Das Portal zu Leben und Werk von Ernest Hemingway

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Michael Kleeberg auf der Suche nach Ernest Hemingways letztem Geheimnis

Michael Kleeberg
Michael Kleeberg: Achilles in Taormina, Mai 2026.

Große Geheimnisse um diesen bärtigen Nobelautor gibt es eigentlich keine mehr. Jeder Winkel seines Lebens ist ausgeleuchtet, jeder Nerv gekitzelt. Doch nach Hinweis von Michael Kleeberg stolpert man in einem seiner Romane plötzlich über eine scheinbar harmlose Aussage: Am liebsten mochte ich Ernest Udet. Dieser kleine Satz hat sich in Hemingways Venedig-Werk Über den Fluss und in die Wälder eingeschlichen. Man liest schnell darüber hinweg, es sieht nach der üblichen Theken-Aufplusterei von Ernest aus. Oder doch nicht?

Kannte Ernest Hemingway den deutschen Jagdflieger des Ersten Weltkriegs? Jenes Flieger-Ass, das Carl Zuckmayer als General Harras im Theaterstück Des Teufels General nachempfunden hat. Waren Ernest Hemingway und der im Nazi-Sumpf versinkende Ernst Udet wirklich Freunde und tranken Bruderschaft? Kleeberg sucht akribisch nach Belegen für diese steile These. Und tatsächlich findet er allerlei Indizien in den lichten Sphären von Name-Drops und in Gestalt von Zeitzeugen. Wahr oder geflunkert?

Die Udet-Geschichte ist natürlich nur Vorwand. Vielmehr gilt es einem Mythos auf den Grund zu gehen. „Dem Geheimnis, dem Magischen, dem Unerklärlichen auf die Spur zu kommen, das den Normalmenschen von all denen unterscheidet, mit denen das Schicksal es besonders gemeint hat“, wie Michael Kleeberg treffend schreibt. Achilles in Taormina heißt sein neues Buch. Ein Leben auf der Suche nach Hemingways letztem Geheimnis. Auf 320 Seiten nimmt er uns mit zu einer wahnwitzigen Achterbahnfahrt durch die von Hemingway beeinflussten Schauplätze.

In bester Laune schlüpft der 66-jährige Berliner Autor dazu in die fiktionale Rolle des Hemingway-Forschers Dr. Kleeberg, Redakteur beim US-Magazin Atlantic Monthly, mit eigener – durchaus hemingway’esken – Biografie. Er geht in die Revolution nach Nicaragua, verliebt sich, er trifft später auf Agnes, die nun greise erste Liebe des jungen Hemingway. Er besucht Heinz Rühmann am Starnberger See, spricht mit der Tochter von Carl Zuckmayer in der Schweiz, er begibt sich zu Hemingways dritter Ehefrau Martha Gellhorn nach London und unterhält sich im Sun Valley mit Gregory, dem jüngsten Hemingway-Spross.

Michael Kleeberg, einer der interessantesten Schriftsteller seiner Generation, recherchiert gründlich, kann im Detail überzeugen und spannt mit Erfahrung den großen Bogen. Er ist ein Autor, der über den Tellerrand blickt, jemand, der mit bodenständiger Schwungkraft wandelt zwischen Tradition und Moderne. Kleeberg – auch so ein Unangepasster, den man in keine Schublade stecken möchte – legt seine Prosa kurzweilig und zielsicher an und ist frei von Gefallsucht in Bezug auf irgendwelche Communitys.

Die Frage bleibt: Warum hallt der „Hemingway-Sound“ über die Jahrzehnte hinweg so kräftig nach? „Es gelang Hemingway da etwas, was nur wenigen Autoren gelingt, nämlich eine Epoche zu prägen und zu definieren“, betont Kleeberg gleich zu Beginn seines Buches und hier liegt das eigentliche Geheimnis, das es zu entschlüsseln gilt. Wie schafft es ein Mensch, so einfach und dennoch mit Tiefgang zu schreiben? Wie kann jemand mit so vielen Narben auf der Seele eine solche Herzenswärme zu Paris und Pamplona auf Papier ausbreiten?

Munter mixt Michael Kleeberg die verbürgten Fakten und seine erfundenen Begebenheiten zu einem vielfältigen Kaleidoskop aus Realität und Fiktion. Raffiniert robbt sich Kleeberg an das literarische Mysterium heran, jenseits aller Klischees von Großwild-Jagd und Schnapsgedrossel. Beim Lesen bemerken wir, die Themen des Nobelpreisträgers von 1954 – die Lust am Leben, die Sehnsucht nach Liebe und der Kampf um Würde – sind längst nicht aus der Zeit gefallen. 

Mit Imagination steuert Kleebergs Roman in Taormina auf einen homoerotischen Höhepunkt zu, inklusive der Entdeckung einer diesbezüglichen Kurzgeschichte des Jungen Nick. „Ein Mann, der sich in Männergesellschaft so pudelwohl fühlt und alle bannt, obwohl er mit Abstand der jüngste ist, und dabei permanent von Frauen redet – was will der?“ Der Drang zur Männlichkeit im männlichen Verbund enge ihn ein, meint Kleeberg. Doch für die Befreiung aus dieser Bedrängnis fehle ihm Kraft und Hoffnung. Auch hier bleibt die Zerrissenheit.

Tief greift Michael Kleeberg in die stilistische Trickkiste: Authentizität, Täuschung und Imitation nutzt er als Brückenschlag zum großen Vorbild. Voller Rasanz heftet sich der Protagonist an die Fersen von Ernesto, mit jedem Kapitel mehr schwärmt sich der gebürtige Stuttgarter in einen Rausch. Weil Tatsächliches und Fabuliertes von ihm so virtuos verschachtelt wird, weiß man am Ende nicht mehr, wo oben und unten ist. Ist vielleicht auch unwichtig. Dies kennen wir seit Hemingways Lebzeiten. Wahr und erfunden – es sind nicht Kategorien, die so richtig zu einem bunten Leben passen.

Wer diesen Rabauken aus Oak Park bei Chicago in seiner vollen Bedeutung begreifen will, der muss

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Ernest Hemingways radikales Konzept des ‚le mot juste‘

Ernest Hemingway
Paris – Ein Fest fürs Leben
Le mot juste bekommt in Ernest Hemingways biografischen Skizzen Paris – Ein Fest fürs Leben einen Logenplatz.

Manchmal sitzt er auf Finca Vigía an seinem Schreibtisch und das weiße Blatt bleibt leer. Ernest Hemingway kommt mitten im Satz nicht weiter, denn ein einzelnes Wort fehlt. Mitunter dauert die Blockade Stunden. Er quält sich einen ganzen Vormittag auf der Suche nach dem richtigen Wort. Nicht das zweitbeste Wort, nein, er will haarklein das einzig und allein passende Wort finden. Es ist das Nachspüren nach dem le mot juste.

Der US-Amerikaner hat diesen Begriff zum ersten Mal in Paris gehört, bei Gertrude Stein und den Kollegen, in den frühen 1920er Jahren. Das Konzept wird er fortan tief verinnerlichen: Das le mot juste zu finden, ist seitdem das heilige Bestreben dieses Schriftsteller. In dem autobiografischen Rückblick auf seine Lehrjahre in Europa, das Buch Paris – Ein Fest fürs Leben, hat Ernest diesem Ansatz im Dialog mit seinem Freund Ezra Pound einen Absatz gewidmet. Und er redet darüber in einem Bandwurmsatz, ganz unüblich für ihn.

Ezra hatte mir mündlich nie andere Antworten gegeben, aber mir war das sehr unangenehm, denn hier war der Mann, den ich damals als Kritiker am meisten mochte und am höchsten schätzte, der Mann, der an das mot juste glaubte – also daran, dass es für alles ein einziges richtiges Wort gebe –, der Mann, der mich gelehrt hatte, Adjektiven zu misstrauen, so wie ich später lernen sollte, in bestimmten Situationen gewissen Leuten zu misstrauen, und ich interessierte mich für seine Meinung über einen Mann, der fast nie das mot juste gebrauchte und seine Personen doch hin und wieder so lebendig hinbekommen hatte wie nahezu kein anderer. „Halten Sie sich an die Franzosen“, sagte Ezra. „Von denen kann man viel lernen.“

Von den Franzosen kann man eben le mot juste erlernen. Das richtige Wort. Dieser Grundgedanke ist noch heute ein oft genutztes Werkzeug im modernen Schreibhandwerk. Er umfasst den Ehrgeiz, das einzig wirklich passende Wort zu finden. Jenen präzisen Begriff, der ein Gefühl, eine Atmosphäre oder einen Gedanken exakt trifft. Ein Wort, das im Kontext, im Rhythmus und mit emotionaler Genauigkeit einen Sachverhalt auf den Punkt abbildet.

Dabei ist le mot juste weniger eine Technik als eine Haltung. Sich nie mit dem Zweitbesten zufriedenzugeben oder sich in Abschweifungen zu verfranzen. Es geht nicht darum, ausgefallen oder erhaben zu klingen. Le mot juste darf weder zu stark sein, noch zu schwach. Weder zu allgemein, noch zu poetisch überladen. Weder schön um jeden Preis, noch bewusst hässlich. Oft ist es ein ganz banales, alltägliches Wort – aber es sitzt da, wo alle anderen Wörter danebenliegen würden.

Der Ausdruck le mot juste wird mit Gustave Flaubert in Verbindung gebracht, Mitte des 19. Jahrhunderts prägt er dieses Ideal mit Blick auf die französische Poesie. Für jede Nuance und für jede Stimmung gibt es nur ein einziges Wort, das meisterhaft sitzt. Das Ziel dabei ist nicht nur inhaltliche Genauigkeit, sondern auch lyrische Tiefe. Flaubert sucht oft stundenlang nach dem einen perfekten Adjektiv. Hemingway hingegen richtet seine Aufmerksamkeit auf das vollkommene Substantiv und Verb. Er glaubt, dass Adjektive die Kraft eines Satzes schwächen.

Le Mot juste einfach als treffendes Wort zu übersetzen, wäre grundfalsch. Es meint eher das richtige Wort. Mehr noch. In dem Begriff juste versteckt sich das lateinische ius. Recht und Gesetz. Es geht vielmehr darum, das gerechte Wort zu finden. Ernest würde sagen das wahre Wort. In den Anfangsjahren ein begnadeter Autodidakt, sucht Hemingway die wahre Aussage mit fast wissenschaftlicher Akribie. So wie 3 mal 3 in der Multiplikation 9 ergibt – und eben nicht 8 oder 10 – so berechnet dieser Erzähler seine Prosa nach der Treffgenauigkeit mit dem richtigen Wort.

Am Ende von sieben Jahren in Paris hat Hemingway le mot juste nicht bloß kopiert – er hat es amerikanisiert, modernisiert und minimalistisch ausgelegt. Seine puristische Erzählkunst ist eigentlich immer auf der Suche nach dem le mot juste. Aber eben nicht französisch-elegant, sondern amerikanisch hart und knapp. Die Variante dieses Erzählers fällt kürzer und stiller aus als bei den Dichterfürsten aus Frankreich. Ernest zielt bewußt auf maximale Wirkung bei minimaler Sprache.

Der bärtige Autor begibt sich weniger auf die Suche nach dem poetisch perfekten Wort, sondern nach dem ehrlichsten Ausdruck. Oder nach dem Begriff, der am besten verschweigt. Seine scheinbar einfache Sprache – die jedoch extrem hart erarbeitet ist – sucht Dichte im Text. Mit eiserner Gründlichkeit, strenger Ökonomie und mit dem Wegfall der Botschaft. Wenn ein Wort erklärt, was die Handlung bereits aufzeigt, dann hat der Schreiber einen Riesenfehler gemacht.

Der Nobelpreisträger von 1954 radikalisiert vielmehr Präzision zur Genauigkeit durch Aussparung. Statt alles penibel zu erwähnen, benennt Hemingway nur das absolut Notwendige – dies erhöht abermals die Wichtigkeit in Bezug auf die Klarheit der Prosa. Bei Schreibblockaden sagt er zu sich selbst: Alles, was du tun musst, ist einen wahren Satz zu schreiben. Schreibe den wahrsten Satz, den du kennst.

Wenn der Satz wahr ist, dann muss auch jedes einzelne Wort wahr sein. Wort und Satz stehen in einem Spannungsverhältnis, beides muss unabdingbar wahr sein – sachlich, emotional und stilistisch. Ein wahrer Satz ist für Ernest Hemingway le mot juste in Satzform. Eine Aussage ohne dekorativen Ballast, die einen menschlichen Nerv direkt kitzelt.

Ein Beispiel des le mot juste finden wir in seinem Opus magnum Der alte Mann und das Meer gleich zu Beginn. Er war ein alter Mann, der allein… – der erste Halbsatz ist bereits von brutaler Einfachheit. Sieben Wörter und alles Wesentliche ist gesagt oder angedeutet: Alter, Passion, Einsamkeit, Tragik. Nicht ein überflüssiges Beiwort. Jedes Wort sitzt. Kein unnützes Adjektiv. Der Sprachrhythmus wirkt schlicht, fast biblisch.

Oder seine Kurzgeschichte Hügel wie weiße Elefanten aus dem Jahr 1927, auch hier direkt der Anfang: Die Hügel jenseits des Ebrotals waren lang und weiß. Auf den ersten Blick trivial. Beim zweiten Hinschauen genial. Le mot juste. Lange Hügel, nicht imposante Hügel. Länge, das ist neutral, kühl. Dann die Farbe. Weiß als Beschreibung für Schnee, trotzdem symbolisch offen. Weiß als Unschuld und Leere. Kein Gefühl und keine Bewertung schleichen sich in seinem Erzählstil. Und doch ahnt man, hier wird etwas verschwiegen, es braut sich etwas zusammen. Solche Rückschlüsse jedoch bleiben dem Leser überlassen. 

Hemingways Suche nach dem wahren Wort revolutioniert die moderne Literatur. Er beweist, dass

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Der schönste Hemingway-Satz: ein Kellner

Kellner

Ein Kellner in einer blauen Schürze kam mit einem Eimer Wasser und einem Lappen heraus und machte sich daran, die Anschläge zu entfernen, zog das Papier in Streifen ab und schrubbte alles, was am Stein kleben geblieben war, mit seinem nassen Lappen herunter. Die Fiesta war vorbei.“

Ernest Hemingway:
Fiesta, 1926

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Der Mann, der die Sonne umarmen will

Ernest Hemingway
Ernest Hemingway im römischen Colosseum von Nimes, Frankreich, im Dezember 1949. (colorized). Credit Line: Ernest Hemingway Collection. John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

Sein Meisterwerk Der alte Mann und das Meer ist ein kurzer Roman. Was schätzen Sie, wie oft kommt der Begriff „Sonne“ auf den gut 100 Seiten vor? Wie oft schreibt Ernest Hemingway von der Sonne und über die Sonne? Geben Sie Ihre Schätzung ab! Viermal? Achtmal? Zehnmal? Weit gefehlt! Ich will es Ihnen verraten: 51 Mal erwähnt der bärtige Nobelpreisträger die Sonne. Statistisch gesehen auf jeder zweiten Seite. Dies muss etwas bedeuten.

Auch in seinen anderen Werken kommt die Sonne häufig vor, selbst in seinen Reportagen und den journalistischen Stücken. Sein Erstling The Sun Also Rises – auf Deutsch: Fiesta – führt die Sonne gar im Buchtitel. Die Sonne tummelt sich als zentraler Topos in seinem Werk und ebenso in seinem Leben. Ernest ist ein Anbeter der Sonne, wie man so schön sagt. Wir kommen dem Sachverhalt langsam näher.

Als Refugium hat er sich der US-Amerikaner die Sonnenregionen dieser Welt ausgesucht. Er liebt die Wärme und die Behaglichkeit. Andalusien, Italien, Florida, Kuba – Landstriche, deren Sonnenstrahlen das Herz enthusiasmieren. In der Hitze erwacht in dem Schriftsteller eine verborgene Energie, ebenso wie das Verlangen, sein Innerstes zu erspüren. Er benötigt die Sonne, die Schwüle der Tropen, um überhaupt schreiben zu können. 

Sein Lebenselixier ist die Sonne. Aus diesem Grund hat ihn die Lebenslust für 30 Jahre nach Key West und Kuba gezogen. Die Sonne und die Hitze bilden für ihn der Gegenentwurf zum kalten Tod. Zudem kitzelt die Glut manch verschüttetes Begehren hervor. Ernest Hemingway verliert sich in jene so selbstverständliche tropikale Anmut, sobald die Natur den wärmenden Lebensregulator aufdreht. 

„Der Fisch ist auch mein Freund“, sagte er laut. „So ein Fisch ist mir noch nie untergekommen. Aber ich muss ihn töten. Ich bin froh, dass wir nicht versuchen müssen, die Sterne zu töten.“
Stell dir vor, ein Mann müsste jeden Tag versuchen, den Mond zu töten, dachte er. Der Mond läuft weg. Aber stell dir vor, ein Mann sollte jeden Tag die Sonne zu töten versuchen? 

Dieser Kerl aus dem kühlen Mittelwesten der USA könnte sich – trotz des abträglichen Lebenswandels – als Apostel der Sonne anbieten. Es entspräche seinem Naturell: Denn die Sonne bildet den Gegenentwurf zum Kopfbestimmten, den Gegenspieler der kalten Räson. Die Tropenhitze steht über Ratio und Intellekt. „Ich verstehe von diesen Dingen nichts, dachte er. Aber es ist gut, dass wir nicht versuchen müssen, die Sonne, den Mond oder die Sterne zu töten. Es reicht, dass wir vom Meer leben und unsere wahren Brüder töten.“

Die Sonne und das Übernatürliche – so nenne ich es mal – gehören zusammen. Der Naturbursche Ernest sieht und spürt dies sogleich. Dort vor ihnen, so weit er sehen konnte, so weit wie die ganze Welt, groß, hoch und unvorstellbar weiß in der Sonne war der flache Gipfel des Kilimandscharo. Und dann wußte er, dorthin war es, wohin er ging. Weiß und unschuldig in der Sonne. Die Sonne zieht ihn magisch an. Rätselhaft und unerklärlich.

Im Vorzitat zu The Sun Also Rises wird der Rabauke vom Michigan See deutlich. Die Sonne geht auf und geht unter und läuft an ihren Ort, dass sie wieder daselbst aufgehe. So steht es in Prediger Salomo. Das ist die Bibel, bekanntlich die Pflichtlektüre eines jeden Atheisten. Etwas später finden wir: Als ich mich aber umsah nach all meinen Werken, die meine Hände gemacht hatten, und nach der Mühe, die ich mir gegeben hatte, um sie zu vollbringen, siehe, da war alles nichtig und ein Haschen nach Wind, und nichts Bleibendes unter der Sonne!

Nichts Bleibendes unter der Sonne. Nur die Sonne wird bleiben, was immer mit der Sonne gemeint sein mag. Ernest Hemingway betet die Natur an – welch eine Metapher! – und hat sich die Sonne als kraftvollstes Teil der Natur ausgesucht. Kein Götzenbild wie Geld oder Schönheit, stattdessen verehrt er die Natur. Der Nobelpreisträger von 1954 gefällt sich im Leben als Lästerzunge, er kommt

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Das tragische Ende von Martha Gellhorn, Ernest Hemingways dritter Ehefrau

Martha Gellhorn
Ernest Hemingway und Martha Gellhorn während des Spanischen Bürgerkrieges, 1937. Photo Credits: Ernest Hemingway Photograph Collection, John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

Sie ist die wohl beste Kriegsreporterin des 20. Jahrhunderts. Kein Krisenherd, den Martha Gellhorn nicht bereist und in Augenschein genommen hätte. Ernest Hemingways dritte Ex-Ehefrau arbeitet für das US-Magazin Atlantic Monthly und berichtet über den Krieg in Vietnam und die israelisch-arabischen Auseinandersetzungen in den 1960er Jahren. Später schreibt sie aus den Bürgerkriegen in Mittelamerika und von der US-Invasion in Panama im Jahr 1989. 

Zwischen all den Kriegen und nach der Ehe mit Ernest adoptiert die kinderlose Martha im Jahr 1949 aus einem italienischen Waisenhaus ein Baby, sie nennt den Jungen Sandy. Doch in der Mutterrolle liegt nicht die Erfüllung dieser ruhelosen Journalistin, nach kurzer Zeit lädt sie den Adoptivsohn bei Verwandten in New Jersey ab. Martha geht zurück zu ihren Kriegen. Sie bleibt eine unerschrockene Kriegskorrespondentin und erfolgreiche Buchautorin, deren Texte beim Publikum wie in der Fachwelt höchste Anerkennung finden. 

Travels with Myself and Another wird Martha Gellhorn ihr Buch über die gemeinsamen Reisen mit dem Ehemann nennen. Another, der Andere, das ist er, Ernest Hemingway, den sie zickig auch als UB – ihren Unwilligen Begleiter – kennzeichnet. Trotz aller Stichelei schildert Martha in zahlreichen Passagen ihren Ex-Mann als eine lebensbejahende und warmherzige Persönlichkeit. UB konnte Partygeschwätz nicht ertragen, ebenso wenig oberflächliche Diskussionen um Politik oder die Künste. Aber er wurde niemals müde, wahren Geschichten aus dem Leben zuzuhören, je unwahrscheinlicher, desto besser.

Trotz aller ehelichen Turbulenzen hat die selbstsichere Martha ihren Frieden geschlossen mit dem Schriftsteller. Zu solch einer liebevollen Betrachtung bleibt Ernest nicht fähig. Bei ihm verbleiben Zorn und Verbitterung. Er wird seiner ehemaligen Partnerin gekränkt hinterherrufen, sie sei frigide und zudem eine lausige Schreiberin, frei von jedem literarischen Talent. Er weiß, es ist nicht nett, und natürlich weiß er auch, es ist nicht wahr.

Martha Gellhorn und Ernest Hemingway sind sich wohl zu ähnlich gewesen. Vom Lebensweg, von der Passion und vor allem vom Sendungsbewusstsein. Die Bereitschaft für Zugeständnisse bleibt bei solchen Hyper-Individualisten auf der Strecke, die Ehe ist für beide nichts. Denn Martha ist bereits verheiratet, mit ihrem Beruf. Und Ernest ist ebenfalls verheiratet, und zwar mit sich selbst. Es fehlt auf beiden Seiten der Wille, den partnerschaftlichen Erfolg zu suchen.

An der Unabhängigkeitsliebe von Martha Gellhorn beißt sich selbst ein Macho wie Ernesto die Zähne aus. Ich war eine Schriftstellerin, bevor ich ihn traf, und ich war eine Schriftstellerin, nachdem ich ihn verlassen hatte. Warum sollte ich deshalb eine bloße Fußnote in seinem Leben sein? Von den vier Ehefrauen des Ernest Hemingway ist Martha die einzige, die ihn verlassen hat. Sonst ist es immer umgekehrt gewesen.

Soviel Souveränität ist der bärtige Nobelpreisträger nicht gewohnt. Und er ist auch nicht bereit, dieses Maß an Unabhängigkeit auszuhalten. Doch an Martha rigoroser Autonomie kommt er nicht vorbei. Die selbstbewusste Journalistin macht kurzen Prozess. Das Kapitel Ernest Hemingway im Buch ihres Lebens schlägt sie schnell und rigoros zu. Keinen Kontakt, keine Briefe, keine Telefonate, nichts.

Die attraktive Amerikanerin weint ihrem rabaukenhaften Ex-Ehemann nicht eine Träne nach. Mit den Männern ist sie allerdings noch nicht durch. Im Jahr 1954 heiratet sie den ehemaligen leitenden Redakteur des TIME Magazin, Thomas Stanley Matthews, von dem sie sich 1963 dann scheiden lässt. Ihr Drang nach Unabhängigkeit bleibt groß.

Fast sechs Jahrzehnte ist Martha Gellhorn als Korrespondentin in der Welt umher gereist. Ihre Reportagen zeichnen sich durch Genauigkeit, Ernsthaftigkeit und Mitgefühl aus. Stilistisch sind sie so brillant, dass sie der publizistischen Güteklasse ihres ehemaligen Mannes nur wenig nachstehen. Eine Sammlung ihrer Kriegsberichte veröffentlicht Martha in dem grandiosen Buch The Face of War.

Bis zuletzt, die Kettenraucherin ist schon gesundheitlich angeschlagen, berichtet die beherzte Reporterin von den Brennpunkten der Welt. Schon halbblind scheut sie keine Mühe, den halben Globus zu umrunden. Ihre letzte Reise führt sie im Jahr 1995 nach Brasilien, wo sie die Armut und die Hoffnungslosigkeit in den Favelas erschüttert. Sie merkt, die Welt

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Ernest Hemingways Mutter – Bildung mit Kälte

Ernest Hemingway
Familie
Familie Hemingway im Oktober 1903: Ursula, Vater Clarence, Ernest, die Mutter Grace und Marcelline Hemingway. Credit Line: Ernest Hemingway Photograph Collection, John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

Ernest Miller Hemingway wird um acht Uhr morgens geboren, am 21. Juli 1899 in Oak Park, Illinois. Es wird eine Hausgeburt, im vorderen nach Süden ausgerichteten Schlafzimmer, der Vater, ein Frauenarzt, übernimmt die Aufgabe der Hebamme. Der Säugling wiegt neuneinhalb Pfund, er ist 58 Zentimeter lang und hat dunkelblaue Augen. Der neue Erdenbürger erhält den Vornamen Ernest, wie der Großvater mütterlicherseits. Er sei ein von Gott gesandtes kleines Lämmlein, meint die Mutter beglückt.

Die Mutter Grace Ernestine Hall, sie ist im Juni 1872 geboren, studiert Geige und Klavier, nimmt Gesangsstunden. Als Mädchen ist sie mit ihrer wohlhabenden Familie in den Vorort gezogen, wo sie die Oak Park High School besucht. Dort lernt sie Clarence Edmonds Hemingway kennen, den sie im Oktober 1896 heiratet. Die junge Frau bleibt zuhause, nachdem das erste Kind geboren ist, betätigt sich freischaffend als Musiklehrerin und Malerin.

Grace widmet sich ihrer Passion, der Kammermusik. Die Mutter tritt auf als eine willensstarke Person, deren Interessen vornehmlich im Hochgeistigen liegen. Die hübsche, etwas mollige Frau entstammt einer begüterten Händlerfamilie, sie beschäftigt sich am liebsten mit Opernarien oder steht vor der Staffelei. Darüber hinaus leitet sie den Kinderchor und das Orchester ihrer Kirchengemeinde, der First Congregational Church of Oak Park.

Die Hauskonzerte organisiert sie mit künstlerischer Disziplin und spannt dabei die ganze Familie ein. Es wird viel musiziert bei den Hemingways, jedem Familienmitglied wird ein Instrument zugewiesen. Ernest spielt bei der familiären Konzertmusik das Cello, nicht einmal schlecht, allerdings ohne Hingabe und Ehrgeiz. Nur mit Widerwillen nimmt er an den Musikaufführungen teil, auch an den öffentlichen Auftritten in ihrem Kirchsprengel.

Hausfrau und Mutter – es ist nicht ihr Ding. Oft hört man die Mutter klagen, sie habe den Starruhm einer Opernsängerin für die Familie und die Mutterrolle geopfert. Sie hat in New York bei der berühmten österreichischen Operndozentin Luisa Kapp-Young studiert, Grace besitzt eine schöne Altstimme und hat ihren ersten Auftritt im Madison Square Garden Theatre. In der Tat bricht sie ihre Karriere ab, der Liebe wegen, und zieht zurück nach Oak Park, um Doctor Clarence Hemingway zu heiraten.

Die Mutter Grace achtet auf eine gute kulturelle Bildung in der Familie. Ihren Kindern erklärt sie geduldig Gemälde, sie trägt Gedichte vor, lehrt sie, Lieder zu singen. Es sind Hunderte von Büchern, die sie ihren Kleinkindern vorliest. Vor allem ist es Grace zu verdanken, dass der Sohn außerordentlich belesen und mit den schönen Künsten aufwächst. Obwohl Ernest nie eine Universität besuchen wird, erhält er durch die reichhaltige Lektüre im Elternhaus eine umfassende literarische Prägung.

Auch gelingt es der Mutter, Ernests Interesse für klassische Musik zu wecken, Johann Sebastian Bach wird er zeitlebens verehren, doch seine Liebe zur Tonkunst umspannt alle Genres, von der Oper bis zum Jazz. Wahrscheinlich hätte er als Autor nicht so ein feines Gespür für die Melodie und den Rhythmus seiner Prosa ausbilden können, wenn die Mutter nicht die musikalische Vorbildung dafür gelegt hätte.

Nach außen erscheinen die Hemingways in Oak Park wie ein intakter Familienbund. Mit der bemühten Tugendhaftigkeit verdeckt die Familie jedoch eine ausgeprägte emotionale Kälte. Die zänkische Mutter ist eine Furie und schlägt die Kinder mit der Bürste. Grace, sie hat sich so sehr Zwillinge gewünscht, kleidet Ernest und die ein Jahr ältere Marcelline wie ein Zwillingspärchen ein, feminine Kleidung, dazu Pagenschnitt, und zu allem Verdruss ruft sie den Sohn Ernestine

Das Frauenbild des Ernest Hemingway steht von Kindesbeinen an unter keinem guten Stern, das Verhältnis zur Mutter sollte ein Leben lang angespannt bleiben. Die Narben sitzen tief bei ihm, dieser Mensch schleppt vielerlei Verletzungen mit sich. Mehr als einmal macht er seine Mutter für den Selbstmord des Vaters verantwortlich. Ich hasse sie, und sie hasst mich, klagt er seinem Verleger Charles Scribner auf Finca Vigía voller Groll.

Ernests Mutter Grace Hall lebt

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Ernest Hemingway – eine Mode-Ikone?

Ernest Hemingway 
Afrika
Ernest und Mary Hemingway in feinem Zwirn auf Safari in Africa, 1953/1954. Credit Line: Ernest Hemingway Photograph Collection, John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

Selten bekommt ein Nobelpreisträger für Literatur ein derartiges Kompliment von einem bedeutenden Mode-Designer. „Ernest Hemingway steht für zeitlose Männlichkeit – elegant, weltgewandt und zutiefst authentisch. Ich habe ganze Kollektionen mit seinem Geist im Hinterkopf entworfen.“ Erstaunliches aus dem Mund von Ralph Lauren. Lauren, Jahrgang 1939, ist einer der bekanntesten Modemacher auf diesem Planeten. Er stammt aus New York, mit seinem eigenen Mode-Unternehmen hat er weltweit Trends und Modeströmungen entworfen und verstärkt.

Und in der Tat bemerkt man den Einfluss von Ernest Hemingway auf manche seiner Mode-Kollektionen für Männer. Safari-Jacken, Fischerstricke bis hin zu verwittertem Leder und robustem Canvas. Ralph Laurens Welt spiegelt auch den Mythos Hemingways wider. Die Kleidung fängt eine Legende ein.

Ein markiges Mannsbild als Vorbild: in Afrika auf Safari, durch Havanna wirbelnd und am Tresen vom El Floridita, bei den Seeleuten im Fischerdorf Cojímar. Ernesto reist zielstrebig und fein zurechtgemacht durch Spanien und Italien. Länder, deren Metropolen Wert auf ein manierliches Äußeres legen.

Ralph Lauren hat nicht nur die äußere Erscheinung abgebildet, er hat die Persönlichkeit eingefangen. In vielen seiner Designs spürt man den Widerklang eines Hemingway-Charakters: weltgewandt, individualistisch und mühelos cool. Man sieht manche Männermode und muss an den bärtigen Schriftsteller denken.

In der Tat gibt es eine Schnittmenge zwischen dem bärtigen Autor und dem Mode-Zar aus New York. Es ist diese unangestrengte Linie, die saloppe und nonchalante Hingabe an Mission und Umgebung. Es ist die geerdete visuelle Handschrift eines bodenständigen Individuums. Die Kleidung muss zu Träger, Anlass und Milieu passen.

Doch taugt Ernest Hemingway überhaupt als Mode-Ikone? Hm. Der Schriftsteller mag es einfach und unangepasst. Am liebsten läuft er auf seinem tropischen Landgut in Shorts, mit offenem Hemd und barfuß herum, oder in einfachen Schlappen. Wenn er mal eine lange Hose und eine Krawatte anzieht, dann weiß man, er hat einen offiziellen Termin in der Stadt.

Eigentlich hat der prominente Autor es nicht so mit dem Äußeren. Die Optik ist ihm so ziemlich egal. Auf Kleidung achtet er wenig. Die Hose oft zu knapp geraten, die Krawatte meist zu kurz gebunden, die Schuhe ungeputzt. Das Äußere ist ihm einerlei, er möchte sein Leben leben.

Als Refugium hat er sich Kuba ausgesucht. Er liebt die Sonne und die Behaglichkeit. Andalusien, das Veneto, Key West – Landstriche, die das Herz erwärmen. In der Wärme erwacht in dem Schriftsteller eine verborgene innere Energie, ebenso wie das Verlangen, den eigenen Körper zu erspüren. Welche Kleidung er dabei trägt, es ist nebensächlich.

Wenn Ernest Hemingway von seinen Reisen aus dem kalten Europa in sein Idyll kommt, dann windet er in San Francisco de Paula sich zuerst aus dem dicken Jackett. Feuert die blöde Krawatte in die Ecke, entledigt sich der langen Hose, kickt die steifen Schuhe gegen die Wand, schleudert die Socken in die Wäschetonne und bleibt fortan barfuß. Wie zur Erlösung kramt er die weißen Shorts hervor, streift ein kurzärmeliges Polo über und stampft über die Finca Vigía.

In den Tropen fühlt man den eigenen Körper und es erwacht eine wilde Lust am Leben. Das schwüle Klima löst einen

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Ernest Hemingways Selbstmord: Hybris und Scheitern

Ernest Hemingway
Idaho
Ernest Hemingway, um 1940, vor den Rocky Mountains. Im Sun Valley, wo er seine letzte Ruhe finden sollte. Credit Line: Ernest Hemingway Photograph Collection, John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

Sein ganzes Leben lang wird Ernest Hemingway fasziniert vom Tod. Dieser Todestrieb findet sich auch in seinen Romanen. Viele seiner Erzählungen enden mit dem Tod des männlichen Protagonisten. Im Alltag des Schriftstellers sieht es nicht viel besser aus. Als junger Mann muss er den Selbstmord seines Vaters erleben. Auch der Großvater nimmt sich aus dieser Welt, in der Familie Hemingway wimmelt es nur so von Suiziden. Am 2. Juli 1961, in Ketchum, am Fuße der Berge Idahos, kommt er an die Reihe. Doch gescheitert, ist er schon lange vorher.

Denn er hat es nicht geschafft, das irdische Dasein als eine Phase von erfüllter Liebe zu nutzen, von innerer Verbundenheit und von seelischer Zufriedenheit. Ihm wird jene Anmaßung zum Verhängnis, die er immer mit sich herumträgt und die er nie so richtig erkennen kann, weil er so grandios lebt und auch so fabelhaft schreibt. Er hat sich schon über die Tiere gestellt und über manche seiner Mitmenschen. Ihm fehlt einfach die Ergebenheit zu den Regeln des irdischen Seins, denn Demut ist seine Stärke nie gewesen.

Er verlangt der Evolution bis zum Schluss Unmögliches ab: Ernest Hemingway will die Gesetzmäßigkeit der Natur brechen, er möchte die Ordnungsmacht nach seinen Regeln spielen lassen. Und er merkt dabei nicht, dass er mit solcher Hybris so lächerlich daher kommt, wie ein Köter, der die Sonne anbellt. Der große Ernest Hemingway, gefeiert von aller Welt, ist am Ende seiner Lebensreise enttäuscht und unglücklich. Obwohl dieses Leben so voll und bunt gewesen ist, es fehlt ihm etwas. Sein Herz ist leer.

Dieser Nobelpreisträger der Literatur, darin liegt die größte Tragik, hat den tieferen Sinn des Lebens nicht begriffen. Ein Kerl, der so hartnäckig nach Unvergänglichkeit giert wie er, der kann nicht erkennen, dass er nur ein winziger Baustein im Gefüge der Menschheitsgeschichte ist. Vor ihm kamen welche, und nach ihm werden welche kommen. Das Sterben ist gleichbedeutend verknüpft mit dem Schaffen von Raum für etwas Neues. So trägt der einzelne Mensch nicht nur ein Ende in sich, sondern zugleich einen Anfang.

Doch dieser Ernest Hemingway empfindet der Schöpfung gegenüber weder Dankbarkeit noch Wertschätzung. Er versteht nicht, dass der Tod kein Übel ist, sondern dass ihm ein segensreicher Mechanismus innewohnt, denn der Tod ermuntert, die begrenzte Lebenszeit sinnvoll zu nutzen. Lo bueno, si breve, dos veces bueno, erkannte im 17. Jahrhundert der spanische Barock-Philosoph Baltasar Gracián in einem Aphorismus zur klugen Lebensführung. Das Gute, wenn kurz, ist doppelt gut.

Ewiges Leben würde keinen Sinn machen, der Mensch muss Platz machen für die Nachrücker, für seine nächste Generation. Doch mit Familie, den Kindern und Enkeln hat er wenig am Hut. Zu sehr steht er sich mit seiner Genialität selbst im Weg. Diese arme Seele in ihrer Ausweglosigkeit behilft sich damit, große Tiere zu töten, ohne jede Not. Da fehlt nur ein kurzer Schritt, um auch andere Lebewesen zu töten.

Dieser Quadratschädel bleibt bei seiner Linie, bis zum finalen Schlussakkord. Ernest Hemingway möchte auch Herr über den eigenen Tod sein, so wie er Herr über das eigene Leben gewesen ist. Dieser Mann wollte seine dunkle Seite töten, an der Schreibmaschine. Und schließlich mit dem Gewehr. Die beiden Kugeln an einem Sonntagmorgen im Sommer legen aller Welt die tiefe Hoffnungslosigkeit und das nicht zu heilende Scheitern eines verzweifelten Menschen offen.

Der bewunderte und umschwärmte Ernest Hemingway hat resigniert, nicht so sehr vor der Welt oder vor dem Schicksal, dieser Mensch hat kapituliert vor seiner eigenen Utopie. In vielen seiner Bücher hat er darüber wunderbar erzählen können, aber in seinem Leben gelang es ihm nicht, sein Ideal der großen Liebe zu verwirklichen. Wie unglücklich muss ein Mann sein, der sich Knall auf Fall aus dem Hier und Jetzt abmeldet, ohne sich wenigstens bei seiner Frau und den Kindern zu verabschieden?

Sein gewählter Lösungsweg – mit nur 61 Jahren – ist verständlich, aber falsch. Während ein

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Der schönste Hemingway-Satz: schlechtes Benehmen

Ernest Hemingway

„Alle benehmen sich schlecht“, sagte ich.
„Wenn man ihnen die Möglichkeit gibt.“

Ernest Hemingway:
Fiesta, 1926.

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Als Clarence Hemingway erstmals ein Buch seines Sohnes Ernest liest

Three Stories & Ten Poems
Ernest Hemingway
Ernest Hemingways wilder Erstling: Three Stories & Ten Poems. Mit Themen, die dem Vater der Schreck in die Glieder fahren lässt.

Ernest Hemingway lebt seit Dezember 1921 als Korrespondent für den Toronto Star in Paris. Doch die europäische Berichterstattung für die kanadische Tageszeitung wird nicht die Erfüllung seiner Träume. Bald merkt er, die Ambition zieht ihn in Richtung eines Buchautors. Einige Kurzgeschichten, die zumeist in seiner nordamerikanischen Heimatregion spielen, hat er in den letzten Monaten fertiggestellt. 

Three Stories & Ten Poems heißt eine Anthologie, die 1923 in einer Auflage von nur 300 Exemplaren veröffentlicht wird. Verleger ist Robert McAlmon, der die Sammlung von Short Stories und Gedichten in seinem Pariser Kleinstverlag Contact Publishing herausbringt. Das Büchlein ist eher ein Privatdruck des Freundes Robert, aber immerhin, ein Anfang ist getan.

Aus der französischen Hauptstadt übersendet Ernest ein paar Exemplare seines Debütbuches an seine Schwester. Vorsichtig fügt der Mittzwanziger an: „Aber zeig‘ es nicht der Familie!“. Der Sohn weiß, wie die sittenstrengen Eltern ticken. Die Hemingways sind mit den calvinistischen Werten der Einwanderer groß geworden. Fleiß, Askese und ein tiefer Gottesglaube gelten als in Stein gemeißelte Leitlinien.

Da schlägt Sohnemann gehörig aus der Reihe. Sein Lebenswandel erweist sich in der Tat als überaus heikel für einen gutbürgerlichen Haushalt wie den der Hemingways. Es gefällt Ernest, fern jeder bildungsbürgerlichen Ambition, in Paris an Tabus zu rühren. In seinen Erzählungen schreibt der Novize über Kämpfe, über Gewalt, über Gedrücktheit und fehlende Hoffnung. Spürbar legt sich über die Handlung ein grauer Schleier. Der Tod ist in seinen Geschichten so präsent wie der liebe Gott im Vatikan.

Besonders die Kurzgeschichte Up in Michigan, im Jahr 1921 geschrieben, hat es in sich. Die knappe Story Oben in Michigan, spielt in Horton Bay, seinem Hochzeitsort. Unterkühlt beschreibt Ernest, wie die Hauptperson, der Schmied Jim Gilmore, bei einem Spaziergang am Hafen über seine Freundin Liz herfällt. Eine verstörende Handlung, eine Vergewaltigung wohl, hat dieser junge Autor zu Papier gebracht. Gut, dass die Eltern das Debüt ihres Sohnes nicht mitbekommen.

Zwei Jahre später erscheint dann in den USA ein Buch von Ernest. In Our Time lässt sich vor den Eltern nicht verheimlichen. Viele Szenen erscheinen nach wie vor düster und wenig erbaulich. Gerade die Erzählungen rund um den Knaben Nick und seinen Vater, die autobiografische Züge tragen und in der Heimat der Hemingways spielen, irritieren den Leser. Nicks Erlebnisse zeigen einerseits eine anheimelnde Seite der Kindheit, andererseits auch eine, in der Tod und Selbstmord vorkommen.

Die Eltern sind schockiert. Clarence Hemingway, ein angesehener Arzt in Oak Park, ist außer sich. Er empfindet das Werk des Sohnes als Teufelszeug. Einen solchen Dreck werde er in seinem christlichen Haus nicht dulden, brüllt er. Wutentbrannt will der Vater die Bücher an den Verlag zurückschicken. Die Mutter, eine Opernsängerin, drängt darauf, wenigstens ein Exemplar zu behalten.

Ernest fühlt sich herabgesetzt und stellt sich stur. Er lässt weniger von sich hören, die Briefe aus Paris an das Elternhaus werden seltener. Er sieht sich in seiner Autorenehre verletzt und als Schriftsteller verkannt. Die Eltern jedoch, in ihrem heilen Kosmos der bigotten Vorstadt, bekommen von den Wirren jener Zeit wenig mit. Kriege, Kämpfe und Wirtschaftskrisen laufen an

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