Mr. Papa Hemingway bekommt Post von Roberto Herrera Sotolongo
Ein ziemlich altes Kuvert, von den vielen Jahren arg mitgenommen. Correo Aereo. Air Mail. Per Luftpost.
Ein grauer Briefumschlag, wahrscheinlich aus den 50er Jahren. Auch schon ein wenig eingerissen.
Auf der Rückseite des Umschlages steht die Postadresse. Kein Name. Sondern in versaler roten Druckschrift: Finca Vigía, San Francisco de Paula, Cuba. Auf Finca Vigia, der Farm im Süden von Havanna, hat er zwanzig Jahre gelebt.
Auf der Vorderseite des Briefumschlages liest man: Mr. Papa Hemingway. Darunter dann: E. S. M. Das ist im Spanischen die Abkürzung für En Sus Manos. Persönlich für ihn, bitte persönlich übergeben. Für Papa Hemingway.
Das Hemingway-Rondell am Hafen von Cojímar. Kuba, im April 1983. Photo by W. Stock
Der Taxifahrer fährt uns die fünfzehn Kilometer aus Havanna heraus, Richtung Osten, wo das Fischerdorf Cojímar liegt. Ein saphirblauer Himmel, das türkishelle Meer und das strahlende Grün der Palmen heißen den Besucher willkommen. Es ist tropisch schwül hier an der karibischen See, und na ja, die Menschen halten ziemlich lange Siesta.
Vor der menschenleeren Hafenpromenade fällt ein sechspfähliges Rondell aus hellem Stein mit einer lebensgroßen Büste ins Auge. Hier sonnt sich Ernest Hemingway. Auf Betreiben des Schriftstellers Fernando Campoamor und mit Hilfe der Fischerkooperative von Cojímar wurde diese Büste, ein Werk des Bildhauers Boada, 1962 aufgestellt, lautet die Inschrift unter dem glänzenden Bronzestein. Ernest Hemingway, steht da, 1898 – 1961.
Hoppla, 1898 als Geburtsdatum, da lassen Cojímars Fischer ihren Don Ernesto allerdings ein Jahr zu früh auf die Welt kommen als in Wirklichkeit. Ein Jahr mehr. Es hätte diesen lebensfrohen Menschen erfreut. Des Dichters Blick zur unendlichen See ist durch die Erosion mit Meersalz leicht getrübt.
In der Nachbarschaft zum Rondell findet sich ein winziger Park. Ernest-Hemingway-Park, weist eine liebevoll angebrachte Widmung aus. Dem unsterblichen Autor von „Der alte Mann und das Meer“, eingeweiht am 21. Juli 1962, seinem 63. Geburtstag. In dankbarem Andenken. Die Bevölkerung von Cojímar.
An jener berühmtesten Erzählung Hemingways, dieser einfachen und ehrlichen Liebeserklärung an den Fischer und das Meer, ist nun wirklich alles kubanisch. Merkwürdigerweise nur
Die Aufgabe eines Photographen ist, etwas aus dem Menschen heraus zu kitzeln. Etwas, das normalerweise unsichtbar bleibt. Am allerbesten hat das dieser Armenier Yousuf Karsh geschafft, der in Kanada lebt. Er wird im März 1957 nach Kuba kommen, Hemingway und er sind zuerst im Floridita, wo sie kräftig einen Daiquirí nach dem anderen heben.
Schnapsselig beginnen die beiden sich so etwas wie anzufreunden. Yousuf Karsh merkt rasch, wie verletzlich Ernest Hemingway hinter seiner rauen Fassade doch geworden ist. Jedenfalls meint der Photograph später, dieser Ernest Hemingway sei der schüchternste Mann gewesen, den er je portraitiert habe. Nach ausgiebiger Sauftour sollen die Aufnahmen dann am nächsten Morgen auf der Finca Vigía stattfinden.
Um neun Uhr morgens auf der Farm komplimentiert Yousuf Karsh dann Ehefrau Mary und seinen Assistenten aus dem Raum, denn der Photograph möchte mit Hemingway alleine sein. Derweil ruft Ernest Hemingway seinem Gast aus der Küche zu: Was möchtest Du trinken? Und der Photograph antwortet knapp: „Daiquirí, Sir!“ Hemingway kann es kaum fassen. Good God, Karsh, johlt der Schriftsteller, at this hour of the day!
Und Yousuf Karsh, der den Daiquirí und ihn so mag, gelingt an diesem Morgen in San Francisco de Paula das wohl schönste
Ernest Hemingway liest die New York Times, 1949, Finca Vigía, San Francisco de Paula, Kuba; Photo by George Leavens
Ernest Hemingways Faible für gute Photos rührt daher, dass er als visueller Mensch durchs Leben geht. Erstaunlich für einen Autor, der sich doch eher mit der sprachlichen Abstraktion von Begebenheiten und Bildern beschäftigen sollte. Doch als der liebe Gott diesen Ernest Hemingway formte, da hat er eine schnelle Leitung vom Auge in den Bauch gelegt.
Bild zu Gefühl, so läuft das bei ihm. Die Leitung in den Kopf nutzt er auch ab und an, aber wer sich so zudröhnt wie er, der knipst an manchen Stellen auch gerne mal das Licht aus. Vom Auge in den Bauch, genauso arbeiten die Photographen, jedenfalls wenn sie gut sind und wenn auch ihre Photos gut werden sollen. Ernest mag deshalb die Zunft der Photographen, nicht nur weil sie seine Eitelkeit mästen.
Er sieht sie als Kollegen, auf Augenhöhe, als Künstler mit der gleichen Aufgabe, mit der gleichen Herausforderung und wohl auch mit den gleichen Zweifeln wie er. Viele Photographen lässt er deshalb nah an sich heran, mehr als vielleicht nötig, und auch mehr als vielleicht zuträglich. Doch oft lohnt es sich, die wirklich guten Photographen kitzeln dann noch etwas heraus aus ihm. Oder sie fangen die richtige Sekunde ein.
So wie dieser George Leavens, fast ein Kumpel, der auch auf Kuba wohnt und über die Jahre wundervolle Photos von der Insel und seinen Bewohnern geschossen hat. Ernest Hemingway mag
Norberto Fuentes, Frankfurt am Main, 1984; Photo by W. Stock
Der kubanische Journalist Norberto Fuentes ist Ernest Hemingway schon seit vielen Jahren auf der Spur. Der ehemalige Prensa-Latina–Reporter, Jahrgang 1943, kann vielleicht von allen Menschen am besten über den kubanischen Hemingway berichten.
Norberto ist ein großer Verehrer des bärtigen Schriftstellers aus dem Gringo-Land und jemand, der überhaupt eine Menge zu erzählen hat. Hemingway hat 20 Jahre auf Kuba gelebt, und dass die Welt viel über diese Jahre weiß, das verdanken wir Norberto Fuentes.
Norberto hat 1984 ein wunderbares Buch über Hemingways Jahre auf Kuba veröffentlicht. Ein dicker Schmöker, Hemingway en Cuba. Im Verlag Letras Cubanas herausgegeben, auf billigem Papier und zudem schlecht typografiert, jedoch eine einzige Liebeserklärung von Seite 1 bis 718. Eine Fleißarbeit, mit vielen seltenen Fotos.
Gabriel García Márquez, auf den noch zurück zu kommen ist, schrieb das Vorwort. Norberto hat in seinem Buch alles zusammen getragen, was er über
Hemingways alter Mann? Gregorio Fuentes, Cojímar/Kuba,im April 1983; Photo by W. Stock
Die kubanischen Fischer aus den Romanen von Ernest Hemingway tragen unverkennbar die Züge von Gregorio Fuentes und Carlos Gutiérrez. Gregorio Fuentes war 23 Jahre lang, von 1938 bis zu Hemingways Tod 1961, der Kapitän seines Bootes Pilar, Carlos sein Vorgänger.
Aber, ein Missverständnis sollte hier ausgeräumt werden, Gregorio ist nicht der alte Mann aus Hemingways berühmtester Novelle Der alte Mann und das Meer. Wenn einer Person diese Ehre gebührt, dann Anselmo Hernández Rodriguez. Das war einer der alten Fischer in Cojímar, hoch angesehen in dem Dorf. Er traf auf Ernest Hemingway im Jahr 1950, Gregorio stellte ihn dem Amerikaner vor.
Im Jahr 1950 war Anselmo Hernández 75 Jahre alt, Gregorio erst 53. Das war zu jung für den alten Mann. Es war auch Anselmo, der Ernest Hemingway all die Geschichten erzählte, vom Fischen da draußen im Golfstrom, und er erzählte von einem einsamen alten Mann in seinem Boot, dem das Anglerpech an den Füßen klebte. Und Ernest Hemingway formte seine Puzzle-Teilchen aus all den bunten Geschichten, die er von Anselmo hörte, damals bei einem Wein in der Bar des Restaurants La Terraza.
Der Russe Yuri Paporov, Autor des Buches Hemingway en Cuba, war von 1964 Korrespondent der Nachrichtenagentur Novosti auf Kuba und später Kulturreferent an russischen Botschaft in Mexiko. Sein Blick auf Ernest Hemingway scheint mir aus zwei Gründen interessant.
Zum einen hat er informative Aussagen von zahlreichen Zeitzeugen zusammen getragen, zum anderen dokumentiert sein Werk die tiefe Verehrung, die Hemingway in Russland entgegen gebracht wird. Das Buch Hemingway na kube erschien zuerst 1979 in Moskau, ich habe die erweiterte mexikanische Ausgabe aus dem Jahr 1993 in Händen.
Paporovs Buch lebt von seinen Quellen. Er hat Wegbegleiter befragt, die Angestellten der Finca Vigía, Freunde und Kameraden. Dies ist einerseits eine bewundernswerte Fleißarbeit. Ein solches Buch von fast 500 eng beschriebenen Seiten lebt von diesen Zeitzeugen. Andererseits wimmelt es in diesem Werk von Flüchtigkeitsfehler: Photos, die falsch zugeordnet werden, Vornamen, die durcheinander geworfen oder Nachnamen, die falsch geschrieben werden.
Das Werk von Norberto Fuentes Hemingway en Cuba von 1984 kommt da in meinen Augen viel
Mir fällt ein merkwürdiges Photo mit Ernest Hemingway in die Hände. Vorne Photo, hinten ein Brief. Denn auf der Rückseite des Photos ist ein langer Gruß geschrieben. Was hat es damit auf sich?
Das Photo muss in Havanna so um das Jahr 1954 aufgenommen sein, bei Hemingway sieht man noch die kurzen Haare, die auf die medizinische Behandlung seiner Verletzung durch die beiden Flugzeugabstürzen in Afrika zurückzuführen sind. Das Photo zeigt Ernest Hemingway seitlich von hinten, bei einem Umtrunk, er hält einen Drink in der rechten Hand, wahrscheinlich ein Daiquirí. Mitten im Photo steht ein kleingewachsener Mann, jener, der auch den Brief auf der Rückseite des Photos geschrieben hat. Sein Name: Jaime Bofill.
Wer ist dieser Bofill? Jaime Bofill, ein Rechtsanwalt, wird auf Kuba zu einem engen Freund von Hemingway über viele Jahre. Bofill betreibt in Havanna einen Aktienhandel, er und der Amerikaner gehen oft zusammen Fischen.
Bofill schreibt per Hand an einen alten Freund nach Lima, an Juan Aguilar Derpich. Aguilar Derpich, ein Journalist und Politiker aus Callao, dem staubigen Hafendistrikt der peruanischen Hauptstadt, ist ein Mann, der den Ideen der
Zunächst wird eine Leiche gefunden. Eine vierzig Jahre alte Leiche. Bei Ernest Hemingway. Ein Mann, umgebracht irgendwann zwischen 1958 und 1960. Auf Finca Vigía, dem Anwesen Ernest Hemingways auf Kuba. War etwa Hemingway selbst der Mörder?
So lautet der Plot von Adiós, Hemingway, ein Krimi aus der Feder des kubanischen Erzählers Leonardo Padura. Und ein spannendes Stück Literatur obendrein.
Adiós, Hemingway liest sich zunächst als ein üblicher Kriminalroman, denn die Aufklärung der Causa zeigt sich frei von Überraschungen. Doch der Kriminalfall ist für Leonardo Padura bloßer Vorwand, eine Mogelpackung, wenn man so will. In Wirklichkeit zeichnet Adiós Hemingway das Psychogramm des alternden Schriftstellers. Und so schildert Padura einen Ernest Hemingway, den die Krätze juckt, die Blase plagt und dem das Hirn entffleucht.
Padura fängt diese Atmosphäre des persönlichen Niedergangs eines vom Sieg beseelten Machos eindrucksvoll ein. Fast im Duktus des Meisters himself. Sinngemäß: Früher, da hatte er einen Sack voller Ideen und Stories. Früher. Aber heute, da musste er feststellen: Dieser Sack war leer.
Stattdessen gibt es für Hemingway einen Sack mit Verboten und Vorschriften: Keinen
(c) Ernest Hemingway Papers Collection, Museum Ernest Hemingway, Finca Vigia, San Francisco de Paula, Cuba
Als ich 1982 für einige Monate in Mexiko lebe, schalte ich eines Abends das Fernsehgerät an, um mir auf Televisa die Hauptnachrichten mit Jacobo Zabludovsky anzuschauen. Gerade ist ein neuer Präsident gewählt worden, und das krisengeplagte Land dürstet nach Zuversicht. Was denn von diesem Miguel de la Madrid Hurtado zu halten sei, werden in einem Beitrag einige prominente Persönlichkeiten gefragt.
Nun, antwortet ein bärtiger US-Amerikaner mit rauchiger Bassstimme und dickem Gringo-Akzent, auf den neuen Präsidenten setze er große Hoffnungen. Und damit liegt der Interviewte, der US-Regisseur John Huston, ja gar nicht mal falsch. Denn dieser Präsident De la Madrid läutet in Mexiko Reformen ein, um dem Abstieg und dem Chaos, das ihm sein linkspopulistischer Vorgänger José Lopez Portillo hinterlassen hat, einigermaßen Herr zu werden.
Zu dieser Zeit weilt John Huston schon länger in Mexiko. In Puerto Vallarta am Pazifik, wo er im Jahr 1964 den Film The Night of the Iguana gedreht hat, lebt er in dem Land, das er wie sein eigenes liebt. John bleibt ein großer Freund Mexikos. Er residiert nicht nur viele Jahre in dem Land, sondern hat auch einige der schönsten Filme mit mexikanischem Kolorit gedreht – so Der Schatz der Sierra Madre, nach B. Traven, der auch in Mexiko lebte, oder Unter dem Vulkan.
John Huston ist keine Hollywood-Pappnase, sondern ein
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