Das Portal zu Leben und Werk von Ernest Hemingway

Schlagwort: Ernest Hemingway Seite 35 von 57

La mar – so sanft und so zart fühlt sich das Meer an

Am Meer wird Ernest Hemingway ein anderer Mensch, vielleicht wird er hier erst so richtig zum Menschen. Cabo Blanco, im April 1956.

Eine knappe Stunde fährt das Ehepaar Hemingway mit dem schwarzen Chevrolet die Panamericana hinauf bis nach El Alto. Dort biegen die Besucher in Richtung Westen ab und schlängeln sich die staubigen Serpentinen hinunter zur Pazifikküste. Kurz vor der Ortseinfahrt zu Cabo Blanco geht es einen unbefestigten Sandweg hinein in eine wüstenartige Landschaft. Hinter ein paar Kurven erblicken die Amerikaner auf einer Anhöhe vor dem Meeresufer den Cabo Blanco Fishing Club.

Der Konvoi bewegt sich sachte einen breiten Anfahrtsweg hinauf, der alle drei, vier Meter auf beiden Seiten gesäumt wird von mannshohen Holzpfosten, auf denen jeweils die abgehackte Flosse eines Marlins aufgespießt ist. Diese Zufahrtsallee erinnert an eine surreale Inszenierung, der Phantasie einer alten Wikinger-Saga entsprungen, es scheint, als ob man an der Auffahrt zum Fishing Club das Entree zu einer Sagen- und Märchenwelt passieren dürfe. Der Klubgelände selbst liegt zwei Kilometer von Hafen und Dorfkern entfernt, es ist das einzige Gebäude weit und breit.

Kurz nach 9 Uhr am Vormittag nähert sich die Auto-Kolonne dem Eingang des zweigeschossigen Cabo Blanco Fishing Clubs. Der Schriftsteller steigt als einer der ersten aus, die Angestellten des Klubhotels eilen herbei, um die Koffer auszuladen. Der Nobelpreisträger hat zunächst kein Auge für das weitläufige Anwesen, sondern wird überwältigt von dem unendlichen königsblauen Meer, das am Horizont fließend in das gleißende Blau des Himmels übergeht. Der azurblaue Ozean liegt dem Fishing Club unmittelbar zu Füssen, es sind keine hundert Meter und man ist von der Veranda des Klubhauses, eine schmale Anhöhe hinunter, direkt am menschenleeren Sandstrand.

Die zwei Fußballfelder große Hotelanlage ist in einer länglichen Form gebaut, in der Mitte ergänzt durch den breiten zum Meer laufenden Gemeinschaftsraum. Im nördlichen Flügelbau findet man die Gastzimmer, im Süden liegen die Wirtschaftsräume mit Empfang, Küche und Verwaltung. Der gesamte Komplex verfügt über zehn Gästezimmer, fünf in Parterre, weitere fünf gleich große im Obergeschoss, allesamt mit bodentiefen Verandafenstern, die einen freien Blick auf den Pazifik erlauben.

Der Schriftsteller erhält das Gästezimmer mit der Nummer 5, es ist das Zimmer am Ende des schmalen Ganges in Parterre. Ehefrau Mary schläft direkt nebenan, in der Nummer 4. Getrennte Schlafzimmer sind bei dem Ehepaar Hemingway seit einigen Jahren Usus, Ernest schnarcht laut und steht nächtens gerne auf, er geht umher, schreibt Briefe, arbeitet an Manuskripten, oder er holt sich einen Drink. Seit langem schon schläft der Autor nicht gut.

Mary hingegen verfügt über eine natürliche Nachtruhe und versucht, wenn es nur irgendwie geht, durchzuschlafen. So verhält es sich bei den Hemingways, Ernest und seine Ehefrau übernachten in getrennten Zimmern, auch auf Finca Vigía. Allerdings wollen böse Zungen berichten, nicht das Schnarchen trage daran die Hauptschuld, vielmehr krisele es bedenklich in der Ehe der beiden.

Die Gastzimmer im Fishing Club sind nicht gerade geräumig, nüchtern betrachtet fallen sie sehr klein aus. Wenn die zwei engen Betten darin stehen, ist bereits mehr als der halbe Raum ausgefüllt. Auch kann man die Kammern nicht gerade als luxuriös bezeichnen, dennoch sind sie für diese Breiten zweckmäßig eingerichtet. Das Zimmer von Ernest ist – wie alle anderen auch – quadratisch geschnitten, die schmalen Wände sind weiß gestrichen und der Boden wurde mit dünnem dunklen Paneelholz verkleidet. Neben dem Eingang findet sich en suite ein winziges Bad mit Klosett und Dusche, dazu zur Rückseite des Gebäudes eine rechteckige Luke, die für Frischluft im Abort sorgt.

Blickfang des Schlafzimmers ist eine an der rechten Wand in Brusthöhe angebrachte Jugendstil-Lampe aus schwarzem gusseisernen Metall mit einem ballgroßen Leuchtkörper in weiß. Ansonsten sucht man vergeblich nach Extravaganzen. Vorne hinaus ist der Raum von der Decke bis zum Boden verglast. Eine Flügeltür, eingefasst von zwölf quadratischen Glasscheiben gibt den Ausblick frei nach draußen auf die schmale Veranda vor dem Zimmer. Hinter einer hüfthohen Einfriedung aus Pollern mit zwei hellen Streben beginnt danach die breite Terrasse des Klubhauses. (Anfang von Kapitel 5 der Neuerscheinung Cabo Blanco – Mit Ernest Hemingway in Peru. Eine weitere Leseprobe: hier klicken)

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Der schönste Hemingway-Satz: Magie

Wenn Sie am Morgen aufwachen und über dem Goldenen Horn einen Nebel sehen, aus dem die Minarette schmal und glatt zur Sonne hochwachsen und der Muezzin die Gläubigen zum Gebet ruft, in einer Stimme, die sich hebt und senkt wie die Arie einer russischen Oper, dann begrüßt Sie die Magie des Ostens.
Ernest Hemingway, Old Constant, The Toronto Daily Star, 28. Oktober 1922

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Hollywood hat einen Plan für Peru

Das Begrüßungskomitee für die Hemingways im peruanischen Talara: Mario Saavedra, Jorge Donayre und Manuel Jesús Orbegozo.
Flughafen ‚El Pato‘, am 16. April 1956

Ein kleines Empfangskomitee hat sich in Talara eingefunden, die drei Journalisten aus Lima, Angestellte des Flughafens, ein paar Schaulustige. Für gewöhnlich ist Ernest Hemingway, seit zwei Jahren mit den Würden des Nobelpreises gesegnet, anderes gewöhnt. Jedoch befinden wir uns in Peru, an der nördlichen Spitze eines rassisch und sozial tief gespaltenen Landes. Die Geschäftigkeit spielt sich in den Reichenvierteln der amerikanisierten Hauptstadt ab und alles, was in den entlegenen Provinzen geschieht, wo überwiegend Indios und Mestizen leben, wird nicht so recht zur Kenntnis genommen.

So gut wie nie verirrt sich solch ein illustrer Gast in diese trostlose Gegend. Doch Hollywood hat sich für Peru einiges einfallen lassen. Die Warner Bros., der Leinwand-Gigant aus Los Angeles, konnten sich für viel Geld, man munkelt über 300.000 Dollar, die Filmrechte an Hemingways Erfolgsroman Der alte Mann und das Meer sichern. Dieser Geldregen ist ein Vermögen in den 1950er Jahren, um die heutige Kaufkraft zu berechnen, muss man den Betrag mit dem Faktor 8 vervielfachen.

Nach frühen Hungerjahren in Paris ist Ernest Hemingway ein fürstlich bezahlter Schreiber. Vor allem ein glücklicher Umstand lässt sein Bankkonto rapide anwachsen, er braucht nichts zu tun: Zu seinen Lebzeiten werden elf seiner Romane und Kurzgeschichten von Hollywood verfilmt. Der bärtige Amerikaner ist mit solchen Windfall Profits einer der bestbezahlten Schriftsteller überhaupt, mit den Filmtantiemen verdient er in manchen Jahren mehr als mit seinen Büchern. Der Autor ist materiell ein gemachter Mann, vielfacher Millionär, erstaunlich für eine Branche, in der sich sonst eher die Überlebenskünstler tummeln.

Der Hollywood-Manager Leland Hayward ist eigens nach Havanna geflogen, um Ernest Hemingway das Filmprojekt und die Vorgehensweise der Produktionsfirma persönlich vorzustellen. Mit Peter Viertel hat er einen jungen, dennoch erfahrenen Drehbuchautor im Schlepptau. Fünf Jahre zuvor hat der in Dresden geborene Viertel, als Achtjähriger ging er 1928 mit den Eltern nach Kalifornien, das Skript zu African Queen geschrieben, dem Erfolgsfilm des Filmemachers John Huston.

Dem aufstrebenden Drehbuchschreiber, er ist Sohn einer Schauspielerin und eines Regisseurs aus Deutschland, obliegt die Bürde, Hemingways weihevolle Sprachmelodie von der Novelle auf die Leinwand zu übertragen. Ernest Hemingway und Peter Viertel lernen sich bei diesem Anlass kennen, der Schriftsteller findet augenblicklich Gefallen an dem umtriebigen Kerl. Er ist ein Typ ganz nach seinem Gusto: Im Zweiten Weltkrieg bei den Marines im Südpazifik ist er verwundet worden, später hat er für den US-Geheimdienst gearbeitet. Zwischen den beiden Männern entsteht rasch eine enge Freundschaft.

Die eindrucksvollen Angelszenen des Films, die für die Handlung so wichtig sind, will das Hollywood-Studio auf dem peruanischen Ozean vor Cabo Blanco drehen. Man hat dafür diese Gegend gewählt, weil sich rund um die Äquatorlinie die größten Fische auf diesem Planeten finden lassen. Ernest Hemingway wendet sich an seinen alten Kumpel Kip Farrington, den er seit den 1930er Jahren von zahlreichen gemeinsamen Angeltouren in der Karibik her kennt… (Anfang von Kapitel 3 der Neuerscheinung Cabo Blanco – Mit Ernest Hemingway in Peru. Eine weitere Leseprobe: hier klicken)

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Novedad: Cabo Blanco – Mit Ernest Hemingway in Peru

El 15 de abril de 1956, Ernest Hemingway y su esposa Mary Welsh parten desde su residencia cubana cerca de La Habana en un viaje de varias semanas a Cabo Blanco. En este pueblecito pesquero peruano van a rodarse algunas escenas de la película El viejo y el mar, basada en su novela homónima.

Casi todos los días, el barbudo norteamericano sale con unos amigos a pescar al Pacífico. ¿Por qué Ernest Hemingway está tan obsesionado por atrapar un marlín negro en la costa peruana? Este animal más grande que el ser humano puede doblegar con su propia fuerza.

La vida de Ernest Hemingway está documentada hasta el último de sus rincones, pero se sabe muy poco sobre los 36 días que el escritor pasó en el Perú. Sesenta años después de la visita del premio Nobel, Wolfgang Stock sigue el rastro de la expedición. Además de hallar numerosos indicios, como documentos y fotografías, el periodista alemán entrevistó a octogenarios que todavía recuerdan a Ernesto con tanta viveza como si lo hubieran visto ayer.

Wolfgang Stock desempolvó algunos archivos, contactó con escritores, buscó información en artículos de periódicos y revistas, fotografías y otras fuentes. También visitó con el ojo clínico de un investigador los lugares por los que pasó el escritor en el Perú, en Cuba, en Estados Unidos y en Europa.

Cabo Blanco – Mit Ernest Hemingway in Peru reconstruye el viaje de un simpático aventurero, con sus sueños y sus esperanzas. Pero también retrata la imagen de un hombre envejecido y cada vez más vencido por sus miedos y contradicciones.

Viajando por un Perú fascinante de la mano de Ernest Hemingway, acompañado de los pescadores locales y los reporteros insistentes, tal vez sea posible acercarse un poco a la fascinación y al secreto de este rey de la literatura moderna.

Wolfgang Stock
Cabo Blanco
Mit Ernest Hemingway in Peru
364 páginas, BoD
12,99 € (tapa blanda), 6,99 € (libro electrónico)
ISBN: 9783751972567
Disponible en librerías alemanas o en:                     
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Der schönste Hemingway-Satz: Schnörkel

„Wenn ich anfing, kompliziert zu schreiben oder wie einer, der etwas bekanntmachen oder vorführen will, erkannte ich, dass ich die Schnörkel oder Ornamente ausmerzen und wegwerfen und mit dem ersten wahren einfachen Aussagesatz anfangen konnte, den ich geschrieben hatte.“
Ernest Hemingway, Paris- Ein Fest fürs Leben

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Es geht gut an…

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Cabo Blanco – Mit Ernest Hemingway in Peru

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New: Cabo Blanco – Mit Ernest Hemingway in Peru

On April 15, 1956, Ernest Hemingway and his wife Mary set off from their home near Havana on a five-week trip to Cabo Blanco. The offshore filming for the Hollywood motion picture The Old Man and the Sea was to take place near this Peruvian fishing village. Almost every day Hemingway went out marlin fishing on the Pacific with friends.

Why was the author so eager to catch a marlin off the coast of Peru? Perhaps because this is the largest animal that humans can conquer with their own strength.

Ernest Hemingway’s life has been examined in great detail. Very little, though, is known about those days in Cabo Blanco. More than 60 years after the Nobel Prize winner’s visit to Peru, the German journalist Wolfgang Stock retraced Hemingway’s steps.

Stock searched through dusty archives, tracked down old newspaper articles and photos, but also found witnesses who remember Ernesto as vividly as if they had just met.

Determined to discover every detail of Hemingway’s stay in Cabo Blanco, Stock travelled to Peru, Cuba, the USA and around Europe. The result, in clear and concise language, is an account of Ernest Hemingway’s weeks in Cabo Blanco as well as a retrospective assessment of his frame of mind.

Hemingway was, at this time, still the big-hearted adventurer with hopes and dreams, but also a man no longer in the prime of life and increasingly crushed by fears and contradictions. In Cabo Blanco – Mit Ernest Hemingway in Peru we see him through the eyes of both local fishermen and savvy reporters and are given the chance to decode the fascination and the secrets of this literary giant just a little more.

Wolfgang Stock
Cabo Blanco
Mit Ernest Hemingway in Peru
364 pages, BoD
12,99 € (Paperback), 6,99 € (E-Book)
ISBN: 9783751972567
In German bookstores or:                
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Neu: Cabo Blanco – Mit Ernest Hemingway in Peru

Am 15. April 1956 brechen Ernest Hemingway und seine Ehefrau Mary von ihrem Wohnsitz nahe Havanna auf zu einer mehrwöchigen Reise nach Cabo Blanco. In dem abgelegenen peruanischen Fischerdorf sollen die Außenaufnahmen zur Hollywood-Verfilmung von Der alte Mann und das Meer stattfinden.

Fast jeden Tag, von früh bis spät, wird der bärtige US-Amerikaner mit einigen guten Freunden hinaus auf den Pazifik fahren. Warum ist Ernest Hemingway so versessen darauf, in Peru einen schwarzen Marlin zu fangen? Dieses größte Lebewesen, das der Mensch mit eigener Kraft zur Strecke bringen kann.

Auch wenn Ernest Hemingways Leben bis in kleinste Winkel ausgeleuchtet ist, so weiß man über seine 36 Tage in Peru recht wenig. Gut 60 Jahre nach dem Besuch des Nobelpreisträgers ist der deutsche Journalist Wolfgang Stock der Expedition nachgereist. Neben zahlreichen Dokumenten, Fotos und Spuren findet er Zeitzeugen, die sich so lebhaft an Ernesto erinnern, als sei er gestern um die Ecke gebogen.

Zusätzlich hat Wolfgang Stock Archive entstaubt, Kontakte aufgebaut, nach Zeitungsartikeln, Fotos und sonstigen Informationen gesucht. Er hat Schauplätze in Peru, auf Kuba, in den USA und in Europa sorgfältig in Augenschein genommen. Ernest Hemingways fünf Wochen in Cabo Blanco und die Seitenblicke sollen anschaulich und detailgenau in diese literarische Entdeckungsreise einfließen.

Das Buch Cabo Blanco – Mit Ernest Hemingway in Peru rekonstruiert den Aufenthalt eines sympathischen Abenteurers mit Träumen und Hoffnungen. Es zeichnet aber auch das Bild eines gealterten Mannes, der mehr und mehr zerrieben wird von seinen Ängsten und Widersprüchen.

Buch-Neuerscheinung

Wolfgang Stock
Cabo Blanco
Mit Ernest Hemingway in Peru

364 Seiten, BoD
12,99 € (Paperback), 6,99 € (E-Book)
ISBN: 9783751972567

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Ernest Hemingway stirbt in Afrika, um ein Haar

Am 5. Februar schreibt Ernest Hemingway seinem Verwalter nach Kuba. Los dos cojones intactos. Credit Line: Ernest Hemingway Papers Collection, Museum Ernest Hemingway, Finca Vigia, San Francisco de Paula, Cuba

Im Jahr 1954 wird der Schriftsteller in zwei beinahe tödliche Flugzeugunglücke verwickelt, es hat nicht viel gefehlt. Das Ehepaar Hemingway befindet sich auf einer mehrmonatigen Safari-Reise in Ostafrika. Im Januar stürzt eine Cessna 180 ab mit Mary und Ernest Hemingway an Bord über Murchison Falls im Nordwesten Ugandas, nachdem der kleine einmotorige Propellerflieger die Leitungen eines Telegraphenmastes berührt hat.

Ein zweites Flugzeug, eine britische De Havilland Dragon Rapide, mit dem das Ehepaar am nächsten Tag von Butiaba nach Entebbe zurückkehren will, fängt beim Abflug Feuer. Der Pilot Reginald Cartwright und Mary, die beide vorne sitzen, winden sich flink aus dem zweimotorigen Doppeldecker. Doch bei Ernest, der auf der Rückbank hockt, klemmt die verkrümmte Hintertür. Mit Schulter und seinem dicken Schädel als Rammbock findet schließlich auch Ernest im letzten Moment nach draußen.

Die Nachrichtenagentur United Press schickt am 24. Januar 1954 eine Eilmeldung um den Globus. Kampala, Uganda, Afrika: Der bärtige Pulitzer-Gewinner, der Autor Ernest Hemingway und seine Frau sind vermutlich bei einem Crash mit ihrem gecharterten Flugzeug im Urwald von Uganda ums Leben gekommen. Die Zeitungen in den USA drucken, meist riesig auf der Titelseite, die Meldungen von seinem Tod.

Ernest Hemingway darf im fernen Afrika seinen eigenen Nachruf lesen. Er nimmt es mit Humor, das Überleben seines eigenen Todes amüsiert ihn. Mein Glück ist mir weiterhin treu, dementiert er am nächsten Tag gegenüber der Presse lässig sein Ableben. Trotz schwerster Verletzungen trägt der Autor die Abstürze zunächst mit dem üblichen Galgenhumor. 

Das prominente Ehepaar überlebt beide Unglücke, jedoch die Verletzungen stellen sich als verheerend heraus, besonders bei Ernest. Der Schriftsteller erleidet eine schwere Gehirnerschütterung, die Schulter wird ausgekugelt, dazu kommen Darmquetschungen, ein Nierenriss und die Verletzung der Leber. Besonders schmerzvoll sind die Verbrennungen an den Beinen, am Bauch, am rechten Unterarm, an der linken Hand und am Kopf.

Seinem Verwalter Roberto Herrera schreibt er am 5. Februar aus dem New Stanley Hotel in Nairobi einen Brief: Everybody is okay. Und Ernest Hemingway fügt dann handschriftlich hinzu: Los dos cojones intactos. Hubo derrame cerebral pero contenido OK. Die beiden Eier unversehrt. Hatte Schlaganfall, aber innen drin alles ok. Seinen Humor hat er nicht verloren, aber okay ist gar nichts, in Wirklichkeit leidet der Schriftsteller unter höllischen Schmerzen.

Der Kopf und die inneren Organe sind derart verletzt, dass er sich davon nie mehr ganz erholen sollte. Die beiden Unfälle beeinträchtigen sein Seh- und Hörvermögen, es fällt ihm fortan schwer, sich zu konzentrieren, und auch das Schreiben bereitet ihm nun Mühe. Die beiden Flugzeugunglücke sind eine Zäsur in seinem Leben, nichts wird mehr so sein wie vorher.

Bitter wird er nun auf  die Gewissheit gestossen, dass ein solcher Pfundskerl wie er doch nicht für die Ewigkeit gebaut ist. Auch seine Uhr tickt, die Zeit, sich etwas vorzulügen, scheint vorüber. Er wird fortan kein Buch mehr veröffentlichen und in den verbleibenden sieben Lebensjahren mehr Krankenzimmer von innen sehen, als er sich in seinen schlimmsten Träumen vorzustellen wagte.

Der große Ernest Hemingway ist schlecht beieinander ab dem Schicksalsjahr 1954. Sein opus magnum, die Novelle Der alte Mann und das Meer, ist geschrieben und veröffentlicht, doch er ist ausgepumpt und angeschlagen. Ab jetzt geht es körperlich rapide bergab – und geistig erst recht. 

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Ernest Hemingway – ganz der Vater

Die Familie Hemingway im Oktober 1903: Schwester Ursula, Vater Clarence, Ernest Hemingway, Mutter Grace und Schwester Marcelline. Credit Line: Ernest Hemingway Collection, John F. Kennedy Presidential Library and Museum, Boston.

Dr. Clarence Hemingway verbringt den Vormittag in seiner Praxis für Frauenheilkunde und Geburtshilfe in Oak Park, einem Vorort von Chicago. Am Mittag kommt er nach Hause zum Essen. Es ist der 6. Dezember 1928. Das Familienoberhaupt verhält sich seltsam. Im Heizofen in Parterre verbrennt er einen Stapel Papiere.

Der Vater ist seit einiger Zeit schwer an einem Diabetes erkrankt, das Herz bereitet ihm Probleme, er hat sich darüber hinaus bei Immobiliengeschäften in Florida verspekuliert, die Depression hält ihn gefangen. Clarence Hemingway wirkt an dem Tag noch bedrückter als sonst. Dann geht der Doktor ins Obergeschoss, zieht die Fensterblende zu und setzt sich auf das Ehebett. 

Im Nachbarzimmer hütet der 13-jährige Sohn Leicester mit einer Erkältung das Bett. Plötzlich hört er nebenan einen Schuss. Der Junge springt aus dem Krankenbett auf und rennt hinüber zum Elternschlafzimmer, er klopft an die Tür und ruft Daddy! Im Zimmer liegt der röchelnde Vater auf dem Bett. Als Leicester den Kopf seines Vaters leicht hebt, spürt er in seiner Handfläche warmes Blut.

Der Vater hat sich mit einem Revolver aus dem Bürgerkrieg, einer Smith and Wesson Kaliber 32 hinter dem rechten Ohr in den Kopf geschossen. Der alte Revolver ist ein Erbstück seines Vaters, von Ernests Großvater.

Ernest Hemingway befindet sich in New York, wo er seinen Sohn John, Bumby gerufen, abgeholt hat. Er ist mit seiner Mutter Hadley, der geschiedenen ersten Mrs. Hemingway, aus Frankreich in die USA gereist. Der Sohn soll die Winterferien beim Vater und der neuen Frau Hemingway, Pauline Pfeiffer, in Key West verbringen.

Im Bahnhof von Trenton, New Jersey, erhält der Schriftsteller vom Zugschaffner das Telegramm seiner Mutter, mit der Nachricht vom Tod des Vaters. In Philadelphia wechselt Ernest in einen Zug nach Chicago, den Sohn Bumby gibt er in die Obhut des Schaffners. Am 7. Dezember trifft der Autor Oak Park ein. 

Ich habe ihn sehr geliebt, sein Selbstmord war die Hölle für mich, schreibt Ernest seinen Lektor Max Perkins. Es ist der Vater gewesen, der ihn in die Natur mitgenommen hat, zum Angel an die Seen Michigans. Der Suizid des Vaters wird auf seiner Schulter lasten, ein Leben lang. Der Mutter macht er den Vorwurf, den geliebten Vater in den Tod getrieben zu haben. Vielleicht gehe ich denselben Weg, sagt er, und bittet die Mutter, ihm die Smith & Wesson zu übereignen.

Der Vater Clarence wird zum Vorbild. Drei der sechs Hemingway-Kinder nehmen sich das Leben. Leicester, der Sohn, der den sterbenden Vater gefunden hat, erschießt sich im September 1982 in seinem Haus in San Marino Island, Florida. Ursula, die Schwester, geplagt von einer Krebserkrankung und Depressionen, vergiftet sich mit Medikamenten im Oktober 1966 in Honolulu. Ernest erschießt sich am 2. Juli 1961 in seinem Landhaus in Ketchum, in den Bergen der Rocky Mountains.

Der unselige Fluch überträgt sich auf die nächste Generation. Ernest Hemingways Enkelin Margaux, die Tochter von Bumby, ein gefragtes Model und eine erfolgreiche Schauspielerin, nimmt in Santa Monica, Kalifornien, mit 42 Jahren eine Überdosis Barbiturate, am 1. Juli 1996. Genau 35 Jahre nach dem Großvater, fast auf den Tag genau.

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