
In dicke Jacken eingepackt, die M1-Karabiner über der Schulter, stapfen zwei junge Soldaten durch die kalte Novembernacht der Nordeifel. Mit Taschenlampen leuchten sie ihren Weg durch das stockfinstere Dorf, seit Tagen ist in allen Gebäuden die Elektrizität ausgefallen. Die beiden Amerikaner durchqueren den menschenleeren Ortskern von Zweifall, vorbei an der Gastwirtschaft und den Schieferhäusern, die so typisch sind für die Siedlung mit den umliegenden Steingruben.
Schließlich biegen die Soldaten, parallel zum Hasselbach, in die leicht ansteigende Hauptstraße ab. Der Staff Sergeant Jerome David Salinger wird begleitet von dem Unteroffizier Werner Kleeman, beide sind dem Stab der 4. Infanteriedivision zugeteilt. Salinger arbeitet für die Abwehr und Kleeman, ein US-Bürger deutscher Abstammung, ist Dolmetscher der Division. Gemeinsam sind beide Kameraden am D-Day in der Normandie gelandet und später ins befreite Paris eingerückt.
Nun stecken ihre Verbände seit Wochen östlich von Aachen fest, an der Siegfried-Linie mit ihren unzähligen Bunkern, Stollen und Panzersperren erlahmt der Vormarsch der US-Truppen. Salinger und Kleeman ziehen in dem kleinen Ort der nördlichen Eifel an der Hausnummer 14 vorbei. In dem Braunen Haus, dem ehemaligen Sitz der NSDAP-Verwaltung, hat sich nun der Führungsstab der 4. US-Infanteriedivision eingerichtet.
Am Ortsausgang von Zweifall bleiben die beiden Mittzwanziger vor einem zweistöckigen Gebäude mit dem Schild PRO stehen. Das militärische Public Relations Office hat in der damaligen Adolf-Hitler-Straße – heute: Jägerhausstraße 87 – einen Stützpunkt aufgebaut. Gegen acht Uhr abends steigen die zwei Soldaten das Dutzend Stufen der Außentreppe hinauf, passieren die Wache und treten links durch den Haupteingang des höher gelegenen Gebäudes ein.
In Zweifall sind die beiden jungen Amerikaner mit einem Bekannten verabredet. Einem weltberühmten Kriegsreporter, den Salinger vor zehn Wochen in Paris kennengelernt hat. Sein Name: Ernest Hemingway. An der American Bar des Ritz in Paris sind Ernest Hemingway und Salinger zwei Tage nach der Befreiung der Stadt erstmals aufeinander getroffen. In dem Pariser Grandhotel an der Place Vendôme erzählt Hemingway dem Neuling, dass er sich an eine seiner Storys im Monatsmagazin Esquire erinnere. Ob es mehr gäbe?
Salinger gibt dem arrivierten Kollegen seine Kurzgeschichte Last Day of the Last Furlough, die von der Saturday Evening Post einen Monat zuvor veröffentlicht worden ist. Er habe die Lektüre genossen, meint der Mann aus Oak Park nach der Lektüre. Jesus, he has a hell of a talent, soll Ernest in Hochstimmung ausgerufen haben. Gleichermaßen zeigt sich Salinger von seinem weltbekannten Kollegen begeistert. Hemingway sei großzügig, freundlich und ganz ohne Starallüren.
In dem winzigen Eifeldorf Zweifall sitzen nun Mitte November 1944 zwei Giganten der Weltliteratur zusammen und trinken Champagner aus Aluminiumtassen. Auch in Zweifall, in dem spartanischen Kontor des PRO, verstehen sich der Nachwuchsschreiber und der Starreporter prächtig. Obwohl sie vom Temperament so grundverschieden sind. Hier der breitbeinige und ungehobelte Naturbursche vom Michigan-See, dort der schlaksige und zurückhaltende Kopfmensch aus der Großstadt.
Vier Stunden, bis kurz vor Mitternacht, bleiben die drei Amerikaner an diesem Abend im PRO-Büro beisammen und reden. Ernest Hemingway und der zwanzig Jahre jüngere J. D. Salinger plaudern über Bücher und Schreibtechniken. Der Neuling spitzt die Ohren, der Einfluss des berühmten Kollegen auf den Novizen wird von nun an zunehmen. Beide Autoren sollten Zeit ihres Lebens freundschaftlichen Kontakt halten.
Nach Ende des Zweiten Weltkrieges arbeitet Jerome Salinger, der vorzüglich Deutsch spricht, zunächst als Zivilist für eine Abteilung des US-Nachrichtendienstes im fränkischen Gunzenhausen. Er heiratet, später siedelt er in die USA über. Der Kontakt zu Hemingway reißt indes nicht ab. Er sei ein wirklich guter Schreiber, lässt Ernest des Öfteren verlauten. Seine Familie möge ihn und schicke ihm häufig Zeitschriften nach Kuba.
Die Bewunderung des bärtigen Nobelpreisträgers für den Kollegen ist grundehrlich. Als Hemingway 1959 in Madrid eine neue Sekretärin engagiert, kauft er ihr sogleich ein Exemplar von The Catcher in the Rye. In ihren Memoiren Running With the Bulls verrät Valerie, die zeitgenössischen Autoren, die Hemingway am meisten bewunderte, sind J. D. Salinger, Carson McCullers und Truman Capote. Eine signierte
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