Die Bucht Puerto Marqués bei Acapulco. Photo by W. Stock, 1992.
Ernest Hemingway in Acapulco. Doch merkwürdigerweise ohne eine literarische oder persönliche Spur zu hinterlassen. Kein Denkmal, das ihn zeigt, kein Hotel, das mit ihm angibt, keine Straße, die sich nach ihm nennt, nichts, nada, gar nichts, noch nicht einmal eine klitzekleine Gedenktafel.
Auch in dieser Hinsicht dürfte Acapulco einmalig sein. Aber vielleicht liegt die Ignoranz auch daran, dass diese Pazifikstadt seine Berühmtheiten und Notabeln in Tausenden zählt. Doch zunächst, was macht diese lebenslustige Stadt am Meer für jemanden wie Ernest Hemingway so anziehend? Warum fühlen sich auch Intellektuelle hier wohl?
Das Wetter, na klar, die Hitze und Glut, und besonders dieser erhaben blaue Himmel. Denn an Mexikos Pazifikküste herrscht ewiger Sommer. Herbst und Winter sind unbekannte Phänomene. Der Frühling findet an einem Märznachmittag statt, und dann ist Hochsommer bis hinein ins nächste Jahr.
Diese wuchtige Schwüle der Tropen drückt auf die ganze Stadt, ihre Bewohner und dann auch auf die Besucher. Dieser Ort besitzt aphrodisierende Wirkung, weshalb auch immer, es ist so, und so lässt sich manch einer zu
Ein wunderschöner Morgen vor Acapulco, 1992. Photo by W. Stock
Hilmar Kopper, der später Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank in Frankfurt werden sollte, ist ihm über den Weg gelaufen. In Acapulco, am Pazifik. Es war im Januar oder Februar 1958, wie Hilmar Kopper die Begegnung aus seiner Erinnerung kramt.
Als junger Kerl, erst 22 Jahre, schickt die Deutsche Bank den Trainee in die Vereinigten Staaten. Dort soll er unter anderem in Hollywood bei MGM und den anderen Studios schauen, wie die Filmstudios ihre Bankkredite verwalten und einsetzen. Von Los Angeles aus macht Hilmar Kopper mit einem Freund dann einen Trip nach Mexiko, zuerst nach Mexico City, anschließend nach Acapulco.
Dort, an einem späten Vormittag, sollte es zu einer schicksalhaften Begegnung kommen, an die sich der Banker auch nach 55 Jahren noch gut erinnert. Hilmar Kopper ist am Pazifikstrand, vor dem Hotel, der Name ist Kopper entfallen, jedenfalls damals eines der guten, in einer Bucht, vor der ein markanter Felsen eingefasst ist.
Ich war da in Acapulco am Strand und ging mit ein paar einheimischen Jungen immer im Meer tauchen, nach Korallen, darf man gar nicht sagen, aber das ging ganz gut. Und plötzlich, als ich da wieder am Strand lag, stellte ich fest, dass neben mir ein älterer Herr in einem Liegestuhl saß unter einem Sonnenschirm. Der Mann, ein bisschen betagt, ein bisschen füllig, graumeliert, auch der Bart, und der las die New York Times.
Hilmar Kopper ist verblüfft, weil er den Mann zu glauben kennt, er hat ihn schon
Die Finca Vigía auf Kuba ist in den 50er Jahren der sonnige Lebensmittelpunkt des Ernest Hemingway. Äußerlich, aber noch mehr innerlich. Er zeigt die Farm seinen Freunden,jenen aus Havanna, aber auch Kollegen und Berühmtheiten. Jean Paul Sartre, Gary Cooper, Graham Greene, sie alle kommen vorbei und genießen.
Auf Kuba sucht Ernest Hemingway Harmonie und Ruhe. Ruhe vor den vorwitzigen Literaturzirkeln seiner Heimat, Ruhe vor den aufgeblasenen Feuilletons und vor dem Geplapper seiner Fans. Und Harmonie, nun, Harmonie suchte er vor allem mit sich selbst.
Hemingway mag Finca Vigía und das Leben auf Kuba. Die Freunde empfängt er in dem lang gezogenen Esszimmer, wo ein schmaler Tisch steht. Er mag auch den hohen hellen Gartenturm, wo er in Ruhe schreiben kann.
Finca Vigía wird sein Paradies. Es ist Luxus, nicht unbedingt Protz, sondern gediegener Luxus, der das Leben angenehm werden lässt. Hemingway ist, auch das unterscheidet ihn von anderen, bar jeder materieller Not. Nicht wie viele andere Schriftsteller, oft Habenichtse und Hungerleider, und manchmal wird er auch angebettelt. Hemingway verdient mit seinen Artikeln und Büchern und mit den Verfilmungen seiner Romane soviel Geld, dass sein Konto in Millionenhöhe aufschlägt.
Aber Geld ist für ihn nicht das Ziel, what makes him tick. Geld treibt ihn nicht an. Geld ist nicht Ziel, es ist
Seefeld in Tirol, im September 2013 Photo by W. Stock
Dieses Tirol ist Karl Schranz-Land. Silber im Riesenslalom bei der Olympiade in Innsbruck und Seefeld im Jahr 1964, drei Mal Weltmeister. In Österreich ist dieser Karl Schranz aus Sankt Anton am Arlberg zurecht ein nationales Idol.
Beim gemütlichen Bummel durch die Fussgängerzone des herbstlichen Seefeld in Tirol fällt ein riesiges Plakat des Tourismusverbandes ins Auge. Die Prominenz aus aller Welt im Olympiadorf Seefeld. Und unter dem Schnappschuss mit dem persischen Kaisers Reza Pahlewi und Kaiserin Farah sehen wir auch Österreichs Skilegende Karl Schranz mit der Witwe von Robert Kennedy und daneben – Karl Schranz mit der „Enkelin von Ernest Hemingway“.
Die Enkelin hat übrigens auch einen Namen, sie heißt
Die Bucht von Acapulco aus der Luft, 1982. Photo by W. Stock
Ernest Hemingway in Mexiko? Ja, er war dort. Anfang 1958. Aber man muss lange nach Spuren suchen, und man findet so gut wie nichts, aber zu guter Letzt hilft dann ein wenig der Zufall.
Hemingway, das ist bekannt, lebte zwanzig Jahre auf Kuba, auf Finca Vigía, seinem sonnigen Landrefugium bei San Francisco de Paula. Darüber hinaus hat der Weltenbummler Hemingway in all den Jahren lediglich zwei weitere Länder in Lateinamerika besucht. Peru und eben auch Mexiko.
Mexiko, den südlichen Nachbarn der USA, kannte er schon als junger Mann. In den 20er und 30er Jahren hatte er das Land bereist, Baja California, diese lang gestreckte Halbinsel im Westen. Der schmale Zipfel am Pazifik, rund um die Städte La Paz und Cabo San Lucas, ist ein Paradies für Angler und Tiefseesportler.
Und Ernest Hemingway besuchte auch Acapulco, im Jahr 1958. Acapulco, gerade Acapulco, das mag zunächst erstaunen. Denn dieses Städtchen am mexikanischen Pazifik galt, damals noch mehr als heute, als
Der Besucher findet die Bar Marsella zugesperrt und der Immobilienspekulation überlassen. Barcelona, im Juli 2013; Foto: W. Stock
Das erste Mal war ich in Mitte der 1970er Jahre in der Carrer Pau, in der Calle San Pablo wie man unter dem bigotten Diktator Francisco Franco zu sagen hatte. Auch hieß das Viertel damals noch nicht vornehm Raval, sondern anrüchig Barrio Chino, das Chinesenviertel. Hier trieben sich die Hütchenspieler herum, hierher zog es die armen Einwanderer aus dem Maghreb, hier gab es kleine dreckige Bars, die schon am Vormittag mit Besoffenen und Taugenichtsen gefüllt waren und des Nachts leuchtete das Licht im Barrio Chino sehr rot.
Das Bar Marsella bildete damals so etwas wie ein trotziger Leuchtpunkt in dieser Dunkelheit aus Unrat und Triebhaftem. Nicht, dass dies eine blankgeputzte Lokalität gewesen wäre, aber merkwürdigerweise machten die Streuner und Zuhälter um diese Bar einen großen Bogen. Fast 200 Jahre hat die Bar Marsella auf dem Buckel und damals strahlte sie eine Würde und Eleganz aus, nicht gerade von außen, jedoch im Inneren, ganz tief im Inneren. Die Marsella bot sich jedenfalls an, um zu verweilen und gegen den Morast und den Gestank da draußen anzutrinken.
Die Marsella wurde über all die Jahrzehnte zum Mythos. Alle Großen waren da. Pablo Picasso, Dalí, Antoni Gaudí und natürlich auch Ernest Hemingway. Die Marsella war das Haus des Absinth, eines teuflischen Mix aus Wermutkraut Anis und Fenchel. Dieser Drink ist grün, der Alkoholpegel schießt steil nach oben, die Prozente können sich auf die 80 zubewegen, in Höhen jedenfalls, dass der Absinth in Deutschland lange verboten war.
Am 12. Juli 1961 – damals erschien DER SPIEGEL noch mittwochs – war Ernest Hemingway Titelgeschichte des Nachrichtenmagazins. Auf acht Seiten, von Seite 45 bis 52, berichtete das Hamburger Nachrichtenmagazin – ohne Autorennennung, wie damals üblich – über das Leben und den Tod des amerikanischen Schriftstellers.
Hemingway – wem die Stunde schlägt ist der Artikel überschrieben. Die Fotos in DER SPIEGEL, der damals eine DM kostete, zeigen Hemingway überwiegend als Raubein. Mit Gewehr, mit Toreros, als Piloten, mit einem gefangenen Schwertfisch.
Anlass der Titelgeschichte war Hemingways Selbstmord am 2. Juli in Ketchum, in seinem Haus in den Bergen Idahos. Das ist nun genau 52 Jahre her, und mit dem zeitlichem Abstand eines guten halben Jahrhunderts kann man die Berichterstattung des SPIEGEL einem Urteil unterziehen.
Der Schuß fiel morgens früh um halb acht, so springt der Artikel ohne Umschweif direkt hinein ins Geschehen. So als hätte Hemingway in seinem schnörkellosen Stil einen seiner Romane angefangen. Man erkennt eine SPIEGEL-Schreibe, die noch heute gepflegt wird. Handlungsstränge, die plastisch erzählt werden, wechseln sich ab mit analysierenden Passagen. Die Akteure haben alle Name und ein Gesicht, die ganze SPIEGEL-Geschichte kommt sehr lebendig daher.
Der Artikel ist Hemingway gegenüber nicht unkritisch, besonders den
Ernest Hemingway, im Jahr 1956, in Cabo Blanco, Peru; Photo by Modeste von Unruh
Unzählige Abenteuer. Dazu ein Abenteurer. Ein Mann von Welt. Im wahrsten Sinne des Wortes. Ich vermute, dass es auf der ganzen weiten Welt kein Autor zu finden ist, dem mehr Denkmäler, Dankplaketten, Ausstellungen, Gemälde, Büsten, Skulpturen, Inschriften und dergleichen gewidmet wurden, wie diesem Ernest Hemingway aus Oak Park, Chicago.
Und dies nicht nur an einem Ort, seinem Geburtsort meinetwegen, nein, sondern verstreut über alle Kontinente. In Pamplona und Ronda, tief in den Alpen, in der Karibik, in einem Fischernest in Nordperu, in den Rocky Mountains oder auch in Afrika wird man entsprechend fündig. Dieser Mann hat sein Wirken weit gestreut.
Ernest Hemingways Revier war nicht der Elfenbeinturm, sondern die große und bunte Welt. Er hielt sich mit Vorliebe dort auf, wo es etwas zu erleben gab: an vorderster Frontlinie im Ersten Weltkrieg, im Spanischen Bürgerkrieg, im Paris, als die deutschen Besatzer verjagt wurden, bei der Schlacht im Hürtgenwald, in den Steppen Westafrikas, bei Fidel Castros kubanischer Revolution.
Ernest Hemingway ging raus, dort hin, wo sich das Leben zutrug. Als Autor war er das schiere Gegenteil eines desk editors, eines Schreibtischschreibers, im Gegenteil, für die literarischen Bettnässer in den feinen Feuilletons hatte er nur Verachtung übrig. So ging nicht seine Sicht der Dinge. Du kannst eine Sache nicht richtig begreifen, wenn du sie nicht mit eigenen Augen gesehen hast, meinte er – und er musste die Welt mit eigenen Augen sehen.
Es gibt wohl keinen anderen Schriftsteller weltweit, der
Venedig. Eine Stadt, die ohne das Meer nicht zu denken ist. Photo by W. Stock
Welche Zeit seines Lebens er nie bereut habe, ist Ernest Hemingway einmal gefragt worden. Venedig, antwortete er nach kurzem Zögern. Venedig im Winter, ohne Touristen. Dieser Stadt galt seine große Sehnsucht. Sie liegt nicht nur am Meer, das er über alles liebt.
Mehr noch, wie selbstverständlich ist sie ein Teil dieses Meeres und alles, was in dieser Stadt geschieht, ist ohne das Meer nicht zu denken. In der Tat ist Venedig am schönsten in den grauen Tagen nach dem Karnevalsrummel, wenn sie im späten Februar leise und still zwischen den Wasserkanälen liegt und die klirrende Kälte so langsam dem Frühling weichen möchte.
Am besten nähert man sich dieser Stadt vom Wasser her. Nicht über die staubige Landstrasse von Mestre und auch nicht von der dunklen Piazza Roma her. Am schönsten erobert man das Herz Venedigs, wenn man mit dem Vaporetto in die Lagune einfährt und im Osten der Piazza San Marco anlegt. Dann kann es passieren, dass man augenblicklich vom geheimnisvollen Charme dieser Stadt eingefangen wird.
Wie kann ein Mensch in New York leben, wenn es Venedig gibt?, schwärmte Ernest Hemingway, Venedig sei doch die schönste Stadt der Welt. Die Stadt besitzt von jeher etwas Magisches, einen Hauch Unergründlichkeit, wohl auch etwas Morbides. All das faszinierte Hemingway, ihn, für den der Gedanke an Tod und Vergänglichkeit ein Anziehungspunkt des Lebens und Schreibens war.
La Serenissima, die Erhabene unter den Städten, nennen
Ernest Hemingway auf dem Meer vor Cabo Blanco, im Mai 1956; Photo by Modeste von Unruh.
Kaum ist Ernest Hemingway im Cabo Blanco Fishing Club angekommen, zieht der Amerikaner sein dickes Sakko aus, wirft die Krawatte in den Koffer, holt die weißen Shorts heraus, ein kurzärmeliges weites Hemd, dunkle Schlappen, packt seine Angelsachen und macht sich auf. Der Nobelpreisträger tritt aus seinem kleinen Zimmer, geht über die Veranda in Richtung Strand.
Cabo Blanco ist, neben Máncora, Punta Sal und Colán, eines der kleinen Seebäder, die sich an der Nordküste Perus wie eine Perlenkette aneinanderreihen. In dieser Gegend ist das Klima verdammt rau, die Sonne drückt, ein trockener Wind weht und das Meer zeigt sich ungebändigt. Wenn El Niño wütet, dann sucht er sich diesen spröden Landstrich vor der Wüste von Sechura aus.
Just vor Cabo Blanco fließen zwei Strömungen des pazifischen Ozeans zusammen, hier klatschen von Süden der kalte Humboldt-Strom und von Norden die warmen tropischen Gewässer Ecuadors zusammen. Eine wundersame Kapriole der Natur, die für krachende Brecher und reiche Fischgründe sorgt. Nur hier lassen sich die größten Marline dieses Erdballs fangen.
Bei Kilometer 1.137 an der Panamericana liegt Cabo Blanco, etwas versteckt und unscheinbar. Bei El Alto muss man in Richtung Westen abbiegen und die Serpentinen zur Küste hinunterfahren. In den 1950er und 1960er Jahren war das winzige Fischerdorf ein bekannter Treffpunkt der internationalen Hochsee-Angler gewesen. Heute wirkt der Ort verfallen und heruntergekommen, wie das ganze Land.
Doch wer in den guten alten Tagen nach Cabo Blanco kam, der stieg in diesem Cabo Blanco Fishing Club ab, einem exklusiven Klubhotel, das Kip Farrington und Tom Bates im Jahr 1951 in den herben Landstrich direkt an der Küste bauen ließen. Das Grundstück gehörte der Lobitos Oil Company, darauf wurde die zweistöckige Hotelanlage, ein eher schlichter Kubus-Bau, errichtet.
Verwalter war in jenen Tagen der exilierte Pole Zygmunt Plater, der zusammen mit seiner Frau den Betrieb aufrecht erhielt. Etwa 20 reiche Mitglieder, unter Präsident Enrique Pardo Heeren, leisteten sich das Hobby und hielten mit 10.000 Dollar Jahresbeitrag den exklusiven Club am laufen. Im Cabo Blanco Fishing Club fand
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