Hemingways Welt

Das Portal zu Leben und Werk von Ernest Hemingway

Am Meer leben, glücklich wie ein Kind

Ein müder, aber glücklicher Ernest Hemingway in Cabo Blanco, im April 1956.
Foto: Guillermo Alias

Trotz all der Strapazen fühlt sich Ernest Hemingway mit einem Mal nicht mehr ausgelaugt und müde. Es grenzt an ein kleines Wunder, denn der Schriftsteller hat die letzte Nacht wenig geschlafen, und er hat schon eine kleine Weltreise hinter sich. Doch hier am peruanischen Pazifik scheint die Müdigkeit auf ein Mal wie von Geisterhand weggewischt. Am Meer, an solchen Orten wie Cabo Blanco, erwacht in dem Schriftsteller eine neue Energie und das Verlangen, den eigenen Körper zu spüren und das Leben auszuleben.

Wenn Ernest Hemingway am Meer weilt, dann fliegen die finsteren Gedanken weg und er lebt auf. Das Meer ist für ihn wie eine gute Mutter, zu der man immer zurückkommen kann, einerlei wo man gewesen ist und was man getan hat. Das Meer bedeutet für ihn das pure, das eigentliche Leben. Erst als es ans Sterben gehen sollte, da befindet er sich weit ab von seinem Meer.

Kaum ist der Mann des Meeres in seinem Zimmer des Cabo Blanco Fishing Clubs angekommen, zieht er rasch das viel zu dicke Jackett und sein langärmeliges Hemd aus, entledigt sich der langen Hose, stößt die steifen Schuhe in die Ecke, zieht die Socken aus und feuert die blöde Krawatte in den Koffer. Dann kramt er die weißen Shorts hervor, streift ein kurzärmeliges längsgestreiftes Baumwoll-Polo über und schlüpft in dunkle offene Sandalen.

In seinem Polo sieht er aus wie ein Seebär. Ein Literat als Seemann. Oder ein Seemann als Literat, so kommt es einem vor. Ohne das Meer jedenfalls ist dieser Mann und dieser Schriftsteller nicht vorstellbar. Keiner, der so anmutig und tiefgründig über das Meer schreiben kann, auch wenn die meisten ihn als Rüpel, Schnapsnase und Weiberhelden sehen.

Ernest Hemingway zieht den tiefen Vorhang seines Hotelzimmers mit einem Ruck auf, so als gelte es, den Blick in ein neues Leben freizumachen. Als Nächstes öffnet der Nobelpreisträger die dünne Verandatür, stampft über die Terrasse des Fishing Clubs und marschiert hinunter zum Strand, hin an das blaue Meer. Der Schriftsteller geht zu seiner La Mar.

So schön und so wohltuend fühlt sich das Meer vor Cabo Blanco an, der Strand, das Wasser und die Sonne. Zunächst zweifelt man an

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Miss Mary – die vierte und letzte Ehefrau

Mary Welsh, die aparte Mrs. Hemingway Nummer 4.
Photo by Modeste von Unruh

Im September 1921, mit jungen 22 Jahren, heiratet Ernest Hemingway zum ersten Mal. Drei weitere Hochzeiten werden folgen. Der Übergang zwischen den einzelnen Ehen erfolgt fließend, praktisch lebt der Schriftsteller immer mit einer Frau zusammen – auch wenn es nicht dieselbe gewesen ist. Dieses eheliche Band ist eine Konstante in einem ansonsten ruhelosen Leben, Ernest Hemingway braucht stets eine Frau an seiner Seite.  

Doch über der vierten Ehe von Ernest Hemingway scheint nicht nur die Sonne der Glückseligkeit. Die selbstbewusste Mary Welsh gibt ihrem Mann fleißig Kontra, und dies ist das Letzte, was Ernest braucht. Die von ihm zu oft verletzte Mary setzt ihrem Gatten ziemlich zu, sie nimmt unter vier Augen kein Blatt vor den Mund. In der Öffentlichkeit allerdings lassen weder Miss Mary noch Ernest ein böses Wort über den anderen fallen.

Die tapfere Miss Mary muss als Ehepartner einiges ertragen, seine Trunksucht, die schlimmen Wutausbrüche und vor allem seine zahlreichen Liebesabenteuer. Auch wenn der Schriftsteller seine Mary nach Strich und Faden betrügt, irgendwie braucht er diese Frau, vielleicht als Anker gegen seine Einsamkeit im Alltag, vielleicht auch, um nicht ganz abzurutschen.

Trotz aller ehelichen Turbulenzen darf man Mary Welsh wohl als Glücksfall für den launenhaften Schriftsteller bezeichnen. Obwohl, wenn man sich so umhört, auch dazu gibt es mehr als eine Meinung. Der Journalist Mario Saavedra aus Lima, der sie als auch ihn tagelang in Cabo Blanco beobachtet hat, empfindet ihr Auftreten und ihren Charakter als sehr „deutsch“, der Peruaner meint es nicht als Kompliment. 

Coram publico nimmt Mary Welsh sich in den Jahren der Partnerschaft mit dem Schriftsteller sehr zurück, es macht ihr nichts aus, sich intellektuell im Hintergrund zu halten. In den anderthalb Jahrzehnten ihres Zusammenlebens hat sie schnell gemerkt, dass es gegen die öffentliche Brillanz ihres Mannes eh kein Anleuchten gibt, sie versucht es deshalb erst gar nicht.

Aus Walker in Minnesota stammt Mary Welsh, sie hat an der Northwestern University studiert, sie ist neun Jahre jünger als Ernest, und eine Frau, die

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Ernest Hemingway schaut sich um in Deutschland

Ernest Hemingway im September 1921. Ein junger Mann, die Welt steht ihm offen.

Gleich mehrmals hat sich Ernest Hemingway in Deutschland umgesehen. Nach den drei Wochen Angelurlaub im Schwarzwald begeben sich Ernest Hemingway und Ehefrau Hadley mit dem Zug nach Frankfurt, und von Mainz aus unternehmen sie eine lange Schiffsfahrt auf dem Rhein über Koblenz, vorbei an den kleinen malerischen Dörfern des Mittelrheins, bis hinunter nach Köln.

Von Köln aus fährt das Ehepaar Hemingway am 31. August 1922 mit dem Zug zurück nach Paris. In Deutschland lasse sich für Cent-Beträge leben, schreibt Ernest Hemingway an seine Mentorin Gertrude Stein, doch ihn überkomme die Sehnsucht nach Paris. Die Metropole an der Seine ist die Stadt des Lichtes, unerreicht auf diesem Globus, besonders für Intellektuelle jener Jahre.

Ernest Hemingway fährt in den den 1920er Jahren mehrmals nach Deutschland. Nach seinem langen Urlaub im Schwarzwald begibt sich der junge Korrespondent im April 1923 für zehn Tage in die Ruhrregion, um dort über die angespannten deutsch-französischen Beziehungen zu berichten, die sich auf Grund der Reparationsforderungen in einem äußerst fragilem Zustand befinden.

Zehn Artikel schreibt der junge Journalist von dieser Reise für den Toronto Star. Treffend analysiert der junge Korrespondent die heikle politische Lage jener Tage, und unterhaltsam lesen sich seine Reportagen obendrein. Am 8. April 1923 besucht Ernest seinen Freund Eric Chink Dorman-Smith, der als britische Besatzungssoldat bei der British Occupation Garrison im Rheinland stationiert ist.

Im November 1927 reist Ernest Hemingway mit seiner neuen Frau Pauline Pfeiffer für neun Tage nach

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Cabo Blanco – ein wenig verloren

Cabo Blanco am peruanischen Pazifik, winzig und arg verschlafen,
ein vergessenes Kaff so ziemlich am Arsch der Welt. Ein kleines Paradies also.
Photo by W. Stock

Die massigen Berge und die aschfahle Wüste, die Cabo Blanco umzingeln, scheinen das schmale Fischerdorf geradezu ins Meer drücken zu wollen. Wenn man vom Sechura-Plateau mit dem Auto die staubigen Serpentinen hinunter an die Küste fährt und diesen geruhsamen Flecken erblickt, so kommt dem Besucher Cabo Blanco auf den ersten Blick ein wenig verloren und vergessen vor.

Hinter dem blauen Ortsschild Playa Cabo Blanco hat sich das Leben demgegenüber über die Jahrzehnte hinweg auf eine gemächliche Taktung eingestellt, mit kleinem Handel, kleinen Dienstleistungen und mit dem Fang kleiner Fische. Alles scheint sehr übersichtlich und klein, das Dorf und seine Bewohner sind gewohnt in bescheidener Größenordnung zu denken.

Die Bewohner Cabo Blancos sind arm, leben jedoch nicht im Elend. Denn Cabo Blanco ist ein kleines Fischernest, das sich zur Not vom Fischfang selber ernähren kann und deshalb mit der Welt da draußen nicht allzu viel am Hut hat. Der Fischfang erlaubt dem Dorf seit jeher eine genügsame Autarkie, man braucht nicht viel, um an der Pazifikküste Perus über die Runden zu kommen.

Man findet im Dorf viele prächtige Menschen, selbstbewusste Indios und Mestizen, die stolz sind auf ihren Fischerberuf und die Meisterung ihres beschwerlichen Alltags. Die kleine Kapelle, die drei kleinen Restaurants und die einfachen farbenfrohen Häuser der Costeños leuchten jedenfalls heiter und fröhlich unter dem azurblauen Himmel, auch wenn hier und da der Lack und der Putz ein wenig zerbröselt scheinen.

Cabo Blanco ist ein winziges Dorf ohne echten Dorfkern, ein länglicher Streifen die Küste entlang, mit bescheidenen Gebäuden aus Lehm oder Holz auf der einen Seite der staubbedeckten Straße, und auf der anderen Seite liegt das große Meer. Zu Fuß hat man das Dorf von oben bis unten in

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Hemingway? Es gibt auch Kritiker

Ernest Hemingway ist noch heute quicklebendig, seine Werke werden in den Buchhandlungen geführt, er wird – fast sechs Jahrzehnte nach seinem Tod – millionenfach gelesen und von vielen bewundert. Jeder kennt mindestens eines seiner Werke, man weiß um sein aufregendes Leben. Kurz, Ernest Hemingway ist bekannt wie der sprichwörtliche bunte Hund.

Doch so mancher seiner Kollegen betrachtet den bärtigen modernen Klassiker aus Chicago – literarisch wie menschlich – mit argem Stirnrunzeln. Direkt nach Ernest Hemingway ist eine neue Autorengeneration herangewachsen, John Updike, Arthur Miller, Norman Mailer, Joseph Heller – eine Generation, die sich vom Vater absetzen muss, und vieles anders sieht.

Die Gegensätze können nicht größer sein. Die Großstadt-Schreiber gefallen sich als Trüffelschnüffler der modernen amerikanischen Mittelklasse. Der alte Hemingway hat das Geplauder des intellektuellen Mainstreams nie gemocht, zu viele Ehedramen, Beziehungskonflikte und Berufsprobleme, das alles ist nicht seine Welt. Ernest Hemingway, der Weltenbummler und Großwildjäger, kann mit der literarischen Selbsterkundung der Großstadtneurotiker nichts anfangen.

Die Abneigung beruht auf Gegenseitigkeit. „Hemingway habe ich immer verachtet“, keilt beispielsweise John Irving, der US-amerikanische Schriftsteller aus New Hampshire, Jahrgang 1942. „Ich habe mich für ihn geschämt, als Mann und Autor. Seine Art und Weise, das Maskuline zu repräsentieren ist ein Witz. Er war kein Boxer, er war ein Alkoholiker, ein überschätzter Trinker, der überdies verantwortlich war für die literarische Welle all seiner Nachahmer. Mir gefallen die langen Sätze und die vielschichtigen Charakteren – aber das Tiefste das Hemingway erreichte, bestand darin, eine Charaktere zu erschaffen, die keinen hochkriegte. Deshalb ist Hemingway der größte Hochstapler der Geschichte. Als Mann und als Schriftsteller.“

Ernest Hemingway, ein Hochstapler? Solch ein Vorwurf ist unredlich, denn seine Qualität hat ganze Autorengenerationen beeinflusst und geprägt, so oder

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Forelle essen im Hotel Wehrle

Parkhotel Wehrle Triberg
Auch in der Bar des Hotel Wehrle wird an Ernest Hemingway erinnert.
Photo by W. Stock

Ernest Hemingway, er ist gerade 23 Jahre alt geworden, und seine Ehefrau Hadley fliegen in einem Doppeldecker von Paris nach Straßburg, sie nehmen das Flugzeug anstatt acht Stunden im Zug zu sitzen, für Hadley ist es die erste Flugreise überhaupt. Am 4. August 1922 treffen sie sich mit zwei befreundeten amerikanischen Ehepaaren in Straßburg und überqueren die Rhein-Grenze nach Kehl.

Gut drei Wochen werden das junge Ehepaar Hemingway und die Freunde im Schwarzwald bleiben – Ernest und Hadley haben im September des Vorjahres in Horton’s Bay in Michigan geheiratet. Ziel der Jungvermählten ist das Elztal, eine ländliche Region im Schwarzwald, gut 30 Kilometer nordöstlich von Freiburg, das sie nach einer fünfstündigen Zugfahrt erreichen.

Die Hyper-Inflation der Nachkriegsjahre lässt die US-Amerikaner in Deutschland leben wie die Fürsten, für ihre Dollars bekommen sie von Tag zu Tag mehr und mehr Mark. Eine preiswerte Gelegenheit, der stickigen Sommerhitze der französischen Hauptstadt zu entfliehen. Besonders freut sich der junge Journalist und angehende Schriftsteller auf die reich gefüllten Forellen-Bäche des Schwarzwaldes. Ernest Hemingway mag deutsche Forellen, womit sich allerdings seine Sympathien für alles Deutschland mehr oder weniger erschöpft hat.

Doch Ernest müht sich. Mitten in Oberprechtal steht der Gasthof Sonne, wo der amerikanische Autor eine Annäherung an die deutsche Sprache versucht. Bill und ich machten uns auf den Weg nach Oberprechtal, wo wir uns um Angelscheine bemühen wollten. Wir saßen gerade vor dem Gasthaus ‚Zur Sonne‘ im lebhaften Gespräch mit dem Gastwirt, das ausgezeichnet voranging, solange ich mich mit meinem Deutsch aus dem Spiele hielt, schreibt Ernest Hemingway in seiner Reportage German Inn-Keepers.

Ernest Hemingway erfährt am eigenen Leib, dass die deutsche Verwaltung darin Gefallen findet, die Bürger zu

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Poem to Mary

Als Kriegsberichterstatter erlebt Ernest Hemingway im Winter 1944/45 die blutigen Kämpfe am deutschen Westwall. Monatelang wird in der waldigen Schneelandschaft der Nordeifel gekämpft.

Diese Schlacht im Hürtgenwald bei Aachen zwischen US-amerikanischen Boden-Divisionen und der Wehrmacht ist so schrecklich, dass Ernest Hemingway meint, seine Gefühle am besten in Versen ausdrücken zu können. Poem to Mary nennt er seine Lyrik, denn er hat gerade seine neue Liebe Mary Welsh kennengelernt.

Und sein Second Poem an Mary geht so:

Now sleeps he
With that old whore Death
Who, yesterday, denied her thrice.
Do you take this old whore Death
for thy lawful Wedded wife?
Repeat after me
I do, I do, I do.
Sixty seven times

Auf Deutsch hört sich dieser dichterische Versuch über den Krieg auch nicht gerade besser an.

Nun schläft er
mit dieser alten Hure Tod
der gestern sie dreimal verleugnete.
Nimmst du diese alte Hure Tod
zu deiner dir rechtmäßig angetrauten Frau?
Sprechen Sie mir nach
Ich will, ich will, ich will.
Siebenundsechzig Mal.

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Don Máximo aus Cabo Blanco liebt das Meer und das Fischen

Máximo Jacinto Fiestas – auf dem Foto als Maat auf Hemingways Boot und heute.
Photo by W. Stock

Máximo Jacinto Fiestas, der pausbäckige Maat, der dem Schriftsteller die Köder präparierte und mit ihm auf hoher See den Johnnie Walker trank, ist verdammt dünn geworden. Er lebt im Norden von Cabo Blanco, an der Carretera nach El Ñuro, einen Steinwurf vom Pazifik Perus entfernt, in einem bescheidenen Häuschen. Freundlich empfängt uns der Greis und bittet uns in sein kleines Haus.

Dort findet man im Wohnzimmer eine schmale Kommode, auf der gerahmte Fotos stehen, dahinter ist die Holzwand hochgezogen mit angehefteten Bildern, ein Aufbau, der einem katholischen Altarschrein gleicht. Die zahlreichen Fotos auf dem Tisch und an der Wand kennen nur ein Thema, sie alle halten die Ereignisse aus dem Jahr 1956 wach.

„Das war die beste Begegnung in meinem Leben, ich bin Gott dankbar, dass ich Ernesto kennenlernen durfte“, murmelt der 93-Jährige glücklich. „Don Ernesto war der umgänglichste Gringo, der je nach Cabo Blanco gekommen ist. Ich kann es nicht erklären, aber er war so ganz anders als die anderen.“ Man habe sich gut verstanden, aber Hemingway habe nicht viel Spanisch gesprochen.

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Der junge Fischer Máximo Jacinto Fiestas mit Ernest Hemingway auf dem peruanischen Pazifik vor Cabo Blanco. Photo by Modeste von Unruh.

Don Máximo Jacinto, so geht die Fama um in seinem Dorf, sei in seinen Tagen der beste Carnalero zwischen Tumbes und Chiclayo gewesen. Carnalero, so nennen die Einheimischen jene Fischer mit der Fertigkeit die Carnada, den für die Großfisch-Jagd so entscheidenden Köder, fachgerecht zu präparieren. Und Ernest Hemingways Köder-Präparator erzählt noch heute mit Stolz von der Begegnung mit dem berühmten Schriftsteller. „Auf einer Ausfahrt hatte sich ein Marlin mit der Angelschnur unter dem Boot verheddert. Hemingway rief mich, ich zog mir die Badehose an und ging unter das Boot. Auch das gehörte zu meinen Aufgaben.“ Die Augen des alten Fischers lächeln schelmisch. „Mit einer Zange schnitt ich die Angelschnur durch, damit der Marlin sich befreien konnte.“

Das Schicksal hat dem Fischer Máximo Jacinto nicht immer gut mitgespielt. Er ist fast blind, und er mag am liebsten seinen Stuhl auf der Veranda nicht verlassen. Doch der Fischer Máximo Jacinto Fiestas aus Cabo Blanco ist keiner, der dem Leben große Vorhaltungen macht. „Ich bin mit meinen Leben zufrieden, weil ich das Meer und das Fischen liebe.“ Pescar, den Fisch fangen, das sei seine Aufgabe gewesen, die Pesca habe für sein Auskommen gesorgt. Das Meer hat sein Leben geprägt, dies hat er mit seinem berühmten Freund gemeinsam. „Deshalb bin ich auch in der dritten Klasse von der Grundschule weg und Fischer geworden.“

Der greise Mann, der in seinem Schaukelstuhl alte Tageszeitungen liest, scheint mit dem Leben, so wie es nun mal ist, in Harmonie. Er hat seine Ziele erreicht, was ja nicht jeder sagen kann, wo auch immer er leben mag. „Ich habe meine Familie zusammen gehalten. Einer meiner Söhne ist Taucher und zwei meiner Töchter haben sich mit Fischern verheiratet.“ Eine grenzenlose Wertschätzung besitze er für das Meer, ja, eine fast göttliche Hochachtung. Der Natur muss man nur gehorchen, man darf sie nicht dominieren wollen. Dafür gibt dir das Meer viel zurück, es lässt dich innerlich zur Ruhe kommen. So ähnlich sieht es Ernest Hemingway, der bärtige Amerikaner blickt wie ein Fischer auf die Welt.

Er könne zwar nicht mehr die Strandpromenade entlang schlendern wie noch vor einiger Zeit, aber er liest jeden Tag seine Zeitungen und gerade sei ein

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Nummer 5 lebt!

Ernest Hemingways zerstörtes Zimmer im ‚Cabo Blanco Fishing Club‘.
Photo by W. Stock

Draußen weht der Pazifik einen heißen Wind gegen die Ruine. Auf der Terrasse sind alle Geländer abmontiert und die Pflasterung aufgebrochen. Inmitten der Veranda befindet sich ein ovaler Swimmingpool, ungefähr auf der Höhe der Zimmer mit der Nummer 4 und 5, genau vor jenen Räumen, in denen die Hemingways einst gewohnt haben. 

Das Zimmer mit der Nummer 5, dort wo im Jahr 1956 Ernest Hemingway 36 Nächte geschlafen hat, liegt an der Frontseite am Ende eines schmalen Ganges. Ich finde Hemingways Zimmer komplett leergeräumt vor, selbst der Knauf der Eingangstüre wurde gestohlen. Der Bodenbelag ist entfernt worden, die ganze Kammer riecht stechend nach Morast.

Der rechteckige Raum, sicher nicht größer als 12 Quadratmeter, kommt einem selbst unmöbliert winzig vor. Das kleine Zimmer wäre mit einem Bett, einem bescheidenen Schrank, einem Tisch mit Stuhl und einer Kommode im Nu vollgestellt. Selbst in unbeschädigtem Zustand ist dieses Zimmer kein Ausweis von Luxus gewesen, es ist der Pazifik, der diesem Anwesen seine Eigenart verleiht.

Aus den Tagen des Ernest Hemingway in Cabo Blanco ist lediglich die weiße Jugendstil-Lampe in der gusseisernen dunklen Fassung an der rechten Wand übrig geblieben und auch von der Decke hängt noch eine hübsche, in schwarzes Eisen gefasste Leuchte. Ansonsten ist das Zimmer vollkommen geleert, in dieser verwahrlosten Räumlichkeit hat seit Jahrzehnten keiner mehr gewohnt.

In dem klitzekleinen Baderaum hinter dem Zimmer kann man

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Don Ernesto hat uns alle umarmt

Rufino Tume, der ‚Miss Mary‘ auf den Pazifik hinaus fuhr, hat den Hemingways einiges zu verdanken. Photo by W. Stock

Rufino Tume, der Kapitän der Pescadores Dos und der Miss Perú, lebt schräg gegenüber vom Restaurant Cabo Blanco. Er kann sich lebhaft an den Autor aus Amerika erinnern. „Ernesto war ein ganz feiner Kerl“, meint der Fischer in Cabo Blanco, nun 85 Jahre alt, und wippt sacht in seinem Stuhl aus Bast, „er hat mir in meinem Leben sehr geholfen.“

Überhaupt, auf die Hemingways lässt Rufino Tume nichts kommen. „Ernesto era un gringo muy buena gente“, sagt er, Ernesto sei ein verdammt guter Gringo gewesen. Muy buena gente, so sagt man in diesen Breiten, prächtige Leute, sehr anständige Menschen, mehr geht eigentlich nicht. “Era un hombre de buen tomar, y muy sencillo y amable.“ Er konnte ganz gut einen heben, nicht zu viel, ein Kerl halt, sagt Rufino, und der Gringo sei sehr umgänglich und liebenswert aufgetreten.

Der Fischer Rufino bringt es zu bescheidenem Wohlstand in Cabo Blanco, er baut sich ein Haus, bekommt vier Kinder, kauft sich einige Camionetas, es ist genug Geld da. Bis 1988, bis zu seinem Unfall. Er fährt von El Alto die steile Bergstraße zur Küste herunter, plötzlich wird er ohnmächtig, er sackt in den Sitz hinein, das Steuer ist führerlos, sein Auto kommt von der Fahrbahn ab, er verunglückt schwer.

Rufino kann sich an nichts mehr erinnern, vielleicht ist er kurz eingeschlafen. Die Krankheit verschlingt sein gesamtes Vermögen. Doch die Begegnung mit Ernest Hemingway und Mary sollte dem Bootskapitän Rufino Tume noch von Nutzen sein. Der peruanische Fischer lässt seine Lähmung auf Kuba behandeln, mit zwei seiner Söhne besucht er die Insel. Und dort zeigt er einem Arzt ein Foto, von ihm mit Ernest Hemingway, aus den Tagen im Jahr 1956 in Cabo Blanco.

Von diesem Augenblick an ändert sich alles für Rufino in dem kubanischen Krankenhaus. Der Arzt erzählt ihm, wie

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