Hemingways Welt

Das Portal zu Leben und Werk von Ernest Hemingway

Ernest Hemingway stirbt in Afrika, um ein Haar

Am 5. Februar schreibt Ernest Hemingway seinem Verwalter nach Kuba. Los dos cojones intactos. Credit Line: Ernest Hemingway Papers Collection, Museum Ernest Hemingway, Finca Vigia, San Francisco de Paula, Cuba

Im Jahr 1954 wird der Schriftsteller in zwei beinahe tödliche Flugzeugunglücke verwickelt, es hat nicht viel gefehlt. Das Ehepaar Hemingway befindet sich auf einer mehrmonatigen Safari-Reise in Ostafrika. Im Januar stürzt eine Cessna 180 ab mit Mary und Ernest Hemingway an Bord über Murchison Falls im Nordwesten Ugandas, nachdem der kleine einmotorige Propellerflieger die Leitungen eines Telegraphenmastes berührt hat.

Ein zweites Flugzeug, eine britische De Havilland Dragon Rapide, mit dem das Ehepaar am nächsten Tag von Butiaba nach Entebbe zurückkehren will, fängt beim Abflug Feuer. Der Pilot Reginald Cartwright und Mary, die beide vorne sitzen, winden sich flink aus dem zweimotorigen Doppeldecker. Doch bei Ernest, der auf der Rückbank hockt, klemmt die verkrümmte Hintertür. Mit Schulter und seinem dicken Schädel als Rammbock findet schließlich auch Ernest im letzten Moment nach draußen.

Die Nachrichtenagentur United Press schickt am 24. Januar 1954 eine Eilmeldung um den Globus. Kampala, Uganda, Afrika: Der bärtige Pulitzer-Gewinner, der Autor Ernest Hemingway und seine Frau sind vermutlich bei einem Crash mit ihrem gecharterten Flugzeug im Urwald von Uganda ums Leben gekommen. Die Zeitungen in den USA drucken, meist riesig auf der Titelseite, die Meldungen von seinem Tod.

Ernest Hemingway darf im fernen Afrika seinen eigenen Nachruf lesen. Er nimmt es mit Humor, das Überleben seines eigenen Todes amüsiert ihn. Mein Glück ist mir weiterhin treu, dementiert er am nächsten Tag gegenüber der Presse lässig sein Ableben. Trotz schwerster Verletzungen trägt der Autor die Abstürze zunächst mit dem üblichen Galgenhumor. 

Das prominente Ehepaar überlebt beide Unglücke, jedoch die Verletzungen stellen sich als verheerend heraus, besonders bei Ernest. Der Schriftsteller erleidet eine schwere Gehirnerschütterung, die Schulter wird ausgekugelt, dazu kommen Darmquetschungen, ein Nierenriss und die Verletzung der Leber. Besonders schmerzvoll sind die Verbrennungen an den Beinen, am Bauch, am rechten Unterarm, an der linken Hand und am Kopf.

Seinem Verwalter Roberto Herrera schreibt er am 5. Februar aus dem New Stanley Hotel in Nairobi einen Brief: Everybody is okay. Und Ernest Hemingway fügt dann handschriftlich hinzu: Los dos cojones intactos. Hubo derrame cerebral pero contenido OK. Die beiden Eier unversehrt. Hatte Schlaganfall, aber innen drin alles ok. Seinen Humor hat er nicht verloren, aber okay ist gar nichts, in Wirklichkeit leidet der Schriftsteller unter höllischen Schmerzen.

Der Kopf und die inneren Organe sind derart verletzt, dass er sich davon nie mehr ganz erholen sollte. Die beiden Unfälle beeinträchtigen sein Seh- und Hörvermögen, es fällt ihm fortan schwer, sich zu konzentrieren, und auch das Schreiben bereitet ihm nun Mühe. Die beiden Flugzeugunglücke sind eine Zäsur in seinem Leben, nichts wird mehr so sein wie vorher.

Bitter wird er nun auf  die Gewissheit gestossen, dass ein solcher Pfundskerl wie er doch nicht für die Ewigkeit gebaut ist. Auch seine Uhr tickt, die Zeit, sich etwas vorzulügen, scheint vorüber. Er wird fortan kein Buch mehr veröffentlichen und in den verbleibenden sieben Lebensjahren mehr Krankenzimmer von innen sehen, als er sich in seinen schlimmsten Träumen vorzustellen wagte.

Der große Ernest Hemingway ist schlecht beieinander ab dem Schicksalsjahr 1954. Sein opus magnum, die Novelle Der alte Mann und das Meer, ist geschrieben und veröffentlicht, doch er ist ausgepumpt und angeschlagen. Ab jetzt geht es körperlich rapide bergab – und geistig erst recht. 

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Ernest Hemingway – ganz der Vater

Die Familie Hemingway im Oktober 1903: Schwester Ursula, Vater Clarence, Ernest Hemingway, Mutter Grace und Schwester Marcelline. Credit Line: Ernest Hemingway Collection, John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

Dr. Clarence Hemingway verbringt den Vormittag in seiner Praxis für Frauenheilkunde und Geburtshilfe in Oak Park, einem Vorort von Chicago. Am Mittag kommt er nach Hause zum Essen. Es ist der 6. Dezember 1928. Das Familienoberhaupt verhält sich seltsam. Im Heizofen in Parterre verbrennt er einen Stapel Papiere.

Der Vater ist seit einiger Zeit schwer an einem Diabetes erkrankt, das Herz bereitet ihm Probleme, er hat sich darüber hinaus bei Immobiliengeschäften in Florida verspekuliert, die Depression hält ihn gefangen. Clarence Hemingway wirkt an dem Tag noch bedrückter als sonst. Dann geht der Doktor ins Obergeschoss, zieht die Fensterblende zu und setzt sich auf das Ehebett. 

Im Nachbarzimmer hütet der 13-jährige Sohn Leicester mit einer Erkältung das Bett. Plötzlich hört er nebenan einen Schuss. Der Junge springt aus dem Krankenbett auf und rennt hinüber zum Elternschlafzimmer, er klopft an die Tür und ruft Daddy! Im Zimmer liegt der röchelnde Vater auf dem Bett. Als Leicester den Kopf seines Vaters leicht hebt, spürt er in seiner Handfläche warmes Blut.

Der Vater hat sich mit einem Revolver aus dem Bürgerkrieg, einer Smith and Wesson Kaliber 32 hinter dem rechten Ohr in den Kopf geschossen. Der alte Revolver ist ein Erbstück seines Vaters, von Ernests Großvater.

Ernest Hemingway befindet sich in New York, wo er seinen Sohn John, Bumby gerufen, abgeholt hat. Er ist mit seiner Mutter Hadley, der geschiedenen ersten Mrs. Hemingway, aus Frankreich in die USA gereist. Der Sohn soll die Winterferien beim Vater und der neuen Frau Hemingway, Pauline Pfeiffer, in Key West verbringen.

Im Bahnhof von Trenton, New Jersey, erhält der Schriftsteller vom Zugschaffner das Telegramm seiner Mutter, mit der Nachricht vom Tod des Vaters. In Philadelphia wechselt Ernest in einen Zug nach Chicago, den Sohn Bumby gibt er in die Obhut des Schaffners. Am 7. Dezember trifft der Autor Oak Park ein. 

Ich habe ihn sehr geliebt, sein Selbstmord war die Hölle für mich, schreibt Ernest seinen Lektor Max Perkins. Es ist der Vater gewesen, der ihn in die Natur mitgenommen hat, zum Angel an die Seen Michigans. Der Suizid des Vaters wird auf seiner Schulter lasten, ein Leben lang. Der Mutter macht er den Vorwurf, den geliebten Vater in den Tod getrieben zu haben. Vielleicht gehe ich denselben Weg, sagt er, und bittet die Mutter, ihm die Smith & Wesson zu übereignen.

Der Vater Clarence wird zum Vorbild. Drei der sechs Hemingway-Kinder nehmen sich das Leben. Leicester, der Sohn, der den sterbenden Vater gefunden hat, erschießt sich im September 1982 in seinem Haus in San Marino Island, Florida. Ursula, die Schwester, geplagt von einer Krebserkrankung und Depressionen, vergiftet sich mit Medikamenten im Oktober 1966 in Honolulu. Ernest erschießt sich am 2. Juli 1961 in seinem Landhaus in Ketchum, in den Bergen der Rocky Mountains.

Der unselige Fluch überträgt sich auf die nächste Generation. Ernest Hemingways Enkelin Margaux, die Tochter von Bumby, ein gefragtes Model und eine erfolgreiche Schauspielerin, nimmt in Santa Monica, Kalifornien, mit 42 Jahren eine Überdosis Barbiturate, am 1. Juli 1996. Genau 35 Jahre nach dem Großvater, fast auf den Tag genau.

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Der schönste Hemingway-Satz: Himmel

„Unter dem Himmel stelle ich mir eine große Stierkampfarena vor, mit zwei ständig für mich reservierten Plätzen an der Barrera, während draußen ein Forellenbach vorbeirauscht, in dem ich und meine Freunde angeln dürfen.“
Ernest Hemingway

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Ernest Hemingway und die klassische Musik

Auf der tropischen Finca Vigía besitzen die Hemingways einen Bell Phonographen, den modernsten Plattenspieler seiner Zeit. Die Musik ist dem Ehepaar wichtig, zur Muße und zur Inspiration auf ihrer entlegenen Farm nahe von Havanna.

Der Phonograph steht im weiten Wohnzimmer, zusammen mit zwei großen Lautsprecherboxen. Zwei weitere Boxen sind in der benachbarten kleineren Bibliothek untergebracht, die mit einem offenen Torbogen vom living room getrennt ist.

Es fällt auf, dass neben vielen Jazz-Platten in der Collection auf der Finca Vigía noch zahlreicher die klassische Musikrichtung vertreten ist. Dazu auch Folklore-Aufnahmen aus Russland, Ungarn, den USA und Spanien.

Nachstehend ein Ausschnitt aus dem Katalog der Hemingway’schen Schallplattensammlung, die in deckenhohen Schränken auf ihrem kubanischen Anwesen in San Francisco de Paula untergebracht ist:

Russian Folk Songs
Rossini, William Tell
Puccini, La Bohème
Tschaikowsky, Symphony No. 4
Tschaikowsky, Symphony No. 6
Rachmaninoff, Concerto No. 2
Rachmaninoff, Song for Piano
Russian Liturgical Music
Prokofieff, Peter and the Wolf
Debussy, Piano Music
Strawinski, Petrouchka
Bach, Sonata in E Major for Violin and Piano
Bach, Double Concerto
J.S. Bach, Two Part and Three Part Inventions
Bach, The Well-Tempered Clavier Book I 
Bach, The Well-Tempered Clavier Book II
Bach, Prelude and Fugue in E Flat Major
Mozart, Eine kleine Nachtmusik
Mozart, Sonatas Nos. 10 and 15 in B Flat Major
Mozart, Piano
Mozart, Concerto in E Flat Major
Ravel, Bolero
Borodin
Richard Wagner
Brahms, Variations on a Theme by Haydn
Brahms, Double Concerto in A Minor
Manuel De Falla, Nights in the Gardens of Spain
Debussy, Preludes
Strawinsky, Petrouchka Ballet
Schubert, Symphony No. 8 in B Major
Rimsky-Korsakov, Scheherazade
Piano Music of Chopin
Verdi, La Forza del Destino
Beethoven, Symphony No. 9 in D Minor
Vivaldi, The Seasons
Vivaldi, Concerto in C
Ludwig van Beethoven, Sonata in A Major
Beethoven, Trio in D Major
Beethoven, Symphony No. 5
Beethoven, Sonata in A Major
Händel, Trio Sonata No. 2

Oft finden sich Wolfgang Amadeus Mozart und Johann Sebastian Bach in den Tropen, es sind die Favoriten des Schriftstellers. Dazu Ludwig van Beethoven und Johannes Brahms. Es ist vor allem der klassische Musikkanon, der ihn anspricht. Es sind, wenn man so will, die Hits der Klassikabteilung.

Ernest Hemingways Musikgeschmack konzentriert sich auf die populäre Klassik, dazu kommen amerikanische Folklore und die Volksmusik anderer Länder. Die Familie in Oak Park bei Chicago hat Kammermusik gespielt, die Mutter ist Opernsängerin gewesen. Im Elternhaus hat man viel musiziert, gerade die Klassiker, dem kleinen Ernest wird als Instrument das Cello zugewiesen. Er besitzt seit Kindesbeinen an ein gutes Ohr und die Kennerschaft für diese Musik.

Nun weiß man, dass der Schriftsteller gerne über klassische Musik gesprochen hat, dass er von ihr auch eine Menge fürs Schreiben gelernt hat. Nicht nur andere Literaten sind seine Vorbilder, sondern ebenso die modernen Maler und die guten Komponisten. Aus einem klugen Arrangement lernt er, wie man auch in der Literatur die Harmonielehre verwenden kann und an welchen Stellen man in einem Text Stimme und Gegenstimme, den Kontrapunkt, setzen kann.

Ganz vernarrt ist der bärtige Autor in die Toccata und Fuge in d-Moll von Johann Sebastian Bach an, am liebsten auf einer guten sakralen Orgel gespielt. Hier erhält dieser Schriftsteller eine Ahnung davon, wie man schreiben muss. Und wie hoch die Messlatte für einen Künstler wie ihn liegt.

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Ernest Hemingway im Focus

Erstaunliches gilt es zu vermelden. Das auflagenstarke Nachrichtenmagazin Focus hebt Ernest Hemingway in dieser Woche auf sein Cover, fast 59 Jahre nach dem Tod des amerikanischen Schriftstellers. Das Hemingway-Wunder überschreibt Chefredakteur Robert Schneider sein Editorial auf Seite 5 über den Nobelpreisträger von 1954. Ernest Hemingway war ein Abenteurer und Aufschneider, ein Geschichtenerzähler und Maulheld – und er war einer der größten Autoren des 20. Jahrhunderts.

Ein Autor, so groß jedenfalls, dass man den Fund einer bislang unbekannten Short Story auf dem Titel eines bekannten Wochenmagazins feiern muss. Anlass ist die Entdeckung einer Kurzgeschichte, die im Nachlass in der Ernest Hemingway Collection der John F. Kennedy Presidential Library and Museum in Boston gefunden worden ist. Ausgegraben hat die Geschichte Seán Hemingway, der Enkel des Schriftstellers, Sohn des jüngsten Sohnes Gregory.

Bei der Recherche für eine Neuauflage von Der alte Mann und das Meer entdeckt der Journalist, Jahrgang 1967, das Typoskript ohne Überschrift, aber mit handschriftlichen Anmerkungen. Ernest Hemingway, trotz seines Images als Trunkenbold und Weiberheld, war ein ungeheuer produktiver Autor, mehr als 3.000 unveröffentlichte Manuskriptseiten hat er bei seinem Tod 1961 hinterlassen. Es verwundert nicht groß, wenn man ab und an Veröffentlichungswürdiges entdeckt. 

Die Geschichte Pursuit As Happiness, die zuerst im US-Magazin New Yorker im Juni 2020 abgedruckt wurde, spielt auf Kuba. Der Titel wird nachträglich von Hemingways zweitjüngstem Sohn Patrick, dem letzten Überlebenden der drei Söhne, vergeben. In der Erzählung schreibt Ernest über seine Angeltouren mit dem Freund Joe Russell, dem Besitzer von Sloppy Joe’s in Key West. Auf der Anita fahren sie von Havanna heraus in den Golf von Mexiko auf der Jagd nach dem stolzen Marlin.

Die Erzählung spielt in den letzten Tagen des Machado-Regime auf Kuba, also um 1933 herum. Dieser Gerardo Machado y Morales, 1925 zum Präsidenten gewählt, entpuppt sich als tyrannischer Politiker, der die Interessen der latifundistischen Oberschicht im Auge hat und unter dessen Ägide Havanna zum Sündenpfuhl der USA absteigt. An dem Tag, an dem wir mit fünf Flaggen reinkamen, musste die Polizei die Menge auseinander knüppeln. Es war hässlich und brutal. Aber es war ohnehin ein hässliches und brutales Jahr an Land.

Ernest hat in dieser Erzählung einen klaren Blick für die sozialen Konflikte auf Kuba, das war nicht immer so. Die Bevölkerung darbt – trotz aller Sonne und Folklore, das Leben auf der Tropeninsel ist beschwerlich. Doch auf dem Meer, seinem The Great Blue River, findet Ernest eine andere Welt vor, hier herrschen Harmonie und Frieden, der Einklang mit der Natur sorgt für die Ruhe seiner verletzten Seele.

Ernest Hemingway lebte in den frühen 1930er Jahren in

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Der König in seinem Garten

Ernest Hemingways einsame Helden drücken das Lebensgefühl vieler Menschen im seelischen Daseinskampf aus, wo auch immer auf diesem weiten Globus.

In der gehetzten Großstadt oder bei der Konversation im intellektuellen Zirkel fühlt sich dieser Naturbursche nicht wohl. Nahe dem Meer hingegen findet er den Balsam für seine Seele, mitten unter bescheidenen Fischern, zünftigen Schankwirten und bodenständigen Handwerkern. Am Golf von Mexiko, vor Key West, auf den Bahamas. Hauptsache irgendwo nahe dem Ozean, dort wirkt dieser kernige Mann ausgeglichen und bei sich.

Das Meer hat es ihm seit jeher angetan, am Meer sucht Ernest Hemingway nach den Antworten auf seine Fragen an die Existenz. Er grübelt nach über die großen Themen seiner Welt: Über die Lust am Leben, über die wahre Liebe und hier macht er sich seine Gedanken über das Sterben. All dies sind die Fragen, die jedes Individuum umtreiben. Auch dieser Umstand mag erklären, warum dieser Nobelpreisträger solch tiefe Spuren hinterlassen hat, während man sich an die Namen anderer Nobelkollegen jener Jahre kaum mehr erinnern kann.

Dieser Schriftsteller ist nicht unbedingt ein Schreiber für die gebildete Hautevolee. Ernest Hemingway mag die einfachen Menschen, das ist unüblich in diesem distinguierten Gewerbe, und die einfachen Menschen mögen ihn. Wie ist die wechselseitige Nähe dieses Literaten zum gemeinen Volk zu erklären? Wohl zu allererst weil Ernest Hemingway seine Helden nahe der Wirklichkeit laufen lässt. Seine Plots wirken nicht konstruiert, dieser Autor greift voll hinein ins Leben, er holt den Leser ab in seiner Welt.

Die Gefühle von Hemingways Helden sind dem Leser nicht fremd, denn es ist das tatsächliche, das wirkliche Leben, über das hier geschrieben wird. Die Suche nach Liebe und Anerkennung, das Aufplustern vor der Bedrohung, der Kampf gegen mächtige Gegner, die Selbsttäuschung vom Sieg und dann doch wieder die Pleite. Es ist diesem Ernest Hemingway wie keinem anderen gelungen, den Zwiespalt der menschlichen Existenz zu erkennen und verständlich zwischen zwei Buchdeckel zu bringen.

Er schreibt über die hehren Ideale der Jugend und die kleinen und großen Wünsche an das Leben, vor allem über die Gier nach Liebe und das Verlangen nach Würde. Dieser Schriftsteller ist fasziniert vom Menschen und die Menschen von ihm. Das macht den Unterschied zu anderen aus, auch mit seiner Lebensgeschichte hat uns dieser Erzähler gepackt. Deshalb hat man ihn verstanden, nicht nur der Literaturprofessor, sondern auch Menschen wie du und ich. 

Ein Leser, der sich auf Ernest Hemingway einlässt, der spürt nach einer Weile, dass sich hinter der rauen Fassade des Boxers und Trunkenboldes, des Schwerenöters und Hasardeurs ein feinfühliger Schreiber allererster Güte verbirgt. Diese Mischung aus rabaukenhafter Oberfläche und humaner Tiefe spricht

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Ernest Hemingway trifft auf Martha Gellhorn

Martha Gellhorn mit Ernest Hemingway 1937 im Spanischen Bürgerkrieg. Credit Line: Ernest Hemingway Collection. John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston

Der Schriftsteller lebt von 1931 bis 1939 mit seiner zweiten Ehefrau Pauline Pfeiffer und den beiden gemeinsamen Kindern Patrick und Gregory in dem herrschaftlichen Haus an der Whitehead Street von Key West. Eigentlich könnte Ernest Hemingway sein Leben genießen, er hat beruflich Erfolg, die Familie ist gesund und munter, er selbst befindet sich körperlich in einer guten Verfassung. Alles in allem sind es vergnügte Tage, Wochen und Monate in Südflorida.

We have a fine house here, and the kids are all well, schreibt er in einem Brief, das Haus sei schön und die Kinder wohlauf. Gleichwohl brodelt es in seinem Innersten: Er verhält sich zunehmend reizbar und wirkt angespannt, denn er fühlt sich nicht am Ziel. Freunde bemerken an ihm eine innere Getriebenheit und eine emotionale Ruhelosigkeit. Und auch die Ehe mit der bedrückten Pauline köchelt nur lau vor sich hin.

Ernest Hemingway, auf seinem luxuriösen Anwesen in Key West, will zur Jagd nach Wyoming aufbrechen. Doch zwei Begebenheiten werden die tropische Behaglichkeit ins Wanken bringen. Zum einen erreicht ihn die Nachricht, dass in seinem geliebten Spanien mit dem Putsch reaktionärer Offiziere der Bürgerkrieg ausgebrochen ist. Und zum anderen prallt er auf eine neue Frau, ach was, ein blonder Marschflugkörper auf zwei Beinen donnert auf ihn zu.

Eine wunderschöne 28-jährige Amerikanerin aus Missouri tritt zu Weihnachten 1936 in sein Leben. Martha Gellhorn, auf Urlaubsreise mit Mutter und dem Bruder Alfred in Miami, macht einen Abstecher mit dem Bus nach Key West. Am späten Nachmittag betritt die junge Frau das Sloppy Joe’s in einem schwarzen Kleid, das ihre langen goldblonden Haare noch mehr strahlen lässt. Martha, schlank, mit einem ebenmäßigen jugendlichen Gesicht, zieht sogleich die Blicke aller Männer in der Kneipe auf sich. 

Der Schriftsteller springt aus seinem Hocker an der Theke, nähert sich dem Tisch der Gellhorns, schnappt sich ungefragt einen Stuhl und setzt sich zu der Familie. Ernest Hemingway, stellt er sich vor, Sie müssen den doppelten Daiquirí probieren. Mutter Gellhorn nickt kurz. Vier Papa Dobles, ruft der Autor dem schwarzen Barkeeper Al Skinner zu. Zwischen Martha und Ernest knistert es, von der ersten Sekunde an.

Ein ungewöhnliches Pärchen hat sich da im Sloppy Joe’s gefunden. Hier die blassgesichtige und chic gekleidete Intellektuelle, dort der groß gewachsene sonnengebräunte Hallodri, dem das ungekämmte Haar wild über die Stirn ins Gesicht fällt und der seine Fischershorts mit einem einfachen Hanfstrick gebunden hat. Auf den ersten Blick sieht der wohlhabende Schriftsteller in seiner Kluft aus wie

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Der schönste Hemingway-Satz: harte Schule

„Oben in diesem Zimmer fasste ich den Entschluss, über alles, worin ich mich auskannte, eine Geschichte zu schreiben. Darum habe ich mich beim Schreiben immer bemüht, und das war eine gute und harte Schule für mich.“
Ernest Hemingway, Paris – Ein Fest fürs Leben

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Ernest Hemingway und der Jazz

Das gesamte Leben des Ernest Hemingway wird mit akribischer Leidenschaft unter die Lupe genommen. Fast kein Aspekt, der dabei unberücksichtigt bleibt. Und dann tauchen Fragestellungen auf wie diese: Wie ist sein Musikgeschmack gewesen?

Auch solche Fragen können beantwortet werden. Denn darüber gibt zum Beispiel die Katalogisierung seiner Schallplattensammlung auf Finca Vigía Aufschluss. Bekanntlich hat der Schriftsteller mit Ehefrau Martha Gellhorn, ab 1945 mit Mary Welsh, über 20 Jahre auf dem kubanischen Landgut nahe Havanna gelebt. Und von 1939 bis 1960 hat sich da einiges angesammelt. Neben den Tausenden Büchern ebenso eine umfangreiche Sammlung von Schallplatten.

Zunächst fällt auf, dass vor allem zwei Genres überrepräsentiert sind: klassische Musik und Jazz. In den Wandregalen der Finca finden sich zahlreiche Jazzaufnahmen sowie Anverwandtes. Unter anderen folgende Platten:

Noel Coward Songs
A Cole Porter Review
Artie Shaw
Tommy Dorsey, Getting Sentimental
Songs by Greta Keller
Jelly Roll Morton
Carmen Cavallaro, Getting Sentimental Over You
Carmen Cavallaro, All the Things You Are
Carmen Cavallaro, Dancing in the Dark
Hildegarde, Vernon Duke Songs
Hot Jazz Classics: Fletcher Henderson
Hot Jazz Classics: Bix Beiderbecke
Hot Jazz Classics: Earl Hines
Hot Jazz Classics: Bessie Smith
Benny Goodman
Quintet of the Hot Club of France
Art Tatum, Piano Solos
Louis Armstrong
Glenn Miller
Carmen Miranda, Night in Rio

Die Auswahl zeugt von einem populär orientierten Geschmack, durchaus mit eigener Note. Insbesondere die Big Band-Größen der 1940er Jahre wie Benny Goodman, Artie Shaw und Glenn Miller sind zu finden. Die Einspielungen des Pianisten Carmen Cavallaro sind bevorzugt gesammelt worden. Dieser Klavierspieler und Bandleader, er ist eine Art Vorläufer des schwülstigen Liberace gewesen, besitzt einen sehr melodischen, fast schlagerhaften Anschlag.

Art Tatum und Earl Hines sind zwei ganz wunderbare Pianisten, mit die besten, nicht nur in jenen Jahren. Zu den bekannten Jazz-Größen kommen eigenwillige Sängerinnen wie die Wienerin Greta Keller oder die US-Amerikanerin Hildegarde. Der bekannteste Song von Hildegarde heißt Darling, Je vous aime beaucoup. Ein schönes Lied für ein verliebtes Ehepaar in den abgelegenen Tropen.

Richtig guten Jazz spielt das Quintet of the Hot Club of France, dahinter verbergen sich der Gitarrist Django Reinhardt und der Violinist Stéphane Grappelli. Ihr Saiten-Swing gilt als eine europäische Innovation in den 1930er Jahren. Django Reinhardts Musik wirkt wie ein betont rhythmischer Mix aus melodischem New Orleans-Jazz, französischen Walzern und der traditionellen Spielweise der Sinti. 

Welche Aufnahmen mögen eher Ernests und welche eher Marys Favoriten gewesen sein? Möglicherweise trifft der Jazz eher den Geschmack von Mary, die Klassik eher den von Ernest. Von dem Schriftsteller ist zumindest bekannt, dass er Frank Sinatra und seine Musik nicht groß ausstehen konnte.

Ein weiteres Indiz kann sein, dass der Jazz in den unteren Fächern im deckenhohen Plattenschrank steht, die Klassik eher oben. Die wesentlich kleinere Mary hätte es so einfacher gehabt, an ihre Platten zu kommen, als ihr 1,83 Meter langer Ehemann. Doch dies bleibt eine Spekulation.

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Ernest Hemingway und das Meer

Ernest Hemingway auf der Pilar, im Golfstrom vor der Skyline von Havanna, im Jahr 1952. Credit Line: Ernest Hemingway Collection. John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

Am Meer erwacht in Ernest Hemingway eine neue Lebenslust. Mit all seinen Sinnen liebt dieser Schriftsteller aus Chicago den Ozean. Er mag den Geruch nach Salz und Algen, er hört die krachenden Laute der Sturzwellen, vor allem jedoch liebt er den blauschimmernden Farbton des Wassers. Am endlosen Meer verspürt Ernest Hemingway Momente der Eintracht, eines inneren Friedens, der brüchig wird, je weiter er sich von der Wasserlinie entfernt.

Er braucht diese seelische Harmonie, denn dieser Mann schleppt seit Kindesbeinen vielerlei Verletzungen mit sich herum. Nur am Meer findet er Linderung für seine Wunden. An den Gewässern und am Meer fühlt Ernest Hemingway sich seinem inneren Kern nahe, er empfindet eine tiefere Emotionalität als in der Stadt. Dass der Mensch zum Meer hin sein angestammtes Terrain verlassen muss, es kitzelt ihn, auf dem Ozean kann man wunderbar seine Energie auf den Prüfstand stellen. 

Das Meer, wo auch immer, bietet einem Bauchmenschen wie Ernest Hemingway emotionalen Halt. Es ist kein Zufall, dass dieser Autor nach seinen Lehrjahren in Paris, die Großstadt meidet. Dieser Naturbursche zieht es hingegen vor, nahe dem Meer zu leben. Wie auf Finca Vigía, eine halbe Stunde südlich von Havanna. Sein tropisches Anwesen liegt nicht weit von Cojímar und dem Golfstrom, es wird über zwei Jahrzehnte sein Paradies auf Erden.

Wenn es eine Vollkommenheit auf Erden zu suchen gilt, dann mag man dieses Ideal am Meer finden. Das Meer ist von einer Weite, die das menschliche Auge nicht einfangen kann. Und das Meer wird mit einer Naturkraft ausgestattet, ohne die sich die Erde nicht drehen könnte. Der Ozean, der keinen richtigen Anfangs- und Endpunkt zu besitzen scheint, hält in höchster Vollendung den Kreislauf der Natur am Laufen.

Zeit seines Lebens wird dieser merkwürdige Rabauke aus Oak Park bei Chicago das Meer über alles verehren und mehr lieben, als alles andere in der Natur. Am Meer wird Ernest Hemingway ein anderer Mensch, vielleicht wird er hier erst so richtig zum Menschen. Die Zeit, die ich auf dem Meer vor den spanischen, afrikanischen und kubanischen Küsten verbracht habe, ist die einzige Zeit, die ich nicht verschwendet habe.

Am Meer erkennt ein Autor wie er das thematische Grundmuster seines Lebens. Die Lust am Leben will dort Oberhand über alle Verzagtheit behalten. Für einen Menschen, der seine fünf Sinne noch einigermaßen beisammen hat und der mit beiden Beinen im Leben steht, für den erweisen sich die Momente am Meer als Sternstunden für die Seele. 

Das Meer empfindet Ernest Hemingway als Gegenentwurf zum Kopfbestimmten. Das unendliche Wasser und die Tropenhitze weisen Ratio und Intellekt in die Schranken, auch deshalb fühlt er sich am Ozean so wohl. Solch ein körperlicher Mann wie

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