt mir ein alter Fischer, der einen breitkrempigen Sombrero aufhat. Noch heute erinnern sich die Alten im Dorf lebhaft an die Dreharbeiten.
Fünfundzwanzig Pesos haben sie als Komparsen bekommen, sagt der Alte, eine Menge Geld damals. Dafür habe Don Ernesto gesorgt. Denn er war ihr Freund, Ernest Hemingway war ihr Patron. Der ehemalige Statist führt uns zur Playa de Cachón, wo die pittoresken Boote der Marlin-Fischer, ganz wie damals, im feinkörnigen Sand vor sich hindösen.
Don Ernesto liebt dieses bescheidene und einfache Fischerdorf. Und in dem Film hat der Schriftsteller das doch etwas verschlafene Cojímar auf Zelluloid für die Ewigkeit gebrannt. Das wird ihm nicht vergessen. So wie der Der alte Mann und das Meer ein Film über Kubas Fischer geworden ist, so ist er zugleich auch ein Film über Cojímar geworden.
Allerdings steht das großangelegte Hollywood-Epos zunächst unter keinem guten Stern. Regisseur Fred Zinnemann und der Hauptdarsteller Spencer Tracy geraten heftig
Thomas Fuchs: Hemingway – Ein Mann mit Stil, mare Verlag, Hamburg 2014
Es ist gar nicht so verkehrt, sich dem Thema „Ernest Hemingway“ auch einmal locker-essayistisch zu nähern, so wie dies Thomas Fuchs in seinem neuen Buch „Hemingway – Ein Mann mit Stil“ getan hat. Ein wenig gefährlich ist dies allerdings auch.
Thomas Fuchs, unter anderem Autor des Satire-Blattes Titanic, hat sich für den Adlerblick auf Hemingways Leben entschieden. Aus luftiger Höhe und in rasantem Flugtempo hakt er die Lebensstationen des Schriftstellers ab: Kindheit in Chicago, Erster Weltkrieg, Paris, die Frauen, Stiere, Zweiter Weltkrieg, Key West, Kuba, Ketchum – und all das auf nur 220 Seiten. Und jede dieser Lebensstation kann zudem als eigenständiger kleiner Essay gelesen werden.
Funktionieren kann eine solche flotte tour d’horizon allerdings nur, wenn man einen klaren Blick, immensen Fleiß und ein gesundes Urteil einbringt. Denn die Gefahr des Weitwinkels liegt gerade darin, dass man die große Linie nicht trifft und irgendwann auch die Details nicht mehr zu erkennen vermag. Doch vorliegendes Buch umfliegt charmant jedes potenzielle Unheil und alle möglichen Fallen.
Das Skizzenblatt ist Writers‘ Hangout, 1925, Paris – Ernest Hemingway überschrieben. Eine Szene aus Ernest Hemingways Tagen in Paris. Der junge Autor Stephen Longstreet hat ihn beobachtet und gezeichnet.
Wir sehen einen schlanken jungen Hemingway, mit Schnauzbart, auf dem Kopf eine Mütze. Der Schriftsteller als Bohemien mit Krawatte, stolz und adrett, in einem Pariser Café, im Hintergrund balanciert ein glatzköpfiger Kellner sein Tablett. Und man sieht die Gäste, Männer und Frauen, deren Blicke zu Hemingway schweifen.
Für Amerikaner glich Paris in den Zwanziger Jahren einem Traum. Hier fanden amerikanische Intellektuelle den Glanz und Glamour, jenen joie de vivre, den sie in der grauen Tristesse aus Wirtschaftsdepression und Prohibition ihrer Heimat so vermissten. Und so wurden die Künstler aus den USA zu Flaneuren, die in Buchhandlungen stöberten, durch den Jardin du Luxembourg zu bummelten oder als Müßiggänger im Café La Closerie des Lilas am Boulevard du Montparnasse sitzen, um Lebenslust und Frivolität an sich heran kommen zu lassen.
Alfred Eisenstaedt photographiert Ernest Hemingway für LIFE
Der große Alfred Eisenstaedt kommt nach Kuba um den großen Ernest Hemingway zu photographieren. Eisenstaedt, der Staatsmänner und auch allerlei Schurken wie Joseph Goebbels vor der Kamera hatte, gilt bei Kennern der Materie als der Aristokrat unter den Photographen. Weil der gebürtige Pole es so oft schafft, die Brennweite seiner Linse für die Ewigkeit zu stellen.
Ende der 20er Jahre lebt Alfred Eisenstaedt in Berlin, er arbeitet für das Berliner Tageblatt, und flieht 1935 vor den Nazis in die USA. Das Magazin LIFE wird seine neue berufliche Heimat. Eisenstaedts berühmtestes Photo gilt noch heute als ikonisch, es hängt als schwarz-weißes Poster an Tausenden Wänden: Im Freudentaumel nach dem Sieg über die Japaner am 15. August 1945 küsst ein Matrosen am Times Square eine überraschte Krankenschwester.
Und nun Ernest Hemingway. LIFE hat Alfred Eisenstaedt nach Kuba geschickt, um eine Titelstory für die September-Ausgabe des Jahres 1952 zu knipsen. Der Vorabdruck des Kurzromans Der alte Mann und das Meer wird just in jener Ausgabe erscheinen. Dazu braucht die Zeitschrift ein paar bunte Impressionen aus den Tropen.
Doch auf Kuba findet Alfred Eisenstaedt einen mürrischen, herrischen und wegen Kleinigkeiten aufbrausenden Mann vor. Einen alternder Mann, der irgendwie an einem Wendepunkt seines Lebens steht. Der 53-jährige Schriftsteller steckt in der Krise. Der Nobelpreis für Der alte Mann und das Meer ist noch nicht da, aber auch dieser sollte die Krise bestenfalls hinauszögern.
Alfred Eisenstaedt kriegt auf Finca Vigía tagelang den Stinkstiefel vorgeführt: Einen Angeber, den
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